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IDIOTENHAUFEN – ODER: DAS GEBURTSRECHT DES MENSCHEN SOLL FREIHEIT HEISSEN!

Radikale Subjektivität ist die einzige ehrliche Ausdruckform, die uns Menschen zur Verfügung steht, wenn es um Fragen der Weltanschauung geht! Objektivität ist unmöglich. Wer von sich behauptet, dass er einen objektiven Standpunkt erreicht habe, unterliegt einem tragischen Irrtum. Immer! Boogaloo! Jetzt also mal wieder Klartext. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen. Wie ein durchgeknallter Mantra-Sängerknabe, vielleicht sogar ein Castrato. Doch es gibt leider Dinge, die nicht oft genug geschrieben werden können. Und ich habe die Schnauze voll. Gestrichen. Ich muss heut‘ einfach einige faule Eier in den Zuschauerraum werfen. Feuer frei…

Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen. Der subjektive Standpunkt ist unüberwindbar, wenn wir über Fragen der Weltanschauung reden wollen. Alle diesbezüglichen Objektivierungsversuche sind letztlich zum Scheitern verurteilt und meistens – jawohl – demagogisches Zauberlehrlings-Zeugs. So gibt es beispielsweise eine Auffassung vom Journalismus, die besagt, dass Bericht und Kommentar fein säuberlich getrennt daherkommen müssen, wie das Eiweiss vom Eigelb – wenn man Mayo macht. So könne eine „objektive Berichterstattung“ gewährleistet werden; auf beinahe magische Weise; Simsalabim….

Doch was ist mit so einem Bericht? Wie soll so ein Ding objektiv sein können? Schon alleine die Tatsache, dass es sich dabei um einen Text handelt, macht einen objektiven Ansatz unmöglich. Ein Text braucht zwingend einen Aufbau, eine Dramaturgie, die Fakten müssen in eine Reihenfolge gebracht, in einen Rahmen gesetzt werden, die Zitate ebenfalls, zudem muss ein Bogen geschlagen werden, vom Anfang, über die Mitte, bis zum Schluss. Und wer macht das alles???

Ein Menschlein natürlich, in seinem eigenen Kopf, nach seiner eigenen Auffassung, gemäss seinem eigenen Horizont. Ich lese in der Presse dauernd Berichte, die auf derart infame Weise tendenziös, ja sogar manipulativ aufgebaut sind, dass sich der Kommentar in der Spalte nebenan dagegen gerade noch wie ein laues Lüftchen ausnimmt. Und die Schreiber dieser Ware halten sich dann selbst wohl für ganz und gar objektiv. Was für eine Verblendung! Was für eine Verirrung!

Die grossen des Fachs, Joseph Roth, Kisch, Hemingway, haben in ihren Berichten Beobachtungen, persönlich gefärbte Beschreibungen, Zitate und eigene Meinungen in zwingende Formen gegossen, sie manifestierten ihre eigenen Haltungen unmissverständlich. Dies ist dem menschlichen Bewusstsein gemäss. Wir können nur für uns selber denken und schreiben – und den anderen Menschen unsere Gedanken zum Lesen, zum Urteil vorlegen. Auf Gedeih und Verderb.

Meine Wahrheit prallt auf Deine Wahrheit. Dabei ergeben sich Unterschiede, Schnittmengen, Reizzonen, Irritationen, Illuminationen, Verständnis und Missverständnis, allesamt schön asymmetrisch verteilt. Eine komplexe Anordnung; fürwahr. Aber es gibt keinen anderen Weg. Damit müssen wir leben. Damit müssen wir cool umgehen. Alles andere ist Falschmünzerei. Mir ist jedenfalls jede ehrliche Subjektivität, und sei sie noch so peinlich, die tapfer zu sich selber steht, als Information wertvoller, als jene verlogene, gekünstelte Pseudo-Objektivität, die sich zur billigen Wahrheit für alle emporschwingen will.

Ja, Wahrheit ist wieder eine billige Ware geworden…

Was ist denn schon mediale Objektivität? Ein Streitgespräch zwischen Vertretern zweier, dreier, vierer Parteien beispielsweise? Da prallen also zwei, drei, vier Weltsichten aufeinander. Aber, hey, sorry, momentan gibt es auf dieser Welt über 7,2 Milliarden Menschen, alle mit ihrer eigenen Weltsicht ausgestattet, mit eigenen Ansichten, eigenen Motiven und Empfindungen. Dagegen sind einige Meinungsvertretende ein Klacks.

Und wenn mal jemand in aller Öffentlichkeit etwas sagt, das auch ich so empfinde – sind es dann wirklich dieselben Empfindungen, dieselben Motive, die diesen momentanen Einklang zustande kommen lassen? Vielleicht. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass dem eben nicht so ist, bleibt sehr gross! Menschen einigen sich auf bestimmte Dinge, die Hinter- und Beweggründe dieser Einigungen können jedoch sehr unterschiedlich sein, können einander sogar ohne weiteres komplett widersprechen. Diametral.

Das kann man immer dann besonders gut beobachten, wenn sich irgendwo auf der Welt eine fleissige Oppositionspartei plötzlich ein dickes Stück vom Machtkuchen schnappt: Wo vorher eine einige Front von Schwestern und Brüdern war, entsteht – angesichts der neugewonnenen Power – schnell ein zerstrittenen Haufen, weil nun die grundsätzliche Verschiedenheit der Beteiligten wieder über den dünnen Firnis einer Einigung obsiegt, die zumeist sowieso nur gegen (!)  irgendwelche Sachverhalte zustande gekommen ist, aber darüber hinaus nicht weiss, für was sie eigentlich gut sein soll. Schon noch dumm.

Eigentlich ist doch unsere Welt gerade deshalb ein interessanter Ort, weil sie so viel unterschiedliches bietet: Material für jede Auffassung, jeden Anspruch, jede Passion. Es ist genug für alle da!

Und was machen wir daraus? Krieg! Krieg der Auffassungen, Krieg der unterschiedlichen Geschmäcker, Krieg der Moralvorstellungen, Krieg der Religionen, der Geschlechter, der sexuellen, musikalischen, kulinarischen Präferenzen. Das geht so weit, dass wir darob die Grundlagen vergessen, die unsere Welt zu einem lebenswerten Ort für uns Menschen machen könnten. Die Menschheit gibt es nun doch schon seit geraumer Zeit – und das grosse, das offensichtliche Leitmotiv des ganzen Haufens liegt doch gerade im Umstand, dass wir alle im Kopf so verschieden sind, obwohl wir anatomisch so ähnlich aufgebaut daherkommen.

Es lohnt sich, dafür zu kämpfen, dass alle Menschen Rechtssicherheit geniessen, dass keinem Menschen Gewalt angetan wird (wenn sie oder er dies nicht ausdrücklich wünscht oder halt durch eigene Gewaltanwendung provoziert), dass jede und jeder nach ihrer oder seiner Façon glücklich werden kann, solange man den anderen nicht ihr Glück versaut.

Es lohnt sich jedoch keineswegs, darum zu kämpfen, ob nun Dixieland oder House geiler ist, ob Oralverkehr moralisch einwandfreier als Analverkehr sein soll, ob nun Bier, Haschisch oder Abstinenz die bessere Droge ist, ob ein ereignisreiches kurzes Leben, einem ruhigen langen Leben vorzuziehen sei, ob Old Jehova oder die grosse schwarze Göttin Om Krim Kali Maa das Universum beherrscht, ob Schokolade oder Blutwurst besser schmeckt, Romanzen bekömmlicher sind als Pornos, blaue Farbe schöner ist als grüne, geschlagenes Eiweiss nützlicher als rohes Eigelb…

Dies alles – und noch unendlich vieles mehr – sei dem persönlichen Empfinden vertrauensvoll anheim gestellt. Und dabei haben alle das Recht dazu, den Geschmack der anderen Scheisse zu finden – und uns damit abzufinden, dass wir alle Privatsachen anderer Leute einfach grosszügig ignorieren dürfen. Gerade Dinge, die uns nicht in den Kram passen. So könnte er im Kern entstehen, der Friede für alle.

Damit wir uns richtig verstehen. Natürlich darf man über geschmackliche und weltanschauliche Elemente, die einem nicht schmecken, ungeniert schimpfen, fluchen, debattieren. Selbstverständlich darf man Sachen, die einem nicht gefallen, mit Schimpf und Schande, Rotz und Scheisse überziehen; à discrétion. Aber wenn du diese Sachen anderen Leuten, die es halt anders sehen, die halt anders empfinden, wegnehmen oder gar per Gesetz verbieten willst, gehörst du leider in die Zwangsjacke. Wer andere in ihren Freiheiten einschränken will, hat selber eigentlich überhaupt keine Freiheiten verdient!

Ein wahrlich produktiver Konsens kann doch niemals über Auffassungen, Geschmäcker, Empfinden, Ideologien, metaphysische Konstrukte geschaffen werden. Nur auf einigen einfachen Regeln können wir diesbezüglich etwas Solides bauen. Und diese Regeln haben kaum etwas mit Fragen der Weltanschauung zu tun, sondern mit ganz banalen realen Tatsachen.

Wahrscheinlich etwa folgendermassen. – Jede Frau, jeder Mann und jedes Kind ist gleich viel wert. Dieser Wert darf monetär nicht abzuwägen sein, denn jeder Mensch ist unbezahlbar. Kein Mensch gehört einem anderen. Jede Gesellschaft stösst halt jene aus, die es nicht lassen können, Gewalt gegen andere auszuüben. Der Unterschied zwischen Mein und Dein muss einigermassen gerecht geregelt sein, gemeinsam erarbeitete Werte sollten einigermassen gerecht verteilt werden. Jede und jeder braucht innere und äussere Freiräume, in denen sie ihre, er seine subjektive Version der Welt geniessen kann. Und vor allem: Wer unverschuldet in Not gerät, darf auf Hilfe zählen. Schliesslich kann es Morgen Dir und mir passieren.

Warum sind wir eigentlich gerade heute, in unserem anscheinend hyper-aufgeklärten Informationszeitalter, immer weniger dazu in der Lage, diese einfachen Dinge zu begreifen und in der Gemeinschaft zu verankern? Noch nie in unserer Geschichte war für so viele Menschen eine derartig mächtige Menge an Informationen, Kulturbeiträgen und Unterhaltungsangeboten zugänglich, wie dies heutzutage der Fall ist – doch gleichzeitig verblöden wir zusehends. Zudem sind wir auch noch drauf und dran, die dümmsten, blutigsten, sinnlosesten Konflikte um Religionen und Weltanschauungsfragen der Menschheitsgeschichte, die noch vor Kurzem für überwunden gegolten haben, zu wiederholen.

Für nichts und wieder nichts wollen wir uns gegenseitig unsere notwendigen Freiheiten verderben, einschränken und am Ende schmerzhaft beschneiden, wollen wir uns gegenseitig unsere Seelen zensieren, sterilisieren, kastrieren. Mein Vorschlag: Räumt in euren eigenen Seelen auf, ganz nach euren eigenen Ordnungsbedürfnissen. Und lasst die anderen Leute – bitteschön – auch das tun, was diese nach ihrem Gusteau für richtig halten.

Das Geburtsrecht des Menschen soll Freiheit heissen!

Warum können wir jenes wunderbare Zitat von Onkel Frank Zappa selig immer noch nicht beherzigen, das da sagt: „Do what you want. Do what you will. But don’t mess up your neighbor’s thrill!“ ??? Verstanden?

Ja? Wieso können wir das denn nicht? Weil wir ein gottverdammter Idiotinnen- und Idiotenhaufen sind. Und ich selber, als Autor dieser Zeilen, nehme mich dabei keineswegs aus! Also wühlen wir weiterhin im Staub, jagen jeden Tag tausend neue Säue durchs globale Dorf, wir jagen sie mit dem dumpfen Grinsen eines Triumphs im Gesicht, der vor offensichtlicher Ignoranz und Doppelmoral nur so trieft  – und singen dazu heiter jenes andere Lied: „Kill em all – let God sort em out!“

Die Aufklärung wurde mutwillig ins Klo der Geschichte heruntergespült. Der Schwachsinn bleibt auf dem Vormarsch! Wir sind unterwegs, zurück in ein neues finst’res Mittelalter – allerdings in eines, das mit allerlei digitalem Firlefanz ausgestattet ist. Wir werden ja sowieso alle sterben!! Wir sind die Pestzüge dieses 21. Jahrhunderts. Boogaloo!!!! – So. Jetzt habe ich wieder mal schön abgespritzt. Und darf nun jene innere Ruhe geniessen, die zwingend auf den cumshot folgt.

Ich hätte gerne das kosmische Rührei bitte. Jawohl. Mit Beilage. Nein danke. Nicht Freiland. Ich hätte lieber Batteriehaltung. Ich will Realität schmecken! UND: OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMM…

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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das muss man haben: eier, eier (sagt oli)

Zukkihund Kult März 2014