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Von der Erotik der Tragödie

Es ist kein Phänomen, das erst seit kurzem in Erscheinung tritt. Aber eines, das sich damals, als es noch keine Onlinemedien gab, nur in einem einzigen Schmuddelblatt ereignete. Und dieses kaufte man anno dazumal nicht selten am Kiosk als „Tagi mit“: Einer in den würdevolleren Tagesanzeiger eingerollten, etwas weniger würdevolleren Blick-Zeitung.

Die Rede ist von Unfällen, schrecklichen Ereignissen und Gräueltaten, die dem Leser hübsch verpackt in emotionaler Bubble-Folie, in Form von bunt ausgeschmückten Rahmen- und Hintergrundinformationen aufgetischt werden. Es hat sich eine richtiggehende Schreibindustrie etabliert, die aus nüchternen Polizeimeldungen aufwühlende Storys erschafft. Als wäre es nicht tragisch genug, dass ein offensichtlich völlig neben seinen Schuhen stehender junger Mann seine Schwiegereltern, den Schwager, einen unbeteiligten Nachbarn und anschliessend sich selbst erschossen hat, doppeln, drei-, ja gar zehnfacheln Boulevardmedien in ausschweifenden Erzählungen nach, die Rosamunde Pilcher und ihre seichten Liebesschnulzen bleich aussehen lassen. Das tönt dann etwa so: «Auf dem Hochzeitsfoto strahlen Semun A.* († 36) und seine Braut Elisa. Es ist ein Bild aus glücklichen Tagen. Am Samstag drehte der 36-Jährige in Würenlingen AG durch. Er erschoss zuerst seine Schwiegereltern Elisabeth († 59) und Karl L.* († 57) sowie seinen Schwager Jonas L.* († 31).» Oder «Die Polizei sei damals mehrfach da gewesen. Einmal habe ich die Ehefrau mit einem dicken blauen Auge gesehen. Sie sei freundlich gewesen, aber schüchtern. Wenn es wieder Streit gegeben hatte, zog sie sich völlig zurück, sagt der Nachbar.»

Redefreudige Personen aus dem persönlichen Umfeld, idealerweise aus der direkten Nachbarschaft, werden besonders gerne befragt nach einem solchen Ereignis. Idealerweise streckt man ihnen Mikrofon und Notizblock unmittelbar nach einer Tat oder eines Unfalles entgegen, wenn den indirekt beteiligten Augenzeugen noch der Schock in den Gliedern steckt, ihnen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben ist und die Stimme unter Tränen versagt. Dann reibt sich der Boulevardartist die Hände und der Leser oder Zuschauer eine Träne aus dem Augenwinkel. Dann werden Schicksale greifbar, ekelhaft menschlich, und erdrückend real. «Das hätte auch in meiner Nachbarschaft geschehen können… Oder noch schlimmer: Mir selber!» Wobei, nein. Meine Familie ist ja nicht mit solchen existenziellen Schicksalen konfrontiert, und in meinem Quartier sind alle langweilig ruhig. Bis auf das Paar, das sich zu nächtlichen Unzeiten lauthals zankt. Aber sonst? Nichts. Und dann: „Ich hätte ihm das nie zugetraut. Er war so ein netter, junger Mann… Und sie doch so hübsch, in der Blütezeit ihres Lebens. Die Arme!“

Immer wieder und immer häufiger ertappen wir uns dabei, dass wir uns an diesen menschlichen Schicksalen aufgeilen. Dass wir uns längst nicht mehr damit begnügen, nach einer Naturkatastrophe die Anzahl der Toten zu erfahren (wen interessieren schon die Verletzten, es sei denn die SCHWERverletzten, wenns nicht genügend Tote gegeben hat). Nein, wir wollen wissen, dass es ein frischvermähltes Paar getroffen hat, oder Bruno S., der nächste Woche seine Verlobte Sarina K. ehelichen wollte, die Kindergartenschüler Simon und Bianca B., die auf einen Schlag Eltern Franz und Johanna B. und die Grosseltern Erna und Hansjörg U. verloren haben. Oder ein Liebespaar im ersten gemeinsamen Urlaub. Je mehr Einzelheiten zum Täter, je mehr Details aus seinem Leben, seiner Jugend, zu seinen bisherigen Taten – je präzisere und intimere, vielleicht pikante Brosamen aus dem Leben der Opfer, desto besser. Aber nicht zum Zweck, eine Gewalttat besser zu verstehen, nicht dazu, den Hinterbliebenen auf ihrem nun beginnenden Leidensweg in irgend einer Form beizustehen, sondern schlicht und einfach um unterhalten zu werden. Leserzahlen wollen gesteigert, die Konkurrenz übertrumpft werden. Schliesslicht ist es nicht bloss der Stärkste, der überlebt, sondern auch ausschliesslich derjenige, der sich am besten anzupassen vermag. Und anpassen müssen sich die Redaktionen an die vermeintlichen Konsumentenbedürfnisse: Unsere Leser wollen das so!

Die Halbwertszeit für das Vergessen eines Dramas ist umso geringer, je weniger Informationen wir dazu haben. Oder je schneller ein neues geschieht, ein grösseres, ein unglaublicheres, ein fürchterlicheres – ein geileres. Wir besitzen schliesslich weder die geistige, noch die emotionale Kapazität, uns morgen noch an die Geschichten von gestern zu erinnern. Das Leben geht schliesslich weiter. Jedenfalls meines.

Wir haben nicht das Vermögen, das Rad der Verboulevardisierung unseres Alltages zu stoppen oder gar zurückzudrehen – schon gar nicht, wenn MitbürgerInnen zum Gaffen aufgerufen werden, und man sie hinterher Leserreporter nennt. Wir können auch keinen einzigen Journalisten daran hindern, Ereignisse im Dreigroschenroman-Stil zu romantisieren, und wir können auch keine einzige Tragödie ungeschehen machen oder verhindern. Aber wir können uns Gedanken darüber machen, ob unser Tag ein besserer war, wenn wir uns am Schicksal anderer erlaben und sich in rasantem Tempo verflüchtigendes Mitleid vorhäucheln. R.I.P. – next – R.I.P. – next… Oder ob es möglicherweise in unserem ganz persönlichen Umfeld nicht auch Schicksale gibt, die unser – und zwar unser ganz persönliches und ernst gemeintes – Mitgefühl verdienen. Und sollte das nicht reichen, dann können wir uns ja immer noch «Blumen im Regen» von Rosamunde Pilcher zu Gemüte führen. Oder «Zerrissene Herzen. Oder «Wind der Hoffnung».

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Autor: Pete Stiefel

Pete konnte pfeifen, bevor er der gesprochenen Sprache mächtig war – und an seinem ersten Schultag bereits schreiben. Trotzdem ist er da noch einige Jahre hingegangen. Danach schrieb und fotografierte er fürs Forecast Magazin, für Zürichs erstes Partyfoto-Portal stiefel.li, fürs 20 Minuten, MUSIQ, Q-Times, Party News, WORD Magazine, war Chefredaktor vom Heftli, lancierte das Usgang.ch Onlinemagazin – und er textete für Kilchspergers und von Rohrs Late Night Show Black’N’Blond und Giaccobo/Müller. Er trägt (vermutlich) keine Schuld daran, dass es die meisten dieser Formate mittlerweile nicht mehr gibt.

Irgendwann dazwischen gründete er in einer freien Minute seine eigene Kommunikationsagentur reihe13, die unterdessen seit weit über 13 Jahren besteht. Er ist mittlerweile in seiner zweiten Lebenshälfte, Mitinhaber vom Interior Design Laden Harrison Interiors, schrieb unterdessen Pointen für Giacobbo / Müller, Black 'n' Blond (mit Roman Kilchsperger und Chris von Rohr und irgendwann auf dem Planeten Kult gelandet. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für Pete.

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