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Gut abgehangen

Die Festtage hatten wiedermal ganze Arbeit geleistet. Mein Hüftspeck prangte an den Lovehandles, als wäre es sein Auftrag endlich überhängend zu werden. Höchste Zeit, meine schwindende Muskulatur mal wieder mit einem brachialen Milchsäureeinschuss zu brüskieren. „Im Januar eine TRX-Lektion besuchen“, lautete mein Maso-Task zum Jahresbeginn. TRX bedeutet „Schlingentraining“. Es wurde von zwei norwegischen Physiotherapeuten entwickelt und hat sich bei den US Navy Seals als Trainingsmethode etabliert. Na also, das klingt doch hart genug, um mir die Grütze in die verstopften Arterien schiessen zu lassen.

Noch etwas verschlafen, aber immerhin frisch geduscht, schlurfte ich am Samstagvormittag in den INDIGO Fitnessclub Zürich. Ich hatte mich für eine TRX-Stunde bei Aidan O’Neil eingeschrieben. Aidan ist ein weiterer lebender Beweis dafür, dass ein Mann in meinem Alter noch ein reichlich straffes Muskelkostüm tragen kann. Tja, mit MEINEM Lebenswandel sähe Aidan auch  nicht so aus – aber lassen wir das. Er trug zehn dieser Schlingen über seinen Schultern und forderte uns auf ihm in die gute Folterstube zu folgen.

Da drin hatte gerade ein Boxtraining statt gefunden und es roch auch so. Etwa fünf nassgeschwitzte Möchtegern-Klitschkos, waren kühn genug, ohne Pause, zu unserer TRX-Lektion dazuzustossen. Plötzlich waren wir mehr als zehn Personen und Aidan war gezwungen zu improvisieren. Er unterteilte uns in eine Boden- und eine Lufttruppe. Ich landete in der Bodentruppe und holte mit meinen Genossen Trainingsmatten. Die anderen verteilten sich um das Gerüst, an welchem eben diese zehn ominösen TRX-Bänder befestigt waren. Das ganze hatte eine gewisse Guantanamo-meets-Kinderspielplatz-Romantik.

Aidan erklärte jeweils dem Bodentrupp die Übungen, danach den TRXlern. In der Halbzeit sollte gewechselte werden. Meine Hoffnung, dass das Training für die untere Kaste etwas lockerer sei, bestätigte sich nicht. Wir quälten uns durch Liegestütze, Knie-an-die-Ohren-Zieher und eine stolze Sammlung Rumpfbeugen. Mein Rumpf liess sich nur schwer biegen und schickte ein paar Grüsse aus der Festtagsküche, wenn sie wissen was ich meine.

Die fünf Teilnehmer der vorhergehenden Box-Session hatten sich alle deutlich überlupft und machten einer nach dem anderen schlapp. Wie Muhammed Ali im Mädchenpensionat, klopften sie Sprüche um ihre mangelnde Kondition zu überspielen. Das nervte leicht. Doch Aidan war die Gelassenheit in Person. Er liess sich nicht beirren und rief uns alle auf, die Seiten zu wechseln.

Endlich durfte ich auch mal ans Spielplatz-Gerüst. Die Boxnieten nutzten die Gelegenheit und machten einen französischen Abgang. Endlich kehrte etwas Ruhe ein. Jetzt blieben nur noch eine Hand voll Frauen, Aidan und ich übrig. Ich witterte meine Chance, endlich mal als Klassenbester zu glänzen. Aidan motivierte mich, in dem er mir ein Bier versprach – falls ich alle Exersices sauber bringen würde. Damit triggerte er bei mir das Motto: „Eiserner Wille für ein paar Promille“.

Bei der ersten Übung packten wir die TRX-Handles, liessen uns nach hinten hängen, machten zwei Schritte nach vorn und streckten den Körper durch. So mussten wir uns jetzt hochziehen. Erst glaubt man, die einfachste Übung der Welt zu machen, aber nach drei Wiederholungen fängt alles an zu zittern und aus einer Minute wird plötzlich eine Ewigkeit. Auf meiner, eh schon glänzenden, Stirn wurde der automatische Schweissperlenalarm ausgelöst. Danach machten wir das Selbe in grün, nämlich umgekehrt. Das heisst, Liegestütze in der Schräglage mit zwei unstabilen Auflage-Punkten. Auch hier wieder, nach exakt drei Wiederholungen brach die Hölle über mir zusammen. Wie lange kann eine Minute dauern? Wie weit lässt mich Gott heute gehen, nur um ein Bierchen trinken zu können? Weit, liebe Gemeinde, sehr weit.

In der ganzen Countdown-Zählerei lieferte ich mir ein Battle mit einer durchtrainierten Blondine, die mir offensichtlich den Titel als Klassenbester streitig machen wollte. Im Augenwinkel sah ich bei jeder Übung, wie sie versuchte meine Pace mitzuhalten. Sie schaute mir nie in die Augen doch es war völlig klar, dass wir hier ein Duell am laufen hatten.

Aidan zwang uns jetzt an den Schlingen in die Hocke zu gehen und bei jedem zweiten Push-up hoch-  und gleichzeitig nach hinten zu jumpen. Klingt jetzt etwas kompliziert, war es auch. Das brauchte schon etwas Koordination. Und nach zehn Jahren Rookie-Daseins brachte ich hier schon etwas an Erfahrung mit. Kurz: Die Blondine strauchelte und kippte immer wieder nach vorne weg. Das sah lustig aus und brachte sie aus dem Trott. Mein leises Lachen wurde getrübt durch den Geschmack von Eisen im Gaumen. So schmeckt also aufkeimender Triumpf – bittersüss. Als wir zum Schluss die TRX-Schlingen ganz lang machten und unsere Füsse einhängten, machte ich bei diesen Hardcore-Exercices mit durchgestrecktem Körper endlich die bessere Figur – natürlich nicht bildlich gesprochen. Yeah, Klassen-Champion und ein gratis Bierchen! Das nenne ich doch einen gelungenen Start ins neue Jahr.

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Midi Gottet

Autor: Midi Gottet

Midi Gottet ist 47 und war in diesem Leben schon Vegetarier, Alkoholiker, ein militanter Nichtraucher, Zauberkünstler in Vegas, Handmodel in Paris, Velokurier in Manhatten, Vater, Sohn und Heiliger Geist, vor Gericht wegen Verletzung religiöser Gefühle, im Knast, Sozialfall, die linke Hand von Rainer Kuhn, Stand-up Comedian, Präzisions-Schauspieler, Eden-TV-Moderator, Kolumnist, Autor, Poet, ein Singing Pinguin, ein schwules Murmeltier, Dr. Fleischmann, der DRS3-Rajiv, die Thomy-Senftube, der Schöpfer von "Handirr im Poulet speutzt", Ehemann, glücklich geschieden, eine Sportskanone, ein wenig impotent, ein Electric-Boogie-Tänzer, labil, ein Triebtäter, ein Erdengel, ein Schutzengel, ein Fussfetischist, ein Muttersöhnchen, ein Coop-Supercard-dabei-Haber, Götti, Onkel, Tante, das "Ich bin das ich bin", ein Orgasmusvortäuscher, betrieben, hoch verschuldet, tief verletzt, stinkreich, ein bornierter Snob, abgefuckt, demütig, reumütig, übermütig, übermüdet, klinisch tot, wieder wie neu, ein Drittel des Trio Eden, die Hälfte von Gottet & Landolt und ein Ganzes von Midi Gottet und somit die Summe seiner Höheren Selbste.

Danke für ihre Aufmerksamkeit.
(Wenn sie sich die Zeit genommen haben, diese Bio bis hierher zu lesen, haben sie kein Leben)

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