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Namaste ahoi. Ich bin SUP-Yoga.

Gerald Lutz sass vor seinem Surfer-Lädeli „Gearloose“ in Erlenbach als wäre er und die umliegenden Kubikmeter gerade einem Strassenzug aus Haleiwa auf Oahu entsprungen. Ich bat ihn, mir ein Board auszuhändigen auf dem ich guten Stand habe. Er gab mir ein grosses, gelbes Blow up-Board und ich hoffte, dass ich damit nicht als Yellow SUPmarine enden würde.

Meine private SUP-Yogalehrerin Rachel Sundström gesellte sich dazu und offenbarte mir, dass meine Chancen, heute unfreiwillig im Wasser zu landen, sehr gut stünden. Ein Hurra für soviel Ehrlichkeit. Beim einwassern spürte ich, dass die Kaltwetterfront, die letzte Nacht durch die Schweiz zog, ihren Job gemacht hatte. Im Nu trug ich ein Hühnerhaut-Kostüm. Rachel erklärte mir kurz, wie man mit diesem langen Paddel umgeht. Da ich vor etwa zwei Jahren schon mal eine SUP-Lektion besuchte, stellte ich mich beim rauspaddeln gar nicht so dumm an. Memo an mich selbst: „Nicht jeder der auf einem Surfboard etwas in die Knie geht und mit aufrechtem Oberkörper übers Wasser paddelt, sieht dabei aus wie Laird Hamilton.“

Von Schmerzen war noch nichts zu spüren. Nein, es war sogar eine sehr idyllische Erfahrung, an diesem sonnigen Mittwochmorgen auf dem Zürichsee, einer äusserst sympathischen Schwedin hinterher zu paddeln. Doch die Idylle trügte und sollte schon bald in einer Tragödie enden. (Dramatischer Akkord)

Nachdem wir im seichten Wasser vor der wunderschönen Goldküste unsere kleinen Anker „über Board“ warfen, begann Rachel, aus heiterem Himmel und ohne jegliche Anzeichen von Mitleid, die schwierigsten Yogaübungen von mir zu verlangen. Es könnte aber auch sein, dass mein innerer Schweinehund völlig verdrängte, dass ich hier nicht im Mädchenpensionat war, sondern im SUP-Yoga.

Ich weiss nicht wie es ihnen beim Yoga so geht aber mir bereitet es schon auf festem Boden grosse Mühe gut dabei auszusehen. Ich schwanke schon, wenn ich auf einem Bein stehen muss. Jetzt können sie sich ja vorstellen wie geschmeidig ich mich in die Landschaft einfüge, wenn eine ambitionierte Yogalehrerin von mir auf dem See einen „Downward Facing Dog“ einfordert. Wie ein besoffener Affe, der vergorene Früchte gegessen hat, torkelte ich mich durch die Asanas.

Rachel muss sich wohl konstant im diplomatisch-in-sich-hinein-prusten geübt haben, denn ich hörte nicht den leisesten Hauch von Häme in ihrer Stimme als sie mir jeweils die neuen Asanas erklärte. Man muss hier aber auch erwähnen, dass hinter all diesem Gewackel und dem stetigen ausbalancieren ein enormer Trainingseffekt lauert. Seit ich diese Kolumne schreibe, war ich körperlich noch nie so gut beieinander und doch kam ich bei jeder Asana innert Sekunden in den roten Bereich. Aber immerhin musste ich den Super-GAU, einen Sturz ins Wasser, noch nicht hinnehmen aber Rachel kümmert sich umgehend um dieses Problem.

Der „Warrior 2“ wurde mein Destiny Call. Ich verlor das Gleichgewicht, stürzte krächzend in die Fluten und gab meine schwer erarbeitete Würde innert Sekunden wie einen Mantel an der Garderobe ab. From Hero to SUP-Zero. Gerade war ich noch in einer Yogastunde und jetzt plötzlich in den Badeferien. Wenigstens war das Wasser nicht tief und der Wiederaufstieg dadurch einigermassen unpeinlich.

Doch dann wartete, die in ihrer Zuversicht nicht ermüdbare Rachel, mit einer Sirasana auf. Richtig gelesen, sie verlangte von mir einen Kopfstand. Einen Kopfstand! Von mir! Das ist als ob man von einem besoffen Affen verlangen würde, den Rubiks Cube zu lösen. Ums kurz zu machen, ich schaffte den Kopfstand – für ziemlich genau drei Sekunden, danach schletzte es mich wie einen frisch gestrichenen Pflock ungespitzt in den Seesand.

Aber ist der Ruf mal ruiniert, mach ich SUP-Yoga ungeniert. Bei der letzten Figur, der Krähe, stellte ich mich wider erwarten gut an und krallte mich ins Brett wie damals Captain Ahab an Moby Dick.

Endlich gönnte mir Rachel die wohlverdiente Savasana bei der wir beide auf unseren Boards liegend, als Teil der Natur in selbige eintauchten und den entfernten Klängen des Ufers lauschend von den Wellen in den Schlaf gewiegt wurden. Genau für diesen Magic Moment nimmt man wohl die Strapazen auf sich.

Namaste, liebe Rachel und gearloose.ch, für diese Wassergeburt. Mein Weg zum geistigen Aufstieg ist dank euch wieder ein Stück kürzer geworden.

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Midi Gottet

Autor: Midi Gottet

Midi Gottet ist 47 und war in diesem Leben schon Vegetarier, Alkoholiker, ein militanter Nichtraucher, Zauberkünstler in Vegas, Handmodel in Paris, Velokurier in Manhatten, Vater, Sohn und Heiliger Geist, vor Gericht wegen Verletzung religiöser Gefühle, im Knast, Sozialfall, die linke Hand von Rainer Kuhn, Stand-up Comedian, Präzisions-Schauspieler, Eden-TV-Moderator, Kolumnist, Autor, Poet, ein Singing Pinguin, ein schwules Murmeltier, Dr. Fleischmann, der DRS3-Rajiv, die Thomy-Senftube, der Schöpfer von "Handirr im Poulet speutzt", Ehemann, glücklich geschieden, eine Sportskanone, ein wenig impotent, ein Electric-Boogie-Tänzer, labil, ein Triebtäter, ein Erdengel, ein Schutzengel, ein Fussfetischist, ein Muttersöhnchen, ein Coop-Supercard-dabei-Haber, Götti, Onkel, Tante, das "Ich bin das ich bin", ein Orgasmusvortäuscher, betrieben, hoch verschuldet, tief verletzt, stinkreich, ein bornierter Snob, abgefuckt, demütig, reumütig, übermütig, übermüdet, klinisch tot, wieder wie neu, ein Drittel des Trio Eden, die Hälfte von Gottet & Landolt und ein Ganzes von Midi Gottet und somit die Summe seiner Höheren Selbste.

Danke für ihre Aufmerksamkeit.
(Wenn sie sich die Zeit genommen haben, diese Bio bis hierher zu lesen, haben sie kein Leben)

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