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Das Kleine-Intervalle-Paradox

Ich kann auch sehr geduldig sein, wenn es sein muss. Jedenfalls glaube ich das. Irgendwer muss ja an mich glauben. Im Normalfall bin ich aber eher ungeduldig und zwar mit System. Die Formel geht so: Ich bin umso ungeduldiger, je weniger Grund ich dazu eigentlich hätte. Ich nenne das Phänomen das „Kleine-Intervalle-Paradox“.

Damit meine ich Folgendes: Es ist angenehmer, fünfzehn Minuten auf jemanden warten zu müssen, als diese Scheiss-Fünfzehn-Sekunden, die der lahme Ticket-Automat im Basler Velo-Parking nach Einwurf der Münze braucht, bis er dein verdammtes Ticket ausspuckt. Das sind fünfzehn Sekunden, in denen ich die Techniker, die so einen Arschautomaten programmiert haben, inbrünstig verfluche.

Es ist weniger schlimm, zwei Stunden auf einen verspäteten Flug warten zu müssen, als wenn der eben noch fröhlich dahinsausende Idiotenzug plötzlich abbremst und in quälend langsamem Tempo dahinschleicht – ohne dass irgendjemand dir mitteilt, was los ist und mit wie viel Verspätung der gebeutelte Pendler zu rechnen hat. Nur noch übertroffen wird diese Pendler-Unbill vom Umstand, dass der Zug ganz stehen bleibt und ein Grünschnabel von Kondükteur mit zittriger Stimme etwas von einem technischen Problem faselt.

Und es ist weniger schlimm, einen Totalabsturz des Redaktionssystems zu erleben, als jedes Mal diese fünf Sekunden erdulden zu müssen, die zwischen dem Klick auf den Speichern-Button verstreichen, bis das Zeug dann endlich gespeichert ist. Das sind fünf Sekunden, in denen ich jedes die Vorstellung durchleide, mein Text könnte in genau der Sekunde abstürzen – und ich deshalb Zeit habe, ein Mail von ausersuchter Höflichkeit an die IT-Abteilung zu entwerfen mit der Frage, warum es jedes Mal so lange dauert, bis das System schon nur auf meinen Klick reagiert.

Aber was solls. Je besser es einem geht, desto nichtiger die Probleme, die einen beschäftigen – insofern ist das Kleine-Intervalle-Paradox nur ein Zeichen dafür, dass es mir GANZ AUSGEZEICHNET geht. Und irgendwann wird sich meine Unrast wohl auch legen. Ich warte geduldig auf den Moment.

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Autor: Michèle Binswanger

Michèle Binswanger ist auf dem Land aufgewachsen und liebte Pferde. Dann studierte sie Philosophie und wäre fast Philosophin geworden. Aber weil ihre Kommilitonen immer so aussahen, als wären sie Jahre unabgestaubt im Schrank gestanden, erschien ihr das zu unglamourös. Also wurde sie Journalistin. Das ist zwar auch nicht viel glamouröser, aber der Job machte Spass. Die Phrasen, die sie in ihrem Job am häufigsten hört, sind: „Das ist aber mutig“. Und: „Ich bin zwar nicht immer gleicher Meinung, aber schreiben kannst du.“ Das würde sie auch unterschreiben.

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