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Wir haben uns selber überholt

Wir haben uns selber überholt. Nur die Technik ist noch schneller, drum glauben wir, dass wir immer noch im Rückstand sind. Und versuchen krampfhaft, diesen Rückstand aufzuholen. Diesen Rückstand an Wissen, an Glauben, an Möglichkeiten, an Weit-, Über- und Durchsicht. Wir glauben, dass wir in all den verschiedenen Dingen, die uns beschäftigen, noch nicht weit genug sind. Und wollen immer noch weiter. Und in dieser Hektik, immer schneller immer noch weiter zu müssen, werden wir immer flüchtiger, immer schluddriger, lassen das Wesentliche unsortiert liegen und hetzen dem Phantom der Perfektion hinterher. Dabei werden wir nicht besser. Nur lauter. Und lauer. Erfinden Werte, die keine sind, in der Hoffnung, keiner merkts, in der Hoffnung, dass der Junge am Strassenrand, welcher ruft, dass der Kaiser ja gar keine Kleider anhat, grad in den Ferien ist, oder krank, erfinden Begriffe, die nichts aussagen, für diese Werte, die keine sind, während der Karren immer mehr stottert. Dabei suchen wir dann die Schuldigen für das Stottern des Karrens, die, die links vom Karren laufen beschuldigen die, die rechts vom Karren laufen, und umgekehrt, während der Karren selber gar keiner mehr ist, nur noch die Erinnerung an eine Zeit, in der er ein Rennwagen war und ihm alle verzückt hinterherjubelten. Die Wahrheit sieht anders aus: Wir drehen uns im Kreis. Nur die Lautstärke und die Heftigkeit in unserem Denken und Tun unterscheidet sich von jenem von gestern und vorgestern. Da ist kein Rückstand, den wir aufholen müssen. Stattdessen sollten wir einfach mal anhalten und erst mal all das in Ordnung bringen, was wir haben. Wer immer gleich ein neues Auto kauft, nur weil beim alten der Aschenbecher voll ist, wird in immer kürzeren Abständen vor den immer gleichen Problemen sitzen, ungeachtet, ob das Steuerrad auf der linken oder auf der rechten Seite des Sitzbankes angebracht ist.

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Rainer Kuhn

Autor: Rainer Kuhn

Rainer Kuhn (*1961) hat das ganze Ding hier gegründet, aufgepäppelt, fünf Mal neu erfunden, vorher Werber, noch vorher Betriebsökonomie studiert, noch vorher Tennislehrer gewesen. Dazwischen immer mal wieder ein Kind gemacht. Wollte eigentlich mal Pferdekutscher im Fex-Tal werden, später dann Pfarrer. Im Herzen ein Landbub, im Kopf dauernd unterwegs. Schreibt drum. Hat ein paar Gitarren und ein paar Amps in der Garage stehen. Macht Musik, wenn er Zeit hat. Hat er aber selten. Blues und Folk wärs. Steht nicht gern früh auf. Füllt trotzdem die Kult-Verteilboxen jeden Monat mehrmals eigenhändig auf. Fährt Harley im Sommer. Leider mit Helm. Mag Mainstream-Medien nicht. Mangels Alternativen halt Pirat geworden. Aber das ist manchmal auch streng.

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