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Der Stadtrat und sein Nachtleben

Leadartikel der aktuellen KULTzeitung

 

Am 30. Juni haben die Zürcher Stadträte André Odermatt (Vorsteher Hochbaudepartement) und Richard Wolff (Vorsteher Polizeidepartement) zur Medienkonferenz ins Stadthaus geladen. Die Überschrift der Einladung lautete „Nachtleben – Erste Ergebnisse und Bewilligungsverfahren“.

 

Gleich vorneweg: Das „Erste Ergebnisse“ in diesem Titel hätte sich der Verfasser der Einladung ruhig schenken dürfen.

 

Der Ablauf der (überaus gut besuchten) Medienkonferenz war in etwa folgender: Erst wurde das Zürcher Nachtleben über den grünen Klee gelobt, festgehalten wie wertvoll die Clubkultur für die Stadt sei, wie sehr sie zur Belebung derselben beitrage, wie viel Geld sie umsetze und wie schützenswert sie alles in allem sei.

 

Dann war André Odermatt am Zug, der das neue Bewilligungsverfahren vorgestellt hat. Künftig und aufgrund eines Gerichtsentscheids bezüglich einer Auseinandersetzung zwischen dem Club Station und dessen Nachbarschaft, seien Club-Bewilligungen nicht mehr eine Angelegenheit der Polizei sondern eine des Hochbaudepartementes. Im Klartext heisst es: Anwohner in der Nachbarschaft eines geplanten Clubs könne künftig Rekurs gegen die Bewilligung einlegen.

 

Dann war die Reihe an Richard Wolff um die Ergebnisse der Projektgruppen Nachtleben zu präsentieren, die sich nun doch schon ein paar Monate die Köpfe zerbrochen haben, wie man Brücken zwischen Anwohnerschaft und Nachtleben schlagen könnte: Es wird irgendwann mal einen runden Tisch geben, an dem Vertreter der unterschiedlichen Interessensgruppen plaudern oder streiten werden.

 

Hallo? Das war’s? Das ist alles? Im Ernst?

 

Das alte Lied: Für das Nachtleben schöne Worte, für die Anwohnerschaft schöne Werkzeuge, mit denen sie das städtische Nachtleben (noch) einfacher verhindern können. Erst wird die Zürcher Clubkultur mit Worten einbalsamiert, dann schlägt man ihr mit einem Vorschlaghammer auf den Kopf und am Schluss präsentiert man Massnahmen fürs Nachtleben, die eigentlich gar keine sind, sondern nur verwaschene Ankündigungen irgendwelcher Vorhaben, die (erstens) wohl zu nichts führen werden als nur zu weiterem Gewäsch und an denen selbstverständlich auch Jene mitmischeln können, die dem Nachtleben Knüppel zwischen die Beine werfen möchten.

 

Klar muss der Stadtrat den Gerichtsentscheid im Fall Station gegen Nachbarschaft akzeptieren. Aber dass ihm nicht einmal einfällt, dass er für das Nachtleben Lösungen erarbeiten könnte, wie man auf Seiten der Clubs bestenfalls mit dem Urteil umgehen könnte, wie man diesen Entscheid handhaben könnte ohne davon ausgehen zu müssen, dass es nun beinahe unmöglich ist, künftig einen neuen Club zu eröffnen… das zeigt, wie sehr die Stadtverwaltung TATSÄCHLICH zu ihrem Nachtleben steht.

 

In einer Stadt wird nicht nur gewohnt, in einer Stadt wird gelebt. Und dazu gehört auch ein Nachtleben. Eine Grossstadt ohne prosperierendes Nachtleben ist heutzutage keine Grossstadt mehr. Eine Grossstadt, welche die Schlafbedürfnisse von Anwohnern IMMER über die Ansprüche aller anderen stellt, ist ein Dorf. Klar braucht der Mensch Schlaf, klar braucht er mal Ruhe und klar will er sich auch mal bei geöffneten Fenstern hinmatten. Aber mal ernsthaft: Müssen Leute mit einem sensiblen Schlaf wirklich an die Langstrasse ziehen? Wäre das nicht beispielsweise eine der Gegenden, in denen der Stadtrat die Prioritäten anders setzen müsste? Eine eigentliche Wohngegend ist die Langstrasse seit 40 Jahren nicht mehr: Früher war’s da gefährlich, heute ist’s da laut.

 

Dass die Langstrasse nicht mehr gefährlich ist, ist nicht zuletzt der Verdienst der Zürcher Clubkultur. Jener Clubkultur, der der Stadtrat einmal mehr erst seine Wertschätzung kundgetan hat und der er daraufhin einmal mehr genüsslich eins aufs Dach gegeben hat.

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Autor: Alex Flach

Alex Flach (*1971) erblickte das Licht in der Klinik Bethanien in Zürich. Nach langen Jahren des Herumeierns bei Versicherungen und nach Erreichen der Bachelor-Würde in Ökonomie, kam er zum Schluss, dass ihm seine Freizeitgestaltung besser gefällt als der Arbeitsalltag und er beschloss, dass es eine feine Idee sei, seine Hobbys Schreiben und Clubbing zu kombinieren. Nachdem er einige Jahre für Medien wie das Forecast Magazin, das 20minuten, den Blick am Abend und natürlich KULT übers Ausgehen geschrieben hatte, erkannte er, dass Clubs bezüglich Medien zumeist ähnlich grosses Talent an den Tag legen, wie Erdferkel bezüglich Quantenmechanik - und dies obschon viele von ihnen ein Programm bieten, das eine regelmässige und umfangreiche Berichterstattung verdient.

Heute betreut Alex die Medienarbeit diverser führender Clubs in der deutschen Schweiz, darunter führende Locations wie das Hive (Zürich), der Nordstern (Basel), das Rok (Luzern), die Zukunft (Zürich) oder der Hinterhof (Basel). Zudem schreibt er im Tages Anzeiger eine wöchentliche Nightlife-Kolumne, ist wöchentlich Studiogast in der Sendung Friday Night von Jonas Wirz auf Radio 24, ist Chefredaktor der Drinks Schweiz, des offiziellen Organs der Schweizer Barkeeper Union, betreut seit Anbeginn die Kommunikation des tonhalleLATE-Projekts der Tonhalle-Gesellschaft Zürich und bildet neuerdings, und zusammen mit Marc Blickenstorfer, Zürich Tourismus-Exponenten in Sachen Nachtleben aus.

Kurzum: Seine Couch und sein Schreibtisch stehen exakt auf der Schnittstelle zwischen dem Schweizer Nachtleben und der Öffentlichkeit. Dass er bisweilen zum über die Stränge schlagenden Berserker werden kann, wenn die von ihm so geliebte Nachtkultur (selbstverständlich völlig zu Unrecht) angepöbelt wird, versteht sich da von selbst.

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