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LOVE LAS VEGAS

An alle die, die meinen Glück komme von Innen: Sie irren sich. Es kommt von Aussen. Ziemlich genau aus Las Vegas, Nevada, USA.

Sparen sie sich das Geld in einer Krise für den Psychiater. Gehen sie nach Las Vegas und lassen sie sich von der Energie dieser unglaublich durgeknallten, kitschigen, sündhaft spassigen Fantasiewelt anstecken. Dass sie danach geheilt sind, kann ich ihnen nicht versprechen. Im Leben ist schliesslich nichts sicher. Ausser, dass sie sich während ihrer Zeit dort wieder leichtsinnig, jung, lustig, amüsiert und kontaktfreudig fühlen werden. Egal wie ihnen dieses unberechenbare Leben gerade spielt.

Als ich die erste grosse Lebenshürde zu bewältigen hatte, suchte ich nach geeigneten Urlaubsangeboten, um dem Alltag zu entfliehen. Die Wirtschaftskrise hatte die USA gerade mächtig mitgenommen, was mir ermöglichte für 700 Franken zehn Tage inkl. Flug und Hotel nach Las Vegas zu buchen. Ein finanziell bedingter Ferienentschluss, weil ich nichts über diese Wüstenstadt wusste. Der Film „Hangover“ war noch nicht in den Kinos, mein Wissen über Las Vegas mit glitzernden Bildern über Google erweitert. So flog ich zum ersten Mal dort hin, ohne zu wissen, was mich erwartet, nur um später herauszufinden, dass Vegas zu einem meiner Lieblingsorte werden würde.

Trotz globaler Krise war hier keine negative Stimmung zu spüren. Dieser Ort mag einer der einzigen sein, der in schwierigen Zeiten noch stärker strahlt – dann, wenn die Menschen Inseln brauchen um von ihren schwerfälligen Gedanken loszukommen. Einer der Gründe, wieso Las Vegas zu einer der weltweit am schnellsten wachsenden Metropolregionen gehört. Hier kommt man her, um sich abzulenken, sich animalisch, statt moralisch, von Lastern und Sünden leiten zu lassen, egal was der Nachbar oder Gott darüber denkt. Man begibt sich in eine Fantasiewelt, die im Gegensatz zu der in Computern und Spielkonsolen, eine real erlebbare Flucht ermöglicht. Hier hat jeder genug Geld dabei und gibt es freudig aus, was sich unweigerlich positiv auf die Gemütslage auswirkt. Las Vegas ist ein psychologisch durchdachtes Meisterwerk, das gekonnt Rationalität und Gewissen ausblendet. Man schlendert Tag und Nacht durch einen riesigen Rummelplatz für Volljährige, der einen immer auf neue mit offenem Mund perplex stehenbleiben lässt. Casinos, atemberaubende, luxuriöse Hotels, unglaublich vielseitige Kulinarik, opulente Nachtclubs. Stylische und teuer operierte Fashionikonen, die in Balmain Kleidern in Rooftop Restaurants dinieren und mal 600 Dollar für einen Hamburger ausgeben. Solche, die händchenhaltend auf dem künstlichen Eiffelturm sitzen, und vom weit entfernten „Europe“ träumen. Sixpack-beladene Ballermänner auf der Suche nach neuen Bettgeschichten. Die, an den Slotmaschinen sitzenden Spieler, immer wieder zum oberhalb positionierten, echten Ferrari hinauf schielend, in der grossen Hoffnung, dieser und noch viel mehr, möge bald ihr Leben verändern. Die, die ihr Bier aus dem Plastikhut mit einem Strohhalm trinken und gleichzeitig in den offenen Bars auf der Strasse zu schlechter Popmusik torkelnd tanzen. Las Vegas ist für jedes Budget und jede Präferenz gemacht, das ist unumstritten. Wer Underground und Hipster sucht, ist hier an der falschen Adresse, es geht schliesslich darum die Wünsche der Massen zu befriedigen  und das so gut, dass es eigentlich keine Rolle spielt, welcher Subkultur man zu Hause angehört. Ist es im nördlichen Teil des „Strip“, der Vergnügungsstrasse, eher ruhiger und gehobener, so wird es gen Süden mallorca-nischer. Der Massentourismus ist hier überall. Aber wenn schon, dann bitte richtig spassig hier, statt irgendwo gähnend traurig All-inclusive in Ägypten.

Ausserhalb des „Strip“ wartet die Normalität einer amerikanischen Wüstenstadt, deren insgesamt zwei Millionen Einwohner wohlhabender sind, weil sie höhere Einkommen erwirtschaften können. Anders die schätzungsweise 900 Obdachlosen, die unter den Hotels in den Fluttunnels wohnen. Wie alle anderen Hoffnungvollen, kamen sie hierher um ihr Glück zu suchen. Doch verloren sie dabei alles, was wir ein zivilisiertes Leben nennen. Ihr Einkommen besteht grösstenteils daraus Geld zu suchen, das den Besuchern verloren ging, auf den Strassen oder in Slot Maschinen. Betteln dürfen sie nicht, die Stadt achtet penibel darauf an der Oberfläche ordentlich und sicher zu sein. Obwohl es Hilfsprogramme gibt, die Behausungen anbieten, weigern sich Viele aus ihren häuslich eingerichteten Tunnelabschnitten zu ziehen, weil sie Angst haben vor der Überforderung draussen und davor, ihr selbstbestimmtes Leben zu verlieren. Das einzige, wovon sie mit diesem Lebensstil abhängig sind, ist der Regen. Auch wenn er in Nevada selten kommt, flutet er die Tunnels schnell und erbarmungslos. So hat er in den letzten 20 Jahren 20 Leben gekostet. Und trotzdem bleiben Sie in Vegas, die Untergrundmenschen, die Stadtkernbewohner und die temporären und wiederkehrenden 40 Millionen Touristen jährlich. Es ist eben irgendwie doch besser dort, wo die Verlockung lockt, die Menschen johlen und spielen in einer glitzernden Umgebung, statt anderswo, wo sie jammern.

Waren es vor den bezahlbaren Flugangeboten und den Hangover Filmen noch grösstenteils Amerikaner, die sich in Las Vegas während ihrer kurzen Ferien dem Alltag entflohen, Spieler sowie Amerika Rundreisende, konnte sich die Stadt nun auch beim grossen, bunten Gemisch aller Nationen als sehenswerte Toristenattraktion einen Namen der machen.

In Altersgruppen lässt sich nicht kategorisieren, weil tatsächlich jeder nach Las Vegas kommt und dazu eingeladen ist. Ruhesuchende und Gourmets finden genauso ein Plätzchen wie Feierwütige. Eltern, die mit ihren Kindern in Nachtclubs gehen, Bachelor Parties und Gruppen von Freunden sind hier keine Ausnahme, was den nächtlichen Ausgang mehr auf Spass ausrichtet, statt aufs Anbaggern und Abschleppen. Natürlich sind im „Disneyland für Erwachsene“ One-Night-Stands, Prostituerte und Drogen so einfach zu haben, wie in allen Partymekkas, doch kann man hier sein Gewissen getrost zu Hause lassen, denn: „What happens in Vegas, stays in Vegas“.

Die Energie dieses „Sin City“ ist so mitreissend, dass man sich ihr unmöglich entziehen kann, was unter anderem daran liegt, dass die Hotels Sauerstoff in ihre Hallen pumpen, um Müdigkeit effizient vorzubeugen. Uhren hängen hier keine an den Wänden, Tageslicht sieht man in den Gebäuden fast nirgends – Massnahmen, die einen das Zeitgefühl vergessen und unter Umständen in den Casinos tagelang durchzocken lassen. Tatsächlich ist es so, dass hier alles 24 Stunden am Tag offen hat. Die Möglichkeiten scheinen endlos, man wird auch nach einer Woche Vegas nicht genug gemacht und gesehen haben. Der Tag ist immer zu kurz: Bungee Jumping, Outlet Shopping, Tages -Poolparty, Manicure, Abendessen, Cirque du Soleil, Rooftop Bar, Nachtclub, frühstücken, zwei Stunden schlafen und wieder von vorne mit anderem Programm, etwa mit einem Trip zum Grand Canyon Hoover Dam, Achterbahn fahren, Aquariums- und Messe- oder Museumsbesuch.

THE VENETIAN

Eines der besten Hotels am Strip ist das weltbekannte „The Venetian Resort“ . Wie der Name suggeriert, wurde es der italienischen Stadt Venedig nachempfunden. Venezianische Sehenswürdigkeiten wie die Rialtobrücke, der Markusplatz oder die Campanile befördern die Besucher in einen Themenpark, der sie über viele kleine Brücken spazieren, shoppen und essen sowie auf den Wasserkanälen Gondelfahrten und singenden Gondolieri machen lässt. Dass das Wasser nur knietief ist und gefühlt tausende von Asiaten Fotos von einem machen dabei, blendet man gekonnt aus. Man befindet sich schliesslich im fröhlichen Abenteuerland, winkt und lacht in die Fotoapparate hinein. Die Umgebung passt sich der realen Tageszeit an: Nachts wird der Himmel dunkler, die Häuschen leuchten aus ihren kleinen Fenstern, in den Restaurants herrscht romantische Candle-Light Stimmung – wobei man damit rechnen muss, dass auch hier viele, viele Menschen an einem vorbeilaufen, was uns noch näher an das europäische Äquivalent zum Hotel erinnert, wo es, so würde ich meinen, weitaus schlimmer ist mit dem Massentourismus. Wenn der Morgen naht, nehmen die Passanten in ihrer Anzahl ab und andere Gestalt an: Leicht bekleidete Mädchen mit verschmierter Schminke und die hohen Schuhe in den Händen an, das Kichern unüberhörbar, Freunde die sich lauthals unterhalten und langjährige Paare, die wieder verliebt und erregt händchenhaltend durch die künstlichen Gassen schlendern, wie bei den ersten gemeinsamen Ferien in italienischen Städten.

Das 1999 erbaute Viersterne Haus war mit seinem 2007 eröffneten und angrenzenden Schwesterhotel „The Palazzo“ bis 2015 das weltweit grösste Hotel. Alle, der insgesamt 7.128 Zimmer sind Suiten und bieten mir ihrer Standardgrösse von 60m2, drei Flachbildschirmen und 12m2 grossen Badezimmern sowie einer modern-mondänen Einrichtung, höchsten Komfort, die mich königlich fühlen lassen, dies für absolut humane Preise, die bei durchschnittlich 170 Dollar (Nebensaison) bis 280 Dollar (Hauptsaison) beginnen. Die 40 Stockwerke haben verschiedene Preiskategorien, von der aussichtslosen Suite im 3., bis zum Penthouse im obersten Stockwerk. Ein spezifischer Dress Code existiert, ganz amerikanisch und lègere – nicht. Dies gibt mir die Freiheit mit Trägershirt und Shorts herumzulaufen und mich am Abend richtig fein herauszuputzen und im Abendkleid herumzustolzieren -mit der Gewissheit, dass ich in beiden Fällen nicht unpassend gekleidet bin. Was ich an diesem Hotel besonders mag, ist, dass es mit seinem vielfältigen Angebot Menschen aller Schichten mit Wohlfühlfaktor vereint und dabei trotzdem sehr gehoben ist – ganz so, wie man sich in den Ferien fühlen möchte.

Obwohl der Hotelkomplex riesig ist, fühlt man sich als Gast nicht wie eine blosse Nummer. Eher wie der Besucher einer kleinen Stadt innerhalb von Las Vegas, weil es einem möglich ist, sich fünf Tage lang nur im „The Venetian“ aufzuhalten, ohne sich zu langweilen. Ein Casino, Ein Nachtclub, ein Casino-Nachtclub, 10 Pools mit privaten Cabanas, Bars, 5 Shows, 18 Restaurants, unzählige Einkaufsmöglichkeiten (wie der Victorias Secret Shop, in dem ich mindestens 1000 Sachen gekauft habe) und ein Madame Tussaud’s Wachsfigurenkabinett, tragen dazu bei, dass man Las Vegas erleben kann, ohne je aus dem Hotel hinaustreten zu müssen.

Sucht man verrückte, sexy Nächte mit so ist man am besten bei der hoteleigenen „TAO“ Gruppe aufgehoben: TAO Restaurant, eine der besten asiatischen Dinner-Lokale, TAO Beach Club für wilde Bikini Parties mit Lounges und berühmten Gästen sowie der TAO Nachtclub, in dem regelmässig bekannte Sänger, Schauspieler und Dj’s auftreten. Einmal sah ich dort Kim Kardashian live, was mich innerlich ein bisschen absterben liess, denn die Liebe sah aus wie ein Kind, das mir trotz killer High Heels bis zur Schulter reichte. Kleiner Kopf (der Kopf war wirklich so klein wie der eines Kindergärtners), kleine Gliedmassen, kleine Körpergrösse. Der Fernseher lässt leider nicht nur die Persönlichkeit grösser erscheinen, als sie in Wahrheit ist. Der live Gesang von Christina Aguliera an Silvester 2010 machte dieses enttäuschende Celebrity Erlebnis allerdings wieder wett. Dieses Jahr wartet Snoop Dogg am Mikrofon.

Obwohl die Auswahl der Restaurants so gross ist wie die einer Kleinstadt, gibt es für mich ein Besonderes, welches mir stets unglaublich genussvolle Tage und Abende beschert. Die „DB Brasserie“ hat zwar weder einen besonders auffälligen Namen, eine spezielle Aussicht (da im Erdgeschoss), noch ein Interieur, das überwältigt, doch wird sich jeder Gourmet, der Wert auf Essen legt, in einem der besten Restaurants in Las Vegas wiederfinden. Das Restaurant gehört dem Michelin Koch und Chateau Relais Mitglied, Daniel Boulud. Sein französischer Chefkoch Vincent Pouessel, der schon als Sous-Chef im Jules Verne auf dem Eiffelturm gekocht hat, verhalf ihm dazu von diversen Koch Magazinen als bester Newcomer in Vegas für „Fine Dining“ ernannt zu werden. Das casual Bistro der Moderne ist bekannt für seine französisch-amerikanischen Kreationen, die zeitgenössisch und sensibel konzipiert sind und nur saisonale, hochwertige Zutaten beinhalten. Die zwei „signature“ Burgers sind ebenso beliebt wie die Escargots und feinste, einzigartige und elegantest Desserts in allen Variationen. Das Beste: Der Geniesser muss sich hier nicht mit kleinen Portionen abfinden und findet neben seiner Entenleber auf diverse Art auch Steakes mit Pommes Allumettes, die seine Gelüste, übrigens, mit hoch aufmerksamem Personal, befriedigen. Ein Erlebnis höchsten Geschmacks, das das beste aus der Französischen und Amerikanischen Küche vereint, uns mit seinem klassisch schlichten Ambiente jedoch fühlen lässt, als wären wir in Paris, der kulinarischen Oase Europas. Ganz weit weg von all den klirrenden Spielautomaten und jubelnden Menschen an den Pokertischen. Und wieder findet man hier einen Mikrokosmos, der einen für einige Stunden unerwartet in seinen Bann zieht.

Eine Welt des Well-Being abseits des actionreichen Troubles findet sich im „Canyon Ranch Spa Club“. Eine mehrfach ausgezeichnete Wellnessoase mit Fitnesscenter, einer Kletterwand, Massagen und Behandlungen, Saunas und Bädern sowie einem in house Restaurant mit gesunder Küche. Und wenn der Saunabesuch nicht reicht, um nach durchzechten Nächten fit zu werden, läuft man eben schnell zum Oxygen Stand, wo man mit in die Nase eingeführten Schläuchen, zu direkt ins Hirn geblasenen Sauerstoff kommt. Nach 20 Minuten fühlt man sich putzmunter und kann weiterziehen zur nächsten Party, an der man man wunderbare Menschen kennenlernt, die für eine Nacht zu besten Freunden werden.

 

Weitere Informationen:

THE VENETIAN

www.venetian.com

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Jelena Keller

Autor: Jelena Keller

Jelena ist von Beruf Journalistin und Sprachlehrerin, Schweizerin serbischer Abstammung. Sie mag lange Texte und langes Grübeln. Sie hat sich daran gewöhnt zu viel zu denken und zu wenig zu schlafen. Wenn sie gar kein Auge zumachen konnte sieht sie die Welt nüchtern und in einem Grauton. Wenn sie ausgeschlafen hat, wandert sie mit ihrem Hund auf grüne Berge, durch bunte Blumenwiesen und rosa Weizenfelder. Schreibt auch mal Gedichte und Kurzgeschichten, reist am liebsten um die Welt und probiert Neues aus. Sie meint tatsächlich, dass sich alle Probleme lösen liessen, wenn man sich nur ab und zu in die Lage des Gegenübers versetzen könnte. Walk in my shoes und so. Trotzdem versteht sie manche Menschen nicht. Die, die sich vor dem Leben und dem Tod fürchten und andere verurteilen. Aber von den meisten anderen denkt sie, sie seien alle Freunde, die sie bloss noch nicht kennengelernt hat.

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