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DEMENTIA 14 – ODER: BÖSE MENSCHEN KENNEN DURCHAUS LIEDER

Ich kannte mal drei Herren. Undefinierbaren Alters. Sie waren eher klein gewachsen, hatten ausgedehnte Faltenlandschaften in ihren Gesichtern. Sie trugen – nicht gerade feine – graue Anzüge. Mit fettglänzenden, schuppenbestäubten Kragen. Sie verfügten über monotone Stimmen und pflegten den Buchstaben „R“ jeweils derart zu rollen, mittels ihrer Zungen, dass es gleichsam wie eine Lokomotive ward, die gerade eine ganze Schulklasse überrollt, welche von einem finst’ren Bösewicht – mit Zylinder – sorgsam auf die Eisenbahn-Schienen gefesselt wurde, die Kinder schön der Grösse nach gestaffelt; das Resultat einer derartigen Aktion ist bekanntlich immer jenes süsse rote Mus. Kindermus. Ein Produkt, das auf dem Schwarzmarkt von Bangui, der ja eine recht unheimliche internationale Kundschaft bedient, prima Absatz findet, zu gesalzenen Preisen.

Die drei Herren mochten einander recht gut leiden, obwohl sie drei ganz unterschiedliche Leidenschaften verfolgten, das war auch gut, denn so kamen sie einander bei ihren Vergnügungen in der Regel nicht in die Quere: Der erste Herr war ein Arsch-Mann, der zweite Herr ein Titten-Mann, der dritte Herr wollte immer nur geblasen werden. Über ihre fleischlichen Vergnügungen und Verirrungen redeten sie trotzdem gerne miteinander, ja sie gerieten darob ins Schwärmen, dabei flogen die Speicheltropfen übrigens nur so durch die Luft, wie ein seltsam schleimiger Platzregen. Im Rahmen dieser Gespräche benutzten sie mit Vorliebe derart ordinäre Wörter und Sätze, dass diese nicht einmal ins KULT geschrieben werden können.

Und sie frassen für ihr Leben gern Würste: Bockwürste, Bratwürste, Blutwürste. Dies am liebsten, während sie ihren sexuellen Aktivitäten frönten; wie es einst bei der guten alten Josephine Mutzenbacher aus dem fernen Wien Sitte war, nachzulesen in ihrem klugen Buch von 1906. Frauen wurden von unseren drei – diminutiven aber ekligen – Gentlemen, in ihrer fiesen privaten Geheimsprache, übrigens manchmal „Wurstpuppen“, manchmal „Wurstsuppen“ genannt.

Das Schlimmste an den drei Herren war der Umstand, dass sie gerne Lieder zum Besten gaben, die sie teilweise selber erfunden, teilweise einem Volksliederbuch von 1914 entnommen hatten. So standen sie also am Strassenrand, ihre Gehstöcke rhythmisch schwingend, sangen diese Stücke, monotone Gesänge, noch monotoner dargeboten, aber umso lauter, die Eigenkompositionen mit besonders grauenvollen Texten (sic)  ausgestattet – und dabei rollten sie die „R’s“ derart gewaltig, dass es einem Angst und Bange machen konnte. Etwa das Lied vom Detektiv, das sie selbst erfunden hatten:

(Erste Strophe: Mezzoforte)

„Ja so warrrrs/Im Krrrriminalrrroman/Gleich am Anfang kommt derrrr Mörrrrderrrr an/Und man rrrruft den Detektiv/Auf den Plan“

(Zweite Strophe: Forte)

„Derrrr Detektiv/Unterrrrsucht den Fall/Und dann schaut errrr mit derrr Lupe überrrall/Das Böse ist/In derrrr Überrrrzahl“

(Dritte Strophe: Fortissimo)

„Derrrr Detektiv/Denkt und onanierrrt/Sein kluges Hirrrrn/Ist auf den Fall fixierrrt/Und wirrrr hoffen/Dass errrr am Ende rrrreüssierrrt“

Der Gesang der drei Herren erzeugte bei den Zuhörerinnen und Zuhörern physische Schmerzen – und natürlich unbeschreibliches psychisches Leid, bis hin zur Katatonie. So hatten sie schon manche Dame dazu gebracht, ihnen jeden Wunsch, den ihre drei Leidenschaften hervorbrachten, zu erfüllen, bis ins letzte unheimliche Detail, indem sie nämlich damit drohten, im Verweigerungsfalle weiterzusingen. Am grässlichsten war ihre Version des Klassikers  „Oh Du lieber Augustin, alles ist hin“, der ja im dritten Viertel des 17. Jahrhunderts im fernen Wien geschrieben worden war, während einer ausgedehnten Pest-Epidemie. Wobei folgende Sätze bei Passantinnen, Passanten regelmässig spontane Selbstverbrennungs-Aktionen auslösten:

„Jederrrr Tag warrrr ein Fest/Jetzt haben wirrrr die Pest!/Nurrrr ein grrrrosses Leichenfest/Das ist derrrr Rrrrrest“

Beim Wort „Rest“ wurden die „R’s“ mit dermassen apokalyptischem Gusteau gerollt, dass die Erde bebte und der Mond vom Himmel zu fallen drohte. Ganze Stadteile mussten von sämtlichen Anwohnern fluchtartig verlassen werden, nur weil die drei Herren ein einzig‘ Lied angestimmt hatten. Doch man konnte es ihnen nicht verbieten. Singen sei ein Menschenrecht, hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Strassburg verlauten lassen, als die Regierung unserer kleinen Stadt die tönende Landplage unterbinden wollte.

So bin ich Ehrenbürger unserer Urbs geworden, obwohl ich nun eine lebenslängliche Haftstrafe für vorsätzlichen dreifachen Mord absitzen muss. Wenn du die richtigen Leute umbringst, kann dir die Tat zwar viel Ruhm und Ehre einbringen. Aber Justitia darf halt trotzdem kein Auge zudrücken. Immerhin werde ich in meiner Zelle – durch die dankbaren Behörden – mit Schokolade, Zigaretten, Whisky, Zigaretten, Ärschen, Zigaretten, Titten, Zigaretten, heissen, feuchten, saugenden Lippen und Zigaretten versorgt. Weil ich derjenige bin, der den rollenden „R’s“ und dem Schauerrrrgesang ein Ende bereiten konnte. Ich hab‘ die drei Herren in die Hölle geschickt. Indem ich einem nach dem anderen, mit einem langen Haken, aus einem Drahtkleiderbügel gefertigt, das Hirn langsam und sorgfältig aus den Nasenlöchern zog. Ein Buch über Mumifizierungs-Techniken im alten Ägypten, 1963 im fernen Wien gedruckt, hatte mich auf diese gute Idee gebracht.

Daran sieht man wieder einmal, für was ein breites historisches Wissen nützlich sein kann! Ewig währt die Gerechtigkeit der Welt!! Und, jawohl, böse Menschen kennen durchaus Lieder!!!

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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