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SO SIMPEL

Sie kennen ja sicher Johann C., den Unglücksraben. Er setzt eine feine Suppe an. Rührt stundenlang. Unter der Hitze der Gasflame schmelzen die Ingredienzien wunderbar ineinander. Während er rührt, dazu Schnaps trinkt, erfüllt ein wundersamer Duft den Stall. In dem wohnt er. Weil er einst ebendort geboren. Es duftet, als wäre der heilige Suppengral in der Küche erschienen. Kurz vor dem Serviermoment hat er jedoch eine Idee, eine gloriose, so scheint es ihm: Apfelessig fehle noch in der Suppe sowie Saublumenhonig und Lavendelsalz. Flink fügt er diese drei Sachen dem Gericht bei. Probiert. Noch zu wenig. Mehr davon. Er rührt und rührt. Er trinkt und trinkt. Und trägt die Suppe alsbald hurtig zu den Gästen. Sie ist ungeniessbar. Wie immer. Weil Johann C. eben immer zu saufen pflegt. Während er kocht. Jedes Mal. Um dann aus einem vielversprechenden Gericht ein durch und durch grauenhaftes zu machen; besoffene Experimente. Die Gäste, es sind immer die gleichen fünf halbseidenen Figuren, wissen das natürlich. Deshalb gehen sie gewohnheitsmässig gemeinsam essen. Bevor sie Johann C. besuchen. Sie werden sich nun fragen: Warum setzen die sich denn immer wieder bei diesem Typen an den Tisch, wenn das Essen doch so schrecklich ist? Die Antwort ist simpel: Sie lieben es, Johann C. fertigzumachen. Sie lieben es, ihm zu sagen, dass sein Essen unsäglich schlecht sei. Sie lieben es, ihm vorzuhalten, dass man sich am Herd nicht derart besaufen solle. Sie lieben es, ihn eines verkommenen Lebenswandels zu bezichtigen, der ihm ein frühes Grab bescheren würde. Sie geniessen seine Zerknirschung, seine Ausreden, die sie sofort mit weiteren Vorwürfen zu ersticken pflegen. Seine Entschuldigungen – die sie jeweils zurückweisen, weil sie es ihm doch schon so oft gesagt hätten, und es trotzdem immer wieder passiere – sind Balsam für ihre Seelen. Und wenn er am Ende in Tränen ausbricht, stellen diese für unsere fünf Gäste das erquicklichste Digestif dar. Dann ist der Moment gekommen, in dem Frieda, ja, auch sie ist immer dabei, ihm vor den anderen Vier – die lachen kalt dazu, eine herzerfrierende Kälte – jenen Abend vorhält, an dem er sie ins Bett gezerrt hatte. Aber keinen hochbekam. Obwohl er sie vorher bestürmt, bedrängt habe wie ein Irrer. Obwohl sie ihn wie Aphrodite – ja wie Isis gar – geblasen habe. Und wenn unser Johann C. dann so richtig fix und fertig ist, am Boden zerstört, ziehen die famosen Fünf jeweils von dannen. Besserwisserische Verachtung in den Augen. Dabei fühlen sie sich einfach nur gut. Sie werden sich nun fragen: Warum lädt der Unglücksrabe diese Leute immer wieder ein? Die Antwort ist simpel: Weil er sonst niemanden kennt. Und die Einsamkeit ihn traurig macht. So traurig. Die Demütigungen der Gäste belasten ihn weniger. Als diese Einsamkeit. Eigentlich sollte er sein Leben ändern, denkt Johann C. manchmal. Doch dann denkt er, dass man sowieso nichts ändern könne, wenn es halt einfach so sei. Manchmal möchte Johann C. sterben. Doch Selbstmord liegt ihm nicht. So schwimmt er im Unglück. Zählt die Tage und Nächte, die vergehen. In jenem Stall. In dem er einst geboren. Seine Tränen fliessen wie Bäche in die Landschaft hinaus. Diese Bäche werden zu Flüssen. Die Flüsse werden zu Ozeanen. Und über allem schwebt das Rauschen der Zeit. So simpel.

Es ist immer schön, wenn ganze Fünf sich freuen dürfen. Und nur einer leidet.

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Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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