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Unglückstag. Valentinstag.

Wie man an Valentinstag glücklich sein kann auch wenn man single ist oder diesen Tag einfach nur bescheuert findet

//// Achtung! Fäkalsprache! //////

(Tipp für solche, denen kein Text für die Karte einfällt: – Ich toleriere dich <3 oder: Auch wenn du durch einen Unfall arg verunstaltet wärst, würde ich dich immer noch lieben <3)

Es gibt zweierlei Valentins-Statements. Solche von glücklichen Menschen und solche von Unglücklichen. Die Glücklichen wünschen allen einen tollen Tag, die Unglücklichen bringen ihre Frustration durch zynische und ironische Aussagen zum Ausdruck «Wann ist der Valentins-Shittstorm vorbei?» oder «Ganz toll, so auf Kommando was zu schenken!» oder «Wenn ihr heute niemanden habt, der euch liebt… denkt einfach daran: Es liebt euch auch an allen anderen Tagen niemand.»

Bemerkenswert dabei ist, dass es sich bei den Glücklichen nicht um Liierte handelt und bei den Unglücklichen nicht um Singles. Man kann diese Menschen ausschliesslich in zufriedene und unzufriedene Genossen unterteilen. An solchen, die eine gute Lebenseinstellung haben und solchen die im Kopf nur eine Schnur haben, die dazu da ist, dass die Ohren nicht runterfallen. Nur die Miesepeter sehen so aus, als wäre gerade ihr Hamster an den Depressionen seines Besitzers gestorben.

Liebe ist frustrierend :-(

Es ist frustrierend, wenn man am Tag der Verliebten keinen Partner zum Lieben hat. Genauso wie es ärgerlich ist, wenn man an Weihnachten keine Familie oder am Muttertag keine Mutter hat. Hasst man deshalb den Muttertag?

Es ist schrecklich, wenn man zwar jemanden hat, sich jedoch trotzdem nicht erfüllt fühlt. Wenn man zum Beispiel nur noch deshalb zusammen ist, weil man so fett geworden ist, dass einem die schönen Klamotten nicht mehr passen und man niemand anderen daten kann. Die Liebe ist nämlich etwas, was wir uns alle wünschen, doch selten erleben dürfen. Wenn wir sie erleben, dann meistens nicht so, wie wir uns das ausgemalt hatten. Die mysteriöse, bedingungslose, leidenschaftliche Liebe wird uns von klein auf in den Medien und von unserem Umfeld so unglaublich wundervoll präsentiert, dass wir nicht anders können, als jedes Mal enttäuscht zu sein, wenn die Realität davon abweicht. Wenn der Prinz auf dem Mofa halt auch stinkende Füsse hat nach einem langen Arbeitstag oder so grässlich furzt im Schlaf, dass wir davon erwachen. Oder wenn er kichert wie ein kleines, Streber-Mädchen, wenn seine liebste Fussballmannschaft gewinnt, sogar auf einmal nach der Kennenlernphase grunzt beim Lachen. Nehmen wir die Liebe aber wie sie ist, unberechenbar, im Moment wundervoll, sich verändernd, mal langweilig, mal aufregend, undefinierbar und trotzdem kostbar. Wenn wir die Liebe als stete Entdeckungsreise ansehen und jeden Tag neu definieren, wenn wir nichts erwarten, wird sie uns bereichern.

Denn Liebe ist so individuell wie wir selbst (gerne wären).

Valentinstag ist Geldmacherei (Materialismus ist geil!)

Der Geburtstag ist meist auch mit Geld ausgeben verbunden und fördert den Kapitalismus. Und trotzdem feiern ihn alle. Und jetzt gebt doch einfach zu, dass ihr schon mal davon geträumt habt eine fette, fette Party zu schmeissen in einem Penthouse in Las Vegas oder im Lotto zu gewinnen und dann mit Kapitäns-Hütchen auf der Yacht loszudüsen. (Ich würde das Geld natürlich nur in ein Studium investieren. Und in Silikonarschbacken). Oder, dass ihr es geil fandet, wenn ihr in Thailand nicht aufs Geld schauen musstet, wenn ihr 20 leichte Mädchen eingeladen und den krassen Macker markiert habt. Eben.

Was ich an den Amerikanern liebe ist ihre Feierwut, die unlängst auch zu uns nach Europa übergeschwappt ist. Die Amis feiern einfach alles, was man feiern könnte. Babyshower, Halloween, Maturabschluss, Spring Break, Sportanlässe, Verlobungen, Abschiedspartys, Trennungen, dass man (Thank God!) mal keine Verstopfung hatte, die neue Zahnprothese der Grossmutter und was ihnen sonst noch einfällt. Hauptsache man macht Party. Absolut kapitalismusförderndes Verhalten. Doch es geht um viel mehr. Mit Freunden Zeit zu verbringen, zu lachen und sozial zu sein macht zufrieden. Seinem Liebsten, oder einem WG-Mitbewohner ein Spiegelei in Herzform zu Braten kostet nichts, ist für den anderen aber kostbar.

Ok – Es muss nicht ganz so kitschig sein. Man kann sich auch einen Stacheldraht um den nackten Körper wickeln und blutüberströmt: «Ich liebe den Schmerz, wenn ich dich vermisse!»,schreien. Oder man könnte sich anzünden und: «Ich brenne stärker für dich, als ein Krematorium!», schreien. Die Interpretation sei jedem selbst überlassen. Hauptsache man denkt irgendwie an jemanden und zeigt das. Anerkennung verbindet und schafft Erinnerungen.

Valentinstag ist unspontan (Pflicht-Sex ist toll!)

Man könne schliesslich an jedem Tag im Jahr etwas Gutes für den Partner tun, sagen sie. Natürlich ist das so. Man könnte, man sollte. Manche machen es, die anderen sind auch an allen anderen Tagen faule, selbstbezogene Schweineafter. Es gibt nämlich beispielsweise Ehepaare, die fast untergehen auf der Familien-Titanic. Die manchmal froh wären, wenn Jack und alles was mit ihm zusammenhängt, erfrieren würde. Stress. Geschrei. Erschöpfung. Auch schöne Momente, klar. Aber oft Ermüdung und kaum Zeit für Irgendwas. Nicht mal für Sex. Etwa so lang, bis man körperlich wieder Jungfrau ist. Wieso soll dann ein Tag wie der heutige, nicht daran erinnern, dass man wieder einmal aufmerksam sein sollte. Man muss sich zum Hochzeitstag oder zum Geburtstag schliesslich auch etwas einfallen lassen und trotzdem sind am Ende des Tages alle glücklich eingeschlafen. (Ausser die Frau bekam statt eines Diamantringes, einen Verhütungsring geschenkt)

Wenn ich im Job etwas muss und es herausragend mache, mir alle applaudieren, bin ich dann nicht zufrieden? (Eigentlich nicht. Man wäre lieber in Havanna in der Hemingway Bar, fummelnd mit zwei Kubanerinnen, aber zwingt sich happy zu sein weil man keine andere Wahl hat) Genauso wird die Beziehung durch den Valentinstag beflügelt. Wir sehen uns wieder einmal mit anderen Augen an, nehmen uns als Paar wahr. Und noch etwas: Valentins-Pflicht-Sex hat die gleiche Wirkung. Wer es nicht glaubt soll das Buch von Carla Muller lesen. „365 Nächte: Ein intimer Erfahrungsbericht“. Diese Paar hatte nämlich während eines Jahres, jeden Tag vorsätzlich Sex, war am Ende glücklicher und fühlte sich einander näher. Noch kurz eine Info an alle Frauen: Was Rosen für uns sind, sind für Männer Blow-Jobs. Es könnte so einfach sein.

Besondere Tage machen, dass wir uns besonders fühlen.

Wie man am Valentinstag trotzdem glücklich wird 

Wie wäre es, wenn ich als Single, meiner besten Freundin eine Rose schicke, weil sie auch Single ist. Meiner Mitarbeiterin eine lustige Karte mitbringe. Oder meinem Arschloch-Chef ein Furzkissen auf den Stuhl lege. Wenn ich mir einfach vornehme, jemanden, der alleinstehend ist, glücklich zu machen. Würden das alle machen, so wären auch die Singles an diesem Tag glücklich. Oder wenn ich mich heute selbst zelebriere. Ich könnte mir eine schöne Frisur machen, mich herausputzen und überschminken, und mit Parfum einnebeln, dass jeder Vorbeigehende verätzte Augen bekommt und dann den ganzen Tag bei der Arbeit wie ein Model herumstolzieren. Ich könnte den Valentinstag zu meinem persönlichen Liebestag erklären. Mir Gutes leisten, was ich normalerweise aus rationalen Gründen nicht tun würde. Man sollte sich selbst so sehr lieben, wie Serienmörder klobige Brillen und olivgrüne Minibusse lieben.

So können wir heute mit einer Freundin auf unsere Verflossenen anstossen. Danke sagen, dass wir Erfahrungen sammeln durften. Wir können ein Abendessen mit guten Freunden organisieren und über lustige Sexgesichten lachen oder über unsere erste grosse Liebe erzählen. Es geht nur darum, auch negative Erlebnisse in Schöne umzuwandeln. Die Vergangenheit hinter sich zu lassen und die Liebe zu ehren, in all ihren Formen. Unter Umständen auch bei einer Prostituierten.

Ich kann den heutigen Tag umformen, neu definieren, genau so, dass es für mich stimmt. Wir führen selbst Regie in unserem Leben. (Wenn man mir so zuhört, könnte man fast meinen, ich hätte mein Leben im Griff. Hah!)

Die Lebenseinstellung macht froh (?!) 

Die Vermutung liegt nahe, dass sich alles nur um die Lebenseinstellung dreht. Ob ich glücklich oder unglücklich bin und sein möchte, ist nicht an einem Tag, einer Situation oder einem Zeitpunkt festzumachen. Wie ich mich und meine Umgebung sehe, hängt nämlich nicht von einem Partner, sondern von mir selbst ab. Wer positive Energie ins Universum schickt, kriegt immer positive Energie zurück. Das ist so sicher wie die Tatsache, dass Zombies warme Gehirne lieben. Und dass Valentinstag ein Tag zum Lieben ist. Egal wen man liebt, wie man sich liebt und worauf (Küchentisch) man sich liebt.

Und deshalb liebe ich diesen Tag. Valentinstag ist für Menschen, die das Feiern lieben, die ihre Mitmenschen lieben, die sich selbst lieben. Valentinstag ist für die, die das Leben und die Liebe lieben.

 

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Autor: Jelena Keller

Jelena ist von Beruf Journalistin und Sprachlehrerin, Schweizerin serbischer Abstammung. Sie mag lange Texte und langes Grübeln. Sie hat sich daran gewöhnt zu viel zu denken und zu wenig zu schlafen. Wenn sie gar kein Auge zumachen konnte sieht sie die Welt nüchtern und in einem Grauton. Wenn sie ausgeschlafen hat, wandert sie mit ihrem Hund auf grüne Berge, durch bunte Blumenwiesen und rosa Weizenfelder. Schreibt auch mal Gedichte und Kurzgeschichten, reist am liebsten um die Welt und probiert Neues aus. Sie meint tatsächlich, dass sich alle Probleme lösen liessen, wenn man sich nur ab und zu in die Lage des Gegenübers versetzen könnte. Walk in my shoes und so. Trotzdem versteht sie manche Menschen nicht. Die, die sich vor dem Leben und dem Tod fürchten und andere verurteilen. Aber von den meisten anderen denkt sie, sie seien alle Freunde, die sie bloss noch nicht kennengelernt hat.

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Das muss man nicht haben: Ads, die einem die Lust auf den bevorstehenden Ausgang so richtig in den Hintern reiten

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