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Juggle it just a little bit

Auf der riesigen Blatterwiese am Zürisee traf ich mich mit Nico Rietmann, dem Jongleur meines Vertrauens. Nico trug schwarze Klamotten, ein kariertes Altherrenkäppi und braune Halbschuhe. Ich schreibe diese Sportkolumnen seit über zehn Jahren, doch die Person, die mich jeweils folterte, trug nie Halbschuhe, sondern Turnschuhe. Sollte das hier womöglich ein Spaziergang im Park werden? Ja genau, und wovon träumst du nachts Midi Gottet?

Nico drückte mir fürs Erste nur einen einzigen Ball in die Hand und dieser eine Ball sollte mich während der nächsten halben Stunde ziemlich beschäftigen. Nico stand mir gegenüber und forderte mich auf, den Ball einfach von einer in die andere Hand zu werfen. Klingt einfach, ist es auch, bis Nico einem sagt, was man zu tun hat. Ich solle den Ball nicht fokussieren, sondern einfach mein Blickfeld scannen um den Überblick zu gewinnen. Und siehe da, ich sah den Ball auch, obwohl ich ihn nicht direkt fokussierte. Zudem sollten meine Oberarme stets an meinem Oberkörper bleiben und mit meinen Unterarmen einen 45 Grad-Winkel beschreiben. Ich durfte also meine Arme nicht ausstrecken, um einen „schlechten“ Schuss abzufangen. Nein, dafür hat der Jongleur ja Beine. Ich begann also, wie ein aufgeklapptes Sackmesser auf der Wiese, herumzuhüpfen, um allen abverreckten Würfen nachzurennen. Der Gärtner, der gerade auf seinem Rasenmäher vorbeifuhr, begriff spätestens jetzt, wer von uns zweien der Amateur war.

Und eins lernt man bei der Jonglage sehr schnell: Jeder Fehler wird mit einmal Bücken bezahlt. Denn Nicos Job war es lediglich, mir das jonglieren beizubringen, nicht meine Bälle aufzuheben. Und dann verlangte Nico von mir, dass ich meinen Kopf in die entgegengesetzte Richtung des Balls drehe, nachdem ich ihn geworfen hatte. So lernte ich den Ball blind aufzufangen oder besser gesagt, ich lernte den Ball vom Boden aufzuheben. Bei jedem mal Bücken wurde ich demütiger, ängstlicher, schlechter.

Die Pace, mit der Nico mich durch die verschiedenen Aufgaben führte, war ziemlich hoch. Es blieb also nicht viel Zeit um mich zu schämen zwischen meinen Joggling-Fails. Nun beschrieben wir mit dem Ball eine liegende Acht in der Luft. Das konnte sogar ich, denn ich durfte den Ball dabei nicht loslassen. Ha! Dann sollte ich ihn werfen und mit der anderen Hand umschweifen und unten wieder auffangen. Das war die Grundlage der Jonglage, die liegende Acht, ein Symbol für die Ewigkeit – oder für ewiges Bücken.

Ich weiss gar nicht mehr, was ich mit diesem Ball alles gemacht habe. Teilweise gings zwischen den Beinen oder hinter dem Rücken durch. Auch den Ball auffangen zwischen oder neben den Beinen wurde von mir verlangt. Schwierig, schwierig. Dass ich dabei ohne Knoten in den Extremitäten davongekommen bin, ist ein Wunder. Nico zeigte viel Geduld, als es für mich darum ging, den Ball hochzuwerfen und ihn nach einer Drehung wieder zu fangen. Oder den Ball hochzuwerfen, nach hinten zu blicken, den Ball zu fangen und danach zu berichten, wieviele Finger Nico hochgehalten hat. Ein lustiges Spiel – für alle Passanten am See und natürlich den Gärtner, der mich vermutlich schon aufgegeben hatte.

Nico drückte mir endlich den zweiten Ball in die Hand. Jetzt ging alles beidseitig und vor allem gleichzeitig los. Mit zwei Bällen üben heisst aber auch, sich nach zwei Bällen bücken zu müssen. Jonglieren ist definitiv gut für die Rückenmuskulatur. Nico übte mit mir zum Schluss Siteswaps mit drei Bällen. Das heisst: Zwei Bälle rechts, ein Ball links. Rechte Hand wirft einen Ball hoch, rechte Hand wirft den zweiten in die linke Hand, linke Hand wirft den dritten Ball hoch bevor sie den zweiten Ball fängt und wieder zurück zur rechten Hand wirft. Dann geht alles wieder von vorne los. Im Endlos-Loop würde man das dann jonglieren mit der Notation 423 nennen. Aber daraus wurde bei mir nichts. Ich zerschellte förmlich an dieser Aufgabe und warf das Handtuch, also die Bälle, auf den Boden. Sie wissen schon, ich gab auf.

Nach 75 Minuten waren meine Hirnsynapsen am japsen. Doch bei mir wurde definitiv der Ehrgeiz geweckt, irgendwann diesen 423 Siteswap zu schaffen. Der Optimist Nico meinte, morgen würde das schon viel besser klappen. Ja genau, aber danke Nico, für deine Geduld. Vielleicht siehst du in 20 Jahren einen Youtube-Clip, in dem ich jonglierend von einem Gärtner niedergemäht werde. Suchbegriff: „Old Man Joggling Fail“.

 

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Autor: Midi Gottet

Midi Gottet ist 47 und war in diesem Leben schon Vegetarier, Alkoholiker, ein militanter Nichtraucher, Zauberkünstler in Vegas, Handmodel in Paris, Velokurier in Manhatten, Vater, Sohn und Heiliger Geist, vor Gericht wegen Verletzung religiöser Gefühle, im Knast, Sozialfall, die linke Hand von Rainer Kuhn, Stand-up Comedian, Präzisions-Schauspieler, Eden-TV-Moderator, Kolumnist, Autor, Poet, ein Singing Pinguin, ein schwules Murmeltier, Dr. Fleischmann, der DRS3-Rajiv, die Thomy-Senftube, der Schöpfer von "Handirr im Poulet speutzt", Ehemann, glücklich geschieden, eine Sportskanone, ein wenig impotent, ein Electric-Boogie-Tänzer, labil, ein Triebtäter, ein Erdengel, ein Schutzengel, ein Fussfetischist, ein Muttersöhnchen, ein Coop-Supercard-dabei-Haber, Götti, Onkel, Tante, das "Ich bin das ich bin", ein Orgasmusvortäuscher, betrieben, hoch verschuldet, tief verletzt, stinkreich, ein bornierter Snob, abgefuckt, demütig, reumütig, übermütig, übermüdet, klinisch tot, wieder wie neu, ein Drittel des Trio Eden, die Hälfte von Gottet & Landolt und ein Ganzes von Midi Gottet und somit die Summe seiner Höheren Selbste.

Danke für ihre Aufmerksamkeit.
(Wenn sie sich die Zeit genommen haben, diese Bio bis hierher zu lesen, haben sie kein Leben)

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