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Only a memory

Der Gedanke verfolgte mich einige Tage. Keine Ahnung woher er gekommen ist. Vielleicht weil ich mal wieder ein Jahr älter werde. Ich träumte sowieso wirres Zeugs in diesen Tagen. Zum Beispiel von diesem Kaufhaus, in welchem man alles gratis mitnehmen kann, sofern man nicht von einem kuchenwerfenden Verkäufer erwischt wird.

Ihr Gesicht erschien mir während einer schaflosen Nacht. Überraschend. Damals, als es noch nicht möglich war von Swisscom auf diAx (kennsch no?) zu simsen, lernten wir uns kennen. Erster Schultag, die Vorstellungsrunde ist mir heute, 15 Jahre später, noch immer präsent. Wir sassen alle im Kreis und durften uns einen Schnurball zuwerfen und uns fragen stellen. Mit 16 Jahren willst du cool wirken, nicht langweilig. Die meisten anworteten auf die Hobbyfrage mit Kino, FCB, Sport, Musik, Ausgang. Ihre Antwort wirkte anders: „I tue am Wuchenänd gern fulänze, läse und chli d Buebe plage“, so habe ichs in Erinnerung.

Man lernte sich besser kennen. Und ich gewöhnte mich an den Anblick, den ich jeden morgen im 11er Trämli zu sehen bekam. Sie sass weit hinten im Wagen, alleine, wie immer. Ihre Haare zu einem Rossschwanz gebunden. Ungeschminkt. Desinteressiert an unserem pubertären Gelaber. Sie kam relativ weit her. Über eine Stunde Schulweg. Ich hätte nicht mit ihr tauschen wollen. Und jeden morgen, während ich übelste Musik aus meinem Discman (kennsch no?) genoss, las sie ihr Buch. In der Regel grosse Schinken mit Titeln wie „Das Mädchen und der Wolf“ oder so ähnlich. Wir habens belächelt.

Allgemein, sie machte einen eher einsamen Eindruck, vielleicht auch einen traurigen. Sie mochte Göläs „Schwan“ und fühlte sich sichtbar wohl in der Rolle der grauen Maus. Auffallen war nicht ihr Ding. Ich glaube sie mochte Tiere. Und ich weiss noch, wenn sie sauer war, stampfte sie wie ein Pferd mit dem Fuss auf den Boden.

Nach einem Schuljahr trennten sich unsere Wege. Und ganz selten kommunizierten wir über ICQ (kennsch no?) oder MSN (kennsch no?). Ich hatte damals ein PC Game, welches ich ihr zu brennen versprach. Sie erinnerte mich noch Jahre danach daran, ‚Du schuldsch mer no e Spieli :-)“. Sie hats nie bekommen.

Facebook kam auf und ich suchte meine Klassenkameraden zusammen. Die meisten habe ich gefunden. Nur sie blieb verborgen. Auf Mails gab es irgendwann keine Antwort mehr und meine MSN-Liste war schon lange leer wie der Letzigrund. Sie würde schon wieder auftauchen, dachte ich. Die Welt ist schliesslich klein.

Im Herbst 2011 googelte ich mal wieder ihren Namen. Ihre aktuelle Mailadresse oder ein Linkedin-Xing-Facebook-Profil würde schon irgendwie zu finden sein. Ich fand jedoch nur ihre Todesanzeige. Friedlich eingeschlafen im 2008. Sie war krank. Das Herz. Deswegen durfte sie im Sport nicht mittun. Sie wurde nur 25 Jahre alt. Ich weinte mich damals in den Schlaf. Ich konnte es nicht fassen. Einfach weg. Nie mehr gesehen. Zack. Schuldlos vom grossen Spielmacher einfach aus dem Spiel genommen.

Und jetzt im März 2014 tauchte sie einfach in meinen Gedanken auf und hielt mich wach. Aus dem Nichts. Warum?
Vielleicht einfach weil sie es verdient hat, dass wir uns mal wieder an sie erinnern.

„Smell the Flowers while you can.“ – David Wojnarowicz

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Dominik Hug

Autor: Dominik Hug

Mitdreissiger. Basler. Auch im Erfolg stets unzufriedener FCB-Fan. Filmkritiker. Leidenschaftlicher Blogger. Strassensportler. Apple User. Hat eine Schwäche für gute Düfte. Liest eBooks. Hört gerne Rockmusik. Fährt einen Kleinstwagen. Geht gerne im Ausland shoppen. Herzkalifornier. Hund vor Katze. Hat immer eine Sonnebrille dabei. Gelegentlicher XBox-Zocker. Hat 2016 überlebt.

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