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Marco Streller: Der grösste Fisch im Teich

Den besten Zeitpunkt für ein Ende zu wählen fällt vielen Menschen nicht leicht. Wir lassen uns auf Beziehungen ein, auf Freundschaften oder Arbeitsverhältnisse und gewöhnen uns an diese wie an ein altes Paar Nike Air. Sie fühlen sich gut an, machen aber optisch gar nichts mehr her – und stinken nebenbei zum Himmel.

Marco Streller war sich seiner Sache sehr bewusst als er im März seinen Rücktritt vom Spitzenfussball zum Saisonende hin bekannt gab. Er, der im Juni seinen 34igsten Geburtstag feiern wird, hat genug und hängt den Ball an den Nagel. Er will abtreten bevor er zum stinkenden Turnschuh mutiert. Dabei hat er doch gerade erst angefangen, oder nicht?

Es muss etwa im Jahr 2001 gewesen sein. Ich selbst, damals gerade 18 Jahre alt, trainierte mit meinem Kumpel im neu eröffneten Joggeli Fitness Club Basel. Und da sah ich den Streller Marco zum ersten Mal. Während mein Kollege und ich uns an Konditions- und Kraftgeräten zu schaffen machten, sassen Streller und seine Kollegen von Concordia Basel locker auf ihren Ergometern, spassten rum und waren eigentlich mehr mit Frauen beschäftigt als mit der eigentlichen Tätigkeit des Ausdauersportes. Und schon damals hatte der Streller ein Auge auf seine zukünftige Frau geworfen, welche ich noch von meiner Kindheit her aus meiner Strasse kannte. Ich schwitzte also wie ein Ochse und dieser schlaksige Kerl hatte wohl nicht mal die kleinste Schweissperle auf seiner Stirn. “Aus dem wird nichts”, hatte ich damals wohl gedacht. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Hatte er damals seinen ersten Einsatz im Dress des FCBs bereits gehabt? Ich weiss es nicht mehr. Aufgefallen war er mir nicht, obwohl ich beim 3:1 Sieg des FCB gegen Servette im Stadion war.

Nach einer kurzen Ausleihe nach Thun war Streller wieder im Kader des FC Basel anzutreffen. Und schlug ein wie eine Bombe. 13 Tore in 16 Spielen erzielte Streller und wechselte noch in der Winterpause zusammen mit Kollege Hakan Yakin in die Bundesliga zum VFB Stuttgart. Und während Hakan sich schnell mit der Aktivität Waldläufe auseinandersetzen musste, bekam Streller seine Einsätze. Der Beinbruch, der ihm Natikollege Marco Zwyssig beim Trainingslager mit der Nationalmannschaft zugefügt hatte, betrachte ich als Knackpunkt in Strellers Karriere. Wer weiss, was mit ihm beim VFB Stuttgart und in der Bundesliga noch passiert wäre, wäre diese Verletzung nicht in sein Leben getreten.

Und dann schoss er unsere Nation an die WM 2006. Unvergessen sein Jubel. Noch unvergessener die Medien und die pfeiffenden Natifans, welche Streller zum absoluten Sündenbock für die Orgie verschossener Penaltys im Achtelfinale gegen die Ukraine machten. Der Anfang vom Ende seiner Karriere in Rotweiss. Er hielt seine Beine noch eine Weile für sein Land hin und schaffte es in 37 Länderspielen auf 12 Tore. Als Vergleich, der (zurecht) hochgejubelte Stéphane Chapuisat brachte es auf 21 Länderspieltore, benötigte jedoch 103 Spiele dafür. So ein schlechter Vertreter unseres Landes war Streller also nicht.

Im Sommer 2007 folgte die Rückkehr von Streller und Huggel zum FC Basel. Und nicht immer war ich glücklich mit unserer Nummer 9. Das letzte Jahr unter Christian Gross war zum Vergessen. Streller wirkte stets ausser Form und der spritzige Eren Derdiyok versauerte auf der Bank. Das Gross ein System spielen liess, welches Streller damals alles andere als entgegenkam, habe ich irgendwie ignoriert. Streller, damals wollte auch ich dich auf der Bank sehen. Sorry for that.

Der Transfer von Alex Frei war die Geburt des Marco Streller der Neuzeit. Neben Frei, der einen Freistoss auch noch mit Dünnpfiff vom Klo im gegnerischen Kasten versenken konnte, wuchs Streller, nach Franco Costanzos Abgang zum Captain befördert, zum Leader auf. Er legte vor, Frei vollendete. In Basel herrschte fussballerische Freude, welche erst durch die Ankunft von Darth Yakin getrübt wurde. Huggel beendete seine Karriere im Sommer 2012, Frei im Frühling 2013. Und Streller blieb und wie ein alter Wein wurde er besser. Definitiv nicht schneller, aber besser. Und obwohl es den Anschein hatte, als würde er den Geist von Sturmpartner Frei in jedem zweiten Spiel mindestens einmal im gegnerischen Strafraum anspielen wollen, verfiel Streller nicht in in Lethargie, sondern hielt die rotblaue Fahne als Last Man Standing der alten Generation in die Höhe.

Egal wieviele Tore Streller geschossen oder Spiele er gewonnen hatte, seine Kritiker existieren immer noch und argumentieren oft mit dem Fakt, dass Streller sich in einer grösseren Liga nie durchgesetzt hat. Stimmt, hat er nicht. Hätte er vielleicht, wer weiss. Er hätte nach Mario Gómez’ Abgang zu den Bayern vielleicht seinen Stammplatz gehabt, viele Tore geschossen und wäre erst einige Jahre später zum Heimclub zurückgekehrt. In Stuttgart würde man sich heute vielleicht noch knapp an ihn erinnern. Doch wie wollte Streller sich selbst sehen? Malcolm Gladwell erwähnte in seinem Buch David und Goliath den Vergleich mit dem grossen Fisch im kleinen Teich und ob es denn nicht besser wäre den kleinen Teich zu verlassen und in einen grösseren Tümpel umzuziehen, jedoch mit der Gefahr in der Masse unterzugehen und nicht wahrgenommen zu werden. Strellers Wechsel in die Heimat machte Sinn. Für ihn, auch für sein sportliches Lebenswerk. Er wird in der Nordwestschweiz nie vergessen werden und seinen Status als Local Hero für den Rest seines Lebens auf sicher haben. Wollen wir das nicht alle irgendwie? Spuren hinterlassen und zu wissen, dass das Geleistete auch weiterhin respektiert und vielleicht auch bewundert wird?

Marco Streller, mit ihm tritt nicht nur ein Sportler zurück, sondern für mich selbst ein Vertreter meiner Generation. Er war da, als ich mit der Handelsschule begonnen habe, meine Fahrprüfung bestand, katastrophale Beziehungen einging und beendete. Er begleitete mich durch die ganzen 00er-Jahre. Er spielte in der Zeit, als mein Vater starb. Er tritt zurück. Im Saft, wie er es wollte. Er will sich um die Familie kümmern, welche die ganze Zeit zu kurz kam. Er will mit ihnen durch Amerika reisen, obwohl er Flugangst hat.

Streller, noch zwei Spiele, dann bist du weg. Deine Fans werden dich vermissen. Und vielleicht auch die Restschweiz, denn richtige Typen wie du, Urs Fischer, Mats Gren oder Erich Hänzi gibt es nur noch wenige. Doch jetzt freu dich. Auf deine Kinder, auf deine Frau, und darauf, dass du jetzt an der Fasnacht endlich Gas geben darfst. Das hast du dir auch verdient. Schöne Ferien. Du wirst fehlen. Und zwar richtig derb.

 

 

 

Mit grossem Dank an Urs Dünner für das tolle Bildmaterial.

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Autor: Dominik Hug

Mitdreissiger. Basler. Auch im Erfolg stets unzufriedener FCB-Fan. Filmkritiker. Leidenschaftlicher Blogger. Strassensportler. Apple User. Hat eine Schwäche für gute Düfte. Liest eBooks. Hört gerne Rockmusik. Fährt einen Kleinstwagen. Geht gerne im Ausland shoppen. Herzkalifornier. Hund vor Katze. Hat immer eine Sonnebrille dabei. Gelegentlicher XBox-Zocker. Hat 2016 überlebt.

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