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NERVEN IM SÄUREBAD

Die Nacht hat mich verschluckt. Nun verdaut sie mich. Wie eine Boa Constrictor ein Mäuschen verdauen mag. So taucht sie meine Nerven in ihr Säurebad. Hätte ich doch nur… Könnte ich doch nur… Wäre ich doch nur… Meine Gedankengeisterbahn fährt genau auf jenen Abwegen, die wir – gemäss all’ jenen billigen Lebensratgebern dieser Welt – nicht beschreiten sollten. Doch billige Lebensratgeber sind für Tage gedacht. Nicht für schlaflose Nächte, geprägt von einer Unruhe, die auch mittels Whisky nicht gedämpft werden kann – oder mit dem guten alten Bromdiazepam.

Denn es handelt sich um eine existentielle Unruhe, die uns im Grundsatz fragt, warum eigentlich alles so ist – und nicht anders. Die fragt, woher wir kommen, wohin wir gehen, warum nicht einfach alles besser sein kann. Derart viel besser, wie wir es uns denken können. Aber nicht zu leben vermögen.

Dergestalt sind die Gedanken während einer schlaflosen Nacht. Eine Achterbahnfahrt. Und es ist nicht nur dein Hirn, das in der Dunkelheit in die Hyperbole geht. Auch der Körper macht mit.

Auf der linken Seite liegen? Nein, dann spüre ich mein Herz so intensiv – und das ist ohnehin schon wund genug. Auf der rechten Seite? Da drückt es so eigenartig auf meinen Rippenkasten, als wäre etwas unter den Rippen. Etwas, das wächst… Bin ich vielleicht schwer krank? Auf dem Bauch? Das geht nie! Da fühle ich mich wie ein Ertrinkender – und der Hals macht das nicht mit. Auf dem Rücken? Ja schon. Aber das ist im Moment die Position, die meine Gedanken-Achterbahn erst recht in Fahrt bringt…

Am liebsten hätte ich gerade gar keinen Körper. Am liebsten wäre ich ein leichter Hauch, der über den Dächern in der Dunkelheit schwebt – und sich dann Richtung Mond verflüchtigt.

Aber ich bin ein schwankendes Schiff. In einer stürmischen Nacht.

Probiere ich es halt mit Yoga. Schliesslich praktiziere ich das seit Jahren, als Teil meines thelemitischen Wegs. Also. Pranayama. Einatmen. Die Welt entsteht. Atem anhalten. Die Welt besteht. Ausatmen. Die Welt vergeht (kein Grund zur Aufregung übrigens). Einatmen…

Den Atem durch die Chakras leiten. Und nun das Mantra: „OM KRIM KALIKAYEI NAMAHA, OM…“ – Eine gewisse Wärme mach sich im Bauch breit.

Und plötzlich muss wieder einmal an meinen verschollenen Freund Jason denken, der vor 20 Jahren einfach verschwunden ist. In die Ungewissheit eingetreten ist. Er lebt bestimmt nicht mehr, das kann ja gar nicht sein. Es war eben doch ein Suizid… Umsichtig ausgeführt, wie es seinem Charakter entspricht, keine Spuren, keine Leiche. Aber hätte ich nicht…?

Verdammt. Schon wieder diese Geschichte. Ich habe mich doch mit den Unabwägbarkeiten des Universums versöhnt, nehme alles so, wie es halt ist, das habe ich mir doch ab meinem vierzigsten Lebensjahr angeeignet, vor elf Jahren bereits, unwiderruflich… Und jetzt: Einatmen. Ich bin aus dem Rhythmus geraten. Shit, wo ist das Mantra geblieben?

…und vor einigen Jahren. In Yangon. Nach jenem denkwürdigen Auftritt mit meinen seltsamen Liedern. In jenem Theater, das auf mich wie ein heimatlicher Hafen wirkte, obgleich ich der Fremde war. Dort hätte ich jene unglaubliche Lady doch fragen sollen, ob sie mich heiraten will. Ich glaube, dass sie ja gesagt hätte. Obwohl es der erste ganze Satz gewesen wäre, den ich in meinem Leben an sie gerichtet hätte. Denn vorher habe ich nur ein Wort zu ihr gesagt. „Hallo“. Und gleich im Anschluss einen unglaublichen magnetischen Sog verspürt. Im Herzen. Dessen Phantomschmerz mich noch heute verfolgt. Da war doch Vorsehung im Spiel. Aber ich war zu schwach… Doch wenn sie ja gesagt hätte, wäre mein ganzes Leben aus der Bahn geraten. Wäre das besser gewesen…?

Hätte ich doch nur… Könnte ich doch nur… Wäre ich doch nur…

Von Schlaf keine Rede…

Und morgen früh ist eine wichtige Sitzung. Auf dem städtischen Amt für städtische Ämter. Verdammt, da muss ich meinen Shit together haben.

„Come together/Right now/Over me…,“ plärrt es nun in meinem Kopf. Sind es die Beatles? Soeben waren sie es noch. Jetzt sind es die Meters… Jetzt die Bros. Johnson.. Fuck. Zur Version der Bros. würde ich gerne einmal eine ganz bestimmte Dame strippen sehen, ganz langsam, letztes Mal hat sie es ja spontan getan, in meiner guten Stube, zu „The Beat“. Per Zufall; einen gar drolligen SKA-Ausziehtanz. War zwar etwas hektisch, aber die Schwellkörper haben trotzdem mitgemacht. Obwohl die in meinem Alter manchmal launisch sein können…

Aber ja doch. Sex. Sex. Sex. Das ist die Lösung. Ich werde die Unruhe mit Kopfkino betäuben…

Ich stelle mir also Susie vor. Oder Lisa? Oder Haji? Als sie noch jung war? Oder die Lady aus Yangon? Wie hat die schon wieder genau ausgesehen? Nein, das sticht zu fest ins Herz. Lass Haji nehmen. Die kommt aus Filmen. Ist lange schon tot. Ein Geschöpf der Phantasie. Okay. Sie trägt ein Höschen und keinen BH. Oder soll sie einen BH tragen und kein Höschen? Nichts und schwarze Schnürstiefel? Oder weisse? Dann noch Strümpfe mit Hüftgürtel dazu? Wie sehen Strümpfe mit Hüftgürtel zu Schnürstiefeln schon wieder genau aus? Die Stiefel, die Stiefel, sie martern mein Hirn… Also sie strippt. Nein, sie tanzt hüllenlos. Oder hat sie ihn schon im…? Jetzt ist es plötzlich doch Lisa. Auch schön. Da weiss ich wenigstens genau, wie die nackt aussieht. Lisa in einem Netzbody. Jetzt dreht sie sich um. Gut. Ihre Kehrseite habe ich immer gemocht. Nun dreht sie sich wieder um. Und verwandelt sich unvermittelt und ungefragt in die Lady aus Yangon. Ein Stich ins Herz. Die Schwellkörper versagen.

Hätte ich doch nur… Könnte ich doch nur… Wäre ich doch nur…

Jetzt ist aber genug. Ich werfe meine schwere, allzuschwere Decke ab. Scheiss auf morgen. Scheiss auf die Sitzung. Ich rauche einige Zigaretten, starre zum Fenster raus. Plötzlich sind alle Hauswände da draussen aus Glas. Ich sehe die Menschen in ihren Wohnungen. Sehe sie schlafen. Sie schlafen fast alle. Nur dort – im Haus schräg gegenüber – liest ein Bub heimlich ein Comic-Heft. Mit einer Taschenlampe. Während seine Eltern in Morpheus Armen liegen. Und am Ende der Strasse, dort treibt es die Frau Müller mit ihrem Nachbarn, dem Theologen mit den Schnauz. 69. Immerhin. Hätte gar nicht gedacht, dass die so etwas machen.

Am Himmel leuchten die Sterne. Und der Mond lacht mich aus. Bald werden die Vögel einen neuen Tag ausrufen…

Aber ich sage Euch, wenn mir jetzt einer jenen ominösen Präsidentenkoffer bringen würde, der den berühmten roten Knopf enthält, mit dem man die Welt in die Luft sprengen kann…

…dann würde ich auf den Knopf drücken. Mit Anlauf. Und der ganzen trüben Affäre hier ein Ende bereiten! Ach du blöde Fantasie. Ich könnte stattdessen rausgehen. Ein bisschen spazieren, könnte das grosse Messer mitnehmen und das Klebeband. Vielleicht läuft mir ja etwas über den Weg…

Hätte ich doch nur… Könnte ich doch nur… Wäre ich doch nur…

– Komm. Hör auf. Leg Dich wieder hin. Und gut ist! Ich kapituliere. Lege mich hin. Lausche den Liedern der Vögel. Dann schlafe ich ein. 30 Minuten bevor der Wecker losdröhnt. Mein erster Gedanke: „Die Zeit vergeht. Glücklicherweise schnell. Schon bald bist du tot und begraben. Dann ist Ruhe.“

 

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Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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