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Friseur from Hell

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Es gibt Frauen, die haben Bad Hair Days. Und es gibt Frauen, die haben ein Bad Hair Life. Ich gehöre zu letzteren. Das ist nicht besonders schlimm, zugegeben. Es ist zu verkraften mit Haaren zu leben, die kein reiner Quell der Freude sind. Aber bei mir hat es etwas Pathologisches. Denn wer Bad Hair hat, wäre eigentlich angehalten, sich umso mehr darum kümmern. Er oder vielmehr sie sollte sie hegen, pflegen, waschen, wachsen, föhnen und vor allem ab und zu schneiden. Aber ich hasse das, vor allem letzteres. Und noch mehr hasse ich die, die das tun, die Friseure.

Natürlich sind Friseure in der Regel ganz lieb. Mehr als das, sie erwecken in mir oft Neid auf ihren Beruf. Wie schön muss es sein, den ganzen Tag Frauenhaar durch die Finger gleiten lassen, zu bürsten, zurechtzurücken und in Form zu bringen. Aber selber in diesem Folterstuhl des Narzissmus zu sitzen und in die eigene blöde Fresse zu starren – eher weniger. Die periodisch notwendigen Besuche bei Friseuren – denn ich besuche selten einen zwei Mal – setzen meinem seelischen Gleichgewicht zu. Ich verabscheue schon das Setting: das grelle Licht, der leicht chemische Duft nach Haarpflegemitteln, die Stühle, das Gefummel an meinen Haaren, der hässliche Schurz, der überdimensionierte Spiegel, aus dem dir dein Gesicht entgegengrinst. Und du sitzt da wie ein begossener Pudel und versuchst, nicht hinzusehen und kannst gar nicht anders und du hasst dich und jeden einzelnen Pickel und überhaupt alles. Und dann fragt er dich, der ganz liebe Friseur, oder vielmehr die Friseuse, mit zuckersüssem Lächeln zum Spiegel hin: Was darfs denn sein?

Schlimmer als Zahnarzt

Zum Friseur gehen zu müssen ist schlimmer als zum Zahnarzt. Der ist irgendwie grob und man darf ihn dafür hassen, dass er mit seinen Fingern in deinem Mund rumstochert. Er versteht, dass er unangenehm ist und dich ängstigen könnte. Nicht so der Friseur. Der denkt, er sei dein bester Freund. Er ist nett zu dir, es macht alles möglich, der Friseur und findet auch dein Badest Hair super. Verdammter Lügner.

Nur neulich war alles anders. Ich war zu einer Hochzeit eingeladen und die Gastgeber hatten eigens einen Hochzeitsfriseur engagiert. Narzisstisch wie ich bin, deutete ich das als persönliche Botschaft an mich: Wage es ja nicht, mit deinem Vogelnest auf dem Kopf zur Hochzeit aufzukreuzen. Also fügte ich mich in mein Schicksal und trat den schweren Gang in den nächsten Frisiersalon an – denn zum Hochzeitsfriseur zu gehen wagte ich nicht. Tapfer macht ich mich auf den Weg und landete nach einigem Warten in einem Friseurstuhl.

Die resolute Blonde

Es war Samstagnachmittag und alle Damen des Dorfes liessen sich noch schnell die Frisur richten. Ich hatte den Friseusen zuvor zugesehen. Sie gingen ihre Aufgabe mit grosser Ernsthaftigkeit an, bürsteten, föhnten und sprayten grimmig Frisuren in Form, sie spritzten und dampften mit allerlei Wässerchen und Lotionen herum. Ich fand es einschüchternd. Ich kam mir vor, als wartete ich auf meine Hinrichtung, als sich eine energische Blonde meiner annahm.

Sie ging ganz pragmatisch zu Werk, arbeitete schweigend, nur manchmal erklärte sie irgendetwas auf italienisch, was ich nicht verstand, aber egal, denn ich begriff trotzdem, was sie meinte. Sie wusch und massierte und spülte und dann schnitt sie schnell und entschlossen, immer wieder erklärend, was sie tat, während ich beschwichtigend nickte und versuchte, ein freundliches Gesicht zu machen. Aber inzwischen waren wir beste Freundinnen, so vertraut, dass wir uns ohne Worte verstanden. Wäre ich länger geblieben, hätten wir vermutlich auch zusammen menstruiert. Sie hat sich wirklich grosse Mühe gegeben und es war ein so positives Erlebnis, dass ich ihr noch ein paar überteuerte Pflegeprodukte abkaufte und mir schwor, von jetzt an öfter freudiger, gewissenhafter Friseur gehe.

Ich würde hier gern schreiben, dass ich das auch tun werde. Und das würde ich, lebte ich in Italien neben diesem Friseursalon mit der resoluten Blonden. Tu ich aber nicht. Ich glaube mein Leben wird trotzdem ein Bad Hair Leben bleiben.

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Michèle Binswanger

Autor: Michèle Binswanger

Michèle Binswanger ist auf dem Land aufgewachsen und liebte Pferde. Dann studierte sie Philosophie und wäre fast Philosophin geworden. Aber weil ihre Kommilitonen immer so aussahen, als wären sie Jahre unabgestaubt im Schrank gestanden, erschien ihr das zu unglamourös. Also wurde sie Journalistin. Das ist zwar auch nicht viel glamouröser, aber der Job machte Spass. Die Phrasen, die sie in ihrem Job am häufigsten hört, sind: „Das ist aber mutig“. Und: „Ich bin zwar nicht immer gleicher Meinung, aber schreiben kannst du.“ Das würde sie auch unterschreiben.

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