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WARUM DAS „WARUM?“ DES TEUFELS IST

Was? Wann? Wo? Wer? Wie? Das sind ja Fragen, die man noch einigermassen beantworten kann. Obwohl es beim „Wie?“ manchmal schon verdammt kritisch wird. Und auch das „Wer?“ oft genug nicht befriedigend geklärt werden kann…

Aber die Nagezähne des Satans warten in jener anderen Fragestellung: „Warum?“ nämlich.

Das „Warum?“ hat die Fähigkeit, alle unsere Gewissheiten über die Welt in Fetzen zu zerreissen. Die Kinder wissen es. Und alle Eltern leiden darunter.

Weil ich persönlich ein Penner – und inzwischen auch noch ein alter Sack – bin, habe ich ja keinerlei Kinder. Und das ist auch gut so. Doch in meinem Umfeld gibt es einige dieser – genauso fröhlichen wie liebenswerten – kleinen Geschöpfe. Manche Leute haben mich erstaunlicherweise sogar schon zum Paten ernannt.

Und so darf ich seit Jahren dieses grossartige Spiel beobachten:

Mit sicherem Instinkt entdecken es die Kleinen in einer bestimmten Phase, jenes schwarze Loch im Gefüge dieser Welt, das alle Antworten so herrlich zunichte macht, wenn man es nur oft genug wiederholt. Denn jede Antwort auf ein „Warum?“ kann ja mit einem weiteren „Warum?“ unterhöhlt werden.

Dieser Umstand treibt jene, die Antworten geben müssen, naturgemäss zum Wahnsinn.

Das „Warum?“ ist sowieso brandgefährlich. Denn letztlich zwingt es alle Autoritäten früher oder später zur Gewaltanwendung. – Sei es psychische. Oder am Ende sogar physische.

Ein Kind, das in der akutesten „Warum?“-Phase steckt, das auf wirklich jede Antwort ein weiteres „Warum?“ abfeuert – wie eine Maschinenpistole in der Hitze des Gefechts -, bis es auf den Urgrund des Seins, die Ursache für alle Existenz, die Frage nach dem ewigen Leben stösst, wird sein Gegenüber irgendwann zu einer schnippischen, wütenden, ignoranten Erwiderung oder zur totalen Kapitulation treiben. Wobei ich persönlich die totale Kapitulation in diesem Fall für die einzige ehrliche und ehrbare Methode halte. Aber ich darf ja nicht zuviel dazu sagen. Weil ich kein Elter bin…

Warum sind wir hier? Warum gibt es uns? Warum müssen wir wieder gehen? Irgendwie muss das „Warum?“-Sperrfeuer doch gestoppt werden…

Oder etwa nicht?

Genauso ist jede Chefin, jeder Chef, sind alle Politikenden und Geistlichen dem „Warum?“ nur bis zu einem gewissen Grad gewachsen. Denn merke: wenn man auch noch das allerletzte „Warum?“ beantworten will, streitet man sich am Ende entweder endlos über Glaubensfragen – oder man gesteht sich gegenseitig ein, dass man es halt auch nicht weiss.

Und im zweiten Fall wird es anscheinend für viele Menschen leider Gottes schwierig, Autorität auszuüben, oder noch irgend etwas vorwärts zu bringen. Traurig, aber wahr.

Denn alle Ideologien und Autoritäten stellen eigentlich Bollwerke gegen das böse „Warum?“ dar. Einige sind besser dafür gewappnet, dieser gemeinen Nachfrage bis in viele Untiefen hinein standzuhalten, andere versagen schon wenige Zentimeter unter der schmucken blauen Oberfläche.

Am Schluss gibt uns jede religiöse Autorität unvermeidlicherweise die gleiche Antwort: „Weil Gott es so gewollt hat.“ Dann können wir zurückfragen: „Warum soll ich an einen Gott glauben? Ich sehe ihn ja nicht. Warum hat Gott das so gewollt? Mir scheint es nicht besonders vernünftig zu sein.“

Spätestens, wenn wir so etwa sagen, werden wir ganz real feststellen dürfen, ob wir in einem liberalen oder in einem repressiven religiösen Umfeld leben.

Im ersten Fall bleibt der religiösen Autorität nur ein – insgeheim ungern gemachtes – Zugeständnis an das Grundrecht der allgemeinen Glaubensfreiheit, vielleicht noch garniert mit einem trotzigen „und trotzdem kann ich Dir nur dringend raten, mir zu glauben, denn ich weiss, dass es so ist, weil ich es so stark, ach so tief in mir spüre! Du willst nach Deinem Tod ja sicher nicht in die Pech-und-Schwefel-Badeanstalt hinunterfahren. Denk dran: ER sieht in Dein Herz, Er sieht in Dein Herz…“

Im zweiten Fall, auf dem weiten Feld repressiver Theologie nämlich, setzt es als Antwort auf solche Nachfragen hingegen Prügel, Elektroschocks, Stiche, Patronen – damit wird sicher gestellt, dass der Frager sich künftig mit den Antworten religiöser Autoritäten zufrieden gibt. Oder wenigstens für immer schweigt!

Genau gleich verhält es sich mit weltlichen Autoritäten: Wer zu lange „Warum?“ fragt, beschwört praktisch immer Sanktionen gegen sich herauf. In einer gemässigten Kultur wird es irgendwann mal heissen: „Wer ist hier der Chef, die Chefin, Sie oder ich?“ Ein Killerargument, wenn man zugeben muss, dass die andere Person die angesprochene Funktion innehat.

Wer Mut hat, fragt dann immer noch weiter nach, weiter, weiter, weiter. Im dümmsten Fall kann die Antwort, auch hier in unserem schönen Land, durchaus in Form eines blauen Briefes erfolgen, der in den Briefkasten des trotzigen Fragestellers, der hartnäckigen Fragestellerin flattert.

In einer radikalen, repressiven Kultur, die dem Individuum Gehorsam abnötigt, gibt es für ein einziges „Warum?“ zuviel gerne Peitschenhiebe, Aufenthalte in Foltergefängnissen und Stricke um den Hals.

Wer die Politikenden zu lange mit dem „Warum?“ belästigt, wird in einer freiheitlichen Staatsform früher oder später einfach als Dauerquerulant/-In abgestempelt. Und deshalb für alle Zukunft kein Gehör mehr finden. Was ich persönlich eigentlich schon ziemlich bedauerlich finde…

An der Bereitschaft der einzelnen Politikenden, in die Tiefen des „Warum?“ vorzudringen, kann man erkennen, ob sie tatsächlich den Bürgerinnen und Bürgern verpflichtet sind – oder ob sie vor allem dem Abgott der eigenen Wichtigkeit huldigen, zu dem in der Regel ein vollkommen übersteigertes Selbstwertgefühl und eine fette Portion Rechthaberei gehören.

In einer Diktatur werden alle, die hartnäckig das „Warum?“-Schild in die Höhe strecken, früher oder später verschwinden, werden ihr Leben in einem stillen Kämmerlein aushauchen, wo entweder eiskalte oder sogar sadistische Exekutionsfachpersonen auf die warten. Und danach gehts husch ab ins Massengrab.

Gesellschaft, Religion, Ideologie – sie alle können sich an ihrem Umgang mit dem „Warum?“ messen lassen. Natürlich werden jetzt einige von Ihnen sagen: „Aber Gottes Wege sind halt doch unerforschlich, damit müssen wir uns abfinden, es ist hier einfach alles so, wie ER es will. Und Du wirst in die Hölle kommen, weil Du unehelichen Geschlechtsverkehr genossen, weil Du Deinen Wurstzipfel in das falsche Senftöpfchen getunkt hast – und ganz generell ein Zweifler und Gotteslästerer bist“.

Ihnen darf ich, als Mit-Glied einer freiheitlichen Zivilisationsform, antworten: „Das interessiert mich einen feuchten Scheissdreck. Ich glaube nicht an Euren Scheiss. Ihr wisst genauso wenig wie ich. Ihr bildet Euch einfach unerbittlich etwas ein, weil ihr die Ungewissheit bezüglich vieler wichtiger, grosser und einschneidender Phänomene, die das einzige wahre Erbe der Menschheit darstellt, nicht aushalten könnt. Ich mache mit meinem Zipfel alles, was mir gerade so einfällt. Capisce?“

Wer mir für diese vulgäre Antwort eine in die Fresse haut, macht sich bei uns schuldig – und muss sich vor Gericht wegen Körperverletzung verantworten. Immerhin.

Mann, bin ich froh, dass ich – noch – in einer freiheitlichen Zivilisationsform leben darf, die von einigen einigermassen vernünftigen Menschen geschaffen wurde – und einiges an „Warum?“ aushalten kann. Im Moment ist dies natürlich vor allem ein geographisches Privileg, meinerseits komplett unverdient. Leider beobachte ich in der Politik, Religion, Wirtschaft, Öffentlichkeit immer stärkere Tendenzen in die andere Richtung. Viele möchten das „Warum?“ wieder fesseln und knebeln.

Die Angst vor dem Ungewissen gewinnt wieder an Macht – in unserem 21. Jahrhundert – über die Menschen. Weltweit. So stark, wie ich es in den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Einfache Antworten sind überall wieder gefragt, fatale Antworten. Dies stellt, gegenüber der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, eindeutig einen Rückschritt dar, den ich nicht genug beklagen kann. Zumal ich ahne, dass die Menschen in der Tiefe ihres Bewusstseins schon über ihre grosse Ungewissheit Bescheid wissen – und sogar bereit wären, sie zu akzeptieren, und dieser Akzeptanz in ihrem Leben Rechnung zu tragen…

Sonst wäre der allgemein bekannte Volksspruch „Warum ist die  Banane krumm?“ wohl nicht entstanden.

Ich weiss schon, warum uns die Angst vor der Ungewissheit mit Riesenschritten wieder einholt: Weil eine wachsende Zahl von Menschen so verdammt neurotisch geworden ist und vor Komplexitäten am liebsten schnell und kampflos kapituliert – und die anderen halt auch nicht wissen, wie man diese Krankheit heilt, wenn sie in derart breiten Kreisen auftritt.

Also lasse ich mich jetzt mal in meinen tiefen weichen Sessel fallen, zünde eine indische Zigarette an, fülle mir ein Glas mit Glenfarclas 105, Fassstärke, randvoll, schlage den vierten Band der Lacan’schen Seminare auf, in Menschenhaut gebundene Ausgabe, freue mich darauf, meinen Zipfel bald wieder in ein falsches Töpfchen zu tunken, in ganz und gar unehelicher Art und Weise – und warte genüsslich darauf, dass jenes mächtige „Warum?“ den Horizont der Menschheit in Fetzen reisst.

Was unweigerlich geschehen wird. Bald.

„Warum?“

Darum! Was fragen Sie mich eigentlich so unverschämt? Wer ist denn hier in meinem Text der Chef? Sie oder Ich? Eben! Wenn es Ihnen nicht passt, können Sie ja was darunter schreiben! Reinschreiben können Sie nicht…

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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