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Der Wald ist mehr als genug

Überfressen und untertrainiert, von Hühneraugen geplagt und mit einer Prostata gesegnet, die, laut Urologe, „die besten Tage weit hinter sich hat“, fuhr ich mit der S5 ins Wehntal. Pascale Trümpy und Corinne Rüegg, die beiden Powerfrauen hinter der Marke „Forest Fitness“, chauffierten mich ganz vorfreudig zum etwas höher gelegenen Waldrand. Auf ihrem Facebook-Profil hatten sie einen Überraschungs-Promi-Besuch fürs heutige Training angekündigt. Deswegen haben sich 13 Neugierige angemeldet. Na, wenn das nicht mein Durchbruch für Schöfflisdorf/Oberweningen bedeutete.

Wir waren etwas zu früh am Treffpunkt und ich nutzte die Gelegenheit, um noch kurz auszutreten. Aber wie erledigt man sein Geschäft im Wald, wenn man später noch 13 Hände schütteln muss? Genau – mit links. Ha!

Pünktlich um 18.45h erschienen alle Teilnehmer. Die Begrüssung war laut und herzlich, wie ein Familientreffen in Funktionswäsche. Sogar die Ehemänner von Pascale und Corinne wagten sich ausnahmsweise auf die anderthalb stündige Tour de Force. Sie dachten wohl, wenn so ein lahmer C-Promi dabei ist, kanns ja nicht so schmerzhaft werden. Tja, das nennt man wohl, in die Promi-Falle treten.

Pascale nahm die Zügel in die Hand und führte die tratschende Gemeinschaft auf die Strecke. Nach einem kleinen Anstieg gabs ein kurzes Aufwärmen. Aussentemperatur: 7 Grad. Innentemperatur: Stetig steigend. Ein steiles Zwischenstück war Corinne nicht fies genug, also liess sie uns die erste Hälfte mittels tiefen Ausfallschritten hochkraxeln. Die zweite Hälfte „versüsste“ uns Pascale, in dem sie uns auf allen Vieren als „Bergsteiger“ (Knie seitlich auf Schulterhöhe bringen) den Stutz hochjagte. Die nassen Kieselsteine bohrten sich in meine zarten Städter-Handballen. Aua. Doch ich wähnte mich im Ninja-Training und biss auf die gebleachten Zähne.

Oben angekommen sollten wir Rumpfbeugen machen – und zwar mit dem Hintern auf liegenden Baumstämmen balancierend. Meine Shorts, die ich über meinen Thermo-Tights trug, verrutschten ständig. Ich sah aus, wie ein besoffener Förster beim Mittagsschlaf. Was ich stumm in mich hineinfluchte, war nichts fürs Poesiealbum. Mit einem grösseren Po wärs leichter gewesen, doch mein Fett hatte sich schon für die Bauchgegend entschieden.

Auf einer Anhöhe mit Waldhütte, nahmen wir alle einen kräftigen Schluck aus unseren Trinkflaschen, die übrigens alle von Pascale in selbstloser Dienstleistung per Rucksack mitgeschleppt wurden. Mein Gentleman-Herz blutete, doch mit jeder gemeinen Übung ging es mir ein wenig besser. Jeder suchte sich eine Sitzgelegenheit, denn wir machten jetzt Bankdips, besser bekannt als die fiese Schwester der Liegestütze. Jeder zählte seine 5 Dips der Reihe nach laut durch und die Gruppe machte mit. Zitterarm-Alarm. Das Selbe in Grün mit Liegestützen, gestützt auf einem liegenden Baumstamm. Tom, der Mann von Pascale, zählte jeweils in chinesisch. Bei Puls 150 spielt einem das Gehirn seltsame Streiche.

Endlich duften wir uns hinlegen – und unsere Beine gegrätscht auf einem Baumstamm hochlagern. Der Auftrag lautete, den wippenden Hintern nie den Boden berühren zu lassen. „Einen schönen Gruss aus der Gynäkologie“, röchelte ich meinem Nachbarn und Leidensgenossen zu. Beim anschliessenden Auf-einem-Bein-Balancieren auf einem (jep, richtig geraten) Baumstamm, machte ich (trotz Positionierung auf einer sehr harzigen Stelle) eine schlechte Falle. Der mitgebrachte Stadt-Züri-Stress liess mich meine Mitte einfach nicht finden. Auch die 90 Sekunden auf einem imaginären Stuhl, angelehnt an einem Baum, brachten nicht die erhoffte Erholung sondern lediglich die Erkenntnis, dass, egal wie man in den Wald schreit, nichts davon zurückkommt – mit Ausnahme von Muskelkater in den Oberschenkeln.

Bevor wir uns dem, von Corinne angeteaserten „Dessert“ (ich ahnte Schlimmes) widmeten, trainierten wir, mittels lang ziehen von Therabändern, unsere seitlichen Bauchmuskeln und Schultern. Und gerade als ich liegend, mit Blick in den Waldhimmel, eine gewisse Hänsel-und-Gretel-Romantik genoss, riss mein Theraband. Wow, wirkt „Forest Fitness“ umgehend? Näh, war wohl eher spröder Gummi.

Ein letzter Sprint brachte uns zu einem Naturschutzgebiet mit Sandhöhlen. Erst wies Corinne einen verirrten Teenage-Moto-Crosser in die Schranken, um uns danach mit einer sogenannten Tabata den Rest zu geben. 20 Sekunden Burpees, 10 Sekunden „Erholung“, 20 Sekunden Bergsteiger, 10 Sekunden „Erholung“. Und das vier Minuten lang. Als Wiedergutmachung gabs zum Schluss eine Portion Eiweiss mit Vanillegeschmack. „Wenn du das nicht trinkst, klaut dein Körper das benötigte Eiweiss von deiner Muskelmasse“, erklärte mir Pascale geduldig. Na dann, ex und hopp. In meinem Alter hängt man an jeder Muskelfaser, wie Tarzan an der Liane.

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Autor: Midi Gottet

Midi Gottet ist 47 und war in diesem Leben schon Vegetarier, Alkoholiker, ein militanter Nichtraucher, Zauberkünstler in Vegas, Handmodel in Paris, Velokurier in Manhatten, Vater, Sohn und Heiliger Geist, vor Gericht wegen Verletzung religiöser Gefühle, im Knast, Sozialfall, die linke Hand von Rainer Kuhn, Stand-up Comedian, Präzisions-Schauspieler, Eden-TV-Moderator, Kolumnist, Autor, Poet, ein Singing Pinguin, ein schwules Murmeltier, Dr. Fleischmann, der DRS3-Rajiv, die Thomy-Senftube, der Schöpfer von "Handirr im Poulet speutzt", Ehemann, glücklich geschieden, eine Sportskanone, ein wenig impotent, ein Electric-Boogie-Tänzer, labil, ein Triebtäter, ein Erdengel, ein Schutzengel, ein Fussfetischist, ein Muttersöhnchen, ein Coop-Supercard-dabei-Haber, Götti, Onkel, Tante, das "Ich bin das ich bin", ein Orgasmusvortäuscher, betrieben, hoch verschuldet, tief verletzt, stinkreich, ein bornierter Snob, abgefuckt, demütig, reumütig, übermütig, übermüdet, klinisch tot, wieder wie neu, ein Drittel des Trio Eden, die Hälfte von Gottet & Landolt und ein Ganzes von Midi Gottet und somit die Summe seiner Höheren Selbste.

Danke für ihre Aufmerksamkeit.
(Wenn sie sich die Zeit genommen haben, diese Bio bis hierher zu lesen, haben sie kein Leben)

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