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Mein Abend am Kultessen. NOT.

Freunde, ich kann nicht kommen, ich hab Besseres zu tun. So meldete ich mich natürlich nicht vom Kultessen in der Forelle Blau (*Name geändert, aber der Red. bekannt. Ich geb mich doch nicht für billige Schleichwerbung her? Da muss schon zuerst Kohle rüber wachsen.) ab, denn dann hätte Sir Kuhn wie beim letzten Mal wieder diesen Ex-Mossad-Typen angerufen, der sich in der Schweiz „zur Ruhe gesetzt“ hat (die Anführungszeichen bitte visuell mit zwei Zeigefinger-Bewegungen vorstellen) und nur gelegentlich unserem Chef ein paar Gefälligkeiten erweist in ewiger Dankbarkeit an die Kult-Partys im Roxy und Carlton aus der Zeit, als Kult noch (bewundernd) über Nutten und Koks schrieb. Der „Aussteiger“ wäre dann wieder mit seinem fensterlosen schwarzen Van vorgefahren und seine beiden Schlägertypen – Ex-Mitglieder von OMON – hätten mir wieder einen schwarzen Sack über den Kopf gestülpt, mich in den Van gestossen, mir ein paar Elektroschocks verpasst und mich dann doch zum Abendessen gebracht. Wo mich dann Rainer ernst angesehen hätte wie Don Corleone, um dann mit Bedauern heiser zu nuscheln, dass wir eine „famiglia“ seien und ich der verlorene Sohn, der vom rechten Pfad der Schreibtugend abgefallen sei, bla bla laber laber. Und das den ganzen Abend lang!

Eben, genau das wollte ich diesmal vermeiden und habe darum einen geschäftlichen Terminkonflikt vorgeschoben. In Tat und Wahrheit hatte ich tatsächlich Besseres zu tun. Und Leute, die Story ist so unglaublich, ich MUSS sie euch erzählen:

Ich habe da diesen Freund, dessen Namen ich zu seinem Schutz für mich behalten muss. Der ist vor Jahren nach Hollywood ausgewandert. Immer wieder schrieb er mir oder rief mich an und erzählte, mit welchem Superstar er gerade wieder abgestürzt sei oder mit welchem Starlet er gerade wieder eine heisse Affäre am Laufen habe. Jedenfalls hatte er sich nach langer Zeit wieder gemeldet und mich gefragt, ob ich Lust hätte, mit Jeffrey Jacob Abrams zu Abend zu essen, der sein neues Projekt produzieren wolle. Hallo – J.J. Abrams ?? Das ist, als wärst Du DJ der Nachmittagsdisco im Jugendzentrum Buchenegg und ein Freund Dir anbietet, mit Hardwell etwas Clubhopping zu machen. Oder – falls Du auf Autos stehst – mit Lewis Hamilton eine Spritztour in einem SLS AMG über Gotthard, Nufenen und Grimsel. Oder – falls Du eher der romantische Typ bit – mit Scarlett Johansson nacktwandern. Und damit nicht noch genug: „Ich freue mich, dir dann auch meine neue Freundin Eva vorzustellen.“ Er hat mir dann ein Bild geschickt. Es war nicht irgendeine Eva – nein, sondern Eva Miss Latinomännertraum Mendes. „Scheisse Mann, Du hast es geschafft!“ rief ich lachend aus, als ich das Bild auf meinem Handy sah (die anderen in der Kirche haben zwar ganz schön blöd gekuckt – der Rest der Abdankung war dann aber noch ganz rührend verlaufen).

Der einzige Haken an dieser Einladung: das Essen fand in Benidorm in der Nähe von Alicante statt. Ich musste also einen Flug nach Spanien buchen. Okay, die Aussicht auf 19 Grad und blauen Himmel hat mich dann nicht wirklich davon abgeschreckt. Ausserdem würde er mir das Ticket zurückerstatten. Am liebsten in Euro – denn er hatte noch ein Konto in Spanien und müsse dringend das Geld ausgeben. Daher soll ich auch noch gleich seinen Flug vorschiessen – er wolle auf das Konto nicht aus den USA heraus zugreifen und so das IRS auf ihn aufmerksam machen. Er hat mich dann auch gebeten, das Restaurant auf meinen Namen zu reservieren. Man wolle ja nicht unnötig Aufsehen erregen.

Als ich dann, nervös und zu früh, bereits am dritten Cüpli nippte, kam dann mein Freund X endlich. Allein. „Wo ist Abrams?“ fragte ich nach der Begrüssung ungeduldig. Verlegen konnte er mir fast nicht in die Augen schauen. „Ach, das ist jetzt wirklich doof gelaufen. Es gab Verzögerungen beim Dreh des neuen Star Trek Films und er wurde ultrakurzfristig auf dem Filmset in St. Barth gebraucht.“ Ich war geschockt. „Ja und deine Freundin Eva? Ist sie wenigstens da?“ Nun wurde sein Blick traurig. „Sie hat Schluss mit mir gemacht.“ – „Nein – wieso?“ – „Sie hat einen andern!!“ – „Nein, wen?“ – „Keine Ahnung, das will sie mir erst sagen, wenn sie aus St. Barth zurück ist“ – „Ach, sie ist auch dort?“ – „Warum sagst Du ‚auch‘..? Oh. Ach so.“ Sein Blick wurde noch trauriger. „Tut mir leid, dass Du für nix hierher geflogen bist“, meinte er mit weinerlicher Stimme. „Ach, was heisst schon für nix? Dafür hab ich dich wieder mal gesehen!“ versuchte ich meine riesengrosse Enttäuschung zu überspielen. Etwas wie ein Lächeln schimmerte kurz um seine Lippen herum. „Aber kannst Du mir noch wenigstens mein Geld geben?“ fragte ich doch recht unsensibel (naja, ich war schon recht paralysiert). „Ouh, Du stell dir vor – die Filiale meiner Bank hat über die Wintermonate hier geschlossen! Schon ziemlich doof: da hast Du 200‘000 Euro auf der Bank – und kommst nicht ran! Könntest Du mir das Hotel auch noch vorschiessen?“ Ich blickte ihn an, Tausend Gedanken und Emotionen jagten durch meinen Kopf und Körper. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag und Wut erfasste meinen Körper – richtig heftige, brachiale Wut. Ich tat das einzige, was man in dieser Situation tun konnte: ich nahm ihn in meine Arme, drückte ihn und sagte: „Oh Mann, Du bist schon der allergrösste Pechvogel, den ich kenne. Karma is such a bitch to you! Aber klar helfe ich Dir, dazu sind ja Freunde da. Und den Betrag rechne ich einfach zu den anderen 37‘432 Franken hinzu, die sich in den letzten 20 Jahren angehäuft haben.“ – „Danke!“ sagte er, klopfte mir vergnügt auf die Schultern, schnappte sich die Karte und fragte fröhlich: „Und was gibt’s zu essen? Ich habe nämlich Hunger! Oh schau mal, sie haben Loup de Mer in Salzkruste!“ Ich liebe diesen Typen. Wie kann man nur vom Schicksal derart sodomisiert werden – und das dann so schnell wegstecken? Was hab ich für ein Glück, dass meine Freunde mich nicht verarschen…

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Autor: Henrik Petro

In den 90ern prägte Henrik als Moderator von Sputnik TV trotz seines Ostschweizer Dialektes die Erinnerungen der Partyjugend bis heute. Während mehrere Jahre war er Chefredaktor des gleichnamigen Magazins. Später schrieb er fürs Fernsehen (u.a. Chefautor von Dieter Moor und Rob Spence, eine Folge der SitCom "Fertig Luschtig") und produzierte auch (u.a. 150 Folgen von "Der Scharmör"). Er war die ersten Jahre von Radio Street Parade Musikchef und war dann später einige Jahre Autojournalist.

Arbeitet heute hauptberuflich als Frauenversteher, aber da er von seinen Freundinnen, BFFs, Kolleginnen und wem er sonst noch sein epiliertes Ohr leiht, kein Geld dafür verlangen kann, dass sie ihm ihre Männerprobleme in allen Details schildern, arbeitet er zusätzlich noch gegen Entgelt als Chefredaktor in einem Fachverlag. Damit sein Hirn unter dieser Belastung (und wegen Handy-Antennen) nicht explodiert oder eine Selbstlobotomie durchführt (was ihm zwar die Aufmerksamkeit von Gunter von Hagen garantieren und somit zur Unsterblichkeit verhelfen würde), schreibt er Kolumnen für kult. Am liebsten über menschliche Begegnungen. Oder überhaupt über Menschen. Oder darüber, was Menschen so tun. Oder getan haben. Oder tun könnten. Oder sagen. Oder gesagt haben. Oder sagen könnten.

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