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Vom ewigen Glück (und der ewigen Liebe)

Foto: Elena Helfrecht / Selbstporträt

Momo Kapor, mein liebster serbischer Schriftsteller brachte mich mit diesem alten Sprichwort aus Georgien zum Nachdenken:

„Möchtest du einen Tag lang glücklich sein, dann betrinke dich. Möchtest du ein Jahr lang glücklich sein, dann verliebe dich in eine schöne Frau. Doch möchtest du dein ganzes Leben lang glücklich sein, dann trinke guten Wein mit guten, alten Freunden.“

Das Erleben vom ewigem Glück (und ewiger Liebe) ist wohl eines unserer grössten Bestreben, solange wir auf dieser Erde existieren. Und wahrscheinlich noch darüber hinaus. Es soll möglichst dauerhaft sein, uns Höhenflüge, gar kribbelige, unruhige Tage bescheren, uns schlaflos und konfus werden lassen, ein Dauerlächeln aufs Gesicht zaubern – nur damit es dann wieder verschwinden kann. Das Glück zieht lachend davon, weil es weiss, dass wir uns nichts sehnlicher wünschen, als es in gewohnter Form wieder zu finden… Uns daran festzuklammern, jedes Mal grosser Hoffnung, es möge diesmal länger bleiben. Das Glück ist sich seiner Macht und Exklusivität wohl bewusst, denn es weiss, wie die schöne Frau im Sprichwort, dass es nur dann kostbar und aufregend ist, wenn es nicht ständig zur Verfügung steht.
Ist es nicht mit allem so? Können wir nur lieben, was selten ist? Wieso können wir dann tagelang mit Freunden Wein trinken und ihrer nie überdrüssig werden? Ist etwas sicher und repetitiv, interessiert es uns schnell nicht mehr. Mit gewöhnlichen Freunden schlafen wir nicht, somit ist da etwas weniger, das uns verleiden könnte – und doch funktionieren wir in unserer Rolle mit jedem Einzelnen von ihnen immer wieder und über Jahre gleich. Eigentlich suchen wir uns Freunde aus, die ähnlich sind wie wir, was uns noch schneller langweilen müsste. Doch das tut es nicht, weil wir sie immer wieder aufs Neue zu schätzen wissen. Was bei der schönen Frau wohl nicht so ist. Sie vermag unser Interesse nicht langfristig fesseln, weil wir sie oberflächlich ausgesucht haben. Zu Beginn einer platonischen Freundschaft allerdings, suchen wir nach etwas, das uns verbindet, Gemeinsamkeiten, Ansichten, Humor. Dann akzeptieren wir unsere Freunde im besten Fall so wie sie sind und vor allem: erwarten wir nicht, dass sie unser Leben gänzlich erfüllen. Sie sollen es bereichern, anregen, mal aufregen und erhellen, doch niemals vollständig ausfüllen. Erst wenn wir an die Freundschaft eine utopische, von Idealvorstellungen geprägte Erwartung hegen, erst dann kann sie uns enttäuschen. Genau dann, wenn wir uns von Freunden wünschen, dass sie unser Leben besser machen, vermögen sie es nicht zu tun. So verhält es sich auch mit der Liebe. Erwarten wir zu viel von ihr, so lässt sie uns traurig zurück. Unser verworrenes Idealbild, von Medien, dem Umfeld geprägt, erwartet von der Liebe etwas, das sie gar nie zu erreichen vermag. Sie soll ewiges Glück bringen, ewige Romantik, ewige Höhenflieger aus uns formen, immer für uns da sein, damit wir uns an ihr festklammern können. Wie machen wir uns doch abhängig von unserer eigenen Vorstellung! Wie unglücklich! Wie uninteressant! Wie fern wir doch dem Jetzt sind, ständig auf der Suche nach etwas Besserem! Bei Freunden allerdings, da wissen wir, dass wir selbst zum Gelingen von langjährigen, immer wiederkehrenden glückseligen Momenten genauso viel dazu beitragen müssen.

Will man das ewige Glück ent- und sich er-mächtigen, so blickt man nicht in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft, schon gar nicht in die Märchenwelt im eigenen Kopf. Man blickt auf sein Gegenüber und findet das Glück immer wieder zwischendurch in seinem Handeln, in seinem Anblick, in seiner Art, seiner Eigenheit, seiner Schwäche. Man blickt wohlgesinnt auf den unumgänglichen Alltag. So bestimmen wir letztendlich ganz und gar selbst, wann das rare Glück in Form von Schmetterlingen in unserem Bauch Einzug halten darf. Vielleicht bliebe die schöne Frau im Sprichwort für immer wunderschön, erinnerte man sich bloss daran, wie man sie zu Beginn ansah. Vielleicht bliebe sie auch nach einem Jahr wunderschön, gäbe man sich mühe ihre Eigenheiten hinter der Fassade zu entdecken.

Wollen wir vom Glück, also einem für uns idealen, nicht existenten Gebilde oder von kurzlebigen Höhenflügen bestimmen lassen (Emotionales Glück) oder bestimmen wir selbst und definieren genau jetzt, sehr realitätsbezogen, mit den Ressourcen, die uns gerade zur Verfügung stehen, was Glück überhaupt ist (Wohlbefinden)? Ist es ein auf dem Sofa sitzen und eine gute Sendung sehen, ist es ein wohlschmeckender Wein, ein Lachen des Gegenübers, nackte Füsse auf dem weichen Teppich, die schönen, nicht mehr so neuen Schuhe, ein spannendes Projekt, ein Kuchenstück, die schöne Wohnung, der langjährige Partner, die manchmal unausstehlichen Kinder? War es diesen Dingen schon einmal möglich, uns das Glück herbeizurufen, wieso sollten wir es selbst beim Anblick genau dieser Dinge nicht wieder zurückholen können? Was möglich war, kann immer wiederkommen – wir müssen uns nur Zeit nehmen, es mit offenen Augen, offenem Herzen und offener Seele anzusehen. Genauso wie wir es mit Freunden tun.

Des eigenen Glückes Schmied sein bedeutet wohl nichts anderes als, sich das Glück in gewöhnlichen Momenten mit voller Aufmerksamkeit selbst herbeirufen zu können.


 

 

Foto: Elena Helfrecht, Selbstporträt / www.elenahelfrecht.com

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Autor: Jelena Keller

Jelena ist von Beruf Journalistin und Sprachlehrerin, Schweizerin serbischer Abstammung. Sie mag lange Texte und langes Grübeln. Sie hat sich daran gewöhnt zu viel zu denken und zu wenig zu schlafen. Wenn sie gar kein Auge zumachen konnte sieht sie die Welt nüchtern und in einem Grauton. Wenn sie ausgeschlafen hat, wandert sie mit ihrem Hund auf grüne Berge, durch bunte Blumenwiesen und rosa Weizenfelder. Schreibt auch mal Gedichte und Kurzgeschichten, reist am liebsten um die Welt und probiert Neues aus. Sie meint tatsächlich, dass sich alle Probleme lösen liessen, wenn man sich nur ab und zu in die Lage des Gegenübers versetzen könnte. Walk in my shoes und so. Trotzdem versteht sie manche Menschen nicht. Die, die sich vor dem Leben und dem Tod fürchten und andere verurteilen. Aber von den meisten anderen denkt sie, sie seien alle Freunde, die sie bloss noch nicht kennengelernt hat.

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