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Im Generationensandwich

Früher fand ich Autoren, die ihre Texte mit „neulich ist mir folgendes passiert….“, einfallslos. Heute bin ich milder geworden und verurteile deswegen niemanden mehr. Zumal ich ebenfalls Dinge erlebe, die ich erzählen muss. Neulich war ich nämlich zu einem Essen eingeladen, zu dem ich nie eingeladen worden wäre, als ich noch jung war und Texte hasste, die mit „Neulich“ beginnen. Denn damals war ich alternativ und ein Freak und wenn es Essen gab, dann meistens Spaghetti in einer schmutzigen WG-Küche. Aber eigentlich war es ja auch kein Essen, sondern eine Dinnerparty, wie man das in den Kreisen nennt, zu denen der Gastgeber gehört.

Die Küche meines Gastgebers bekam ich nicht zu Gesicht, nur seine Bediensteten und die millionenschwere Kunstsammlung an den Wänden des Salons und des Entrées und überhaupt überall, wohin das Auge sich richtete. Die Einladung stand im Zeichen der Medienkrise, entsprechend hatte der Hausherr wichtige Menschen aus dem Umfeld von Medien und Kommunikation eingeladen, um über die Umwälzungen der Zeit zu diskutieren. Das interessierte ihn deshalb besonders, weil sein Stiefsohn ebenfalls im Medienbusiness aktiv ist, es im zarten Alter von 28 Jahren geschafft hat, ein amerikanisches Medienportal aufzubauen und für Millionen an ein grösseres Unternehmen zu verkaufen. Das dürfte den Hausherrn beeindruckt haben, vornehmlich deshalb wohl, weil er nicht versteht, was diese Jungen heute denn eigentlich verkaufen mit solchen Medienseiten. Davon verstehe ich wohl mehr als der Hausherr, aber von der Welt, in der er sich bewegt, verstehe ich überhaupt nichts, wie ich bald feststellen musste. Denn meine Wenigkeit war nicht etwa deshalb mit an Bord, weil ich eine wahnsinnig tolle Journalistin wäre, sondern weil ich mit einem Mann liiert bin, der in seinem Fach der Beste ist und an der Digitalisierungsfront ganz vorne mitspielt. Aber das sollte ich erst später entdecken. Naiv wie ich bin, ging ich davon aus, dass man mich wegen meines Namens eingeladen hatte.

Schwangerschaftsflatulenz

Im Entrée wurden wir von einem Butler empfangen, dann von weiteren Bediensteten in den Salon geschleust, begrüsst, vorgestellt und mit Champagner und Häppchen alimentiert. Nach einer Runde Händeschütteln wurde ich dann in die Frauenecke bugsiert, wo man sich zwischen zwei Schluck Champagner über Schwangerschaften, Kinder und Schönheitsoperationen unterhielt. Wobei eigentlich nur ich Champagner trank, denn die anderen waren schwanger oder mussten auf ihre Linie achten, weshalb sie auch den Häppchen nur vorsichtig zusprachen.

Auf der anderen Seite des Raumes standen die Herren. Wichtig, aber an den Frauen desinteressiert, denn zum Thema Schwangerschaft hatten sie wenig Substanzielles beizusteuern. Wenigstens wirkten auch sie etwas angespannt und ratlos, denn sie kannten sich ja auch nicht . Nur einer liess sich zu einem kurzen Gespräch mit mir herab, ein junger, gutaussehender Typ, der sich als Stiefsohn des Gastgebers entpuppte, der Twentysomething-Millionär. Er wirkte bescheiden und zurückhaltend, aber allzu lange konnte ich mich nicht mit ihm unterhalten, denn bald zerrte ihn sein Stiefvater wieder weg von den Frauen ins Zentrum der Dinnerparty. Ich hielt die Stellung an der Peripherie, bei den Frauen, betrachtete die Miros und Picassos und Balkenhohls an den Wänden und dachte daran, was man mit den Millionen, die solche Bilder kosten, alles anstellen könnte, während ich mir die Geschichten über Flatulenz und Wassereinlagerungen während der Schwangerschaft anhörte und noch ein Glas Champagner trank.

Dann kam das Essen. Wir gruppierten uns um die festliche Tafel und der Hausherr setzte zu einer Rede an. Er erläuterte die Gründe, warum er uns hier alle versammelt hatte: Die Digitalisierung! Die Medienkrise! Nichts mehr so, wie es früher war! Spannende Zeiten! Er stellte einen nach dem anderen vor – das heisst, er stellte die Männer vor. Und als er mit den Männern durch war sagte er: Die Frauen muss ich glaube ich jetzt nicht noch extra vorstellen.

My Generation

Was für eine Demütigung, ich war fassungslos. Hat das etwas mit Geld zu tun, mit der Generation, der Klasse des Hausherrn – oder eher seiner fehlenden Klasse? Am liebsten hätte ich herumgepöbelt, aber ich lächelte nur ironisch. Aber Ironie ist eine beschämend stumpfe Waffe, zumal dann, wenn sie den anderen verborgen bleibt.

Und dann kam das Erstaunlichste. Der Gastgeber forderte seinen Stiefsohn, den Jungmillionär auf, ein bisschen von seinem Medienportal zu erzählen. Erst zierte er sich, aber dann legte er los und kam richtig in Fahrt. So sehr, dass ich bald glaubte begriffen zu haben, warum die Medienwelt sich so schnell und immer schneller dreht. Vor allem aber erklärte er das Konzept seiner seite so, dass dort Collegestudenten darüber schrieben, was sie bewegt. „My Generation“, sagte er, immer wieder „my Generation“. Weil, so wurde mir klar, die Gefühle, Sorgen und Nöte seiner Generation der heisse Scheiss der Stunde sind. Die kann man zu Geld machen. Auch weil jenen, die über diese ach so kostbaren Gefühle schreiben, kein Geld gezahlt wird.

Ganz neu ist das nicht. Neon machte das schon vor zehn Jahren, aber man kann Ideen auch zu früh lancieren und dann bestraft einen die Geschichte genauso, wie wenn man zu spät kommt. Aber so anders war die Neon-Generation auch nicht von dem, was der Jungmillionär als „My Generation“ bezeichnete. Nur ist heute alles noch ein bisschen ausgefallener. Man kennt das Konzept von Vice oder neuerdings auch von Seiten wie bento. Es geht um Sex, Drogen und Gefühle, aber ist eigentlich alles ziemlich bieder. Zumindest bei bento. Die Texte tragen Titel wie: Wie es ist, mit einem Panda auf Rohypnol beim Petting erwischt zu werden. oder: Wenn mir der Kollege ein Herzlein schickt, bin ich dann jetzt schwul? Oder: Wie es ist, als Kevin aufzuwachsen.

Ach, die junge Generation, ist sie nicht süss? Was für tolle Erfahrungen die macht! Und was für kluge Fragen sie sich stellt. Und die alte generation, gibt es das überhaupt noch? Und ich, ich sitze hier am Dinnertisch im Generationensandwich. Aber ich hätte dann noch eine Frage: Glaubt ihr, ihr werdet auch mal an einem Tisch sitzen und dann wird es heissen: Die Frauen stellen wir jetzt nicht extra noch vor? Glaubt ihr, ihr werdet euch dann auch nicht anders zu helfen wissen, als einen Text mit „Neulich war ich eigeladen“ zu beginnen? Und glaubt ihr auch, eigentlich solltet ihr euch darum kümmern, dass das etwa so selten passiert, wie man mit schwulen Pandas Zungenküsse austauscht? Ich hoffe es doch sehr!

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Autor: Michèle Binswanger

Michèle Binswanger ist auf dem Land aufgewachsen und liebte Pferde. Dann studierte sie Philosophie und wäre fast Philosophin geworden. Aber weil ihre Kommilitonen immer so aussahen, als wären sie Jahre unabgestaubt im Schrank gestanden, erschien ihr das zu unglamourös. Also wurde sie Journalistin. Das ist zwar auch nicht viel glamouröser, aber der Job machte Spass. Die Phrasen, die sie in ihrem Job am häufigsten hört, sind: „Das ist aber mutig“. Und: „Ich bin zwar nicht immer gleicher Meinung, aber schreiben kannst du.“ Das würde sie auch unterschreiben.

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