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Interview mit Bobby „Pantichrist“ Butler

Das ist wieder eines der Interviews, die einfach irgendwo anfangen und dann irgendwo wieder aufhören, keine eigene Dramaturgie haben also, sondern eher so ein Ausschnitt aus einem Gespräch darstellen. Als hätte man eine Zeit lang in der Beiz daneben gesessen und dann gehen musste, weil man sonst den Zug verpasst hätte.

Rainer: Ich glaub, das ist das Elende an all dem digitalen Scheiss: Dass wenn Du all die Kanäle nicht andauern abcheckst, Du das Gefühl hast, Du verpasst etwas. In Wahrheit ist es so, dass während Du Dich im digitalen Leben befindest, Du das analoge Leben verpasst, oder nicht?

Bobby: Ja natürlich.

Aber Du hast ja jetzt eine Siebdruckerei gekauft. Was machst Du eigentlich sonst noch so? Grafiker? Musiker?

Ja, zudem Siebdruck und Radio. Ich hatte auf Piratenradio.ch die letzten 5 Jahre eine eigene Sendung. Das ist eine coole Station. Vorher habe ich in Bern 6 Jahre lang analoges Radio gemacht. Aber Radio hat sich ja auch verändert. Die Jungen sitzen nicht mehr vor dem Radio und hören hin, sie hören Musik über ihr Handy. Ich mach das selber ja auch.

Als ich aufgewachsen bin, war es so, dass man herausfinden musste, welche Station spielt am ehesten noch den Sound, der einem gefällt. Und viel Auswahl war da nicht. Wir hatten Ö3, SWF3, und die Schweizer Hitparade am Sonntagabend. Viel mehr war da nicht. Dann kam das Privatradio und alle dachten: Super, jetzt wird alles besser. Und heute? Werbung, Zuhörerspielchen, Konzernkonserven. Bei allen dasselbe. 

Dann kam der ipod und solche Sachen und Du wurdest unabhängg von den Stationen. Beim Fernsehen ist es ja ähnlich. Ich kenne keinen in meinem Umfeld, der noch Fernsehen schaut.

Apple TV?

Nein, das habe ich nicht, ich bin ein Pirat. Ich lade die Filme runter, die ich sehen will.

Komm, Du bist auch Künstler, Du kannst das doch nicht unterstützen, oder doch?

Zum Beispiel Napster. Als das kam, ging ich auf die Site und habe meine Bands gesucht. Ok, kannst alles von Elvis finden. Aber eben auch alles meiner alten Bands. Gratis. Seither bin ich selber Pirat. Meine Musik ist ja auch gratis geworden.

Aber als Musiker ist es ja schwierig geworden, wenn keiner mehr Deine Musik kauft. 

Genau. Du musst heute möglichst viele und gute Konzerte spielen.

Aber auch da. Bekommst vielleicht 500.- und teilst das mit der ganzen Band …

… und hast einen guten Merchandising-Stand mit coolen Sachen, und machst dort auch noch was …

Lustig ist doch, dass die ganze Digitalisierung die Musik wieder Analog gemacht hat. Vielleicht nicht für die Weltspitze, aber für alles darunter schon. 

Ja, früher, ging man auf Tournee, um Promo für die Platte zu machen, die man dann im Plattenladen kaufen konnte. Jetzt ist es das Gegenteil. Zudem machst du heute alles selber. Du bist das Label, der Booker, der Tourmanager, alles selber. Bezüglich Digitalisierung bin ich eher romantisch und habe ja noch einen kleinen Plattenladen. Die Leute kommen rein, hören sich Vinyl an und finden es super, würden es gerne kaufen, aber sagen dann: Hab leider keinen Plattenspieler. Dann verkauf ich ihm halt noch einen Plattenspieler. Der kostet auch nicht mehr die Welt.

Vinyl wird ja wieder mehr verkauft, da wächst eine neue Sensibilität heran, wobei: Die Vinyl-Platten, die wieder neu aufgelegt in den Läden sind, sind Sachen wie Boston oder ELO oder so, nicht Beyoncé.

Boston war auch auf Vinyl nicht besser.

Es ist ja auch eine Kultur, wie man damit umgeht. Du hast eine grosse Hülle, greifst sachte rein, holst die schwarze Scheibe sorgfältig raus, und zwar so, dass du keine Abdrücke hinterlässt …

… ja, genau, das ist eine richtige Erfahrung, man nimmt sich Zeit, kein Handygefummel dazwischen, man geht in den Plattenladen, hört sich die Songs zu Ende, ohne zu zappen. Es ist ein Gefühl. Ich rede viel mit Leuten über Musik. Die meisten haben zehntausende Songs auf der Playlist, aber sie hören nicht einen ganz bestimmten Song, weil sie den jetzt grad hören wollen, sondern, weil der halt grad kommt. Dazwischen noch eine SMS oder Whatsapp-Nachricht, Mail checken, nächster Song shuffeln, so. Wenn ich Musik höre, dann gehe ich nach Hause, drehe mir einen grossen Joint, schalte das Handy aus, lege die Platte auf, die ich hören will und tauche in eine andere Welt ein.

Das machen die Leute heute auf der Strasse, hat ja mittlerweile jeder Fussgänger ein Kopfhörer an.

Die flüchten auch in eine andere Welt.

Ich frage mich: Wovor flüchten die denn? Musste ich früher auch so permanent in eine andere Welt flüchten? Nein, ich musste nicht. Vielleicht hat das mit den Reizen zu tun, denen man 24 Stunden am Tag ausgesetzt ist. Vielleicht muss man sich einfach schützen und das tut man dann mit seiner Musik aus seinen Kopfhörern. Oder sind einfach alle auf ihrem Ego-Trip und es interessiert sie gar nicht mehr, was um sie herum abgeht? 

Heute hast Du ja fast keine „eigene Welt mehr“. Mit den sozialen Medien bewegst Du Dich mit dem Lesen von anderer Leute Posts praktisch immer in deren Welten. Und wenn Du das grad nicht machst, dann pimpst Du Dein Profil und bist auch nicht unbedingt in Deiner Welt, sondern baust eine, in der Du für alle anderen möglichst gut aussiehst. Deine eigene Welt … viele haben gar keine eigene Welt mehr… oder wissen nichts davon.

Woran liegts? Falsche Erziehung?

Nein, die Eltern sind nicht schuld. Die Kinder sind auch nicht schuld. Die Zeit, in der wir leben ist schuld. Heute stand ich an einer Busstation. Und niemand wollte mir in die Augen schauen. Jeder schaute in sein Telefon.

Ja, sie chatten grad mit jemandem, der nicht da ist. Aber dabei sind sie ja sehr intim. Sie texten und posten Sachen, aber haben Angst, mit jemandem live zu kommunizieren. 

Es ist einfacher, ein „like“ zu setzen, als „hallo“ zu sagen. Ich bin ein Romantiker, sagte ich schon, wenn ich raus gehe, dann lasse ich mein Telefon zuhause, dann geh ich raus, sehe den Herbst, die Bäume, die Farbe der Blätter, wie sie sich ändern, für mich sind diese Sachen „like“, „like“, „like“ … das ist Leben, ich kann es sehen, ich kann es riechen …

Die Befreiung läuft heute eher in die entgegengesetzte Richtung. Wann kam der Fax? Vor 25, 30 Jahren vielleicht? Gibt’s ja heute kaum mehr. Wer faxt denn noch? Oder CD’s. Hat man zwar auch noch, aber als Speichermedium ists überholt. Es ändert sich alles so schnell, alles wird dabei so normal und selbstverständlich, auch, dass man gar nicht mehr Sorge tragen muss, in zwei Jahren kommt eh wieder was neues. Langsam fängt man an zu merken, dass das alles Zuckerwatte ist, weißt Du? Ein rosarotes Riesending um einen Holzstängel, und wenn dus in den Mund nimmst, machts „Fluff“, da ist ja gar nichts gewesen, und Du hast immer noch Hunger danach. Ich glaube, das merkt man dann halt irgendwann, und dann musst die die analoge Welt wieder entdecken, so wie man damals die digitale Welt entdeckt hat. Es gab immer wieder kleine Sensationen. Die verschiedenen Farben der Blätter im Herbst kann dann eben auch so eine sein. Je mehr man sich von Programmen oder Computern abnehmen lässt, desto mehr gibt’s Du auch die Kontrolle über Dein Leben ab. Man merkt zunehmends, dass man keine Macht mehr über nichts hat. Nicht einmal über Deine Musik hast Du Macht. Sie gehört dir ja nicht einmal mehr wirklich. Du leihst sie nur aus. Eine Schallplatte gehörte Dir. Da warst Du stolz drauf. 

Ich habe in meinem ganzen Leben nur positive Erfahrungen mit analoger Musik gemacht. Ich bin Jahrgang 66. Wir hatten eine andere Kultur rund um die Musik. Du wusstest, eine Platte kommt in zwei Wochen raus, Du hast dem entgegengefiebert, bist dann an dem Tag in den Plattenladen gegangen, wenn Du Pech hattest, waren die 3 Platten, die der Laden eingekauft hat bereits weg und Du musstest sie bestellen und nochmals eine Woche warten. Dieses darauf hinfiebern, und  wenn Du sie dann hast und damit nach Hause gehst, es kaum erwarten kannst, es aber nochmals 15 Minuten dauert, bis Du zuhause bist, und dann braucht zuerst noch die Katze Futter, dann legst Du sie auf den Plattenspieler und nimmst den Arm und setzt die Nadel vorsichtig vor dem ersten Song ab. Und wenn es dann auch wirklich eine gute Platte war, dann war das eine Woche lang Deine Platte, oder einen Monat, dann hattest Du nichts anderes gehört. Das alles gehörte dazu. All diese Umständlichkeiten, wie man sie heute benennen würde, waren Teile eines Rituals: Musik zu kaufen und zu hören. Und mit diesem Ritual verbunden, ganz viele Gefühle, Erlebnisse, Höhepunkte.. Die stellen sich nicht ein, wenn man ein- oder zweimal mit der Maus klickt.

Die Musik selber hat sich ja nicht unbedingt verändert. Ok, die Lyrics sind schlechter geworden, aber früher war auch nicht alles Bob Dylan. Ich meine, die Musik, das worums geht, ist immer noch dasselbe, nämlich Musik. Aber alles drumherum hat sich verändert. Hat es schon immmer. Und wird es auch immer. Die Art der Produktion, das Übermitteln des Songs vom Musiker zum Hörer, der Umgang damit. Ich habe heute mehr Freude daran, Tobey Lucas im Stall 6 oder Bob Spring im Bogen F hören zu gehen, als Bon Jovi im Hallenstadion. Mir gefällt es, wenn das Drumherum um die Musik  ein bisschen intimer und sinnlicher ist. Und ja, das ist wahrscheinlich auch  eher eine romantische Sichtweise. 

Ja, Local Bands in kleinen Clubs. That’s it. Wobei, ich bin dieses Jahr zum allerersten Mal ins Hallenstadion gegangen. KISS. Ich bin nicht unbedingt ein KISS-Fan, aber ich wurde eingeladen, VIP-Tickets, und … wow! … ok, das war für mich eine neue Erfahrung, weil ich gehe nicht oft an Konzerte auf grossen Bühnen, und wenn, dann bin ich eher so eine VIP-Tussi, ich hasse zu grosse Menschenmassen, 10’000, 50’000, da werde ich nervös, bekomme Platzangst, darum. Ich gehe mindestens zweimal pro Woche in Musikclubs, Bern ist ein grosses Dorf mit einer unglaublichen Musikkultur …

… angefangen mit den Berner Troubadouren damals, oder Rumpelstilz …

… richtig. Es hat so viele gute Bands bei uns, viele kleine Szenen, aber die kommen alle zusammen …

… erleb ich hier in Zürich auch, man tauscht sich aus … 

… ich kann auch nicht nein sagen, wenn jemand kommt und mich um meine Unterstützung bittet, obwohl ich nicht wahnsinnig viel Zeit habe, aber ich machs gern, es geht um den Spirit.

Für meinen Video-Clip suchte ich Material, ich wollte Surfer-Aufnahmen, die noch wirklich mit einer 8mm-Kamera gefilmt worden sind, kein High-Speed, keine GoPro, ich hab dann einen gefunden in Italien, David Pecchi, einer der alten Garde der italienischen Surfszene, er schickte mir tonnenweise Filmaufnahmen, wollte kein Geld, er meinte: „Look, i’m not interrested in money, i’m interested in helping good people making good stuff…“.

Grossartig, oder? Ich hatte meine erste Platte Mitte Siebziger gemacht. Seither arbeite ich für die Musikszene, obwohl du dabei nicht wirklich Geld verdienen kannst. Aber es gibt halt nichts Grösseres, es gibt dir diese Energie, die bekommst du sonst fast nirgends.

Als was verstehst Du Dich denn so in erster Linie?

Immer zuerst als Mensch.

Aber Du machst so viel, Bist Du Musiker? Oder Siebdrucker? Oder Grafik-Designer? Oder willst Du Dich gar nicht definieren?

Ich bin alles von dem. Ich mache Sachen für die Musikszene, mache meine eigene Musik, produziere für andere, mache auch Mastering, schreibe Songs, ich liebe alle diese Bereiche, ich will mich da nicht einschränken müssen, das würde mich langweilen. Und die verschiedenen Bereiche befruchten sich ja auch gegenseitig. Bei der Arbeit an einem Projekt lernst du vielleicht was, das du in einem anderen Projekt brauchen kannst.

Kann auch sein, dass Du ein Kontroll-Freak bist? 

Ja total.

Es gibt ja zwei Möglichkeiten. Entweder machst du alles selber, weil du aus der Not eine Tugend machst, weil du kein Geld hast um all die Leute zu bezahlen, die es besser können, dann musst du es halt selber machen, oder du machst alles selber, weil du denkst, ausser dir checkt eh keiner, was du willst. Wie ist das bei Dir?

Von beidem etwas. In Bern gibt es so viele gute Musiker. Ich bin draussen, treffe einen, frage ihn, was er denn so mache, und schon bin ich bei ihm im Übungsraum und wir jammen. Wenn du Single bist und Sex suchst, gehst du vielleicht in einen Club und suchst dir was, das funktioniert genau gleich, wenn du Musik suchst, du gehst in eine Bar und innert zehn Minuten bist du im Gespräch mit Musikern.

Reden wir über Deine Siebdruckerei. Wie läuft die so?

Die läuft richtig gut. Ich wäre jetzt besser dort als hier, weil ich soviel Arbeit habe.

Was druckst Du hauptsächlich?

Hauptsächlich Shirts. Und verschiedene andere Sachen für Freunde. Vor zehn Jahren habe ich viele Plattenhüllen gemacht. Aber der Aufwand ist ziemlich gross, das lohnt sich kaum. Von meiner neuen Platte hab ich 500 Vinyl-LP’s gemacht. Wenn die verkauft sind, mach ich wieder 500. So ist es für mich kalkulierbar. Schritt für Schritt halt.

Vinyl hat ja auch was mit Romantik zu tun. Es ist auch ein State of Mind. Derselbe, der Vinyl kauft, kauft auch Hardcopy-Bücher. Man will es in den Händen halten können. Nicht auf einem Bildschirm durchscrollen.

Auf jeden Fall. Musik war schon immer da. Der Träger und der Vertrieb hat sich geändert. Mit jeder Änderung wurde eine noch bessere Qualität versprochen. Auch bei den CD’s. Heute wissen wir, sie haben uns angelogen. Die Qualität einer Vinyl-LP ist halt einfach besser als die einer CD. Da hab ich gemerkt: Aha, es geht nicht um die scheinbar bessere Qualität, es geht darum, dass die Marge bei CD’s grösser ist.

Ich habe vor ein paar Jahren all meine CD’s abgespitzt und auf dem Flomi verkauft. Meine zwei Kisten Vynil-Platten aus meiner Jugend würd ich nicht verkaufen wollen. Und erst recht nicht digitalisieren. 

Ich hab mal eine Plattentaufe gemacht. Aber wir hatten Probleme mit der Pressung und die Lieferung ist nicht rechtzeitig zum Konzert eingetroffen. Da kam so ein junger Typ nachher, der meinte: „Hey, das ist doch eine Plattentaufe, oder? Da musst Du die Platte doch hier haben!“. Ich sagte, tut mir leid, aber Du kannst jetzt einen Gutschein kaufen und nächste Woche vorbeikommen, dann bekommst Du sie. Er so: „Bist Du wahnsinnig? Deswegen bin ich heute ja hier. Ich hab ein paar Eurer Songs im Internet angehört. Und jetzt will ich die Platte kaufen!“ Ich hab ihm dann eine der fünf Testpressungen gegeben. Hab gesagt, „ok, nimm die, Du musst mir nichts bezahlen, nimm sie einfach.“ Ich dachte, einer, der diese Kultur noch so richtig lebt, den darf ich jetzt nicht enttäuschen.

 

 

Mehr von Robert Butler hier:

misterbutler.ch

ilovetheshit.bandcamp.com

facebook.com/ilovetheshit

 

Foto: Marco Fritz

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Rainer Kuhn

Autor: Rainer Kuhn

Rainer Kuhn (*1961) hat das ganze Ding hier gegründet, aufgepäppelt, fünf Mal neu erfunden, vorher Werber, noch vorher Betriebsökonomie studiert, noch vorher Tennislehrer gewesen. Dazwischen immer mal wieder ein Kind gemacht. Wollte eigentlich mal Pferdekutscher im Fex-Tal werden, später dann Pfarrer. Im Herzen ein Landbub, im Kopf dauernd unterwegs. Schreibt drum. Hat ein paar Gitarren und ein paar Amps in der Garage stehen. Macht Musik, wenn er Zeit hat. Hat er aber selten. Blues und Folk wärs. Steht nicht gern früh auf. Füllt trotzdem die Kult-Verteilboxen jeden Monat mehrmals eigenhändig auf. Fährt Harley im Sommer. Leider mit Helm. Mag Mainstream-Medien nicht. Mangels Alternativen halt Pirat geworden. Aber das ist manchmal auch streng.

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