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Das Kult-Essen durch die Augen von Wazlav, dem Knödel-Brot

Es war einmal ein Brot, das hiess Wazlav. Wazlav war kein Roggen-Bio-37-Korn-Brot. Er war auch kein Pumpernickel. Wazlav war ein ganz einfaches 1kg-Halbweiss-Brot und er lag im Supermarkt ganz unten auf dem Regal. Ab und an griff jemand nach Wazlav, merkte dann aber, dass er zu gross war und warf ihn gleich wieder hin. Wazlav sah den ganzen Tag nur Beine und Schuhe und fragte sich ab und zu, wie wohl der Rest dieser Menschen aussehen mochte.

Wazlav lag also da auf seinem Regal und träumte Grosses. Er wollte werden wie sein Grossvater, ein stolzes Weissbrot, das einst von einer Dame abgeholt worden und beim Chlausessen der Wandervögel Bachenbülach als Fonduemöcke verspiesen worden war. Aber nicht so Fertigmischungsfondue war das, neinnein, das war so richtiges Fondue vom Chäsmariili, das noch mit Maizena und Weisswein angemacht werden musste und jedes kleines bisschen/Bisschen von Wazlavs Grossvater war damals noch in ein Gläsli Krisch getünkelt worden, bevor es ein Bad im Edelkäse nahm und im Nirwana des ewigen Mundes verschwand.

Ja, so wollte Wazlav auch werden, doch es war mittlerweilen schon nach 18 Uhr und er wusste, es stand nicht gut um ihn. Wazlav wollte sich nicht vorstellen, was mit ihm passieren würde, wenn nach 20 Uhr die Türen geschlossen würden… Man hatte ihm erzählt, was dann käme. In eine Container würde man geschmissen, mit all den seltsamen Olivenbrötli und den eingebildeten Croissants. Und da läge man dann, weit weg vom Traum einer würdevollen Verspeisung. Stattdessen verbrächte man die Nacht im Freien, manchmal im Regen. Wenn man Glück habe, gäbe es gerade Proteste gegen Lebensmittelverschwendung und man werde von verlausten jungen Leuten geklaut. Meist aber werde man am nächsten Morgen ganz früh abtransportiert und mit ganz vielen anderen Lebensmitteln auf einen Haufen geschmissen und dem Fäuletod überlassen. Böse Welt!

Wazlav schauderte bei dem Gedanken und er wurde traurig. Würde es so mit ihm zu Ende gehen?

Doch da, aus heiterem Himmel, griff um exakt 19.13 Uhr ein junger Mann nach ihm – doch er warf ihn nicht zurück auf seinen alten Platz. Im Gegenteil. Wazlav durfte zu oberst im Wägeli mitfahren. Er liess sich den Wind um den Laib pfeifen und jubelte (leider hört man nicht, wenn Brote jubeln, sonst wärs jeden Tag ein richtiger Saumais im Migros, ich schwör).

Wazlav ging dann auf eine Reise und landete in einer grossen Küche, wo man ihn in Milch einlegte. Das fand er super. Wie im Spa. Er wurde geknetet und gerollt und angebraten und quietschte vor Vergnügen.

Am Ende ladete er als Knödel auf einem langen Tisch mit vielen lustigen Menschen. Kult hiess das, was er da antraf. Die sprachen über lustige Sachen und machten bunte Getränke in sich hinein, wodurch sie immer lustiger wurden.

Wazlav verdrückte ein paar Tränen des Glücks. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er die Heldengeschichte seines Grossvaters noch würde übertreffen können. Und doch lag er nun da, angebraten, schmackhaft und von allen geliebt, er, der übergewichtige Halbweisse.

Ja, an Weihnachten werden halt eben doch noch Wunder war.

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Yonni Meyer

Autor: Yonni Meyer

Yonni Meyer (*1982) wuchs dort auf, wo’s mehr Kühe als Menschen gibt. Und das war gut so. Kantonsschule in der Nordschweizer Provinz (Hopp Schafuuse). Studium im Welschland (Sprachen und Psychologie). Umzug an die Zürcher Langstrasse 2011. Seither konstant kulturgeschockt. Ende Juli 2013 Geburt des Facebook-Blogs „Pony M.“
September 2013 Einstieg bei KULT. Ab 2014 Aufbruch in die freelancerische Text-Landschaft der Schweiz. Meyer mag Blues. Meyer mag Kalifornien. Meyer mag Igel. Meyer mag Menschen. Manchmal.

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