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Im Krieg und an Weihnachten ist alles erlaubt

Wer sich mit über einem Dutzend Satiriker an einen Tisch gesellt, muss sich warm anziehen. Spätestens nach dem dritten Glas Wein ist der Rubikon überschritten und man befindet sich inmitten eines Kreuzfeuers gnadenlos knatternder Textgewehre.

Nun sitze ich da, spähe mein Gegenüber aus und stärke mich präventiv mit von Trüffeln bedeckter Salami.  Mit Christian Platz zu meiner Linken flankiert mich ein Stratege, der seine Worte mit Bedacht wählt, einer der sich auch im brutalsten Kugelhagel erst mal eine Zigarette drehen und einen differenzierten Schlachtplan zurechtlegen würde. Gegenüber blicke ich auf Jelena Keller, David Hugentobler, Alex Flach und David Cappellini. Kenne deinen Gegner, hat mich schon mein Grossvater gelehrt.  Mit einem Happen warmem Ziegenkäse im Mund analysiere ich nun also die potentiellen Rollen meiner Redaktionskollegen im zunehmend unruhigeren Konfliktgebiet in Form einer festlich geschmückten Tafel.

Cappellini ist der Typ Mann, dessen Schlagkraft nur noch von seinem spitzbübischen Charme übertroffen wird. Ich kenne ihn seit Jahren. Wir funktionieren gut. Ich nominiere ihn gedanklich als potentiellen Allianzpartner, wenn der erste Stein fliegen sollte. Alex Flach bildet die schwerer kalkulierbare Variable meiner Überlegungen. Je nach Tagesform hat er einen dickeren Pelz als ein ausgewachsener Silberrücken-Gorilla. Aber nicht nur Zoologen wissen: Fühlt sich ein friedfertiger Riese in die Enge gedrängt, kann’s gefährlich werden. Ruhe bewahren, Isler. Abwarten. Weiter zu Hugentobler: Etablierter und intelligenter Schriftsteller. Risikobehaftet. Wir kennen uns kaum. Die Chancen, dass er sich nach Kriegsausbruch mit mir verbündet, liegen bei 50 Prozent. Sollte er sich im verfeindeten Lager aufstellen, hilft nur ein vorlauter Blitzkrieg. Gebe ich ihm zu viel Zeit, ist er mir wohl überlegen. Intellektueller Literat auf 12 Uhr. Leicht verunsichert bringe ich meine Geschütze in Gefechtsstellung. Rechts aussen lauert Jelena Keller als einzige Frau in unserer Ecke. Man muss nicht Soziologie studiert haben, um zu erahnen, dass sie unfreiwillig aber todsicher der Grund sein wird für den ersten Schuss im mittlerweile brühwarmen Krisenherd.

Danach geht alles ganz schnell. In mir nicht mehr nachvollziehbarem Kontext fällt aus Cappellinis Mund das Wort „Nutte“.  Späher Hugentobler sieht seine Chance gekommen und leitet die vulgäre Granate in inhaltlich verfälschter Flugbahn an Jelena weiter, um sie gegen Cappellini aufzustacheln. Cappellini betitelte nicht (wie von Hugentobler behauptet) Jelena als Professionelle und verdient deshalb volle Rückendeckung. Entladen, Feuer! Hugentobler’s Plan ging nach hinten los. Von den Waffen einer angegriffenen Frau und dem Kugelhagel aus dem Lauf des explosiven Duos Isler/Cappellini schwer getroffen, wirft sich Hugentobler in den Schützengraben. Verzweifelt sucht er zuerst in Alex Flach und dann (ausgerechnet!) in Jelena Keller einen Verbündeten. Wie ein aufgescheuchter Deserteur rennt er – mit nichts als einer erkalteten Fackel in der Hand – zwischen den geschlossenen Fronten hin und her.

Gerade als die Luft zum schneiden dick wird, kommt der unerwartete Auftritt von UNO-Blauhelm Alex Flach: Nein, Mr. Nightlife versucht nicht Frieden zu stiften, sondern schafft es mit nur zwei Sätzen das Kreuzfeuer der gesammten Truppen zum schweigen zu bringen. Aus unerfindlichen Gründen pfeffert der unfreiwillige Schlichter folgende Anekdote aus seiner Kindheit in die Runde: „Wisst ihr wie unsere drei Katzen in den 70er-Jahren geheissen haben? Tigerli, Schneeflocke und Neger.“ Isler und Cappellini fallen prustend aus der Gefechtsstation, Keller ist so verwundert dass sie alles vorangehende vergisst und Hugentobler, der Fuchs, kann den schwarzen Peter wortwörtlich und mit einem breiten Grinsen im Gesicht an Flach weiterleiten.

*Anm. der Redaktion: In den 70er-Jahren war „Neger“ nicht als negativ konnotiertes oder rassistisches Wort zu verstehen. Deshalb und weil Alex Flach in etwa so viel Rassist ist wie Kim Jong Un ein Verfechter der direkten Demokratie, mögen hiermit übereifrige Kritiker gleich präventiv ruhiggestellt werden. Wer den Konflikt dennoch sucht, für den halten wir aber gerne einen Stuhl am Kult-Weihnachtessen 2015 frei. 

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Kaspar Isler

Autor: Kaspar Isler

Lebt in Zürich. Kommuniziert gerne. Beruflich wie privat. Schreibt aus Überzeugung. Und für Geld. Vorzugsweise kombiniert. Ist Agenturinhaber. Produziert Inhalte. Texte, Fotos und Videos. Vorzugsweise kombiniert. Nutzt und versteht neue Medien. Hat ein grosses Netzwerk. Virtuell wie real. Findet das grossartig. Meistens zumindest. Sucht den Sinn. Mitunter im Sinnlosen. Ist meistens Realist. Manchmal Tagträumer. Ist überzeugt von sich. Und vielen anderen. Toleriert grundsätzlich alle. Ausser sie tolerieren andere nicht.

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