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Just another psycho holiday: Tage in Myanmar…

Dicker Nebel klebt am Berg. Ein leichter Nieselregen macht die Wege glitschig. Fast sumpfig. Trotzdem ist es heiss. Gegen 30 Grad Celsius. Die Häuser der Bauernfamilien – mit ihren Wellblechdächern – sind nur als Schemen zu erkennen. Genauso wie die mageren Gestalten der Mönche, orangefarbene Roben, kahl rasierte Häupter, die mit uns zusammen den steilen Aufstieg bewältigen. Wir tragen moderne Trekkingschuhe. Die Mönche leichte Ledersandalen. Wir rutschen auf dem feuchten Boden immer wieder aus. Müssen um unser Gleichgewicht kämpfen. Die Mönche hingegen schreiten schwerelos, ohne Anstrengung, gehen fliessend über die rutschigen Bergwege. Als würden ihre Sohlen den Boden nicht berühren.

…so ihre Erklärung

Die Wetterstimmung und das Licht erinnern an Draculafilme aus den 1930er Jahren; an eine Hollywood-Studioversion der Karpaten, in der vielleicht der alte Bela Lugosi sein Unwesen treiben mag. Doch wir befinden uns weder in Kalifornien – noch in Osteuropa. Wir sind im fernen Osten, kurz vor Ende der Regenzeit. In Myanmar, das früher Burma hiess: Genauer in der Nähe von Kyaiktiyo, am Fusse der östlichen Yoma-Bergkette. In einem Land, das sich momentan, nach Jahrzehnten unter der dicken Eisdecke einer Militärdiktatur, in einem politischen Tauwetter befindet, dessen Ausgang ungewiss bleibt. Jasmin nennt sich meine Begleiterin. Europäischen Bekannten verschweigt sie ihren echten Namen. „Ihr könntet Euch meinen Namen sowieso weder merken, noch könnt Ihr ihn aussprechen. Aber übersetzt heisst er weisse Blüte des Sonntags. Deshalb nenne ich mich Jasmine“, so ihre Erklärung.

Laut und zahnlos

Plötzlich schält sich vor uns ein Gebäude aus dem Nebel. Rote und hellblaue Bänder, auf denen goldene burmesische Lettern prangen, zieren die poröse grau-grüne Fassade. Eine ältere Dame schüttet gerade Wasser aus einem zerbeulten Blecheimer über die drei hölzernen Treppen vor dem Tor des Gebäudes. Das bräunliche Nass ist mit Patchouli gepanscht, welches sogleich seine eigene Duftnote in die Nebelschwaden mischt. In schnellem, fast maschinellem Trab laufen die Mönche am Gebäude vorbei. Einer von ihnen ruft der älteren Dame mit lauter, strenger Stimme einige Sätze zu. Sie lacht, laut und zahnlos, durch die trübe Wettersuppe – und antwortet ihm in einer frech klingenden Tonart. Jasmin zupft mich mit federleichter Hand am Hemdsärmel. Wir machen einen Moment Pause: „Dieses Haus ist ein Tempel. Die Mönche mögen ihn nicht. Die Frau ist eine – wie sagt man das auf Englisch? – ah ja – eine Schamanin. Hier werden Nats verehrt. Dämonenwesen. Es sind lebendige Geister, denen die Menschen Geschenke bringen, um sie gnädig zu stimmen oder Gefälligkeiten zu erbitten.“

Tee trinken

Im weitergehen frage ich: „Glaubst Du an die Nats Jasmin?“ Sie schaut mir in die Augen und lächelt kurz, jenes asiatische Lächeln, bei dem wir Leute aus Europa nie genau wissen, ob es nun Amüsiertheit oder Verlegenheit zum Ausdruck bringen will. Ich kenne das von ihr auch aus anderen Situationen – aber das gehört in diesen Text nun wirklich nicht rein… Dann sagt sie leise: „Ich bin Theravada-Buddhistin. Ich gehe zuhause oft zu den Meditationskursen der Mönche, die man in einer bekannten Abtei kostenlos besuchen kann. Das bedeutet mir viel. Ich bin eine moderne Frau mit Universitätsabschluss. Aber eines weiss ich, die Geschichte mit den Nats ist keine mythologische Angelegenheit. Sie ist Teil unserer Realität. Auch wenn die Mönche die Nats, ihre Schamanen und Zaubereien nicht mögen, verfügen diese Geister doch über grosse Macht. Du wirst mich vielleicht für abergläubisch halten, aber Du wirst solche und ähnliche Dinge überall in Myanmar erfahren… Doch komm’. Wir müssen jetzt weiter. In drei Stunden segnet der Abt den goldenen Felsen. Wenn wir rechtzeitig oben sind, können wir vorher noch einen Tee trinken.“

Tonnenschwer

Flink schreitet sie voran. In ihrem grünen Rock, in dessen Stoff goldene burmesische Drachenmuster eingewoben sind. Wir kämpfen mit dem steilen Weg, die hochintelligente, drahtige junge Psychologin und ich. Jasmin lebt in der ehemaligen Hauptstadt Myanmars, in Yangon. Jener einstigen Britischen Kolonialmetropole, die früher Rangoon hiess. Unser heutiges Ziel ist ein berühmter heiliger Felsen. 220 Kilometer von Yangon entfernt: Ein tonnenschwerer, vergoldeter Steinbrocken, auf dem eine siebeneinhalb Meter hohe Pagode steht. Dieser ominöse „Golden Rock“ balanciert seit etwa 2500 Jahren in 1100 Metern Höhe auf dem äussersten Rand eines Bergvorsprungs namens Elefantenkopf. Ein legendärer König und Alchemist der alten Zeit, Sohn eines Hexenmeisters und der Naga, der heiligen Weltenschlange des Hinduismus, soll den Stein einst auf dem Meeresgrund gefunden und hier oben platziert haben. Mit tatkräftiger Hilfe des Himmelskönigs Thagyamin.

Zu Tode stürzen

Nur wenige Zentimeter Fläche bilden die Auflage des heiligen Steins auf dem Bergvorsprung. Wer vor ihm steht, befürchtet unweigerlich, dass er jederzeit zu Tale stürzen könnte. Trotzdem ruht er unerschütterlich über dem Abgrund. Auch die vielen Erdbeben, die es hier gibt, können ihn nicht zum Kippen bringen. Und doch ist er, zahlreiche Nachforschungen haben es belegt, auf keinerlei künstliche Weise fixiert. Eine Haarreliquie des Buddha Siddhartha Gautama, die zwischen dem goldenen Felsen und dem Elefantenkopf eingelassen sei, soll dieses unglaubliche Gleichgewichtsphänomen bewirken. Siddhartha selbst soll dem Bergeremiten Thaik Tha einst diese Haarsträhne verehrt haben. Der Eremit seinerseits gab sie dem König, der damit den Felsen verzauberte. Deshalb widerstehe der massive Stein der Schwerkraft. Deshalb ist der Ort auch ein wichtiges Heiligtum der Theravada-Anhänger geworden, die massenweise hierher pilgern. Aus dem gesamten asiatischen Raum. Sie beten hier, weil Gebete, die vor dem goldenen Felsen getätigt werden, wahre Wunder bewirken sollen. Ich frage Jasmin nach diesen Wundern: „Du hast gesagt, dass die Mönche keinen Zauber mögen. Jetzt erzählst Du mir von Wundern bei der Kyaiktiyo Pagode, dem Standort des goldenen Felsen. Die Mönche da vorne und ihr Abt sind auf dem Weg dorthin. Sie werden den Felsen heute Abend segnen. Weshalb fördern sie diesen Wunderglauben, bekämpfen aber die Nats und ihre Schamanen?“

Unter Rädern zermalmt

Jasmin antwortet, etwas stirnrunzelnd, als hätte ich soeben eine ganz abwegige Frage gestellt: „Natürlich weil die Wunder beim Felsen mit einer echten Buddhareliquie zu tun haben. Die Magie der Nats basiert dagegen auf Geister- und Dämonenglauben. Diese Dinge sind für buddhistische Mönche gefährlich und irrelevant. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie nicht real sind. In unseren Bergen leben seltsame Wesen. Zum Beispiel die Belus, das sind die Kobolde, mit ihrer Königin und ihrem König. Hier wirken verschiedene Naturgeiser und eben die Nats. Bei uns in Myanmar durchdringen sich die Dimensionen der Geister, des heiligen Buddha und der Menschen gegenseitig. Die Wände zwischen diesen drei Welten sind hier hauchdünn. Diesem Umstand müssen wir Menschen Rechnung tragen. Sonst werden wir unter Rädern zermalmt, die von ungeheuer mächtigen Wesen gesteuert werden.“

Der fröhliche Alte

Einige Tage später und über tausend Kilometer weiter, im Zentrum Myanmars, stehe ich mit dem fröhlichen alten Ozu zusammen vor dem heiligen Berg Popa. Ozu arbeitet seit 30 Jahren als Mittelschullehrer in der wunderbaren Tempelstadt Bagan, die etwa eine Stunde Autofahrt vom 1518 Meter hohen Popa, einem erloschenen Vulkan, entfernt liegt. Ozu ist über und über tätowiert, mit magischen Zeichen und Gestalten. Auf seinem rechten Unterarm prangt ein Bild des Königs der Kobolde. Ein Schutz gegen Unglück und Unfälle, wie er sagt. 777 Treppenstufen führen den Berg hinauf. Zu einem goldenen Tempel, der den Popa krönt. Auf beiden Seiten des Tempeleingangs stehen seltsame Steinfiguren: Arm- und beinlose Eierköpfe, sie sehen aus wie Stehaufmännchen aus einem Spielzeuggeschäft der Vergangenheit, rote Gewänder, weisse Gesichter. „Das sind Geisterwesen, die hier in den Bergen leben. Sie sind launisch. Sie können Dir Glück oder Unglück bereiten. Sie sehen lustig aus. Aber du musst ihnen mit Respekt begegnen“, erklärt Ozu.

Furchtbare Rache

Mount Popa ist die Hochburg der Nat-Verehrung. Hier leben die mächtigsten Geister. Zum Beispiel die Koboldprinzessin Me Wunna, die sich einst unsterblich in Byatta verliebte, den königlichen Blumensammler. Als der finstere König Anawratha von der Liebe hörte, liess er Byatta hinterhältig ermorden. Me Wunna starb deshalb an gebrochenem Herzen. Nach ihrem Tod wurden beide zu mächtigen Nats und übten furchtbare Rache an Anawratha und seiner Familie. Vor dem langen Aufstieg zum Berg Popa steht ein beliebter Nat-Tempel. Tigerstatuen bewachen seinen Eingang. Im Inneren sind 37 Nat-Statuen aufgereiht: Darunter seltsamerweise die hinduistische Göttin Kali und der indische Elefantengott Ganesha. Vor den Statuen liegen unzählige Opfergaben. Ich frage Ozu, was die Hindugötter hier machen. Bevor er antworten kann, werden wir jäh unterbrochen. Von einem kleinen Mann, der einen dicken Verband um den Kopf trägt. „Oh. Ein Freund von mir. Aus Bagan. Er führt Reisegruppen“, sagt Ozu fröhlich. Grosse Begrüssung mit Schulterklopfen. Ozu stellt mir seinen Freund vor. Er heisst Tou. „Haben Sie sich verletzt“, frage ich. Tou schaut mich traurig an und sagt: „Ja. Letzte Woche hatte ich hier einen Unfall…“

777 Treppen

„Ich habe vor einem Monat eine europäische Reisegruppe auf den Tempelberg geführt. Neben den Treppen stehen ja viele Nat-Altare. Ich habe meinen Gästen Geschichten über die Geister erzählt. Es war ein sehr skeptisches Ehepaar dabei. Die beiden waren von Anfang an recht fies zu mir. Sie haben mich vor einer Statue der Kobold-Prinzessin streng gefragt, ob ich die Nats verehren würde. Also habe ich einfach gesagt, dass ich nicht an die Geister glaube. Ich wollte meine Ruhe zu haben. Bei meinem nächsten Besuch bin ich genau am gleichen Ort gestolpert und einige Treppe heruntergefallen. Auf den Kopf. Mit 25 Stichen hat der Doktor sie genäht. Ich werde die Nats nie mehr verleugnen!“ Er deutet auf seinen Verband und verabschiedet sich, er muss zurück zu seiner Gruppe. Nun steigen Ozu und ich die 777 rostigen Metall Treppen hoch.

Ho Menga

Ganz oben angekommen, stehen wir vor dem zentralen Buddha des Bergtempels: Sein Heiligenschein besteht aus blinkenden elektrischen Lichtern. Rechts neben ihm sitzt die Statue eines kleinen Mannes, der ein bisschen aussieht wie Klaus Kinski. Irgendjemand hat der Figur eine Zigarette zwischen zwei Finger gedrückt. Ozu: „Das ist Ho Menga, der Unsterbliche. Der stärkste Mann der Welt. Ein Held! Niemand weiss, woher er gekommen ist. Aber er wandert noch heute durch Myanmar. Wenn er Not und Ungerechtigkeit beobachtet, greift er ein. Er raucht zuviel, das ist sein einziges Laster. Meine Tante hat ihn einmal gesehen…“ Anderswelt im Alltag, führwahr… Ich frage Ozu nochmals nach den Hindugöttern zwischen den Nats. Seine Antwort: „Vielleicht sind ja alle Nats Hindugötter. Vor etwa tausend Jahren hat ein König in Myanmar den Hinduismus verboten. Man sagt, dass die Leute ihre Gottheiten deshalb hinter lokalen Mythologien und Geisterwesen versteckt hätten. Vielleicht stecken hinter allen unseren Nats Hindugottheiten. Auf jeden Fall sind diese Geister für die rechtschaffenen Leute da, die fleissig arbeiten, und nicht für die Geldprotze oder die korrupten Beamten… “ Ich muss an die karibischen Voodoogötter denken, die von den Sklaven der europäischen Kolonialherren hinter katholischen Heiligen versteckt wurden – und betrachte die Wolkenbilder, die über den blauen Himmel ziehen.

Hypnotisiert

Neblig ist es beim Goldenen Felsen. Die Segnungszeremonie des Abts und seiner Mönche steht bevor. Neben mir im Gedränge steht ein Pilger aus Thailand. Wir kommen ins Gespräch. Er sei Theravada-Buddhist. Und er ist sichtlich aufgeregt, fotografiert den Felsen unablässig. „Ich stamme aus Chang Mai“, sagt er. „Ich bin von Beruf Ingenieur. Ich baue Brücken. Mein Vater und mein Bruder sind Architekten. Ich verstehe etwas von Statik und Gleichgewicht. Dieser Fels ist unglaublich. Natürlich wäre es möglich, dass er für einen kurzen Moment so stehen bleibt. Aber er müsste früher oder später herunterfallen, er müsste…“ Seine Stimme wird von den dröhnenden Mantras der Mönche ausgelöscht, die von vier grossen Lautsprechern verstärkt werden, die Zeremonie beginnt. Die Augen des Ingenieurs leuchten plötzlich verklärt, auch Jasmine scheint mir ganz hypnotisiert zu sein…

Die Wolke über dem Heiligtum

Nun tritt der Abt vor den Felsen. Von zwei Militärpolizisten in blauen Tarnanzügen bewacht. Sie haben AK 47-Sturmgewehre dabei, die Finger an den Abzügen, die Sicherungen der Waffen sind auf scharf geschaltet. „Hoffentlich haben die ruhige Hände“, denke ich. Der Chor der Mönche schweigt. Der Abt ist an der Reihe: Er beginnt mit einem langsamen Mantra. Um mich herum sehen jetzt fast alle aus wie die Opfer eines Hypnotiseurs aus einem Hollywoodfilm der 1930er Jahre. Und die magische Stimmung erfasst auch mich. Ich fühle mich wie in einem seltsamen Traum. Und plötzlich Licht. Der Nebel weicht. Als würde das Mantra des Abtes ihn wie einen Vorhang beiseite schieben. Darunter blauer Himmel. Eine einzige weisse Wolke steht direkt über dem Heiligtum. Jasmin stösst mich mit dem Ellenbogen – sanft wie eine Feder – an und sagt: „Die Regenzeit ist vorbei…“

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Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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das muss man haben: ein bauchhängelaufbike.

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