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Öffentliche Selfiebefriedigung

Die Autorin postet grundsätzlich nur Bilder mit Hut und Sonnenbrille. Das schützt vor Eitelkeit.

Wenn Frauen anderen Frauen ihre Schönheit nicht gönnen, zeugt das von niederen Instinkten. Zivilisierte Wesen sollten darüber stehen, so dachte ich immer. ich habe es immer gehasst, wenn eine Freundin sich über eine Schauspielerin, Sängerin, Model aufregte, bei jeder Gelegenheit betonte, was für eine blöde Kuh das ist. Ich dachte mir immer, dass diese Freundin doch gar nicht wissen können, wie blöd die betreffende wirklich ist. Und dass mir nichts anderes auffällt, als dass sie eben wahnsinnig gut aussieht.  Nicht so wie wir, obschon wir natürlich auch ganz fesche Mädels sind. Aber eben keine Supermodels/Sängerinnen/Schauspielerinnen.

Damals gab es noch kein Facebook. Aber heute schon und inzwischen kenne ich diese Empfindung auch. Sie überfällt mich nicht angesichts von Schauspielerinnen/Sängerinnen/Models, sondern bei schönen Frauen, die sich an ihrer eigenen Schönheit erfreuen, indem sie fleissig Selfies von sich posten. Weil sie nunmal so wahnsinnig gut aussehen und das dann auch bestätigt bekommen mit: Bella! So schööööööön! Und <3

Bin ich neidisch auf diese Frauen? Definitiv. Nicht nur auf ihre Schönheit, sondern auf die Unverfrorenheit, sie so zur Schau zu stellen und sich dafür feiern zu lassen. Gerade wenn man zu den Schönen gehört, hat diese Eitelkeit für mich etwas Obszönes. Gerade von den Schönen erwarte ich in meinem verqueren Wertsystem Bescheidenheit. Es sei denn, sie verdienen Geld mit ihrem Aussehen Geld, dann habe ich wieder kein Problem. Und ich weiss, dass dies ganz und gar verkackte und verklemmte moralische Instinkte sind, aber ich werde sie nicht los.

Denn das habe ich gelernt: Bescheidenheit ist eine Zier. Den nur bedingt Schönen, beziehungsweise nicht so fotogenen Frauen, verzeihe ich sofort, wenn sie Bilder posten, auf denen sie gut aussehen. Die müssen schliesslich etwas beweisen. Aber die verdammten Beauty-Queens? Denen nehme ich es übel. Für jemanden wie mich, die es vermeidet zum Friseur zu gehen weil ich es nicht aushalte, mich so lange im Spiegel anzuschauen – nicht weil ich etwas nicht selbstverliebt wäre, sondern weil galoppierende Eitelkeit in meinem Elternhaus verpönt war – für jemanden wie mich also hat das etwas Anstössiges. Es ist wie öffentliche Selbstbefriedigung, also Selfiebefriedigung. Als ob man zugeben würde, dass man die eigenen Fürze ganz gerne riecht. Als ob man in der Öffentlichkeit herumschnüffeln würde und sagen: Riecht ihr es auch? Dieses Aroma, wunderbar.

Der nächste Schritt ist dann nämlich der Selbstekel davor, den Frauen ihre öffentliche Selbstbefriedigung nicht zu gönnen. Dass ich wie Fräulein Rottenmeier denke: Die übertreibt es jetzt. Jede zweite Woche das Profilbild ändern, okay. Aber hat sie es wirklich nötig, jeden zweiten Tag angesabbert zu werden? Und dann schäme ich mich dafür, dass ich es ihnen nicht gönnen mag, nur weil ich es selber doch auch möchte aber mich dafür zu sehr schäme. Und am Schluss schäme ich mich auch für meine Scham und schalte Facebook aus, um noch ein bisschen zu arbeiten. Wir sind schliesslich nicht zum Spass hier.

Kann man eigentlich noch protestantischer funktionieren? Wahrscheinlich. Ich gehe jetzt ins stille Kämmerlein und arbeite an mir, damit ich auch diesen Neid loswerde. Aber stopp, erst noch ein Selfie. Vielleicht sehe ich zur Abwechslung mal gut aus.

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Autor: Michèle Binswanger

Michèle Binswanger ist auf dem Land aufgewachsen und liebte Pferde. Dann studierte sie Philosophie und wäre fast Philosophin geworden. Aber weil ihre Kommilitonen immer so aussahen, als wären sie Jahre unabgestaubt im Schrank gestanden, erschien ihr das zu unglamourös. Also wurde sie Journalistin. Das ist zwar auch nicht viel glamouröser, aber der Job machte Spass. Die Phrasen, die sie in ihrem Job am häufigsten hört, sind: „Das ist aber mutig“. Und: „Ich bin zwar nicht immer gleicher Meinung, aber schreiben kannst du.“ Das würde sie auch unterschreiben.

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