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NICHTS MEHR WIE VORHER

Alle Rechnungen sind bezahlt. Der Rest reicht gerade noch für die Feiertage. Für die frohen späten Dezembertage. Mit ihren Speckpolstern. Sowie all dieser heiligen, heimlichen, ja dieser heimeligen Unzucht. Eben. Bis hin zum Jahresende reicht es noch. Und dann, das ist klar, werden alle Mauern einstürzen. Mit Karacho. Nichts wird mehr wie vorher sein.

Tod oder Verwandlung, lautet die Devise.

Jenseits des Jahresendes warten die Piratenschiffe auf neue hemmungslose Freibeuterinnen und Freibeuter, die darauf brennen, anzuheuern, auf hoher See Raub und Mord zu tätigen. Jenseits des Jahresendes wartet der fliegende Holländer auf todesmutige Passagiere. Jenseits des Jahresendes wartet Vlad Dracula auf die Vampirdamen und Vampirherren der Zukunft, die sich seinen exklusiven blutsaugenden Zirkeln der Nacht anschliessen möchten.

Jenseits des Jahresendes beginnt die Anderswelt!

Doch zunächst musste die Zeit vor dem 24. Dezember ausgehalten, ja erlitten werden. Bis dann endlich die ausgelassenen Feiertage angebrochen waren. Jene sagenhaften, in ihrer gloriosen Herrlichkeit ach so endlos wirkenden Feiertage; mit Schokolade, Fleischtöpfen, Champagner, Drogen, exotischer Reizwäsche von „Trashy Lingerie“ – und einem Prosit auf das Jesuskind. Jawohl, bis unmittelbar vor Kreuznachten drehte sich das Hamsterrad des Trübsals, welches wir heute leider Leben heissen müssen, umso schneller, umso unerbittlicher…

Und ein dichter Nebel aus toten Gefühlen senkt sich über dunkle Wintergemüter. Doch am Ende des Tunnels flackert das Kerzenlicht, flackert jener wunderbare weih-nächtliche Schein, in dem jeder Arsch etwas besser aussieht.

Und die Titten gleich noch dazu…

Das letzte Jahr war ja wieder mal nichts besonders. Nichts hat uns wirklich aus den Socken gehauen. Nichts hat uns wirklich zu einer existenziellen Wende getrieben. Kein Wind ist in unsere Segel gefahren, hat uns in unbekannte Länder gebracht, die uns zu ganz neuen Menschen geformt hätten. Das Schloss Silling hat seine Türen wieder einmal nicht für uns geöffnet, auf dass wir alle in einen ewig-währenden Taumel der Lüste hätten eintreten können…

Vielmehr sind wir ganz die Alten geblieben, die sich selber kennen, bis in die tiefsten Tiefen hinein, sich selbst bis zum Ekel, bis zum Erbrechen vertraut sind.

Vielmehr sind wir ganz und gar die guten alten Alten geblieben, mit unseren Lebenslügen, unseren Fickgeheimnissen, unseren fatalen, analen, hochgradig sakralen Fantasien, unseren Anliegen, Wünschen, Anmassungen. Verweilend im Teufelskreis der Hoffungen und Enttäuschungen, vom Engagement zur Niederlage, vom Vertrauen zur Enttäuschung, vom Liebestaumel zum Herzensbruch.

Wie Kreisel drehen wir uns in unserer eigenen Hölle, schmoren wir im eigenen Saft…

…bis wir derart weichgekocht sind, dass unser Fleisch von den müden Knochen fällt. Wie braunes Laub von Bäumen zu fallen pflegt…

Wohl haben wir allerlei ausprobiert, haben hier ein Treffen angestossen, eine Diskussion angerissen, eine Meinung zum Ausdruck gebracht, ein Projekt auf den Weg geschickt, dort Haltung und Flagge gezeigt, hier einen kleinen Exzess veranstaltet, dort drüben ein bisschen am Käfig gerüttelt. Und all das Mineralwasser, der Alkohol, die Zuckerstangen und Honigtöpfe, das Lecken, das Blasen, das Kranksein, die Genesung, das Leben und Sterben. Kleine Sachen halt.

Man muss schon eine ausgewachsene Psychotikerin, ein ausgekochter Psychotiker sein, um solchen Verhältnissen irgendwelche aufregenden Dimensionen abzuringen!

Den Rahmen haben wir in diesem Jahr eben wieder nicht gesprengt. Auch befinden wir uns keineswegs auf jungfräulichem Territorium. Und von neuen Dimensionen kann schon gar nicht die Rede sein!

Doch diesmal wird es sich anders entwickeln!!! Nach dem Jahresende werden wir in die sagenumwobene Zwielicht-Zone eintreten, werden wir das Unfassbare erleben, werden die UFOs landen. Und ein Zeichen wird am Nachhimmel aufleuchten, das die ganze Welt verzaubert, verändert, tranzendiert! Auf einen Schlag. Und wir werden keine Rechungen mehr bezahlen, keine Fronarbeit mehr leisten, keine Tränen mehr vergiessen müssen, nur noch Sekret und Sperma, die allerdings keine Nachkommen mehr zeugen helfen. Sondern süsse, fleischige, safttriefende Lichtkuchen!

Wir werden eintauchen. In eine Ekstase, die keinen Anfang und kein Ende kennt. Dies im Land, wo Milch und Honig fliessen. Wahrlich. Nach dem Jahresende wird nichts mehr sein wie vorher. Verwandlung oder Tod, lautet die Devise. Lasst es uns locker angehen. Zu verlieren haben wir ja nichts!

Hinter dem Spiegel wartet ein besseres Leben. Lasst und den Sprung wagen. Fürchtet euch nicht! Vor den Scherben. Und wie das liebgewonnene Sprichwort sagt: „Dem Satan sei’s getrommelt und gepfiffen!“

 

 

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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