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ABGRUND LINKS, ABGRUND RECHTS; DU AUF DEM HOCHSEIL

Tanz auf dem Hochseil. Unter der Zirkuskuppel, die deinen Himmel bildet. In rot und blau. Links gähnt ein Abgrund. Rechts gähnt ein Abgrund. Auf beiden Seiten potenzieller Todessturz. Und das Seil ist – ach – so dünn. Doch stellt es den Grund dar, auf dem du gehen musst.

Balance bedeutet, dass dieses Seil dein einziges Reales sein darf, ungeachtet seines bescheidenen Durchmessers, ungeachtet dessen, dass der Abgrund links, der Abgrund rechts viel mehr Raum für sich beanspruchen als dein ganz persönliches Hochseil. Und du arbeitest für einen rücksichtslosen Zirkus, der das Risiko, das seine Artisten in Kauf nehmen müssen, mit Nachdruck im Rampenlicht positioniert.

Deshalb gibt es hier kein Netz.

Es gibt Tage, an denen du jenen gähnenden Abgründen, die dich beidseitig gierig erwarten, keinerlei Realität beimisst. Dann existieren sie nur im Reich des Imaginären, bleiben sie blosse Symbole einer fatalen Möglichkeit. An diesen Tagen fällt es dir leicht, das Hochseil als tauglichen Grund für deinen Gang wahrzunehmen, dank deiner Übung, deiner Erfahrung, deiner Schwindelfreiheit.

Es gibt jedoch andere Tage, an denen dir nur allzu bewusst wird, wie schmal diese Brücke ist, wie fehlbar auch eingeschliffene Fähigkeiten manchmal sein können, wie auch überaus erfahrene Artisten nicht vor kleinen Misstritten gefeit sind, die in deinem Fall den sicheren Tod bedeuten. Denn in jenem Zirkus, für den du im Moment arbeitest, ist das Seil eben besonders hoch gehängt, um beim hochverehrten Publikum Eindruck zu schinden.

Dann musst du an deinen Bruder denken, den alten Frauenbelästiger, der immer einen leicht säuerlichen Körpergeruch verströmt, der professioneller Violinist geworden ist.

Klar, auch er hat hart an sich gearbeitet, hat sich in seinem muffigen Zimmer mit Tonleitern und Kirchentonarten gequält, mit Ton und Bogenstrich, während du draussen gewesen bist, auf dem Schlappseil, das du im Garten gespannt hast, zusammen mit Papa, der dein Talent zur Balance schon früh erkannt hatte.

So habt ihr beide, dein Bruder und du, eure Fähigkeiten geschliffen, vom Morgenrot bis zur Abendsonne. Heute reist ihr beide um die Welt. Als Boten eurer Künste. Selten seid ihr in der gleichen Stadt. Und wenn es einmal der Fall ist, tretet ihr meist zur gleichen Zeit auf. Und es bleibt bloss die Gelegenheit, gemeinsam ein spätes Nachtessen einzunehmen.

Wenn du deinem Bruder dann in die Augen schaust, spürst du jenen Unterschied, der eure Welten trennt; rasiermesserscharf.

Wenn er, während einem schwierigen Geigenkonzert, mal danebengreift, merken dies höchstens einige rigorose Kennerinnen und Kenner im Saal – und selten noch einer von der Kritiker-Hundemeute, die ja meistens nichts von Musik verstehen, nur vom dekorativen intellektuellen Gewese, das rund um die Klänge zelebriert wird, vom Lifestyle der die Musike umgibt halt, der mit Tönen und Takten herzlich wenig zu tun hat. Vielleicht trägt ein hörbarer Verspieler deinem Bruderherz die eine oder andere hämische Bemerkung in einer Drucksache ein, schlimmstenfalls.

Aber er wird nach dem Konzert ins Hotelzimmer gehen, beinahe so sicher wie das Amen in der Totenkapelle. Mit einer Flasche Glenfarclas 21 bewaffnet. Und manchmal mit einer scharfen Braut im Schlepptau; einem Klassik-Groupie halt. Die würden, so sagt der Bruder gern, manchmal unglaublich viele von seinen schmutzigeren Wünschen erfüllen, über die du eigentlich keine Details wissen willst.

Wenn allerdings dir ein Fehltritt unterläuft, inmitten einer Vorstellung, fällt für dich in Sekundenbruchteilen die Schwarzblende. Sie werden deinen reglosen Körper dann wohl in einen Krankenwagen verfrachten, obwohl dir der Zirkus-Veterinär bereits den Puls gefühlt und gesagt hat: „Da läuft nix mehr…“ Ja, sie werden dich in einem Krankenwagen rausfahren, aus deinem Leben, nicht im Leichenwagen, eine letzte Rücksicht, mit der Botschaft, dass noch nicht alles ganz vorbei ist, bevor ein gültiges Todeszertifikat erstellt wurde, was der Veterinär ja nicht leisten kann.

Und je älter du wirst, desto präsenter, desto bedrängender werden die Risiken. Dies liegt keineswegs an deinen Fähigkeiten. Sondern an den Entwicklungen in der Zirkuswelt. Früher war das Publikum noch sachkundig, wusste die Artistenkunst zu schätzen und ihre Feinheiten.

Da musste das Seil noch nicht ganz so hoch hängen, das Netz hat keinen gestört – und du hattest deine eigene Nummer im Programm, der im Chapiteau die ganze Aufmerksamkeit der versammelten Menschen galt.

Der Abgrund links, der Abgrund rechts gehörten dir alleine; damals…

Heute musst du aber für eine jener optimierten Zirkusmaschinen arbeiten, US-amerikanischer Prägung, um über die Runden zu kommen. Hier gilt nur: Spektakel, Risiko, Masse statt Klasse. Deshalb laufen in der riesigen Manage zwei Nummern parallel ab. Während du gleichzeitig in luftiger Höhe wirkst. Selbst die tödlichen Abgründe zu deinen Seiten stellen hier keine Freiräume mehr dar.

Rechts unten arbeitet die kleine Russin. Anna. Mit ihrem riesigen Eisbären. In ihrem goldenen Show-Käfig, der nach oben hin, in deine Richtung nämlich, natürlich offen ist. Anna, mit der du dich gut verstehst, die du manchmal in deinen Wohnwagen bittest, mit der du manchmal ein, zwei Flaschen Stoli pur kippst, direkt aus dem Eisfach deines Kühlschranks, was jedes zweite Mal damit endet, dass sie deine Erektion mit ihrer flinken Zunge bearbeitet, dir dabei tief – und irgendwie frech – in die Augen schaut. Daran denkst du nicht besonders gerne, es ist schon recht, während es passiert, aber danach möchtest du es am liebsten vergessen.

Nicht wie dein Bruder, der in derartigen Erinnerungen zu schwelgen pflegt…

Wenn du also nach rechts hinunterfällst, gibt es für den Veterinär und die Krankenwagen-Mannschaft nicht mehr viel abzuholen, denn Oskar, der Eisbär, wird deinen blutenden Körper als willkommenen Snack begreifen. Sein mächtiger Leib wird dein Grab sein – und, oh weh, die Zähne, diese höllisch scharfen Zähne…

Links unten wirken indes die Clowns. Mit ihren schallenden Ohrfeigen, die sie sich gegenseitig verabreichen, ihrem psychotischen Gelächter, ihren Grimassen, Furztrompeten und Stolperscherzen. Du kannst sie nicht ausstehen. Du hast sie nie gemocht. Alle Alkoholiker und Schlägertypen, Grobiane unter der Schminke, nach deiner Einschätzung, nach deiner Erfahrung. Deshalb pflegst du mit ihnen keinen Umgang. Dein Bruder mag die Clowns. Das hast du nie verstanden. Damals, in deiner Jugend, als du noch Zirkusbücher verschlungen hast, ist dir einmal die Autobiographie des berühmten Schweizer Clowns Grock, Wettach Adrian (1880 – 1959) mit bürgerlichem Namen, in die Finger gekommen, die da heisst „Nit mööglich“. In diesem Buch hat der berühmte Mann immer wieder mit seinen Prügeltalenten geprahlt, mit Aussagen wie „…und dann habe ich ihn zusammengeschlagen“. Dein Bruder und Dein Papa haben das Buch geliebt. „Das pralle Leben“, hat der Bruder dazu gemeint.

Aber du hast es alsbald wieder weggelegt.

Du schätzt zwar den grossen Federico Fellini und seine Filme über alle Massen, aber „I clowns“ (1970) hat dir halt nicht gefallen, diese Typen mit den Gumminasen und ihre Tollereien, dieser Rivel und alle seine Epigonen, sind einfach nicht deine Tasse Grog, deine Kunst liegt in den Feinheiten der Balance…

…und wenn du diese verlieren solltest, wenn du nach der linken Seite in die Manege stürzen würdest, hättest du eine gute Chance, einen dieser Clowns mit deinem Artistenkörper zu erschlagen. Mehrarbeit für die Krankenwagen-Mannschaft. Und eine letzte Befriedigung für dich, wenn es denn letzte Befriedigungen geben könnte…

Aber im Moment agierst du gerade in perfekter Balance. Dort oben, unter der Zirkuskuppel, die deinen Himmel bildet, in rot und blau. Umweht von Musik. Beschienen vom heissen Effektlicht. Im Geruch von Popcorn und Pferdekot. Das dünne Seil ist dir heute ein guter Grund. Heute gibt es für dich keinen Abgrund, nicht links, nicht rechts. Nur die reale Mitte, die durch dein Hochseil markiert wird; deine Lebenslinie.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

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Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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