Ich mag Albträume. Am Morgen schweissgebadet aufzuwachen, das ist genau mein Ding. So baut man Kalorien ab, so stählt man seine Nerven, so putzt man die alte Psyche durch; Albträume sind Extremsport für die Seele. Neulich durfte ich mich wieder mal über ein richtiges Biest von einem bösen Traum freuen. Und er hat sich um KULT gedreht.
Er handelte nämlich von jenem entsetzlichen Tag, als Rainer Kuhn sein KULT an einen Monsterkonzern verkaufen musste. Autorinnen und Autoren inbegriffen.
Hinterhältig harmlos hat die nächtliche Traum-Eskapade angefangen. Mit dem werten Kollegen Dominik Hug am Steuer durfte ich per Auto nach Zürich fahren, zum KULT-Hock: Vorfreude auf der Autobahn, fröhliches Geplauder; über John Woo, die Gesetze der Thermodynamik und geile Latino-Frauen. Bald würden wir gemütlich mit den anderen KULT-Geschöpfen zusammensitzen, trinken und uns gegenseitig unverzeihliche Beleidigungen an den Kopf werfen. Nachdem sich schliesslich die obligate blutige Schlägerei – alle gegen alle, unter Einsatz von Hieb- und Stichwaffen – manifestiert hätte, würden wir uns wieder herzlich verschwestern und verbrüdern.
Das Ende des Abends würde dann in Form einer friedlichen nächtlichen Heimreise nach Basel erfolgen. Mit jeder Menge Leukoplast im Gesicht. Aber glücklich. Wie Schweizer Freiland-Legehennen.
Nicht so in diesem Traum! Rainer öffnet die Tür zum KULT-Himmel. Er ist bleich, wirkt verstört. Er sieht plötzlich genauso aus wie der legendäre Max Schreck. Er redet mit gedrückter Stimme. Es ist, als hätte etwas Fremdes von ihm Besitz ergriffen, eine Macht aus dem unauslotbaren Abgrund der Zeit. „Endlich seid ihr da, wir warten alle schon. Heute habe ich eine Überraschung für Euch. Aber dafür müssen wir zunächst zum Hauptbahnhof gehen.“
Wir spazieren also gemütlich zum HB. Das Gebäude präsentiert sich ungewohnt verschlossen, uniformierte, schwer bewaffnete Wächter überall. An der Stirnseite des Bahnhofs prangt ein grosses Schild, da steht – in schönster Fraktur – angeschrieben: „MEDIA MONSTER.“ Rainer zückt einen seltsamen Ausweis, zeigt ihn einem der Wächter. Langsam öffnet sich das mächtige Tor aus Stahl, das offenbar kürzlich am Haupteingang angebracht worden ist. Das KULT-Grüpplein tritt ein. Drinnen herrscht reger Betrieb.
Wir werden sofort von Damen und Herren umringt, die alle um einiges grösser und stärker aussehen als wir. Sie müssen von jenem legendären neuen Kraft-Wasser getrunken haben, das den Führungspersonen in der Konzernwelt ja seit einiger Zeit verabreicht würde, wie man hört. Bis jetzt habe ich dies immer für eine Verschwörungstheorie gehalten, aber es scheint leider wahr zu sein. Ein Herr – mit einem fiesen Grinsen im Gesicht und einer überaus geschmacklosen Krawatte um den Hals – begrüsst uns: „Vielen Dank, dass Sie hierhergekommen sind. Und vielen Dank, Rainer Kuhn, wir schätzen es sehr, dass Sie uns KULT verkauft haben.“ Er dreht sich zu den beiden grimmigen Wächtern um, die ihn flankieren, und ruft streng: „Abführen.“
Rainer wird flink weggebracht. Sodann wird uns eröffnet, dass wir nun für das «MEDIA MONSTER» arbeiten müssen, wie alle anderen Medienschaffenden des Landes auch, wir seien die letzten, die in den neuen Super-Multimedia-Konzern eingegliedert würden – deshalb hätten wir eine ganz besonders strenge Behandlung verdient.
Nun werden wir getrennt. Man nimmt uns die Pässe und alle anderen Ausweise ab. Der Hauptbahnhof ist umgebaut worden. Wo sich früher die grosse Halle öffnete, wurden neue Böden in den Raum gezogen, wurden Wände errichtet, alles schnell und schludrig, alles grau in grau. Jede und jeder von uns wird in ein eigenes, fensterloses, klitzekleines Kämmerlein abgeführt. Ein Arbeitsumfeld mit dem morbiden Charme einer bösen Hühnerbatterie.
In jedem Kämmerlein hat es einen billigen No-Name-Computer, ein Tischchen, einen Stuhl aus hartem Metall und einen Plastikkübel, der offensichtlich für die Verrichtung der Notdurft bereitgestellt wurde. Ich setze mich. Meine Furcht wächst. Nach einiger Zeit betreten eine Dame und ein Herr mein Kämmerchen, beide beängstigend gross und kräftig, beide konventionell aber unerhört geschmacklos gekleidet.
Der Herr informiert mich, die Dame trägt ein mächtiges Dossier unter dem Arm und bestätigt seine Worte pflichtgemäss. Mit kräftigem Nicken. Zwischendurch sagt sie in einem nervigen singenden Ton: „Jaja, so ist es!“
Ich werde von dem Mann also instruiert, mit schneidender Stimme: „Herr Platz. Sie werden nun hier arbeiten. Es geht uns darum, Ihre Produktivität massiv zu erhöhen. Wir haben uns ihren längsten Artikel für KULT angeschaut. Wir haben festgestellt, dass er 25’000 Zeichen umfasst, inklusive Leerschläge. Hier erwarten wir von Ihnen zwei Texte in dieser Länge pro Tag. Aber keinen Scheissdreck, wir wollen, dass Sie von jetzt an über Bundesverordnungen schreiben, die Bundesverordnungen betreffen. Den ersten Text wollen wir in einer halben Stunde. Dafür erhalten sie 800 Franken im Monat. Wenn Sie nicht spuren, werden wir sie so lange schlagen bis Sie gehorchen.“
Mich überkommt eine ungeheure Panik. Ich antworte stotternd: „800 Franken, aber damit kann ich ja meine Miete und meine Rechnungen nicht bezahlen, geschweige denn mein Essen, die Zigaretten und den Alkohol… Ich brauche mindestens 4000 Franken.“
Der Herr antwortet ungeduldig: „Sie müssen keine Miete mehr bezahlen. Sie wohnen jetzt hier. Sie werden am Schreibtisch schlafen. Das ist sowieso gesünder als diese faule Liegerei im Bett. Essen und trinken werden Sie einmal täglich von uns erhalten. Wasser und Griesbrei mit getrockneten Früchten. Das Rauchen und das Alkoholtrinken hätten Sie sich schon lange abgewöhnen sollen, das wissen Sie ganz genau. Jetzt müssen Sie halt auf die harte Tour verzichten lernen, ab sofort. Sie sind ja sowieso einer, der immer dumme Fragen stellt, und alles in Zweifel zieht. Deshalb setzen wir Sie jetzt unter Druck. Aber weil Sie es sind, werde ich Ihnen schnell zeigen, wie heftig wir jene Leute unter Druck setzen, denen wir 4000 Franken im Monat bezahlen. Kommen sie mit.“
Die beiden führen und schubsen mich nun – durch endlose graue Gänge – in einen grossen Raum, in fahles Licht getaucht, in dem es nach verwesendem Poulet-Fleisch riecht. Dort arbeitet die Elite des Schweizer Journalismus, aber sie haben alle keine menschlichen Formen mehr. Sie wurden flachgepresst. Wie Flundern. Oder Klomatten. Alle arbeiten sie unter mächtigen Pressschrauben, die aus Löchern in der Decke in den Raum hinunter drängen, Tentakeln aus Metall gleich, deren Enden wie Helme geschaffen sind, und diesen Medienprofis erbarmungslos auf die Köpfe drücken, mit zunehmender Kraft, bis das Rückgrat nachgibt. Die meisten von ihnen sind bereits so flach gequetscht, dass lediglich noch das Haupt erkennbar ist – sowie zwei Arme, die aus einer breiigen Masse herausragen, aus wabernden Gelée-Haufen, gespickt mit Infusionsschläuchen. Sie können gerade noch die Computer-Tastaturen bedienen, die vor ihnen auf kleinen, lieblos gezimmerten Sperrholz-Tischchen liegen, die nach unten verstellbar sind.
„So wird bei uns für 4000 Franken im Monat gearbeitet, die müssen hier 25 Stunden am Tag schreiben, acht Tage die Woche“, schreit mir der tyrannische Herr ins Ohr. „Und jetzt ab ins Schreibkämmerlein. In 20 Minuten sind 25’000 Zeichen fällig, inklusive Leerschläge, sonst setzt es Hiebe. Und glauben Sie nur nicht, dass Ihr Rainer Kuhn Sie beschützen kann, den haben wir schon vor einer Woche durch jenen Doppelgänger ausgetauscht, der Sie und ihre stinkfaulen Kolleginnen und Kollegen hierher gelotst hat. Der echte Herr Kuhn ist an einen Ort gebracht worden, für den es keinen Namen gibt. Jetzt werden Sie alle endlich lernen, was echte, harte, ehrliche Arbeit bedeutet. Sie werden eisern und freudlos arbeiten müssen, wie alle anderen braven Schweizerinnen und Schweizer auch.“
Eine bodenlose Verzweiflung überkommt mich. Und dann wache ich auf. Überströmt von Schweiss und Tränen. Typisch Albtraum halt. Gute Sache. Ich stecke mir im Bett eine Zigarette an. Ich beruhige mich langsam, schlafe wieder ein. Der nächste Traum ist wunderschön. Ich darf mit einer unendlich scharfen mexikanischen Braut unter glühender Sonne alle sexuellen Manöver durchführen, die mir so gefallen, umgeben von halluzinogenen Kakteen, Mariachis – mit Bajo Sextos, die an reich verzierten Gurten von ihren breiten Schultern hängen – und kerngesunden Bauernhof-Hühnerfamilien. Leider verbrenne ich, bevor ich den Traum mit einem tüchtigen Orgasmus abschliessen kann. Ich verbrenne leider nicht im Traum, sondern in der realen Welt, bei lebendigem Leibe, in meinem Bett. Ich verbrenne, weil ich mit einer glimmenden Zigi in der rechten Hand eingeschlafen bin…
Herzlichen Dank an KULT – für die posthume Veröffentlichung dieses Textes!

