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ICH WÄRE JA SO GERNE DABEI GEWESEN

Ich wäre ja gerne vor einer Stunde dabei gewesen, als die Party noch getobt hat. Nicht erst jetzt, wo nur noch einige Masken der Müdigkeit schlaff in den Seilen hängen, beinahe schon träumend, von einem Fest ohne Ende, das es in der Zone unserer harten irdischen Realitäten niemals geben wird.

Ich wäre ja gerne gestern dabei gewesen, als frische Ideen das Licht der Welt erblickt haben, gezeugt von einer inspirierten Runde, die den Diamanten mühelos mit der Perle gekreuzt hat, die Arbeit als puren Spass erleben durfte, von geflügelten Gedanken und Engelszungen befeuert. Nicht erst jetzt, wo es darum geht, diese Ideen in der grauen Welt der Zahlen zu verankern, die Gedanken in Budgetziffern zu kleiden, die Inspiration auf jenen trockenen und soliden Boden zu bringen, auf dem man ein Haus bauen kann, unter Aufwendung von Schweiss und Tränen.

Ich wäre ja gerne letzte Woche dabei gewesen, als das Wetter warm war und das Licht hell, eine frohe Stimmung jene alte Stadt erfasste, in der ich normalerweise lebe, und deshalb viele Beschlüsse zustande gekommen sind, die ich so gerne mit gefällt hätte. Nicht erst jetzt, wo die Wolken wieder wie eine Betondecke am Himmel über uns hängen, der Regen in Strömen fällt, der ganze Tag mit einem Licht leben muss, das normalerweise den späten Abend kennzeichnet, gleich bevor die Nacht kommt, und ich unter fremden Beschlüssen wirken und weben muss, als blosser Ausführender, der im Vorfeld keinerlei Einfluss nehmen konnte, keine Meinung einbringen durfte.

Ich wäre ja gerne letzten Monat dabei gewesen, als die Mittel geflossen sind und sogleich unter allen Anwesenden gerecht verteilt wurden, in einem seltenen Exzess obrigkeitlicher Spendierfreudigkeit, als Hochkonjunktur herrschte, ja Goldgräberstimmung, jene Karten, die Macht und Einfluss bedeuten, neu gemischt worden sind. Nicht erst jetzt, wo ich mich mit den Brosamen begnügen muss, welche jenen, die dabei gewesen sind, vom reich gedeckten Tisch fallen, ich mir nun blutend und schuftend einen kleinen Bruchteil des damals so grosszügig Verteilten sichern muss, dies erst noch in permanenter Abhängigkeit von den anderen, die an der Quelle waren – und glauben Sie mir, man lässt mich diese Abhängigkeit schmerzhaft spüren.

Ich wäre ja gerne letztes Jahr dabei gewesen, als ein allgemeines Sabbatical ausgerufen worden ist, die Anwesenden zwölf freie Monate geniessen durften, in denen sie sich erholen, neue Kräfte schöpfen, ihre Kreativität ausleben konnten, ja, das milde Licht der Freizeit hat die alte Stadt beschienen, während ich in der Fremde weilte, in einem mordsmässig anstrengenden Land. Nicht erst jetzt, wo desto härter gearbeitet wird, wo noch früher als jemals zuvor aufgestanden, auch am Wochenende durch-gewerkt wird, alle mit frischen Kräften zur Tat schreiten, ausser mir, weil ich das Sabbatical verpasst habe, als einziger, und deshalb müde bin, mich mit letzter Kraft zu jenem unerbittlichen Werkhof schleife, der wahrscheinlich den Schauplatz meines verfrühten Ablebens abgeben wird.

Ich wäre ja so gerne vor hundert Jahren dabei gewesen, als die historischen Felder bestellt, als grundlegende Realitäten geschaffen, entscheidende historischen Richtlinien gelegt wurden, in einer fiebrigen Mischung aus froher Hoffnung und blutigem Chaos, vor der Atombombe, vor dem Holocaust, vor dem Ozonloch, vor der digitalen Revolution, vor der so genannten Globalisierung. Nicht erst jetzt, wo ich mit den bitteren Konsequenzen leben muss, die sich aus diesen Richtlinien ergeben, in einer Welt, deren Horizont immer enger, die von multinationalen Kotzernen regiert wird, in der kaum mehr Grauzonen oder Nischen bestehen, in denen Unkraut wie ich gedeihen könnte, in der alles stetig optimiert wird, derart, dass die Apokalypse als einzige Antwort übrig bleibt.

Ich wäre ja so gerne vor tausend Jahren dabei gewesen, als Leif Eriksson mit seinem Schiff an Amerikas Gestaden angelegt, ebendort noch kein Immigration Officer auf ihn gewartet hat, als Heinrich II. in Rom von Papst Benedikt VIII. zum Kaiser gekrönt wurde, als im Walde noch die fröhlichen Räuberbanden Urstände feierten, als das Zigeunerleben noch lustig war, das Wasser noch wie Moselwein getrunken werden konnte, als deutlich weniger als 500 Millionen Menschen auf dem blauen Planeten gelebt haben, die Besiedlung dieser Welt noch dünn, die Natur intakt, die Luft noch rein waren. Nicht erst jetzt, wo bald jeder Quadratmeter zugebaut ist, wo sich die Leute gegenseitig auf den Füssen rumtrampeln, wo Smog und vergiftete Luft uns alle krank machen, wo während jeder Sekunde, die verfliesst,  eine Tierart ausstirbt – und das gesamte Wasser dieser Erde bald einem Monsterkonzern gehören wird.

Ich wäre ja sooooooo gerne am ersten Tag dabei gewesen, als im Anfang jenes Wort stand, das bei Gott war, so gerne hätte ich damals auch (m)ein Wörtchen dazu beigesteuert…

Aber ach: Ich bin leider immer das entscheidende bisschen zu spät gekommen. Sonst wäre alles anders gelaufen, das kann ich Euch garantieren.

Morgen, ja morgen könnte ich endlich dabei sein, morgen könnte ich den Unterschied machen – und ganz beträchtlich würde sich dieser ausnehmen!

Doch morgen wird es leider zu spät sein, morgen geht diese Welt in die Binsen und das Menschengeschlecht kollektiv über den Jordan, ich selbst nicht ausgenommen. Dann werde ich halt dabei sein müssen, wenn die ganze Kacke den Bach runter schwimmt und kein Wort, keine Tat mehr etwas daran ändern könnten.

Meine Schuld wird dies nicht sein.

Denn ich war ja nie anwesend, wenn die entscheidenden Weichen gestellt worden sind. (Ich bin mir übrigens sicher, dass Ihr dies mit Absicht so arrangiert habt!)

Euer Pech!

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Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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