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KATHEDRALE DES VERGESSENS

In der Kathedrale des Vergessens haben wir uns vereint. Am Fuss der toten Berge. Auf dem zentralen Altar thronte die dunkle Mutter, All-Mutter, mit ihren mächtigen Brüsten, geschaffen, den Kosmos zu nähren, gleichsam wie eine Schlange, mit ihrer Milch, ihrer Sternenmilch.

Und die Wendeltreppe sind wir hinan gestiegen, später, im benachbarten Kloster von Matangi, nach den Tränen, nach den Gebeten. Du bist vorangegangen, ich habe die Kerze gehalten. Und bei jedem Deiner Schritte konnte ich die ganze Welt beben sehen, konnte ich spüren, was sie enthält, zusammenhält. Im Innersten.

In der Kammer. Am Feuer. Wir hatten einen grossen Krug. Randvoll mit bitterem Wein. Gewonnen aus Echsendrüsen und Schlingpflanzen, die im Herzen eines Dschungels gedeihen. Getrieben von jener obszönen Wucherwut der Natur. Weit weg von hier. Unter einer anderen Sonne. Berauscht wälzten wir uns. Auf dem Steinboden.

Die Hitze unserer Körper besiegte die Kälte der Nacht. Rippen und Knochen haben wir uns gegenseitig gebrochen. Und wir haben es nicht einmal gespürt. Derart war die Macht der dunklen Mutter.

In den unauslotbaren Tiefen jener schwarzen See durften wir versinken, die da heisst Binah. Wie wir es uns so sehnlich gewünscht hatten. Mühselig war der Weg an die Spitze von Boaz gewesen, jener Säule zur Linken.

Ja, steil und steinig war der Pfad zur linken Hand.

Wir haben uns aufeinander gestützt und auf unsere Stöcke, unsere Feuerstöcke, die uns als Leuchten dienten. In dunklen Nächten. Enthaltsam sind wir geblieben. Solange wir pilgerten. Unser Verlangen war der Kompass, nach dem wir unsere Schritte richteten. Und müde waren wir. Das Leben, das der Pilgerfahrt vorausgegangen war, spielte nun keine Rolle mehr, die vielen Irrwege, unter dem Blutmond, gejagt von Höllenhunden, die Grausamkeiten, mit denen wir uns gegenseitig so grosszügig überhäuft hatten, an guten wie an schlechten Tagen.

Schwarz gekleidet sind wir vor die dunkle Mutter getreten, im Hauptschiff der Kathedrale des Vergessens. In scharlachroten Gewändern haben wir sie wieder verlassen. Nachdem wir den Schwur getätigt und den Fluchsegen entgegen genommen hatten.

Die Antwort wartete in unserer Klosterkammer, in Labyrinthen aus brennendem Fleisch haben wir sie gefunden.

In einem Schwall schmutziger Worte, einem Reigen ausgesucht frivoler Taten wurden unsere Seelen am Ende gereinigt – und durften diese schwere, diese ach so schwere Welt der Materie dann schliesslich verlassen. So sind wir gesprungen.

In die unauslotbaren Tiefen jener schwarzen See, die da heisst Binah.

In der Kathedrale des Vergessens haben wir uns vereint. Am Fuss der toten Berge. Alles haben wir aufgegeben, bis auf diese gnadenlose, glühende Liebe der dunklen Mutter, All-Mutter, die sich nun anschickt, mit ihrem Flammenschwert, geschaffen den Kosmos zu vernichten, zu tanzen.

Liebeliebeliebe. Lorbeerbekränzte. Pflücke sie. Diese schwarze Rose. Und wirf sie in jenes Loch, das in meinem Herzen klafft.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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