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Satire, die (Substantiv, feminin)

Derzeit wird viel über Satire diskutiert. Womöglich so viel und intensiv wie nie zuvor. Und wo diskutiert wird, da wird interpretiert – und wo interpretiert wird, da entstehen Unschärfen und Unklarheiten, und daraus wiederum erwachsen Unwahrheiten. Und Unwahrheiten verbreiten sich schnell. Bevor diese Unwahrheiten als Wahrheiten übernommen werden, gilt es, Unrechtes aufzudecken und richtigzustellen. Eine aktuelle Unwahrheit behauptet: «Satire darf alles. Ausser…«

Richtig ist: Satire ist kein Bäumchen, an dem jeder dasjenige Blättchen abzupfen darf, welches ihm nicht gefällt. Um anschliessend, wenn keine Blättchen mehr übrig sind, Ästchen abzubrechen, dann die Äste abzureissen, schliesslich den Stamm bis zum Strunk zurückzusägen und zu guter Letzt auch noch diesen mitsamt den Wurzeln ausreissen, weil einer darüberstolpern könnte. Nein: Satire kennt keine Grenzen, hält sich nicht an Gesetze, überspringt Hürden und rennt Barrieren nieder. Sie setzt sich über Normen hinweg, hält die Mächtigen zum Narren und jedem und allem einen Spiegel vor. Vielleicht ist die überspitzt geäusserte Kritik zum Lachen, vielleicht zum Weinen, sie lässt aber auf jeden Fall niemanden kalt und rüttelt auf. Sie darf alles, die Satire. ALLES. Wenn man sie zu zerpflücken beginnt, sie mittels Ethik- und Moralkäule in Zwangsjacken prügelt, dann hat man sie verraten, dann zerrinnt sie wie Sand in der Hand und zerplatzt in der Luft, wie eine Seifenblase, die man einzufangen und in einen Käfig zu sperren versucht.

Satire muss nicht lustig sein
Satire darf – muss im Gegenzug aber nicht alles. Zum Beispiel um jeden Preis witzig sein. Denn sie ist nicht (wie vielfach fälschlich angenommen) Komik, Klamauk, Schabernack oder lauer Witz. Sie ist Hohn mit Gehalt, sie ist Schalk mit Hintergrund, sie ist Spott mit Ursache, sie speit Galle und spuckt Gift. Und der, den es betrifft, der ist nicht selten verletzt und gekränkt, aber ganz bestimmt getroffen. Vielleicht trägt ers mit Würde, vielleicht erträgt ers nicht. Aber die Satire schont grundsätzlich nichts und sie verschont keinen, auch nicht denjenigen, der am Boden liegt. Aber insbesondere zielt sie auf den auf seinem hohen Ross, der glaubt, der Mächtigste und gar unverwundbar zu sein. Der Speerstoss in seine Seite belehrt ihn eines Besseren. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Satire, wenn man es erst recht macht.

Satire ist eine Kunst, sie ist ein Tanz, ein Instrument, das man nicht einfach so leicht beherrscht. Virtuoses Kochen mit präzisen Prisen von Kritik, Didaktik, Polemik, gespickt mit einem gewissen Unterhaltungswert. Sie ist einem in die Wiege gelegt, und die Fähigkeit, mit ihr umzugehen, wächst mit dem Geist und dem Charakter – so man Glück hat und ein Quäntchen Verstand. Das Handwerk der Satire zu erlernen, ist praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Es besteht denn auch die Verlockung, unbedarfte, feige, missbilligende, populistische und rassistische Äusserungen hinter einer Satiremaske zu verstecken. Das ist verwerflich und hat nichts mit der beschriebenen Kunstform der Kritikäusserung zu tun. Meist wird der Betreffende aber rasch entlarvt. Spätestens dann, wenn man seine Gesinnung, sein Umfeld und seine Geschichte näher betrachtet.

Darf sich Satire auch kritisch mit einem delikaten Thema wie der Religion auseinandersetzen? Wer die bisherigen Zeilen aufmerksam gelesen hat, kennt die Antwort bereits: Selbstverständlich darf sie das. Muss sie sogar. Und hat sie bereits über die vergangenen Jahrhunderte, ja Jahrtausende getan. Seit der frühen Antike, bei den Griechen, den Römern und später im Mittelalter, während der Renaissance und der Reformation kam jeweils keine Obrigkeit ungeschoren davon, damit auch nicht Glaubensvertreter: Der Papst blieb genau so wenig verschont, wie die Kirche als Ganzes. Die Satire ist auch hier die Macht von Wort und Bild, welche keine Waffen und Gewalt benötigt für einen treffenden Angriff auf das vermeintlich Unangreifbare.

Eine zentrale Frage, welche sich bei dieser uneingeschränkten Freiheit unweigerlich stellt: Muss alles geschrieben, gesagt und dargestellt werden, was prinzipiell geschrieben, gesagt und dargestellt werden darf? Verschiedene Kulturen reagieren unterschiedlich auf Kritik an ihren Gepflogenheiten, Regierungen, Religionen und Eigenheiten, jedes Land hat Gesetze und Rahmenbedingungen geschaffen, um einen allgemeinen Frieden aufrechtzuerhalten und ihn zu schützen, sowohl gegen aussen, wie auch gegen innen. Ob ein Satiriker gewillt ist, mit den Konsequenzen für seine Äusserungen zu leben, muss er für sich selber entscheiden, schliesslich zwingt ihn niemand, Kritik anzubringen. Ausser sein unbändiger Drang, Missstände aufzudecken. Bestrafungen können vielfältig ausfallen, sind regional unterschiedlich und abhängig von der Diskrepanz zwischen seinen Aussagen und der Auslegung der Gesetze. Nie und unter keinen Umständen tolerierbar ist allerdings, dass er mit der Gefährdung von Leib und Leben rechnen muss. Nicht heute und nicht morgen. Geschliffenem Wort und Bild begegnet man auf Augenhöhe und nicht mit Waffengewalt.

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Autor: Pete Stiefel

Pete konnte pfeifen, bevor er der gesprochenen Sprache mächtig war – und an seinem ersten Schultag bereits schreiben. Trotzdem ist er da noch einige Jahre hingegangen. Danach schrieb und fotografierte er fürs Forecast Magazin, für Zürichs erstes Partyfoto-Portal stiefel.li, fürs 20 Minuten, MUSIQ, Q-Times, Party News, WORD Magazine, war Chefredaktor vom Heftli, lancierte das Usgang.ch Onlinemagazin – und er textete für Kilchspergers und von Rohrs Late Night Show Black’N’Blond und Giaccobo/Müller. Er trägt (vermutlich) keine Schuld daran, dass es die meisten dieser Formate mittlerweile nicht mehr gibt.

Irgendwann dazwischen gründete er in einer freien Minute seine eigene Kommunikationsagentur reihe13, die seit nunmehr 13 Jahren besteht. Er ist mittlerweile in seiner zweiten Lebenshälfte, Mitinhaber vom Interior Design Laden Harrison Spirit, schreibt für seinen Blog Living Room Hero und Pointen für Giacobbo / Müller und jetzt auf dem Planeten Kult gelandet. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für Pete.

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