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EINAUGE UND SEIN MÜNDEL, DIESES BÜNDEL

Einauge ist wachsam. Kein Wunder. Wenn du nämlich nur ein Auge besitzt – und dir dieser Oculus ungeschickterweise abhanden kommt -, hast du gar keins mehr übrig. Trotzdem ist Einauge heute übermütig. Er rüttelt am Busch. Er schlägt aufs Wasser. Damit macht er die Schlangen und Fische verrückt.

Er tut dies, um die lieben Tierchen in seine ausgeklügelte Falle zu locken; ein Gerät mit allerlei bösen Haken und noch perfideren Widerhaken.

Denn heute Abend will er sich einen netten Eintopf garen. Fisch, Reptil sowie ganz viele fröhlich-frische Zwiebeln.

Eins hat sich Einauge für die Abendstunden zusätzlich vorgenommen. Er möchte wieder einmal ausgiebig weinen, echte Freudentränen weinen. Weil sein Mündel, dieses Bündel, dieses brave Mädchen zu Besuch weilt, das er vor einer knappen halben Stunde in seiner Höhle an den Herd gekettet hat. Aber nur für den Tag.

Er kann den Sonnenuntergang also kaum erwarten.

So stromert er durch Wald und Heid’, nimmt zwischendurch ein Bad im tiefen Teich, bringt mit seinen Saltos und Kapriolen die Waldhexe derart zum Staunen, dass ihr der Kiefer runterklappt. Und sie den Mund fast nicht mehr zubekommt. Dann schleicht er sich – geräuschlos – von hinten an die Dachsfrau heran, die ganz ins Wurzelnsammeln vertieft ist. Und stösst plötzlich fest und vergnügt zu. Die Dame erschrickt sich fast zu Tode, kippt vornüber und landet auf allen vieren im Unterholz. Da hätte sich unser Einauge ausschütten können. Vor lauter Lachen. Doch dabei wären ihm gewiss die Freudentränen gekommen.

Also reisst er sich zusammen. Denn seine Tränen möchte er allesamt für heute Abend aufsparen. Für sein Mündel, dieses Bündel, dieses brave Mädchen.

Unser Einauge ist ein ganz und gar merkwürdiger Geselle. Manchmal ist er gross und stark. Robust genug für jedes nur denkbare Gefecht, zu jeder sprichwörtlichen Schandtat bereit.

Dann ist er wieder klein und elend. Derart, dass er kaum den Anforderungen eines normalen Tages standhalten kann. Am Morgen erwacht er oft besonders mächtig. Vor allem, wenn die liebe Sonne scheint. Gegen Mittag schwächelt er in der Regel ein wenig; doch keine Regel ohne Ausnahme.

Abends bäumt er sich aber gerne noch einmal so richtig auf. Und dies erst recht, wenn eine Handvoll saftiger Blaubeeren im Spiel ist.

Bevor er am Ende ins Bett sinkt und träumt: Vom tiefen, tiefen Wasserloch im Wald sowie von jenem braunen Sumpf, der direkt hinter seiner Höhle positioniert ist, in denen er so gerne herumplanscht, in beiden gleichermassen, bis er Freudentränen weint. Und die Tränen mischen sich mit dem Wasser, die Tränen mischen sich mit dem Schlamm.

Dergestalt entsteht neues Leben im Wunderland.

Einauge hat nun einige fette Fische gefangen. Ein praller, zuckender, zischender Sack voller Schlangen ist ebenfalls zusammengekommen. Dazu noch zwei kapitale Frösche. Für den Nachtisch. Nun begibt er sich zur Hütte des Zauberers. Denn dieser ist in der Kunst der Zwiebelzucht bewandert. Er will ihn um einige dieser scharfen Gewächse anbetteln. Und hofft, dass er dem Alten diesmal keinen schmerzhaften Gefallen tun muss. Um die Objekte seiner Begierde zu erhalten.

Doch heute hat er Glück. Der Mann ist ausgegangen. Sein Garten liegt ganz einsam, vollkommen unschuldig in der Sonne. Da macht sich Einauge über das Zwiebelbeet her. Er bedient sich nach Kräften, ein echter Mundraub. Später wird er bitter dafür büssen müssen. Doch dies steht in einer anderen Geschichte…

Unsere Geschichte führt uns nämlich mit Siebenmeilenstiefeln zum Sonnenuntergang und damit zur Höhle unseres Freundes Einauge. Wo sein Mündel, dieses Bündel, dieses brave Mädel auf ihn wartet, dabei voller Sehnsucht mit den Ketten rasselt. Der Rest ist schnell erzählt. Einauge kocht. Einauge isst. Dann macht er Spass mit seinem Mündel, das dabei ganz besonders brav mittut. Es wird eine gute Weile dauern, bis die Freudentränen kullern. Einauge ist recht geschickt, wenn es darum geht, den Apex seines Vergnügens nur langsam zu besteigen. Diesbezüglich hat er viel gelernt. Früher hat er seine Tränen nämlich immer gleich laufen lassen…

…schon kurz nachdem der Plausch begonnen hat.

Wenn der ausgedehnte Spass endlich vorbei ist, werden Einauge und sein Mündel den Schlaf der Gerechten finden. Einauge bis am nächsten Morgen. Dann wird er wieder einen mächtigen Aufstand machen. Sein Mündel bleibt etwas länger liegen. Sie wird wohl wieder aufstehen, wenn die Posaune schallt.

So wechseln sich die Tage und Nächte über dem Wunderland ab, wo die Fabelwesen tanzen. Spasserfüllt. So ziehen die Wolken und Sterne also stetig über einen Ort, der zwar in unmittelbarer Nachbarschaft zu unserer schnöden Welt liegt, nur einen kleinen Quantensprung entfernt. Aber viel viel besser ist.

Und eben weitaus anständiger…

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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