Schulabbrecherin, Fabrikarbeiterin, Supermodel, Hollywood Schauspielerin. Rene Russo ist der Beweis dafür, dass sich das Blatt von heute auf morgen wenden kann und dass man es mit Schönheit auch langfristig zu was bringen kann. Trotzdem war sie nie bloss einfach schön. Die heute 60-Jährige bietet noch viel mehr: Anmut, Weisheit und Charisma. Das Mädchen von der Strasse steckt noch in ihr, sie wirkt stark und bodenständig. Wie jemand, der es nicht immer einfach hatte, sich dann aber dazu entschied, zufrieden durch die Welt zu gehen. Sie ist für eine Schauspielerin ihres Kalibers erfrischend offen, persönlich und einfach nur nett. Rene Russo schaff, was viele in Hollywood nicht können: Sie ist trotz ihres Alters ungekünstelt sexy. In Interviews spricht sie offen über Privates, zuletzt darüber, dass sie eine Bipolare Störung hat und Medikamente nehmen musste, was sie nur noch menschlicher und zugänglicher macht. Man kommt nicht drum rum zu denken: Irgendwann möchte ich so sein wie sie. Danke für die Vorbildfunktion, Rene.
BIO
Die heute 60-jährige Rene Russo wird in Burbank, Kalifornien geboren. Sie ist Kind einer Bardame und Fabrikarbeiterin englisch-deutscher Abstammung und eines Mechanikers italienischer Abstammung. Als der Vater abhaut, ist sie erst zwei Jahre alt. In der Schule ist sie stets Einzelgängerin und schafft es nicht sich sozial zu integrieren. Auch schafft sie es nie sich mit dem Schulstoff anzufreunden. Aufgrund ihrer Zahnspange und Körpergrösse kriegt sie den Spitznamen „Jolly Green Giant“. In der 10. Klasse wird sie aus der High School geworfen. Weil das Geld immer knapp ist, jobbt sie die nächsten Monate als Serviertochter, Kassiererin im Disneyland und an der Kinokasse, inspiziert zuletzt als Fabrikarbeiterin Kontaktlinsen auf dem Laufband. Mit 17 wird sie an einem Rolling Stones Konzert vom Manager einer internationalen Modelagentur angesprochen und dazu überredet ein paar Testbilder schiessen zu lassen. In wenigen Monaten wird sie von der bekannten Ford Modeling Agency unter Vertrag genommen und ziert kurz darauf die Titelbilder verschiedener Zeitschriften, unter anderem 1975, das der Vogue und mehrmals das der Cosmopolitan. Rene wird zu einem der erfolgreichsten amerikanischen Foto- und Laufstegmodels der Achtziger. Um ihren 30. Geburtstag, beginnt das Interesse an ihr zu schwinden und so wird sie von ihrem damaligen Manager dazu überredet, es im Filmbusiness zu versuchen. Nach diversen Auftritten in Werbung, Theater und Serien, wird sie in Hollywood erfolgreich. So gehören diverse Fernsehserien und Filme wie etwa „Lethal Weapon 3 & 4“ (1992, 1998), „Kopfgeld“ (1996), „Thomas Crown Affair» (1999), „Die Abenteuer von Rocky und Bullwinkle“ (2000) und „Thor» (2011, 2013). Nach einer Auszeit, in der sie, wie sie selbst sagt: „einfach nur gärtnern und in Frieden leben“ wollte, ist sie als ehrgeizige Journalistin im Film „Nightcrawler“(Filmstart 21. November 2014) an der Seite von Jack Gyllenhal zu sehen. Das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat Dan Gilroy, mit dem sie seit 1992 verheiratet ist. Sie haben eine 18-jährige Tochter namens Rose.
INTERVIEW
Ich traf Rene Russo im Dolder Grand Hotel, anlässlich der Schweizer Premiere von „Nightcrawler“ am Zürich Filmfestival. Das Gespräch wurde 1:1 aufgeschrieben, wir hatten 20 Minuten Zeit.
Hi, mein Name ist Jelena. Schön dich kennen zu lernen. Ich bin Freelancerin.
Oh, hi Jelena! Bist du Schweizerin?
Ja und nein. Meine Eltern kommen aus Serbien.
Beautiful! Meine beste Freundin ist Serbin!
Wer ist sie? Vielleicht kenne ich sie?
Oh. (seufzt) Ihr Name war Lydia Mihajlovic. Unglücklicherweise habe ich sie vor zwei Tagen an Krebs verloren. Es ist schrecklich. Sie war erst 52 Jahre alt.
Mein Beileid. Das tut mir leid.
(lächelt) Jedenfalls waren ihre Eltern Serben, die nach Los Angeles auswanderten. Sie sprach fliessend Serbisch. Ich denke, dass alle Ex-Jugoslawinnen einfach wunderschön sind. Egal ob Kroatinnen, Bosnierinnen, Serbinnen. Aber auch Russinnen. Wunderschön. Gross und stark. Solch starke Frauen.
Warst du schon mal in Montenegro?
Leider nicht. Aber Lydia sagt mir immer „Venedig ist der Diamant des Meeres und Montenegro die Perle“. Ja. Ich muss sagen, die Bilder sehen AMAZING aus! Vielleicht geh ich eines Tages.
Kroatien ist wundervoll. Speziell für Segeltrips und andere Bootstrips.
Das ist genau was ich gehört habe. Die Leute brauchten eine Zeit lang um zu kapieren, wie schön die Region dort ist. Lydia sagte immer: „Geh, geh! Niemand ist dort, es ist wundervoll. Sie spricht fliessend Englisch. Man konnte nicht erahnen, dass sie Serbin ist. Perfekter amerikanischer Akzent. Und all ihre Freunde waren ausserordentlich wundervoll. Warmherzig.
Vielen Dank für die persönlichen Worte. Leider bin ich gezwungen noch Fragen zu stellen zum Film, sonst werde ich womöglich nie mehr an Interviews eingeladen.
Ok. Ja, klar.
Deine Rolle im Film Nightcrawler: Du spielst eine starke, karrieregeile Frau. Früher aber waren deine Rollen eher die der netten Freundin, stützende Ehefrau, etc. Wieso jetzt? Ist es was du nun auswählst oder ist es was Hollywood Frauen im fortgeschrittenen Alter zu bieten hat?
Es ist so: Meine Karriere begann als ich 33 war, was sowieso schon zu spät ist. Meine erste Rolle war in einer Comedy. Was ich überaus liebte. Ich denke, ich wäre in Komödien am besten gewesen. Leider gibt es aber nicht allzu viele Rollen in dem Segment. Dann kam „Leathal Weapon“ und alles veränderte sich. Von da an spielte ich nur fähige, starke Frauen. Wenn du dann mal in dieser Schiene bist, wollen dich die Leute halt dafür. Du wirst „typecast“ Ich wollte damals auch einfach das Geld. Ich wollte meiner Mutter ein Haus kaufen, mir ein Haus kaufen und fragte mich, was ich dafür tun muss. Ich war keine leidenschaftliche Schauspielerin. Wenn andere erzählen, dass sie ihren Traum leben denke ich: Wow. Ich wäre auch gerne so leidenschaftlich gewesen. Wäre ich leidenschaftlich gewesen, hätte ich independent Filme gemacht, die bessere Rollen bieten. Als ich dann Anspruchsvolles hätte spielen können, wollte ich nicht mehr. Ich wollte einfach genug Geld machen, meinen Frieden haben und im Garten arbeiten. Weil die Leidenschaft fehlte, bekam ich auch nicht die besten Rollen.
Nach einer längeren Pause bist du nun zurück. Was ist dein Ziel?
Ich bin jetzt zurück und nicht mehr auf das Geld angewiesen. Ich spielte meine Traumrolle in einem Film mit bloss 1. Millon Budget ohne Bezahlung. Er heisst „Frank and Cindy“. Ich spiele eine verrückte, alte Frau mit Zahnlücken und platinblondem langen Haar. Fantastische Rolle. Ich habe das noch nie gesagt, weil die Rollen nicht speziell waren aber hier muss ich sagen: I really kicked ass on this film! Ich weiss nicht, ob ihn jemals jemand sehen wird, aber ich hoffe es doch inständig wegen meiner Performance. Was noch kommt, weiss ich nicht. Wenn es Spass macht und herausfordernd ist, bin ich vielleicht dabei. Ich spiele keine Mütter, Ehefrauen oder Freundinnen mehr.
Trotzdem hast du dich nach der Modelkarriere, mit 33 dazu entschieden wieder ein Business auf deinem Äusseren aufzubauen. Rückblickend, würdest du den selben Weg gehen?
Na ja. Ich wurde in der 10. Klasse von der Schule geworfen. Dann ging es mit dem Modeln los. Das machte ich so 10,15 Jahre. Als das dann vorbei war, war ich etwa 30 und stand ohne Ausbildung da. Was hätte ich tun sollen? Es passierte einfach. Ein Mann, der meine Vaterfigur war, schubste mich da rein. Er überredete mich dazu weil er zweifellos an meine Fähigkeiten glaubte. Ich sagte „Nein, John. Ich will nicht mehr vor der Kamera stehen“. Doch er liess nicht locker. Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass ich viele Möglichkeiten hatte. Diese Türe öffnete sich einfach. Ich hatte nie davon geträumt Schauspielerin zu werden. Gar nicht.
Hast während deiner Laufbahn jemals unmoralische Angebote erhalten?
Hmmm. Man hört vieles über Ausbeutung. Aber mir ist da glücklicherweise noch nie etwas passiert. Ich bin auch eine, die sich immer gesagt hat: Mach da nicht mit. Ich bin halt ein Street Girl. Wenn du dich selbstbewusst und strikt gibst, kommen solche Angebote gar nicht erst. Das Gegenüber fühlt, dass man solche Mädchen nicht ausbeuten kann. Du hast das auch in dir. Ich sehe es.
Ach ja? (lache)
Ja. Eine bestimmte Stärke.
Danke. Das ist eines der besten Komplimente, die man mir machen kann. Wir sind halt Girls, die nicht wie im Bilderbuch aufgewachsen sind. Ich weiss was du meinst. Wir machen nicht jeden Scheiss mit.
Ganz genau. Es ist ein Dschungel dort draussen und man muss wissen, wie man sich präsentiert.
Was hasst du an Hollywood? Keine Angst, du kannst es mir sagen. Unsere Zeitung wird nur in der kleinen Schweiz gelesen. (lache)
(Lacht!) Genau! Ok! Hollywood ist ein Business. Ich sehe es deshalb auch so, auf eine realistische Art. Es kann mich nicht enttäuschen. Was ich aber wirklich hasse ist, dass solche Filme wie die von Danny, einfach nicht richtig loslegen können. Als er das Drehbuch vorlegte hiess es: Wir mögen das Ende nicht, wir mögen nicht, dass der Hauptcharakter nicht für seine Taten bestraft wird, blabla. Danny kam Nachhause und erzählte, was sie alles abändern wollen. Ich sagte: „Dann Danny, machst du den Film nicht!“ Die fehlende Kreativität und der Tunnelblick sind frustrierend. Schon oft haben wir die Korken knallen lassen und dann wurde doch nichts aus seinem Film.
Wie ist es eigentlich mit einem Schriftstellen zusammen zu leben? Mein Partner meint ich lebe in einer Fantasiewelt. Von der generellen Zerstreutheit wollen wir gar nicht erst anfangen.
Ja. Es ist hart. Danny lebt sogar ziemlich oft in seiner eigenen Welt. Wenn ich ihm sage, er solle Tomaten und Milch einkaufen, kommt er mit Orangen und 7up zurück. Er kann sich selbst nicht helfen. Früher haben wir deshalb gestritten. Aber ich verstand irgendwann, dass er so kreativ ist, dass er fast autistisch ist. Wie bei einem Kind, muss ich auf ihn aufpassen. Danny hast du gegessen? Hast du heute trainiert? Hast du den Termin vereinbart?
Wie ist es für ihn mit einer Schauspielerin zu leben?
Hmm. Positiv ist sicher, dass er bei mir Feedback zu seiner Arbeit einholen kann. Er nimmt mich so wie ich bin. Auch wenn ich temperamentvoll, meine Launen wechselhaft sind. Er geht gut damit um. Er ist nicht eifersüchtig. Oft wissen wir gar nicht, woran der andere gerade arbeitet, doch dann kommen wir wieder zusammen. Uns geht es seit 21 Jahren gut, weil er sein Leben hat und ich meines und dann haben wir noch das gemeinsame Leben. Wir konkurrieren nie. Wir wollten immer nur das Beste für den anderen.
Oh, ich höre, dass die Zeit um ist. Ich wünsche dir, dass wir deine Traumrolle sehen und uns bald selbst davon überzeugen können wie du abgeräumt hast.
Ohhhh ja. Ich hoffe es.
Viel Kraft für die Trauerbewältigung.
Danke dir.
Danke vielmals für das Gespräch. Alles, alles Gute!
Danke dir, Liebes.
Byeeee.
Bilder: Copyright Zürich Film Festival

