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False Flag

„Was genau ist eigentlich ein Terrorist?“ fragte Rainer Kuhn in seiner letzten Kolumne und brachte mit seinem Text selbst mich zum Nachdenken, den Prototypen eines unkritischen, autoritäts- und mediengläubigen, von belanglosen TV-Shows, Newsformaten und Serien sedierten Durchschnittsbürgers.

Was oder wer ein Terrorist ist, bleibt wohl immer auch eine Frage der Perspektive. Wenn Terroristen als eine kleine Gruppe innerhalb einer grossen Gruppe angesehen werden können, die sich nicht dem Mainstream unterordnet, die sich nicht kritik- und vor allem kampflos den Way of Life, die Werte und die Regeln der dominierenden Gruppenmitglieder aufzwingen lassen will, sich nicht bedingungslos unterordnen kann und die eigene Identität wenn nötig nicht ohne Blutvergiessen (im übertragenen Sinn) verteidigen wird – ist dann nicht die Schweiz das Problemkind in diesem Melodrama der Finanzkrise, also der Terrorist innerhalb der EU?

Wie nehme ich selbst unsere Schweiz wahr inmitten des wirtschaftlichen Horrorszenarios der uns umgebenden EU? Wir haben die tiefste Arbeitslosigkeit (erst recht bei der Jugend), wir haben konkurrenzlos tiefe Steuern bei gleichzeitig funktionierendem Sozialsystem, wir haben überdurchschnittlich hohe Durchschnitts- und Mindesteinkommen, wir können über alle wichtigen Dinge abstimmen (die Umsetzung scheitert meist nur am internationalen, also übergestülptem Recht), wir sind friedfertig und haben doch Nationalstolz, wir zeigen tagtäglich, wie Multikulti funktionieren kann (sicher mit Verbesserungspotenzial, aber jetzt mal über den Kamm geschert), wir kennen kaum Korruption, die Schweiz steht für Chancengleichheit (zumindest im Ansatz), die Schweiz ist attraktiv für hervorragend ausgebildete Immigranten und (bis vor kurzem) für Steuerflüchtlinge, also für menschliches und monetäres Kapital aus der EU.

Warum also sollen wir Terroristen sein? Warum sind wir ein widerhakenbespickter Spiess im entzündeten Brüsseler Hämorrhoiden-Hintern? Nicht einfach nur, weil wir mit unserem System erfolgreich sind. Sondern weil wir es mitten in Europa sind, ohne Mitglied der EU zu sein und ohne den Euro als Landeswährung zu haben. Wir sind das verhöhnende Bildnis ihres Misserfolges. Wir sind sozusagen Charlie, eine Provokation, ein Schlag ins Gesicht, ein Sakrileg, Blasphemie. Wir müssen darum weg!

Nur: uns kann man zwar abhören und überwachen, aber nicht verhaften, nicht wegsperren, nicht nach Guantanamo ausfliegen. Man muss uns an Ort und Stelle besiegen. Mit unseren eigenen Waffen. Man muss uns folglich an unserem eigenen Erfolg krepieren lassen.

Wie könnte man das tun? Nun zum Beispiel durch beständige Ankäufe in hohen Mengen den Schweizer Franken so stark werden lassen, dass der exportorientierten Wirtschaft ein Milliarden Tonnen schwerer Knüppel zwischen die Beine geworfen wird, so dass sie unweigerlich grausam auf die Schnauze knallen muss – und sich nicht mehr erheben kann. Gleichzeitig würden die Bewohner der Schweiz mit plötzlich massiv erhöhter Kaufkraft die Grenzen stürmen und auf EU Gebiet den Konsum im betäubenden Kaufrausch in nie gekanntem Ausmass ankurbeln, während der heimische Detailhandel massive Einbussen verkraften muss. Wenn zwischen Euro und Franken Parität geschaffenen würde, oder noch besser, der Euro auf den Stand fällt, den die gute alte D-Mark hatte, bliebe der Schweiz wenig Spielraum. Kurzfristig würden Löhne und Preise auf EU-Niveau heruntergeschraubt, längerfristig bliebe aber kaum etwas anderes übrig, als den Euro zu übernehmen, um global wirtschaftlich noch irgendeine Rolle zu spielen, aber vor allem, um nicht Pleite zu gehen. Dann könnte die Übernahme des Euro natürlich an Bedingungen geknüpft werden, wie der Eintritt als Vollmitglied in die EU – natürlich bestätigt durch eine rechtmässige Volksabstimmung, die aufgrund der dramatisch zusammengebrochenen Wirtschaft nur noch pro forma durchgewunken würde.

Es wäre natürlich ein gewagter, langwieriger und teurer Masterplan. Man müsste in einer ersten Grossoffensive das Bankensystem schwächen, allem voran das Bankgeheimnis aufbrechen – das Rückgrat der Währungs- und Export-unabhängigen Wirtschaft. Und dann müsste man Geduld haben. Irgendwann würde die Schweizer Nationalbank ihre Geldpolitik nicht mehr aufrechterhalten können oder wollen. Und dann ganz von sich aus den Mindestkurs aufheben. Das würde man der Öffentlichkeit jedenfalls so verkaufen. Und sie würde es glauben. Wer dann kritische Fragen stellt, würde eh zu den „schlechten Verlierern“ gehören. Ausserdem wäre der Mist schon geführt. Und der erste Krieg auf europäischem Boden ohne einen abgefeuerten Schuss gewonnen.

Aber zum Glück ist das nur eine absurde, nicht zu Ende gedachte Verschwörungstheorie eines Spinners, wie viele andere auch…

http://de.wikipedia.org/wiki/Falsche_Flagge

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Henrik Petro

Autor: Henrik Petro

In den 90ern prägte Henrik als Moderator von Sputnik TV trotz seines Ostschweizer Dialektes die Erinnerungen der Partyjugend bis heute. Während mehrere Jahre war er Chefredaktor des gleichnamigen Magazins. Später schrieb er fürs Fernsehen (u.a. Chefautor von Dieter Moor und Rob Spence, eine Folge der SitCom "Fertig Luschtig") und produzierte auch (u.a. 150 Folgen von "Der Scharmör"). Er war die ersten Jahre von Radio Street Parade Musikchef und war dann später einige Jahre Autojournalist.

Arbeitet heute hauptberuflich als Frauenversteher, aber da er von seinen Freundinnen, BFFs, Kolleginnen und wem er sonst noch sein epiliertes Ohr leiht, kein Geld dafür verlangen kann, dass sie ihm ihre Männerprobleme in allen Details schildern, arbeitet er zusätzlich noch gegen Entgelt als Chefredaktor in einem Fachverlag. Damit sein Hirn unter dieser Belastung (und wegen Handy-Antennen) nicht explodiert oder eine Selbstlobotomie durchführt (was ihm zwar die Aufmerksamkeit von Gunter von Hagen garantieren und somit zur Unsterblichkeit verhelfen würde), schreibt er Kolumnen für kult. Am liebsten über menschliche Begegnungen. Oder überhaupt über Menschen. Oder darüber, was Menschen so tun. Oder getan haben. Oder tun könnten. Oder sagen. Oder gesagt haben. Oder sagen könnten.

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