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Das Flirt-Paradoxon

Frauen im Ausgang sind selten einem guten Flirt abgeneigt – das gilt nicht nur für Single-Ladies. Gut kann stilvoll heissen, kultiviert, souverän, sexy oder manchmal auch witzig. Worauf sie nicht stehen, sind Typen, die sie nur anglotzen, aber keinen Move machen oder erst nach Stunden, wenn sie sich so viel Mut angetrunken haben, dass ihre müde Zunge keinen geraden Satz mehr formulieren kann (ausser vielleicht ein halbherziges, flaches Kompliment), was die Hoffnung auf befriedigenden Cunnilingus sofort beerdigt. Neeext!. Dabei ist es viel einfacher, als man(n) denkt: das Wichtigste ist, das richtige Zeitfenster zu erwischen, dann muss man irgendwie ein Gespräch anfangen und wenn die Chemie stimmt, flutscht es wie Pingu die Bobbahn runter. Beim Zeitfenster gilt: je länger man(n) wartet, umso schlechter. In Standard-Flirt-Bibeln steht, dass eine interessierte Frau zwei Mal Augenkontakt sucht. Wenn der Mann dann nicht raschestmöglichst einen Eröffnungszug spielt, ist die Partie bereits verloren, bevor die Figuren richtig aufgestellt sind. Was andernorts schon schwierig ist, erfährt in Zürich noch eine Steigerung: hier suchen die Frauen nur einmal Augenkontakt. That’s it. Wenn Du dann nicht schnallst, dass gerade Miss Universum dir die Möglichkeit gegeben hat, mit ihr in einem silbernen 550 RS Spyder in den Sonnenuntergang zu reiten, bist Du eh nicht der Richtige.

So, und genau hier kommt das Flirt-Paradoxon ins Spiel. Das Problem ist nämlich, dass bei diesem Spiel nur die Männer eine Chance erhalten, ein paar Züge mitzuspielen, die gutes Flirten beherrschen; die also unerschrocken, ohne gross nachzudenken und gechillt eine feindosierte Offensive wagen. (Und auch nur jene Frauen, die einen solchen Zug auf Augenhöhe parieren können – denn sonst verliert der versierte Jäger subito jegliches Interesse, das über ihre Brüste hinaus geht.) Gutes Flirten lernt man nur mit viel Übung, denn das soziokulturelle Terrain hat einen wesentlichen Einfluss. Was in Winterthur funktioniert, muss nicht in Luzern klappen. Also braucht es immer eine Warmlauf-Phase, um die lokalen Gegebenheiten und Regeln zu verstehen und anwenden zu können.

Klar, manchen wird es in die Wiege gelegt, aber auch bei jenen kommt gutes, beeindruckendes Flirten erst mit der Routine. Je mehr man flirtet und je mehr Übung man bekommt, umso sicherer wird man – aber – und hier liegt die Krux begraben – um so mehr steigen gleichzeitig mit den Erfolgserlebnissen auch die Ansprüche an die potenzielle Partnerin/den potenziellen Partner – man beginnt, sich für jemand noch besseren in dieser Nacht aufzusparen und legt sich nicht fest. Zudem macht das Flirten per se je länger je mehr Spass; die so freigesetzten neuen exogenen Energien werden als immer lustvoller empfunden – denn nichts schmeichelt dem Ego mehr als die Gewissheit, dass man gut ankommt und Chancen hätte – und das erst noch mit geringerer Verletzungsgefahr, als wenn man sich tatsächlich auf jemanden einlässt. Hinzu kommt, dass wenn man eine solche Chance wahrnimmt und alles auf diese Karte setzt, gibt man dafür alle anderen Chancen auf. Und damit auch alle anderen potenziellen neuen Energiezufuhren. Bin ich bereit dafür? „Wenn Mr. oder Miss Right kommt, dann schon“, lautet eine beliebte Antwort. „Aber bis dahin geniesse ich mein Leben und flirte weiter – weil es ja so schön ist, mir gut und niemandem weh tut.“ Und um in der Übung zu bleiben. Das Paradoxon könnte dann entsprechend ausformuliert lauten: „Je mehr und geübter ich flirte, um jemanden zu finden, umso unwichtiger wird das ursprüngliche Ziel, jemanden zu finden.“

Das führt zur absurden Situation, dass die Profi-Flirter an Partys die interessanten Single-Frauen gleich zu Beginn in Beschlag nehmen, sie stundenlang umgarnen und sie somit für ernsthafte andere Interessenten blockieren, die sich zwar inzwischen ausreichend Mut angetrunken haben, aber kein einziges Zeitfenster aufbekommen. So haben am Ende des Abends die einen sehr interessante, schmeichelnde Menschen kennengelernt, die dann doch nichts von ihnen wollen (ausser ihr Ego aufzutanken), während die anderen mit durchaus ernsthafteren Absichten gar nicht erst eine Chance hatten, sie kennenzulernen. Eine (individuell umzusetzende) Lösungsmöglichkeit wäre, affirmativer zu werden, also den Verklemmten, weniger Mutigen oder Eloquenten eine zweite (oder nur schon mal eine erste) Chance zu geben. Aber aus der Art, wie ein Gegenüber auf uns eingeht, implizieren wir (ob berechtigt oder nicht), wie dieser Mensch uns auch auf der sexuellen Ebene behandeln würde. Und die Aussicht auf verklemmten, langweiligen Sex ist einfach nicht sexy, sorry. Und so sehen wir gegen Ende der Party unzählige Frauen im Foyer sitzen und ihre Handys checken, ob inzwischen nicht doch noch ein Booty-Call eingegangen ist von jenem Typen, der zwar nur Sex will, aber immerhin ehrlich, versaut und vor allem bekannt. So wäre der nicht zu vermeidende Kater am folgenden Tag wenigstens nicht umsonst gewesen.

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Autor: Henrik Petro

In den 90ern prägte Henrik als Moderator von Sputnik TV trotz seines Ostschweizer Dialektes die Erinnerungen der Partyjugend bis heute. Während mehrere Jahre war er Chefredaktor des gleichnamigen Magazins. Später schrieb er fürs Fernsehen (u.a. Chefautor von Dieter Moor und Rob Spence, eine Folge der SitCom "Fertig Luschtig") und produzierte auch (u.a. 150 Folgen von "Der Scharmör"). Er war die ersten Jahre von Radio Street Parade Musikchef und war dann später einige Jahre Autojournalist.

Arbeitet heute hauptberuflich als Frauenversteher, aber da er von seinen Freundinnen, BFFs, Kolleginnen und wem er sonst noch sein epiliertes Ohr leiht, kein Geld dafür verlangen kann, dass sie ihm ihre Männerprobleme in allen Details schildern, arbeitet er zusätzlich noch gegen Entgelt als Chefredaktor in einem Fachverlag. Damit sein Hirn unter dieser Belastung (und wegen Handy-Antennen) nicht explodiert oder eine Selbstlobotomie durchführt (was ihm zwar die Aufmerksamkeit von Gunter von Hagen garantieren und somit zur Unsterblichkeit verhelfen würde), schreibt er Kolumnen für kult. Am liebsten über menschliche Begegnungen. Oder überhaupt über Menschen. Oder darüber, was Menschen so tun. Oder getan haben. Oder tun könnten. Oder sagen. Oder gesagt haben. Oder sagen könnten.

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