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Das Fest

Es dauerte nur noch wenige Tage bis zum grossen Fest. Wir alle freuten uns ungemein darauf. Ich vielleicht noch ein kleines Bisschen mehr, denn ich war als Vorsteher des Organisationskomitees verantwortlich für den reibungslosen Ablauf. Deshalb auch etwas nervöser als die anderen. Aber es konnte eigentlich nichts schief gehen, schliesslich hatten wir an alles gedacht, und alles lief wie geplant.

Ich liebe es, Fester zu organisieren. Gastgeber zu sein. Glückliche Gesichter zu sehen und zu wissen: Du trägst hier ein kleines Stück Verantwortung für die paar Stunden Vergessen der täglichen Anstrengungen und Sorgen, das Beiseiteschieben von Kummer und vom stetigen Druck, Erwartungen zu erfüllen. Jeder trägt davon sein eigenes Bündel mit sich herum. Aber während eines Festes bleibt dieser Balast draussen. Drinnen spielt die Musik, duften die Speisen, verführen die Getränke.

Ich kam an diesem Abend etwas später nachhause. Die letzten Vorbereitungsarbeiten haben angedauert, aber ich beklagte mich nicht. Keiner von uns. Schliesslich wollten wir alle unser Bestes geben, damit dieses Schulfest unvergesslich wird. Ich brannte darauf, daheim zu erzählen, wie sehr ich mich freute, auf das Konzert der Band, in der ich damals spielte, wie stolz ich war und vieles mehr. Zuhause wars allerdings dunkel. Ungewöhnlich für diese Zeit. Mindestens meine Mutter war üblicherweise zuhause, und es wartete ein Abendbrot auf mich, auch wenn es wie heute mal etwas später sein sollte. Diesmal war es anders. Das Haus komplett im Dunkeln. Seltsam. Neben dem Telefon eine Notiz, an deren Worte ich mich noch heute erinnere, an jeden einzelnen Buchstaben. Ich sehe den weissen Zettel vor mir und kann ablesen: Vater ist etwas passiert. Er liegt im Spital. Wir kommen dich holen.

Wenige Worte – doch ich wusste, dass nichts mehr sein sollte wie vorher. Keine logische Gewissheit, sondern eine unterbewusste Nachricht, die ich mir selber überbrachte, ohne deren Tragweite erfassen zu können. Gleichzeitig war ich gelähmt, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Eine eiskalte Zange hatte mich beim Nacken gepackt und fortan meine Bewegungen für mich ausgeführt. Was ich danach tat, weiss ich nicht mehr. Wahrscheinlich nichts. Irgendwann klingelte das Telefon, wie durch einen Wattebäuschel hörte ich, dass man mich abholen kommen würde. Ich wartete. Keine Ahnung wie lange, wahrscheinlich eine halbe, vielleicht eine ganze Stunde. Zeit spielte für mich keine Rolle mehr, nichts spielte mehr eine Rolle. Wir sassen im Auto richtung Spital. Ich hatte nie etwas gegen Spitalbesuche, gegen den klinischen Geruchsmix aus Putzmitteln, Medikamenten und Sterilisierungsflüssigkeit. Das sollte sich an diesem Abend ändern. Mit einem dicken Kloss im Hals bewegte ich mich vorwärts, liess ich meine Füsse mich tragen, die in solchen Momenten einfach zu funktionieren wissen, ohne dass man ihnen eine Anleitung zu geben braucht. Der ganze Körper funktioniert als eigenständige Maschine, losgelöst von den Gedanken. Dafür sollte man ihm dankbar sein. Aber für Dankbarkeit hatte es in meiner dichten Nebelwolke keinen Platz. Für nichts hatte es Platz. Für rein gar nichts. Leere. Die metallene Türklinke muss sich kalt angefühlt haben, als ich die Tür aufstiess. Türklinken fühlen sich immer kalt an.

Da lag er, mein Vater, zugedeckt mit einem weissen Leintuch, einer weissen Decke, angeschlossen an Geräte, die mich nicht interessierten. Regungslos lag er da. Er, der mich an diesem Morgen wie an jedem Morgen geweckt hatte. Er lag nun einfach da, in diesem fremden Bett. Hirnblutung. So lautete die Diagnose. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen, ich war versteinert, meine Familie weinte, ich blieb stumm, regungslos, ahnungslos, fassungslos, besinnungslos. Ich setzte mich auf einen Stuhl neben diesem Bett, zögerte erst, nahm dann aber die Hand meines Vaters, sie war warm. Ganz normal warm, vielleicht etwas wärmer als sonst. Ich spürte den Puls, doch er bewegte sich nicht, hatte die Augen geschlossen. Ein Arzt bat uns, meine Mutter, meine beiden Brüder und mich in den Flur. Ich wollte nicht hören, was er uns zu sagen hatte. Und doch mussten wir erfahren, was es zu erfahren gab, viel war es nicht. Er habe eine starke Hirnblutung erlitten, dies könne vielerlei Ursachen haben. Man wisse derzeit nicht, wie es ausgehen werde. Man könne keine Prognose machen, wisse nicht, wie der weitere Verlauf aussehe. Wir müssten aber mit dem Schlimmsten rechnen, meinte der Mann im weissen Kittel. Es könne sein, dass mein Vater daran sterbe. Aber genauso gut, dass er es überlebe. Allerdings auch hier ohne jegliche Prognose. Wenn, so fuhr er fort, müsse mit ernsthaften Folgen gerechnet werden. Verlust der Sprache, schwere körperliche Behinderung, et cetera, et cetera. Nichts würde mehr so sein wie früher. Wie nicht so sehr viel früher. Wie heute Morgen. Und wie ich irrtümlich glaubte auch noch heute Nachmittag, während der Vorbereitungen zu unserem Fest. Wie anders alles sein würde, war ich zu diesem Zeitpunkt ausser Stande zu erfassen. Wie auch. Alles war möglich, und zugleich nichts. Heute, an diesem Tag. Am Geburtstag meines Bruders.

Wir Brüder gingen nachhause, denn es gab für uns hier nichts zu tun, nichts zu helfen. Unsere Mutter blieb, wenn ich mich richtig erinnere. Denn ich erinnere mich offen gestanden kaum mehr an etwas. Bloss daran, dass ich tief und fest schlief in dieser Nacht. Aussergewöhnlich, wie ich hinterher fand und es heute noch finde. Kaum wach holte mich aber der Schrecken ein in meinem Wattebäuschel. Was, wenn das Telefon klingelt? Was, wenn… Ich wagte es nicht, Gedanken auszuformulieren. Hüllte mich einfach ein und hoffte, dass nichts zu mir durchdringen vermochte. Und trotzdem musste ich funktionieren. Ich musste meine Schule informieren, dass ich heute nicht kommen würde. Und ich auch nicht wusste, wann überhaupt wieder. Weil mein Vater… Ich versuchte zu erklären, was ich zu erklären fähig war, denn da war nicht viel, eigentlich nichts, bloss diese erdrückende Ungewissheit. Ich erfuhr später von meinem guten Schulfreund Christoph, dass unser Rektor die ganze Schule mittels Aushang über mein Schicksal informierte. Was er bestimmt nicht getan hätte, wäre ich nicht der Verantwortliche für dieses Fest gewesen, dieses Fest, auf das ich mich so sehr gefreut hatte, und mit mir die ganze Schule. „Es ist mit seinem Ableben zu rechnen“, sei da gestanden, das Fest wurde abgesagt. Diese Worte haben sich in meine Erinnerung gebrannt. Wie konnte er so etwas sagen? Wenn nicht einmal der behandelnde Arzt eine solche klare Ansage machte? So rechnete also meine ganze Schule mit dem Tod meines Vaters, noch während meine Familie hoffte. Wohl etwas mehr als der Arzt, der vermutlich ähnlich nüchtern wie der Rektor war, jedoch darauf geschult, mit Angehörige schohnend umzugehen, wenn es zumindest einen leisen Funken Hoffnung geben sollte.

Diese Hoffnung dauerte an. Einen weiteren Tag, an dem ich am Krankenbett sass, die warme Hand meines Vaters hielt, versuchte, eine wenn auch noch so winzige Regung auszumachen. Etwas, das man als Zeichen hätte deuten können. Eine kleine Antwort auf die Frage nach dem wie weiter, wo hin, weshalb… Wir waren überzeugt, solche Zeichen zu spüren, weil wir solche Zeichen spüren wollten. Oder weil sie tatsächlich da waren. Sie zu interpretieren war allerdings unmöglich. So blieb uns einfach das da sein, weil solche Patienten die Anwesenheit ihrer Liebsten spüren würden, wie man uns sagte. Tag drei verging, ein weiterer Septembertag, an dem die Sonne warm schien, aber nicht bis zu mir vorzudringen vermochte. Ich unternahm lange Spaziergänge mit unserem Hund, weil es mir dadurch wie beim Schlafen gelang, Distanz zu schaffen, für einen Moment vor einer Realität zu flüchten, die es für mich allerdings ohnehin nicht gab.

Tag vier, ein Samstag, war wieder sonnig, und ich war wieder auf einem langen Spaziergang. Mit meinem Hund und mit Angela. Angela, die sagte: Lass mich deine Freundin sein in dieser schweren Zeit. Worte, die sich ebenfalls in meinem Gedächtnis festsetzten. Ich brauchte jemanden, der mich führte und mir Halt gab. Auch wenn ich niemals jemanden darum hätte bitten können, denn ich kannte meine Bedürfnisse nicht mehr. Als wir wieder nachhause kamen, war meine Mutter sehr, sehr aufgebracht, sie weinte und war nur sehr schwer zu verstehen. Aber ich wusste in diesem Moment, dass es auch gar nichts zu verstehen gab. Bloss, dass einer meiner Brüder, sie beide waren im Spital, angerufen hatte. Dass er uns holen komme. Uns holen kommen müsse. Und er kam zur Türe herein und sagte: Es geht ihm jetzt gut. Weitere Worte, die trotz flächendeckender Erinnerungslücken ich nie wieder vergessen werde. Wir fassten für einen Blitzmoment Hoffnung, dass Vater und Ehemann aufgewacht sein könnte, dass nun wieder alles… Der Gesichtsausdruck meines Bruders liess aber erkennen, dass es keinerlei Grund für Hoffnung geben sollte. Und dass dieses gut nur für unseren Vater gelten würde. Denn er war an diesem sonnigen, warmen Herbst-Samstagnachmittag von uns gegangen. Einfach so. Ohne sich von uns zu verabschieden, ohne meinen zwanzigsten Geburtstag abzuwarten, ohne einige Jahre später in den verdienten Ruhestand treten zu dürfen, denn er war bloss 58 Jahre alt geworden.

Die richtige Trauer setzte bei mir noch nicht ein. Nicht an diesem Samstagabend, als ich mit meinem Bruder auf einer Wiese sass und den blutroten Sonnenuntergang und die auffälligen Wolken beobachtete, nicht die folgenden Tage, an denen wir alle weiterhin einfach funktionieren mussten. Nicht an der Beerdigung, nicht die Tage und Wochen danach. Ich befand mich weiterhin in dieser Wolke, die mich abschirmte und mich davor bewahrte zu realisieren, was es bedeuten sollte, dass nun nichts mehr so sein wird, wie es war. Erst drei, vielleicht vier Wochen später in der Kathedrale Notre-Dame in Paris während eines Konzertes. Ich hatte beschlossen, dass es gut für mich sein würde, die vor diesen Ereignissen geplante Reise mit Freunden trotzdem anzutreten. Die Stimme dieser Sängerin öffnete mein Herz, und es begann bitterlich zu weinen, brach in mir zusammen und war froh, meine Freunde Christoph, Stefanie und Sonja um mich zu wissen. Nicht um mir zu helfen oder Ratschläge zu geben, sondern einfach um da zu sein. Das ist nun dreiundzwanzig Jahre her, und trotzdem scheint es mir, als sei es eben erst passiert.

Dieses Erlebnis sollte einen anderen Menschen aus mir machen. Ich wollte mir Menschen nicht mehr zu nahe kommen lassen, nicht damit leben müssen, dass ich mich auch von ihnen wieder zu verabschieden haben werde. Ich wollte nicht mehr lieben, um nicht noch einmal diesen tiefen Fall erleben zu müssen. Ich wollte mich vor der Tatsache verschliessen, dass es wieder geschehen wird, ob ich mich dagegen zur Wehr setze oder nicht. Zumindest mit meinen Familienmitgliedern, denn vor denen kann ich nicht einfach fliehen. Trotzdem habe ich mich wieder geöffnet. Und ich habe wieder loslassen müssen. Auch Menschen, die weiter leben und nah oder fern, aber nicht mehr Bestandteil von meinem Leben sind. Und ich habe wieder und wieder heftig geweint und war versucht, mich erneut zu verschliessen. Aber ich wusste, und das hatte ich gelernt: Das Leben besteht darin, anzunehmen, zu geben, zu geniessen, zu spüren – und auch wieder loszulassen. So schmerzhaft das auch immer und immer wieder ist. Es lässt uns Lektionen lernen, uns selber zu begegnen und zu verstehen. Oder dann und wann zu akzeptieren, dass es manchmal einfach keine Erklärungen gibt, wie wir uns selber auch nicht stets zu erklären wissen. Doch dann tragen uns unsere Füsse weiter, funktioniert unser Körper und gibt uns nicht auf, denn es wird weitergehen. Und weiter. Und weiter.

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Pete Stiefel

Autor: Pete Stiefel

Pete konnte pfeifen, bevor er der gesprochenen Sprache mächtig war – und an seinem ersten Schultag bereits schreiben. Trotzdem ist er da noch einige Jahre hingegangen. Danach schrieb und fotografierte er fürs Forecast Magazin, für Zürichs erstes Partyfoto-Portal stiefel.li, fürs 20 Minuten, MUSIQ, Q-Times, Party News, WORD Magazine, war Chefredaktor vom Heftli, lancierte das Usgang.ch Onlinemagazin – und er textete für Kilchspergers und von Rohrs Late Night Show Black’N’Blond und Giaccobo/Müller. Er trägt (vermutlich) keine Schuld daran, dass es die meisten dieser Formate mittlerweile nicht mehr gibt.

Irgendwann dazwischen gründete er in einer freien Minute seine eigene Kommunikationsagentur reihe13, die seit nunmehr 13 Jahren besteht. Er ist mittlerweile in seiner zweiten Lebenshälfte, Mitinhaber vom Interior Design Laden Harrison Spirit, schreibt für seinen Blog Living Room Hero und Pointen für Giacobbo / Müller und jetzt auf dem Planeten Kult gelandet. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für Pete.

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