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The Gaslight Anthem: Get Hurt

Du bist Musiker, Leadsänger einer Band und deine Frau trennt sich von dir. Was machst du?

a) Du bist Chris Martin, nimmst einige Songs auf mit den weinerlichsten Texten ever und missbrauchst deine Band und deine Fans mit dieser unmelodiösen Scheisse.

b) Du nimmst deinen Schmerz, packst deine Klampfe, deine Kumpels, die ebenso deine Bandmember sind und lässt musikalisch die Sau raus – dann bist du nicht Chris Martin, sondern Brian Fallon.

Brian Fallon leidet. Der 34jährige wandelt nun auf Solopfaden (zumindest privat) und hat es trotzdem vermieden sich wie Pete Doherty komplett abzuschiessen. Im Gegenteil. Trotz eines Schrankes voller verschreibungspflichtiger Meds hat Fallon verzichtet sich während einer sehr dunklen Phase seines Lebens wegzuklicken und kämpfte sich, bewaffnet mit Stift und Gitarre durch die dunkelsten Ecken seiner Seele. Nicht nur das, er machte sich auch auf nach Kalifornien und bereitete sich mit einem Fitnesscoach auf die kommende Tour mit The Gaslight Anthem vor. Und man siehts ihm auch an, dem Brian. Im Video zu Get Hurt wirkt Fallon topfit und cool, die Haare kurz, die Kleidung schwarz und irgendwie einen Tacken härter.

Nach Handwritten, dem bislang letzten Album von The Gaslight Anthem, waren die Erwartungen an die Band immens hoch. Grösser, besser, härter. Doch, was kann man erwarten von dem neuen Longplayer der vier Herren aus New Jersey?

Das Album startet mit Stay Vicious, einem krachigen Opener, der die Thematik vom Verlassenwerden so hochbringt, wie es eben Coldplay nicht gemacht haben. Anstatt weinerlich herumzusülzen lassen Fallon und seine Jungs die Gitarren sprechen und brechen diesen Song runter wie nichts. Starke Kiste.

1’000 Years ist eine äusserst lockere Rocknummer, welche sich schon beim ersten Anhören in den Gehörgang brennt.

Und schon der dritte Song ist Get Hurt, dieser dunkle Song, der sich einem Einfluss von Fallons Side-Project The Horrible Crowes nicht lossprechen kann, jedoch gleichzeitig äusserst radiotauglich wirkt. Bislang drei Songs, alle grossartig.

Mit unter drei Minuten Laufzeit gehört Stray Paper zu den eher kurzen Songs im Gaslight-Repertoire. Zum Glück, denn ich finde die Nummer ziemlich grottig.

Helter Skeleton ist wiederrum Gaslight at it’s best. Eine geile Rocknummer mit eingängiger Melodie und Text.

Die ziemlich ungewöhnlichen Klänge bei Begin von Underneath the Ground lassen den Zuhörer starten in eine vierminütige musikalische Reise fern vom typischen Fallon-Sound. Ein Song, der mit Sicherheit beim weiteren Anhören wachsen wird.

Rock heilt alle Wunden. Fallon gibt sich die einzig wahre Medizin. Rollin› and Tumblin› rockt wie ein Erdbeeben.

Red Violins, wiederrum ein Song, der nicht so wirklich zu den bisherigen Gaslight-Songs passen will, mich jedoch sehr angesprochen hat.

Ich befürchtete schon, dass mit Selected Poems eine zu softe Nummer auf mich zukommt. Der Song beginnt sehr langsam, sehr leise, jedoch nach 45 Sekunden drehen die Herren auf und erzählen eine wunderbare Story über Träume und Dinge, die sich einfach ändern. Emotional. Geil.

Ain’t that a shame, rockt, aber nicht so mein Song.

Sehr ergreifend Fallons Text zu Break your heart, einem sehr langsamen und schönen Song.

Dark Places rundet das Album ab, eine Nummer wie wir sie von Gaslight bereits gewohnt sind. Ordentlicher Schluss. Besitzer der Deluxe Edition  kommen jedoch noch in den Geschmack von vier weiteren Songs. Und wer schon beim Vorgängeralbum «Handwritten» zur Deluxe-Packung griff weiss, die Deluxe Songs dieser Jungs sind kein Beigemüse.

Sweet Morphine, irgendwie stellte ich mir beim Anhören Tom Waits vor. Ganz spezielles Stück.

Da ist er ja, der Geist des Bruce Springsteen, der, obwohl Brian Fallon sich langsam ob des ewigen Vergleichs mit dem Boss nervt, irgendwie doch wieder hervorbeschworen wurde. Mama’s Boys, ein ordentlicher Song, nach einmaligem Hinhören aber noch nichts Spezielles.

Halloween ist ebenfalls ein rockiges Stück, mehr noch nicht.

Das Deluxe-Album wird nun abgerundet durch Have Mercy, ein ruhiger Song, der ebenfalls von Fallons Experiment «The Horrible Crowes» inspiriert zu sein scheint. Schönes Stück.

Fazit: Get Hurt ist nicht Handwritten. Das Vorgängeralbum war für Neuhörer ein perfekter Einstieg. Get Hurt ist eher komplex, experimentierfreudig und unterscheided sich auch im Songwritting sehr von den früheren Texten Fallons. Ein sehr starkes Album, welches die Vorfreude auf die kommende Tour extrem in die Höhe schiessen lässt.

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Autor: Dominik Hug

Mitdreissiger. Basler. Auch im Erfolg stets unzufriedener FCB-Fan. Filmkritiker. Leidenschaftlicher Blogger. Strassensportler. Apple User. Hat eine Schwäche für gute Düfte. Liest eBooks. Hört gerne Rockmusik. Fährt einen Kleinstwagen. Geht gerne im Ausland shoppen. Herzkalifornier. Hund vor Katze. Hat immer eine Sonnebrille dabei. Gelegentlicher XBox-Zocker. Hat 2016 überlebt.

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