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I <3 Neid

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Seit Jahren verfolge ich bang, wie Experten uns vor der neuen psychologischen Gefahr warnen, die der Menschheit durch Facebook droht. Demnach werden wir bald alle depressiv, denn wer sich dauernd das aufgehübschte Leben anderer ansieht, endet unglücklich, besonders unausgereifte Persönlichkeiten. Weil die armselige Existenz eines jeden von uns angesichts der Herrlichkeiten aus dem Leben anderer noch mickriger erscheint, selbst wenn sie alles andere ist. Das ist wie beim Gerangel um die Superyachten, dem sich die Extremsuperreichen gern hingeben. Wer sich eine für 50 Millionen leisten kann ist immer noch neidisch auf den Emir von Kathar, der eine für 300 Millionen hat. Ich habe die Yacht in meinen Ferien am Mittelmeer gesehen, ein hässliches Teil. Den Emir habe ich auch gesehen und besonders glücklich wirkte er nicht. Aber so funktioniert der Mensch. Erst ist er neidisch und am Ende ist er traurig.

Nur ich nicht, denn ich war gerade eben gerade am Mittelmeer, habe mir all die Yachten angesehen und es war Bombe. Die Strände weiss, das Meer azurblau, der Himmel rotgolden zum Sonnenauf- und Sonnenuntergang, zum Niederknien das alles, die Menschen schön und braungebrannt und happy. Und obschon ich mich bislang auf Facebook immer demütig zurückgehalten hatte mit Post aus meinem Leben, um die Welt nicht zu einem schlechteren Ort zu machen, als sie ohnehin schon ist, konnte ich diesmal nicht widerstehen.

Zu schön waren meine Urlaubsfotos, Meer, Sand, Palmen, also machte ich mir einen Spass daraus, den Neid der zu Hause gebliebenen zu wecken. Und all der Nordsee- und Grossbritannienreisenden, die irgendwo in Funktionsbekleidung an windgepeitschten Küsten im Regen stehen und oh, wie sie den „Gefällt mir“ Button bearbeiteten! Ich beobachtete es mit dem sardonischen Grinsen einer Frau, die weiss, dass mit jedem Klick irgendwo ein Serotoninpegel in den Keller sackte. Hach, wie war das schön.

Doch irgendwann ist jede Party vorbei. Zeit meinen eigenen Serotoninspiegel mal einem Realitätscheck zu unterziehen. Und der fällt bitter aus, wenn man von einem Ort mit dem Motto „blauweiss und schön“ in die Schweiz zurückkehrt. Dann schleicht sich die Ernüchterung so unangenehm in die Knochen wie die Feuchtigkeit der grauen Wolkenschleier, die sich schon vor der Grenze ankündigen, komplett mit traurigen Laubwäldern und Autobahnen, die mehr Baustellen aufweisen als ein Sofa Löcher, nachdem eine Horde Hippies darauf nie Nacht durchgekifft hat.

In Olten nahm ich den Zug nach Zürich und es folgte der zweite Kulturschock. Mausgraue Sauertopfmienen  und schlecht gelaunte Punks am Bahnhof. Nur der besoffene Junkie verbreitete gute Stimmung, bevor er bei einer wilden Pirouette mit dem Gesicht voran zu Boden fiel und nicht mehr weitersingen konnte. Das ist also die saubere, reiche Schweiz, sagte ich mir und bestieg schaudernd den Zug nach Zürich.

Am Bahnhof Enge stieg ich aus und hier ein ähnliches Bild. Zumindest was die Mienen anbelangte. Die Kleider hingegen waren sauber und von feinerem Tuch, dafür die Begegnungen angesichts meiner heimreisenden Gepäckzumutung missbilligender. Randständige gab es allerdings auch, jedenfalls meinte ich eine solche zu erkennen in der bleichen Frau mit dem grauen, strähnigen Haar, die mit geschürzter Oberlippe an mir vorbeischlurfte, als ich mir im Migros ein Wägelchen schnappte. Hinter ihr her trottend und ihre Einkäufe analysierend, kam ich allerdings zu einem anderen Schluss. Die Frau war keine Randständige, sondern offensichtlich Veganerin – was im Endeffekt etwa auf dasselbe herauskommt. Eine Sekunde dachte ich darüber nach, mein Handy zu zücken und einen Facebook-Eintrag dazu zu verfassen. Aber ich liess es bleiben. Mitleid ist weniger befriedigend als Neid.

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Nachtrag: Ich brauche übrigens auch kein Mitleid. Ich sitze in der Küche, draussen ist eine laue Sommernacht, wahrscheinlich eine der letzten. Die Fenster stehen offen und irgendwo im Hinterhof sitzt eine Gesellschaft unter den Bäumen, Fetzen ihrer angeregten Gespräche klingen gelegentlich herauf, interpunktiert von Frauenlachen. Irgendwo spielt jemand auf einem Flügel Goulds Goldbergvariationen. Die die schönste Musik, die man sich denken kann. Das Leben ist schön.

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Autor: Michèle Binswanger

Michèle Binswanger ist auf dem Land aufgewachsen und liebte Pferde. Dann studierte sie Philosophie und wäre fast Philosophin geworden. Aber weil ihre Kommilitonen immer so aussahen, als wären sie Jahre unabgestaubt im Schrank gestanden, erschien ihr das zu unglamourös. Also wurde sie Journalistin. Das ist zwar auch nicht viel glamouröser, aber der Job machte Spass. Die Phrasen, die sie in ihrem Job am häufigsten hört, sind: „Das ist aber mutig“. Und: „Ich bin zwar nicht immer gleicher Meinung, aber schreiben kannst du.“ Das würde sie auch unterschreiben.

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