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Interview mit einem Künstler

Der 26-jährige Levin Bräu ist Theatermaler am Opernhaus Zürich. Ich habe ihn per Zufall auf Facebook entdeckt und war erstaunt über die Bandbreite seiner künstlerischen Tätigkeit. Noch erstaunter war ich darüber, dass ich zuvor nie von ihm gehört oder gelesen hatte. Wir trafen uns also um darüber zu sprechen, wieso das so ist. Auch noch darüber, was richtige Künstler sind, wieso er gerne Frauen malt, wieso heutzutage niemand von sich behaupten kann er hätte etwas erfunden und wieso Generation Y genauso in gesellschaftlichen Korsetts denkt wie ihre Vorfahren.

Ich hab deine Bilder per Zufall gesehen auf Facebook. Du hast keine Medienpräsenz, nicht mal eine Webseite. Wieso?

Der Hauptgrund ist, dass ich einen Vollzeitjob als Theatermaler habe, der mich erfüllt. Ich war mir nicht sicher, wie viel Raum ich meiner Kunst überhaupt geben möchte. Während meiner Zeit am Theater habe ich Bilder auf Facebook geladen, die dann immer mehr Anklang fanden. Irgendwann kamen Aufträge herein. Vordergründig stand nie, gross mit dem Geld zu verdienen.

Wieso nicht?

Ich wollte mich nie in die Kunst pushen, es entstand mehr aus Spass und eigenem Interesse oder Freude an der Materie. Es gibt unglaublich viele unglaublich Talentierte Künstler, ich wollte mich nicht auf die gleiche Stufe stellen und mir anmassen, dass ich genug gut bin. Ich gehe einfach meinem Hobby nach und schaue was passiert.

Bist du nicht genug selbstbewusst oder ambitioniert?

Das würde ich nicht sagen. Seit ich mit der Lehre fertig bin, habe ich grosse Fortschritte gemacht, Stile und Techniken ausprobiert. Hätte ich mich immer toll gefunden, hätte ich mich nicht weiter entwickelt.

Willst du nicht populär sein?

Ich frage mich, ob ich die Energie aufbringen möchte um eine Masse zu erreichen. Und wenn ich sie dann erreicht habe, immer wieder die gleichen Erwartungen an mich erfüllen möchte. Man entwickelt sich nicht weiter. Man kann ich der heutigen Zeit schnell einen Hype auslösen. Vielleicht könnte ich das auch. Aber es reizt mich bis jetzt nicht richtig.

Du hast eben das Glück, den richtigen Job ausgesucht zu haben. Es gibt wenige, die das von sich behaupten können.

Ja das stimmt. Ein riesen Glück. Es gibt nur 2 Lehrplätze pro Jahr für Theatermaler. Das ist mitunter ein Grund, wieso ich mein Zeug nicht extrem vorantreibe. Wenn ich ein unzufriedener Mensch wäre und einen Ausweg aus der Misere suchen müsste, dann würde ich ganz anders handeln.

Denkst du, dass es gar keinen Spass mehr macht, wenn man sein Hobby zum Beruf macht, weil man nur noch muss, statt zu wollen?

Mein Hobby ist gleichfalls mein Beruf. Ich lernte als Theatermaler eher Techniken kennen, als das kreative Malen. Das Imitieren von Flächen, wie etwa eine Backsteinwand so gut auf Karton zu malen, dass sie echt aussieht. Diese Techniken konnte ich dann zu hause für meine eigenen Werke verwenden. Dafür bin ich dankbar.

Du hast viele Bilder von nackten Frauen, was ist das für eine Sehnsucht?

Ein Frauenkörper ist etwas vom allerschönsten auf diesem Planeten. Aktmalerei zieht sich durch alle Kunstepochen hindurch. Ich bin eigentlich glücklich und nicht besonders sehnsüchtig in diesem Bereich. Die Anatomie des Menschen ist für mich etwas wahnsinnig spannendes. Wenn ich mich aber entscheiden muss, male ich lieber eine Frau als einen Mann.

Sind das Fantasien oder Modelle?

In den letzten sechs Jahren war meine Freundin immer eine grosse Muse von mir. Ich habe aber auch Frauenkörper aus dem Internet oder von anderen Künstlern interpretiert. Ich habe jetzt nicht Zugriff auf endlos viele nackte Frauen, wenn du das meinst. (lacht)

Schade. Das wollte ich nicht hören. (lacht) Was malst du am liebsten?

Gegenständliche Sachen. Ich bin kein abstrakter Typ. Ich male gerne einen experimentellen Hintergrund und im Vordergrund dann ein Objekt. Es ist aber meistens erkennbar, was es ist. Vögel mag ich. Die sind für mich das Sinnbild von Freiheit.

Was inspiriert dich?

Heutzutage können nur sehr wenige Leute von sich behaupten, sie hätten etwas erfunden. Auch ich nicht. Die alten Maler haben schon so viel enorm gutes Zeug gemacht, da schauen alle Neuen irgendwie ab. Picken ihre Rosinen heraus und verwirklichen eigene Dinge. Ich lasse mich immer von anderen inspirieren wie etwa Alphonse Mucha mit seinem Jugendstil oder Impressionisten wie Magritte. Oder von diversen Streetartisten. Ich kopiere meistens aber nicht. Ich sehe oder höre etwas und das regt meine Fantasie dazu an, ein eigenes Konzept zu entwickeln. Es ist ein Impuls in einem passenden Moment. Menschen, Tiere, Fotografien, Musik, das inspiriert mich. Oder auf Instagram, da siehst du so viele unglaublich gute Inspirationsquellen. Ich bin Fan von Menschen, die den Mut haben einfach etwas hinzumalen, einfach mal zu probieren. Egal was.

Jetzt war gerade so ein kleiner Medienhype um den Künstler und Tätowierer Raphael Bühlmann. Wie findest du ihn?

Er ging mit mir in die Berufsschule. Er ist ein sehr netter, kreativer junger Mann, den ich sehr respektiere. Raphael macht Kunst mit Herzblut, er ist überall präsent, er hat sich selbstständig gemacht hat und Mut hatte dazu. Er ist ein direkter Typ und das passt vielen nicht. Aber da lässt er sich nicht allzu arg beeinflussen. Er polarisiert und ist in meinen Augen ein richtiger Künstler.

Was ist ein richtiger Künstler?

Das ist jemand, der sich diesen Titel nicht selbst verleiht. Einer auf den Leute zukommen und sagen: „Shit, dein Zeug ist so geil, du bist ein richtiger Künstler!“ Leute die du fragst, was sie so machen und die dann nicht antworten: „Ich bin Künstler“. Es ist ein sehr ausgelutschtes Wort. Ich kann das nicht ernst nehmen. Raphael hat mich übrigens tätowiert.

Zeig.

(Zeigt Oberarm mit Frauenmotiv im Stil von Alphonse Mucha mit vielen weiteren Motiven) Die Zeichnung habe ich entworfen und ihn gefragt, ober Lust hätte das umzusetzen. Ist meiner Meinung nach gut herausgekommen.

Sieht geil aus. Wie findest du Banksy? Ist auch so ein Hype.

Ich finde er macht gute Sachen, ist gesellschaftskritisch, das gefällt mir. Ich finde nur komisch, dass jeder, der irgendwo eine Schablone sieht, gleich sagt das sei Banksy. Das geht einem dann irgendwann ein bisschen auf den Zeiger. Es gibt wahnsinnig viele Leute, die cooles Zeug machen, die nicht so berühmt sind.

Die Generation Y will Künstler sein und das Image davon unbedingt verkörpern. Der Spezielle, Unangepasste, Gesellschaftskritische, Wilde, Sexuell freie sein.

Das sind so Korsetts in welche sich vor allem junge Leute reindrücken möchten. Und damit genauso vorgeformt denken, statt für sich herauszufinden, was sie wirklich erfüllt. Sie sind auch diejenigen, die in meinen Augen nicht wahnsinnig krasses leisten. Andererseits ist es sehr schön, dass Menschen, die kreativ sind, eine Plattform geboten wird. Das soll man unbedingt fördern.

Haben wir Platz für all die Künstler?

Was wir uns nicht bewusst sind: Wir sind allgegenwärtig mit Kunst konfrontiert. Wenn wir am Abends nach Hause gehen und die Zeitung aufschlagen, dann den Fernseher einschalten – ist da immer Kunst. Man muss sich fragen, was da alles passiert ist, bis es im Fernsehen so aussieht wie es aussieht. Wenn wir in Galerien gehen, in einem schönen Restaurant sitzen – das sind alles Leute mit künstlerischem Background, die da mitgewirkt haben. Viele von ihnen werden keinen Durchbruch haben und der neue Picasso werden, aber sie werden erfüllt sein in ihrem Job. Bei jedem Beruf muss man sich fragen, ob es Platz für all die Abgänger haben wird. Man passt sich dann an den Markt an und findet seinen Weg. Es ist aber wichtig vorerst mit dem leidenschaftlichen Herzen entschieden zu haben und dann weiterzusehen.

Denkst du das Klischee vom Künstler kommt aus der Zeit der Pariser Aktmalerei als Maler noch anrüchig waren, weil sie nackte Körper skizzierten?

Ja, Künstler waren damals Menschen, die sich bewusst gegen gesellschaftliche Zwänge entschieden hatten und somit auch gegen das Geld. Sie starben mausarm. Heute haben wir das nicht mehr, jeder möchte mit seiner Kunst Geld verdienen. Somit stellt sich die Frage: Wer ist noch mit Herzblut dabei?

Du bist gemäss Klischee kein typischer Künstler. Du hast einen 8 bis 5 Job und eine langjährige Freundin.

Ich nenne mich nicht Künstler. Ich bin einfach ein Typ der sehr gerne malt. Viele mögen mich einen Idioten finden, weil ich kein Szeni bin. Ich bewege mich nicht in dieser Szene, weil ich sie nicht brauche um zu malen. Ich weiss gar nicht wer das ist und wer das macht. Ich muss auch nicht polarisieren oder provozieren, wie es heute oft erwartet wird. Leute, die krampfhaft versuchen diesen Klischees zu entsprechen, sind für mich lächerlich. Ein Aufmerksamkeitsdefizit: „Hallo! Ich bin auch noch hier, ich mache auch noch was!“ Die schreiben dann zu jedem bisschen, das sie machen einen doppelseitigen Roman, damit man überhaupt versteht was das ist. Die fragen mich dann so: „Was hast du dir da genau überlegt?“ Und ich sage: „Gar nichts, ich hatte da keinen roten Faden drin.“ Und sie so: „Das ist ja voll scheisse. Einfach öppis.“ (lacht) In meinen Augen muss Kunst im Menschen einfach irgendetwas auslösen, ohne dass ich ihnen erklären muss, was sie zu denken und fühlen haben.

 

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Bilder: Levin Bräu

 

 

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Jelena Keller

Autor: Jelena Keller

Jelena ist von Beruf Journalistin und Sprachlehrerin, Schweizerin serbischer Abstammung. Sie mag lange Texte und langes Grübeln. Sie hat sich daran gewöhnt zu viel zu denken und zu wenig zu schlafen. Wenn sie gar kein Auge zumachen konnte sieht sie die Welt nüchtern und in einem Grauton. Wenn sie ausgeschlafen hat, wandert sie mit ihrem Hund auf grüne Berge, durch bunte Blumenwiesen und rosa Weizenfelder. Schreibt auch mal Gedichte und Kurzgeschichten, reist am liebsten um die Welt und probiert Neues aus. Sie meint tatsächlich, dass sich alle Probleme lösen liessen, wenn man sich nur ab und zu in die Lage des Gegenübers versetzen könnte. Walk in my shoes und so. Trotzdem versteht sie manche Menschen nicht. Die, die sich vor dem Leben und dem Tod fürchten und andere verurteilen. Aber von den meisten anderen denkt sie, sie seien alle Freunde, die sie bloss noch nicht kennengelernt hat.

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