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„EINEN EXZELLENTEN DAMEN-ARSCH KANN ICH MIR AUCH VORSTELLEN…“

Wir sind heutzutage in jedem Moment exzellent. Wir stehen am Nachmittag exzellent auf. Wir fahren exzellent, mit dem exzellenten Zug. Zur Arbeit, die wir ebenso exzellent erledigen. Dabei ruhen wir uns keineswegs auf unseren vier Buchstaben aus, wir sind vielmehr stetig mit dem Ausbau unserer Exzellenz beschäftigt. Jawohl. Wir exzellieren ununterbrochen. Ununterbrochen!

Kürzlich habe ich – im Vorwort eines Werbemagazin für Wellness-Angebote, es lag im Zug, auf meinem Sitz – folgendes gelesen. Auch die Männer hätten nun endlich festgestellt, dass Wellness eine unverzichtbare Zutat auf dem Wege zur persönlichen Exzellenz darstelle. Als Beispiel wurden Bierbäder angeführt, die mit einer Weinprobe enden.

Exzellente Idee! Oder etwa nicht?

Da mich die Exzellenz seit Jahren und auf mehreren Ebenen beschäftigt, habe ich letzte Woche an einem Seminar zur Exzellenzsteigerung teilgenommen. Dabei habe ich einerseits begriffen, dass wir unsere Exzellenz professionalisieren müssen. Andererseits erfuhr ich, dass Effizienz den ersten Schritt zur Exzellenz darstellt. Der Referierende hat sogar einen Master-Titel in Exzellenz absolviert. Nun überlege auch ich mir eine Weiterbildung in diesem Metier, schon die Begrüssung am Kick Off Meeting war für mich eine Offenbarung, ihr Wortlaut:

„Einen schönen guten Tag, meine Damen und Herren, heute wollen wir damit beginnen, unsere Exzellenz nachhaltig zu optimieren. Dazu gehört eine positive Einstellung. Schliessen sie die Augen. Atmen sie tief durch, mit der Luft dringt nun der Dienstleistungsgedanke in alle Windungen ihres Hirns, in alle Fasern ihres Körpers ein. Die Welt besteht aus Kunden. Wir alle sind Kundinnen und Kunden, gleichzeitig sind wir alle Dienstleisterinnen und Dienstleister, in jedem Moment unseres Lebens. Wenn man es unter diesem Aspekt betrachtet, sieht doch alles schon viel besser aus. Und wir verstehen zudem, warum wir unternehmerisch denken müssen, nicht nur im Beruf – sondern auch bezüglich der Totalität unserer privaten Verrichtungen. Deshalb ist es notwendig, dass wir uns exzellent verkaufen, in jeder Situation. Wer sich exzellent verkaufen will, muss sich dabei auch exzellent fühlen. Jawohl, das Streben nach Exzellenz darf nie aufhören! Wir müssen stetig an uns arbeiten, wir müssen Beziehungsarbeit, Vernetzungsarbeit, Trauerarbeit, Entwicklungsarbeit, Projektarbeit leisten, müssen unsere Exzellenz in jedem Moment einer schonungslosen Analyse unterziehen, dabei darf es keine Tabus und keine blinden Flecken geben. Nur so kann sich der allumfassende Dienstleistungs-Gedanke universal durchsetzen, in einem Prozess, der uns schliesslich von Exzellenz zu Exzellenz führen wird.

Ich persönlich arbeite auf allen Ebenen meines Lebens ja schon lange mit unerbittlichen Fünf-Jahres-Plänen. Mit diesem Werkzeug habe ich mich schon nachhaltig verbessert. Inzwischen habe ich die Fünf-Jahres-Ziele noch methodisch ausdifferenziert, denn Jahre bestehen ja aus Monaten, Wochen, Tagen, Stunden, Minuten, Sekunden, diesen Faktor müssen wir im Auge behalten. Fünf Sekunden können den Unterschied zwischen Exzellenz und Absturz bedeuten. Deshalb brauchen wir umfassendere Instrumente, die unsere Fünf-Jahres-Planungen unterstützen. Wir brauchen den Fünf-Monate-Plan, den Fünf-Wochen-Plan, den Fünf-Tages-Plan, den Fünf-Stunden-Plan, den Fünf-Minuten-Plan und – JAWOHL – wir brauchen den Fünf-Sekunden-Plan. Und diese sechs Untergruppen des Fünf-Jahres-Plans müssen rigoros koordiniert werden. Sonst ist alles für die Katz. Carpe Diem heisst dabei die Losung! Zeit ist ja ein beschränktes Gut, wir müssen sie optimal nutzen, meine Damen und Herren. Nachhaltig! Dies mag jetzt sehr Anforderungsreich klingen. Aber wir müssen uns diese Entwicklung hin zur Exzellenz als Prozessarbeit vorstellen. Und es handelt sich um einen ein Prozess, der nie aufhört. Niemals! Die Koordinaten sind klar – unser Ziel ist gaaaaaaaaaahaaaaaanz oben. Wer mit dieser Einstellung ans Werk geht, wird exzellieren. Dafür braucht es vor allem eins, lebenslanges Lernen. Lebenslang!!!“

Darauf folgten dann die Gruppenarbeiten. Wir haben Pläne aufgestellt. Wir haben klein angefangen, haben übungshalber Fünf-Sekunden-Pläne entwickelt, für so einen braucht man halt schon zwei, drei intensive Stunden. Für derartige Entwicklungsarbeiten muss man sich einfach Zeit nehmen, wenn nämlich der Fünf-Jahres-Plan mit seinen sechs Untergruppen erst mal ins Rollen kommt, gibt es kein Zurück mehr. Studien habe es bewiesen: Je besser der Plan gemacht ist, desto nachhaltiger entwickelt sich die Exzellenz.

Nach dem Kick Off Meeting fühlte ich mich bereits viel besser! Die 6789 .- Franken Seminargeld waren halt schon eine nachhaltige Investition.

Ich wollte die frohe Botschaft also weitertragen. Und testete die neu gewonnen Erkenntnisse an meinem Onkel Dante, der ein echter Professor alter Schule und ein regelrechter Wüterich ist; der kein Blatt vor den Mund nimmt, vor keiner Vulgarität zurückschreckt und immer einen mächtigen Durst mitbringt. Wie immer trafen wir uns also im Restaurant Zum letzten Loch. Mit Feuereifer weihte ich in ihn das neue Metier meiner Wahl ein. Seine Reaktion war für mich ungemein enttäuschend.

Er hob die linke Augenbraue an, in jenem speziellen Winkel, dem Wut-Winkeln nämlich, stellte seinen Dreieinhalb-Liter-Bierhumpen ab, dann sagte er laut und schneidend, sein Wortlaut:

„Dein Geschwafel macht mich krank. Ich weiss, was exzellent ist. Mein Schwanz ist exzellent. Einen exzellenten Damen-Arsch kann ich mir auch vorstellen, ich kann ihn betrachten und kneten. – Da bin ich gerne Dienstleister, da bin ich gerne Kunde – und dafür brauche ich alles andere als Effizienz!”

“Willst Du am Ende auch noch exzellent scheissen? Willst Du einen Fünf-Jahres-Plan für die Verbesserung Deiner Kot-Konsistenz aufstellen? Willst Du Dich effizient verlieben, verloben und heiraten – um Dich dann nach fünf Jahren exzellent scheiden zu lassen? Willst Du einen exzellenten Autounfall bauen? Bist Du dankbar dafür, wenn Deine Arbeitstelle auf effiziente Art und Weise wegrationalisiert wird, unter der Flagge der Exzellenz? Willst Du exzellent Arschkrebs bekommen? Willst Du exzellent abkratzen? Ist Dir überhaupt klar, was exzellent heisst? Das kommt aus dem Lateinischen, von excellere, das heisst hervorragen. Wenn wir alle permanent hervorragen, gibt es niemanden mehr, den wir überragen können. Wenn eines Tages alles immer exzellent ist, nach Deinen pseudowissenschaftlichen Massstäben, haben wir einfach das Wort Normalität gegen das Wort Exzellenz ausgetauscht. Dann brauchen wir halt ein neues Wort für wahre Exzellenz. Und das soll ein Fortschritt sein? Da kann ich nur lachen. Ihr Jungen solltet Euch lieber wieder mal um Inhalte kümmern – anstatt ständig um Strukturen. Wer endlos an Strukturen herumschraubt, verliert am Ende alle Inhalte und damit seinen Halt in der Welt. Wer immer nur plant, lebt nicht mehr. Effizienz planen, wenn ich das schon höre, da übst Du lieber Mundharmonika oder lernst Reizwäsche schneidern! Ihr wollt Eure Exzellenz und Effizienz in allen Bereichen steigern, und dies überall nach dem gleichen Muster, ob es sich nun um eine Gummibärchen-Fabrik, eine Akkordeon-Manufaktur oder eine Schmerzklinik handelt. Und während Eure Planungsexzesse verstreichen, geht die reale Welt vor die Hunde. Da ist doch jeder Alkoholexzess, jede tüchtige Prügelei, jede Sexorgie produktiver. Die Menschheit ist nun tatsächlich zu einer schlechten Komikertruppe verkommen. Kollektiv. Und alle wiederholen sie immer die gleichen Worte, die gleichen Sätze, wie Mantras des Schwachsinns. Diese neue Idiotensprache macht mich richtig agressiv! Ich furze auf Deine Exzellenz – und es ist ein dröhnender, ein optimierter Furz. Wenn Du das Wort Exzellenz noch einmal in den Mund nimmst, ziehe ich Dir meinen Bierhumpen über den Schädel! Und zwar nachhaltig!“

Ich versenkte das Thema also unter dem Tisch.

Denn mein Onkel Dante pflegt seine Drohungen in der Regel wahr zu machen. Ich schätze meinen Onkel zwar sehr, aber er ist schon ein starrköpfiger alter Trottel. Er verweigert eindeutig das lebenslange Lernen. Mit einem ordentlichen Fünf-Jahres-Plan könnte man da sicher einiges verbessern. Seine Zeit scheint abgelaufen zu sein. Jaja, die Welt hat schon so manches Fossil gesehen. Wer seine Effizienz heute nicht optimiert, wird sang – und klanglos untergehen. Wie einst diese ausgestorbenen Riesenechsen…

…wie haben die jetzt schon wieder geheissen? Ach… Scheiss drauf. Es gibt wichtigere Themen…

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Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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