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Ein Tag im Leben von: Erna B., Mitarbeiterin des Kommissariats Kontrolle Ruhender Verkehr (KRV) – Teil 2

Was bisher geschah: Teil 1

Ich habe mich mit Frau B. für heute Morgen verabredet, weil heute Montag ist, und Frau B. an Montagen gemäss eigener Aussage die Arbeit schon mal eine halbe Stunde ruhen lassen könne. Kontrolliert denn niemand, ob die Kontrolleure des Ruhenden Verkehrs ruhen? wollte ich sie fragen, habe es dann aber dem Frieden zuliebe bleiben lassen. Schliesslich wollte ich unser Treffen nicht noch in letzter Sekunde vermasseln. Das wäre dann wohl das Kommissariat Kontrolle Ruhender Verkehr Ruhe Kontrolle. Item.

Ich bin etwas früher als vereinbart da, in diesem Kaffee, an dieser Strasse, bei diesem Platz, wo ich mich diesem Lebewesen einer anderen Welt anzunähern gedenke. Psychisch. Ich erstehe an der Theke einen doppelten Espresso, weil ich an Montagen immer müde bin, an Vormittagen generell. Und ein furztrockenes Blätterteiggebäck, weil ich mich auch physisch etwas auf das sich nähernde Ereignis einstimmen möchte. Ich setze mich an den hintersten Tisch in der linken Ecke, mit dem Gesicht zur Wand. Das mache ich immer so, wenn ich jemanden treffe, mit dem ich nicht zusammen in der Öffentlichkeit gesehen werden möchte. Das erspart mir unangenehme Fragen, sollte plötzlich jemand aus meinem Bekanntenkreis auftauchen, was mir am Tisch mit einer älteren Dame in Politessenuniform ganz besonders unangenehm wäre.

Meine Vorfreude ist in etwa so gross, wie wenn ich mit Durchfall im Wartezimmer meines Zahnarztes aufs bevorstehende Ziehen von vier Weisheitszähnen warten würde. Mit Keuchhusten, Migräne und Bandscheibenvorfall. Gedankenverloren blättere ich in meinem Notizbuch und denke mir, wie schön es jetzt doch im Bett wäre. Und dass ich die Parkbusse einfach hätte bezahlen können und die Kuh eine Kuh sein lassen. Da spüre ich plötzlich, wie es hinter mir merklich kälter wird, augenblicklich stellen sich meine Nackenhaare auf, eine negative Energie breitet sich in Windeseile im ganzen Kaffeehaus aus, und ich drehe mich langsam und angespannt zur Seite. Im Augenwinkel erfasse ich einen dunklen Schatten, eine Person, die etwa einen Meter hinter mir steht und sich nicht mehr rührt. Ich drehe mich ganz um und erkenne nun, dass es sich nicht um den Leibhaftigen handelt, sondern lediglich um seine rechte Hand. Ich reiche die meinige: „Grüezi, Frau B.. Nehmen Sie doch bitte Platz.“

Frau B., wie geht es Ihnen? Was macht die Arbeit? Haben Sie der Staatskasse schon ordentlich Freude bereitet in der noch jungen Woche? (Ich erschrecke ein wenig, wollte ich doch einen sanften Einstieg in dieses Interview, und nun habe ich mich schon mitten in die Nesseln gesetzt. Wobei: Schonen? Wozu schonen? Hat SIE mich geschont? Hat JEMALS JEMAND ihrer Berufsgattung auch nur EINEM EINZIGEN MENSCHEN auf diesem Planeten Verständnis entgegengebracht? Gnade vor Recht walten lassen?? Einmal ein Auge zugedrückt??? A propos Zudrücken: Jetzt wäre der Moment, aufzuspringen, über den Tisch ihren Hals zu ergreifen und zuzudrücken und… Ich beruhige mich, atme tief durch. Ruhig Blut.

Es geht mir gut, danke. (Ein vollständiger Satz! Aus diesem verkorksten Mund, dem vertrockneten Schlund!) Am Montagvormittag ist noch nicht viel los, deshalb konnte ich mir auch etwas Zeit frei machen. (… und sich zu mir in die Höhle des Löwen setzen! WART. DU. NUR…)

Danke, dass Sie sich bereit erklärt haben, dieses Gespräch mit mir zu führen. (Erneut erschrecke ich, jetzt allerdings aufgrund meiner unerwarteten Sanftheit, wie samtigweich sie meinen Lippen entweicht. Das ist allerdings nur eine Masche. Sobald der Drache die Toiletten aufsucht, schütte ich ihm meinen vorgemischten Zyankali-Palytoxin-Cocktail in den Kaffee und sehe ihm anschliessend genüsslich beim minutenlangen Todeskampf zu.) Ich kann mir vorstellen, dass diese Einladung etwas unerwartet kam für Sie (ich halte die Tarnung gekonnt aufrecht).

Tatsächlich. Normalerweise werden wir auf unseren Rundgängen beschimpft. Von Betroffenen, denen wir gerade einen Bussenzettel ausstellen mussten – oder von Unbeteiligten, die sich über uns Kontrolleure aufregen und ihrem Ärger Luft machen wollen.

Ach… (Vorsicht! Jetzt bloss nicht überschwänglichem Mitleid verfallen! Ich könnte auffliegen, dann wären meine Quäl- und Mordpläne Makkulatur.) Das ist bestimmt nicht einfach zu ertragen. Aber (jetzt nicht zu scharf rein, die Tante soll ja noch etwas leben) nun müssen Sie mir mal eines erklären: Wie kommt man dazu, einen solchen Beruf zu wählen? Es muss Ihnen in Ihrem bisherigen Leben unsägliches Leid widerfahren sein, dass Sie nun die unbändige Lust verspüren, Ihre Galle über die Menschheit auszukotzen, oder täusche ich mich da? (Jetzt ist der Bluthund los, Leine gekappt, es gibt kein Zurück. Pech.) Sind Sie wirklich dermassen verbittert, dass Sie Freude daran empfinden, schlechte Laune zu verbreiten? (Ich komme in Fahrt! Vielleicht stosse ich sie auch einfach mit einem gezielten Tritt rücklings mit dem Stuhl zu Boden, dass sie hart auf ihren Hinterkopf aufschlägt und sich das Genick bricht!) Hören Sie, Frau B.: Ich bin ein herzensguter, grosszügiger Mensch, der andern gerne Gutes tut. Sie bewirtet, ihnen einschenkt, ihnen zuhört, gut zuredet und sie ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit verspüren lässt. Sie hingegen geilen sich daran auf, Unheil zu verbreiten, mit peinlich penibel penetranter Wehemenz Geld einzutreiben, unbescholtene Mitbürger vorzuführen, sie zu bestrafen, sie… (besässe ich einen Morgenstern, ich schwöre beim heiligen Sankt Fridolin, ich würde ihn jetzt kreisen lassen, ungeachtet der Tatsache, dass dabei einiges Kaffeehaus-Mobiliar zu Kleinholz würde, dass Mütter ihre Bälger bei den Krägen packen und unter lautem Geschrei übereilt, rennend, stolpernd und strauchelnd das Lokal verliessen… Gottlob besitze ich keine Waffe aus Holz und Eisen, dafür ergreife ich meinen verbalen Zweihänder nun mit beiden Fäusten und setze zum nächsten Schlag an…)

Nun, ich musste mich halt für einen Beruf entscheiden. Und da ich es zeitweise im Rücken habe, und ich deshalb nicht den ganzen Tag an einem Schreibpult sitzen kann, habe ich eine Tätigkeit bei der Stadtpolizei gewählt. Ich mag es, an der frischen Luft zu sein, mich zu bewegen…

Weshalb sind Sie denn nicht Gärtnerin geworden? Da könnten Sie sähen, wachsen sehen und ernten… Die glückseligsten drei Dinge, denen sich ein Menschenskind hingeben kann. Aber nein! Sie verschreiben ihre Seele stattdessen der dunklen Macht, der Staatsgewalt, dem BÖSEN! (Spinnengift! Intravenös! Zucken, leiden, verkrampfen, schäumen, entschwinden… Ich suche vergeblich nach einem Holzpfahl in meiner Jackeninnentasche. Wie konnte ich VERDAMMT NOCHMAL so unvorbereitet erscheinen!)

Hören Sie, ich denke, Sie sehen da etwas falsch. Ich bestrafe keine Unschuldigen, ich sorge mit meiner Tätigkeit lediglich dafür, dass Gesetze eingehalten werden. Da habe ich leider nicht viel Spielraum. Wenn eine Parkzeit abgelaufen ist, muss das Parkfeld für den nächsten Automobilisten zur Verfügung stehen. Tut es das nicht, kostet dies eine Gebühr. Auch in Ihrem Sinne, sollten Sie der Autofahrer auf der Suche nach einem freien…

ES REICHT! Wir sind hier nicht vor dem Jüngsten Gericht, vor dem es Ihnen freisteht noch ein letztes Mal um Gnade zu betteln. Hier und jetzt endet Ihre Geschichte, Sie werden für sich und sinnbidlich für alle Ihre Koleginnen büssen. Sie zappeln in meiner Falle und haben aber keinerlei Chance, Ihrer gerechten Strafe zu entkommen! Sie, Sie, Sie… (Ich bin nun wild entschlossen, zur Tat zu schreiten und Kraft meines Amtes als Vollstrecker im Namen der Automobilisten-Zunft…

Hallo? Hallo…? Herr, ähm… Entschuldigen Sie…

(Jemand stupst mich an) Wie? Was? Wo… Wer…? (Verwundert reibe ich meine Augen und blinzle ins helle Licht) Oh… Frau B.! Guten Morgen! Ich muss wohl, wohl kurz eingenickt sein… Bitte entschuldigen Sie. Hätten Sie gerne einen Kaffee? Aber bitte setzen Sie sich doch erst.

(Kaffee kommt)

Frau B., wie geht es Ihnen? Was macht die Arbeit?

zu Teil 1

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Pete Stiefel

Autor: Pete Stiefel

Pete konnte pfeifen, bevor er der gesprochenen Sprache mächtig war – und an seinem ersten Schultag bereits schreiben. Trotzdem ist er da noch einige Jahre hingegangen. Danach schrieb und fotografierte er fürs Forecast Magazin, für Zürichs erstes Partyfoto-Portal stiefel.li, fürs 20 Minuten, MUSIQ, Q-Times, Party News, WORD Magazine, war Chefredaktor vom Heftli, lancierte das Usgang.ch Onlinemagazin – und er textete für Kilchspergers und von Rohrs Late Night Show Black’N’Blond und Giaccobo/Müller. Er trägt (vermutlich) keine Schuld daran, dass es die meisten dieser Formate mittlerweile nicht mehr gibt.

Irgendwann dazwischen gründete er in einer freien Minute seine eigene Kommunikationsagentur reihe13, die seit nunmehr 13 Jahren besteht. Er ist mittlerweile in seiner zweiten Lebenshälfte, Mitinhaber vom Interior Design Laden Harrison Spirit, schreibt für seinen Blog Living Room Hero und Pointen für Giacobbo / Müller und jetzt auf dem Planeten Kult gelandet. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für Pete.

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