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BEFORE I GO INSANE

Ich werde hier nicht bleiben. Übermorgen bin ich weg. Mit den „Écrits“ von Jacques Lacan im Handgepäck. Und Sonnenträumen. Vom tropischen Regen.

48 Stunden. Und die Zeit schleicht.

Dabei sind die letzten Wochen wie im Flug vergangen. Irrlichternd. Manisches Arbeiten. Mit roten entzündeten Augen. Im tiefsten Loch des Bergwerks der Sprache. Oder war es vielleicht eher der unterste Gemüserüster-Job in der Sprachküche, unter der Fuchtel so eines unerbittlichen, anal-sadistischen Chefs from hell? Wortsalat gerüstet. Hirnsalat angerührt. Mit Whiskysauce, Tränentunke. Im Tabaknebel. Garniert mit angebrannten Nervensträngen.

Doch nun stagniert der Fluss der Stunden, Minuten, Sekunden. Zeitlupe!

Ich müsste noch, ich müsste noch…

Doch ich will nicht mehr!

Aber ich sage Euch, ich werde fliegen. Nicht ganz so elegant, wie jener andere geflogen ist, der in einem Stall geboren ward, die Klappe nicht halten konnte, deshalb einen grausamen Tod sterben musste. Und dann wieder zurückgekommen ist. Um vor aller Augen abzuheben. Dem Himmel über Jerusalem entgegen.

Nein, so werde ich nicht fliegen. Zumindest nicht in 48 Stunden. Ich werde schweben. In einem Vogel aus Stahl. Und bei meiner Airline ist die Benutzung von Mobiltelefonen an Bord immer noch untersagt.

Sonst würde ich kein Ticket bei ihr kaufen.

Der Sitz wird nicht zu hart sein, nicht zu weich, sondern gerade richtig. Der Brei, den mir die uniformierten Maiden beider Geschlechter kredenzen werden, wird nicht zu süss sein. Und nicht zu salzig. Sondern genau richtig. Meine Träume, die mich im herrlichen Dämmerschlaf über den Wolken überkommen, werden nicht zu anstössig sein. Aber auch nicht zu brav. Sondern wohltemperiert wie die groovenden Röhren meines Mesa-Boogie-Gitarrenverstärkers. Verlockend wie die Bullet Playsuit meiner Gefährtin, doch dieses Stofffetzchen wird schlummern im Koffer. Dort unten, im tiefsten Bauch der Maschine. Là-bas.

Oh wenn doch nur die uniformierten Damen hier oben – zu ihren Hütchen und den unbequemen High Heels – solche Bullet Playsuits tragen würden. Doch derart modern sind wir noch nicht. Oder sind wir nicht mehr altmodisch genug?

Trotzdem: Ach Fliegen; herrliches Fliegen.

Wir Passagiere werden wieder diese Schicksalsgemeinschaft der Unbekanten bilden. Wir werden zusammen ostwärts fliegen. Himmelweit fliegen. Dem Sonnenaufgang entgegen. Oder untergehen. Versinken vielleicht, im indischen Ozean.

Das wäre mir ein herrliches Grab.

Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist klein. Wir werden wohl wieder ankommen. Wie es bei meinen letzten dreimal 222 Flugausflügen auch schon der Fall war. Fast würde ich es bedauern.

Während ich dort oben weile, könnt Ihr mich alle mal. Ihr könnt mich nicht erreichen. Nicht telefonisch, nicht per Mail oder Whatsapp. Einige von Euch werden bei mir sein. In meinem Herzen. Aber das sind sie immer. Das wären sie auch ohne Telekommunikation. Und einige wissen es nicht einmal. Gut so.

Dann werden wir landen.

Und von den Behörden einer Art Militärdiktatur, die Demokratische Republik heisst oder ähnlich, einen Stempel erbetteln. Wir werden anstehen. Gemustert. Gestempelt. Und schliesslich zum Roboter geschickt, der unsere Habseligkeiten auswirft. Korrekt. Aber irgendwie achtlos, lieblos. Vielleicht ist er ein Kind von Siemens, vielleicht von NEC Logistics. Bestimmt ist er nicht jenes Kind aus der Mythologie, das von seinem göttlichen Vater in dessen Schenkel ausgetragen wurde, um dann später der grösste Weinliebhaber aller Zeiten zu werden. Und ein veritabler Lustmolch noch dazu.

Er möge uns allen ein Vorbild sein…

Wir werden aus der Halle treten, dem Sonnengott entgegen, der soeben von seiner Gattin wiederbelebt wurde. Nachdem sein böser Bruder ihn in Stücke gerissen hatte, der Sonnengott wird ihm dafür die Hoden ausreissen, wie es Ramfis Trujillo einst beim Mörder seines gestrengen Vaters getan hat; aber dies wird erst heute Abend geschehen.

Wenn meine Eier ihrerseits schön versorgt sind.

Nun grüsse ich also den Sonnengott. Wiederbelebt von seiner reizenden Gattin, mit Salben, Bandagen und einem mächtigen Orgasmus, erzeugt durch ebenso mächtiges Blasen (nehmt Euch an IHR ein Vorbild, Ihr Hasen). Durch einen todes-brechenden Osirigasmus, der sich hier unten nun in 34 Grad Celsius niederschlägt…

…um sechs Uhr in der Früh. Ich brauche dringend ein Bier.

Nachdem ich blitzschnell sechs Zigaretten geraucht und dabei das wahre Glück des Lebens gefunden habe.

So wird das sein. Doch es ist noch nicht. Es ist gerade Wartezeit. Und die verstreicht langsam. Schleicht wie ein Zombie durch die Nacht. Ich bin der Champagnerkorken. Unmittelbar, bevor er unter Hochdruck aus der Flasche schiesst.

Ich bin die Möwe, die Möwe, die ihre Flügel spreizen will. Doch die Leute von der Vogelwarte haben den Verband noch nicht vom gebrochenen aber heilenden Flügel genommen. In 48 Stunden werden sie es tun. Endlich. Und ich steige empor, steige in die Zone auf, fliege durch die grüne Tür. Ins Ungewisse. Direkt in die Iris der grossen Göttin hinein, die da Smashan Kali heisst – oder war es Bhuvaneswari?

Oder aber – wie es ein grosser toter jüdischer Künstler aus Queens, New York, einmal formuliert hat: „Get me to the airport. Put me on a plane. Hurry, hurry, hurry – before I go insane.“

Ich werde hier nicht bleiben. Übermorgen bin ich weg. Und ihr bleibt an der Erde kleben. Wenn ihr nicht auch zu den Glücklichen gehört, die im Zeitalter der Luftfahrt geboren worden sind. Sowie der Pornographie, welche bekanntlich die grösste Errungenschaft der Menschheitsgeschichte darstellt.

Und dennoch in vielen Demokratischen Republiken strengstens verboten bleibt…

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Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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