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Lustig wars. Danke. Aber es reicht jetzt glaub.

Jetzt, wo alles fertig ist, können wirs ja sagen. Wenn wir nur wüssten was. Und so redeten wir ein bisschen über alte Zeiten und so, in der Hoffnung, es würde uns wieder einfallen. Hat es aber nicht. Egal. Kommt ja eh nicht mehr so drauf an.

 

Midi: Eigentlich hätten wir dieses Interview schon früher machen sollen. Wir hätten sicher schon dreimal aufhören können. Aber Du musstest es ja immer wieder neu erfinden.

Rainer: Musste?

Ja musstest.

Es wurde mir halt immer so nach vier, fünf Jahren langweilig. Aber ja, man hätte jetzt wieder was machen müssen. 

Und ich hab jede Deiner Scheissbewegungen mitgemacht.

Stimmt. Seit wann bist Du dabei? 1999, oder? Seit ich nach Zürich gekommen bin. Du warst hierneben Scotoni  einer der ersten, den ich kennen gelernt hatte. Wir gingen ins Latino essen.

Echt? Weiss ich nicht mehr. Ich dachte, wir hätten uns an dieser ADC-Verleihung kennengelernt …

Ou, fuck, ja.. ADC-Verleihung. Die Todesstrafe für jeden Künstler, da auftreten zu müssen.

Du hattest mir Mut zugesprochen. Es war ja irgendwie schizo, ich wurde als toter Frank Sinatra im Sarg reingetragen, Sinatra ist damals ja gerade erst gestorben. Ich also im geschlossenen Sarg von bornieten Werber ins Kaufleuten getragen, auf die Bühne, mit Mafia-Musik, und als ich rauskam gabs Applaus und ich sang Frank Sinatra und niemand sagte was. Und dann wollte ich mein Stand-up-Comedy-Programm machen, deswegen war ich ja dort, und dann fingen alle an zu reden. Einer lauter als der andere, niemand interessierte sich dafür, was da gerade auf der Bühne passierte.

Weiss ich nicht mehr. Wir haben damals ja unseren Goldwürfel gewonnen …

Eben. Wie alle irgendwie etwas gewonnen hatten und drum nicht aufgepasst hatten, und die, die nichts gewonnen hatten, waren eh angepisst. Aber gerade ihr, die sonst jeden runtergeschrieben habt, habt mich aufgebaut. So hat das angefangen. Kurz darauf war ich einer von Euch. Das war irgendwie schon die geilste Zeit, Du, ich, der Zentner und der Meyer …

Der Meyer war ja der Hans Schmerz. Deftiger Scheiss. Ich glaub, das bestreitet er heute. Aber ich kanns beweisen, ich hab ja alle Ausgaben noch. Siehst Du? Hier…

Du hast jeden Jahrgang als Buch gebunden?

Ja, so hab ich kein Puff … shit … schau hier.. die „Love-Story mit Stephanie Berger“ … Ich glaub, die hat uns damals richtig gehasst …

… nicht nur sie …

… da, hier bist Du das erste mal drin: „Gottet’s Wort“ …

Das war eine gute Combo, Zentner, Meyer, Du, ich … und der Flach … wann kam eigentlich der Flach dazu?

Ein bisschen später. Er gehört quasi zu den Jungen. Flach und mich verbindet, dass wir den Einsturz der Twin-Towers zusammen erlebten. Wir sassen im Odeon, als das erste SMS kam …

Der 11. September, genau … heute wissen wir zum Glück ein bisschen mehr als damals.

Du bist ein Verschwörungstheoretiker, wenn Du die offizielle Version der Regierung anzweifelst.

Und ein Landesverräter dazu. In Amerika hast Du echt ein Problem wenn Du sagst, dass es doch nicht sein kann, dass wegen 2 Flugzeugen  2 solche Bauten einstürzen und dass das WTC7, welches ebenfalls eingestürzt ist, im offiziellen Untersuchungsbericht nicht einmal erwähnt wird. 10vor10 wollte das 2011, zum 10jährigen Jubiläum des Ereignisses, ja bringen, das mit dem WTC7, haben es dann aber wieder verworfen, weil sie dachten, es gäbe eh nur wieder Probleme mit den Amis, wenn man das bringt.

Noch fünf Minuten und wir sind bei den Reichsbürgern und Xavier Naidoo.

Reden wir lieber übers Kult.

Reden wir lieber übers Kult. Wobei, ich muss schon sagen, dass so die allgemeine Social-Media-Community extrem Regierungs- und Staatsgläubig sind.

Und sie merken es nicht einmal.

Jeder, der die Regierungen in Frage stellt, wird von irgendwelchen impotenten Junkies schnell einmal als Nazi betitelt. 

Was willst Du, diese Leute haben den ganzen Tag auch nichts anderes zu tun, als das Netz nach dem eigenen Namen zu durchsuchen und in durchnässten Unterhosen und mit klebrigen Fingern vor dem Bildschirm zu hocken …

Ich muss mir das jetzt nicht wirklich bildlich vorstellen, oder?

Doch.

Och komm, bleiben wir noch ein bisschen bei damals, viele sagen, dass das Kult damals am geilsten war …

… war es ja auch.

Ich fand jede Phase noch cool. Aber ja, die Anfangszeit war so der Pfadi-Groove, wir haben einfach gerockt und es gab weit und breit nichts, wo ebenfalls so gerockt wurde. Wir haben da ja auch eine geschriebene Sprache eingeführt, die es so noch nicht gab, mit Fotos, so schlecht, dass die niemand je gedruckt hätte. 

Die Leute haben richtiggehend auf die neuen Ausgaben gewartet. Sie wollten wissen, ob sie a) erwähnt und b) verrissen wurden. Und wenn sie nicht darin vorgekommen sind, waren sie schon fast beleidigt. Das ist so ein Show-off-Hooliganismus, wo du hoffst, öffentlich verprügelt zu werden, damit jeder sieht, dass du wichtig bist, denn unwichtige Leute kommen nicht in der Zeitung.

Und dann mussten sie noch jedes Mal gute Miene dazu machen, wär ja uncool gewesen sonst. Vor allem die Promis mussten ja irgendwie mitlachen, gezwungenermassen. 

Es hats auch irgendwie gebraucht, dass mal jemand kommt und die Leute da draussen ein bisschen in den Senkel stellt.

Wir hatten ja keine Ahnung, wer was war. Wir kannten ja keinen. Keinen Fredi Müller, keinen Dani König, niemanden. Also hatten wir auch nichts zu verlieren. Wir waren die Buben vom Land, die in die Stadt kamen und alles ein bisschen übertrieben fanden.

Das hat sich dann ja schnell geändert, mit der Zeit warst Du ja voll integriert in der Szene, auch in der Promi-Szene …

… das war eine komische Erfahrung, Du lernst diese Leute kennen und findest die meisten ja irgendwie ok, wieso auch nicht, die machen ja auch nur ihr Ding, mit einigen freundete man sich sogar an, und dann fehlt dir plötzlich diese Distanz, die du nur hast, wenn du die Leute eben nicht kennst, und plötzlich vergeht dir die Lust, dich über sie lustig zu machen.

Wenn du heute nach Zürich kommen würdest, dann würdest du dich wahrscheinlich genau über diesen Rainer Kuhn lustig machen …

Ja, kann sein. Wobei am Anfang war meine Figur ja eine Karikatur von einer Mischung aus peinlichen Eigenschaften anderer. Diese Figur hat ausgesehen wie ich und trug meinen Namen, nicht wie Harry Hasler, ein Pseudonym mit aufgeklebtem Brustpelz. Die meisten Eigenschaften dieser Figur entlehnten wir übrigens Roger Schawinski. Zentner und ich haben haben uns andauernd über das Gespann Schawinski/Gilli lustig gemacht, wobei er das devote Muster von Gilli getragen hat und ich das selbstverliebte Karo von Schawinski. Es war eine Comedy-Show auf Papier. 

Gabs das Internet damals eigentlich schon?

Keine Ahnung … 56kb-Leitung vielleicht … das war die mit dem Knattern und Quitschen, während das Bild auf dem Monitor sich in Stundengeschwindigkeit aufbaute.

Auf jeden Fall kamen dann ja die Kult-Partys im Roxy, die waren je extrem angesagt, wie die Blushin’ Pink oder die Backstage-Partys im Kaufleuten.

Wir haben die Partys ja jeweils Mittwochs gemacht. Von 21.00 – 02.00 Uhr. Weit und breit kein Wochenende in Sicht. Nachdem ich die Location definiert hatte, wars irgendwie einfach, weil jeder, der dort zehn Jahre nach der Glanzzeit des Roxy wieder die Treppe hoch stieg, seine eigene üble Zeit in diesem Lokal wieder abrufen konnte, und schon wars gelaufen. Die Leute haben ihre eigene Party mitgebracht. Ich musste nur noch einen DJ, ein paar Tänzerinnen und unsere Bartruppe mit Fabio, Barney und Simone und so hinstellen.

Ja, es war wunderbar. Und die Interviews mit Tom Novy und Dani König, oder Tanja Gutmann zusammen mit Hannes Hug …

… die haben wir alle jeweils am morgen um fünf im Kaufleuten gemacht, nachdem eh schon alle ziemich breit waren …

… und alles so gedruckt, wie es gesagt wurde.

Ja logisch. 

Das war ja wirklich neu. Sonst werden Interviews ja immer nochmals überarbeitet, bis sie so geschliffen daherkommen, bei uns kamen sie so, wie gesprochen wurde, mit allen „äh’s“ und „hmm’s“ und so.

Ja. Und irgendwann ist mir das Partyscheisszeugs verleidet. Ich hatte sowieso immer das Gefühl, dass Kult sehr viel intellektueller war, als es draussen wahrgenommen wurde. Ich hab dann alles verworfen und zusammen mit Sybille Berg und Shamir Yanay diese fetten, schönen Hefte gemacht. „Schriftsteller und Fotografen erklären die Welt“ war as Konzept und wir hatten regelmässig richtig gute Leute drin: Henrik Broder war Stammautor, Wiglaf Droste. Feridun Zaimoglu, Moritz Rinke, Sybille sowieso und Michel Compte war drin, Wim Wenders, Yoko Ono hatte uns 50 Seiten gestaltet, einfach so, das war diese Ausgabe, wo ich grad in Leipzig war als Sybille mich angerufen hatte und sagte, wir hätten aktuell eine Literaturnobelpreisträgerin drin, Elfriede Jelinek, die vorher und nachher Artikel für uns gemacht hatte und dann gerade eben den Preis bekam. Cooles Timing, oder? Aber ich glaub, damals hat das niemand wirklich gecheckt.

Das war die Zeit, als Du sogar ein Gedicht von mir abgedruckt hast. Niemand sonst hätte so ein Gedicht publiziert.

Ich hab alles publiziert, was man sonst eben nicht publiziert. Das war ja das lustige dran. Aber unter dem Strich glaube ich heute, dass wir gar nicht gewusst haben, was wir da eigentlich machen.

Nein, und das war auch genau richtig.

Ich mein, eine der geilsten Storys von ganz am Anfang, war diese „Sex-Partys auf Ibiza“ Geschichte, so im Stil dieser RTL2-Sendungen, aber wir wollten die ersten sein in jenem Jahr und haben die Geschichte auf den Februar gelegt. Alles war zu.

Ich muss auch öfters daran denken, als ich mit Jürg Zentner da runter flog, wir mussten über Barcelona, es hatte keine Direktflüge und es ging ewig lange bis wir da ankamen …

… Parisienne hat das ganze bezahlt und wir haben dieses Sponsoring so übertieben in Szene gesetzt, auf jedem Bild, es war so übertrieben, dass es sogar Parisienne peinlich war. Und dann seid ihr losgezogen, zu all den hippen Locations, nur waren die halt zu, es war ja Februar, aber ihr habt so getan, als obs das jetzt wär …

… wir haben das dann so beschrieben, als wär die Hölle los: „Jetzt sind wir hier auf Ibiza, live auf dem Parkplatz des Jockey-Club“, und auf dem Bild sah man einen gottverlassenen Parkplatz unter Wasser und der Zentner und ich in den gelben Parisienne-Shirts mit den gelben Parisienne-Käpplis und den gelben Parisienne-Taschen, wie wir euphorisiert den Daumen in die Luft streckten. Dann riefen wir den Ulysses an, aber nicht mal der war dort, niemand war dort, nur wir, und wir kannten keine Sau, und niemand wollte uns kennenlernen, wieso auch, wir gaben ja auch die Superdeppen. Wir haben dafür Gary Glitter kennengelernt, wir wussten ja nicht, dass er gerade wegen Pädophilie angeklagt wurde, wir wussten nicht mal, dass es eigentlich gar nicht Gary Glitter war, sondern ein Gary Glitter Lookalike, der dann auch noch an der Schaffhauserstrasse wohnte und plötzlich Schweizerdeutsch mit uns redete. Das war so das Highligt. Wir haben keine einzige Frau kennengelernt, aber der Artikel war es wert.

Eine andere lustige Geschichte war die, als Du und ich nach Bern fuhren, weil das Wankdorf-Stadion abgerissen wurde, das Heimatstadion von Alain Suter, der zu dieser Zeit zusammen mit Sforza vor dem Länderspiel gegen Schweden oder Norwegen oder so aus Protest gegen die französischen Atomwaffentests dieses Transparent ausgerollt hatten, auf dem Stand „Stop it Chirac!“. Wir sind da also runtergefahren um für und im Stil von Alain Suter gegen diesen Abbruch zu demonstrieren, sprayten auf dem Parplatz dieses „Stop it Chirac!“ auf ein Leintuch, gingen rein, stellten uns vor einen Bagger und liessen den Baggerfahrer ein Foto von uns machen. Das wars. Ende der Geschichte. 

So waren wir drauf. Wegen so einem Mini-Gag durch die halbe Schweiz gefahren, nur um ein Foti zu machen. Ok, das hat heute natürlich alles nicht viel mehr als einen „Nostalgiewert“, und auch das vielleicht nur für uns, niemand interessiert sich mehr dafür.

Aber immerhin wir.

Oder Handirr. „Harr Harr! Han Dirr in Boulet speuzt“. Der ist irgendwie hängen geblieben bei den Leuten. Anfangs dachte ich, dass das nur für Kult-Leser stattfindet. Und irgendwann war ich auf Wohnungssuche und dort in der Küche hing dieses Handirr-Miniposter, das wir mal gemacht hatten. Ich kannte diese Leute nicht, und sie mich auch nicht, ich habs einfach für mich genossen, dass diese Figur sich so verselbständigte. Geil war ja, dass der, der damals beim vorderen Sternen gearbeitet hatte, gar nicht wusste, dass er der Handirr war. Pepe und Thomas gingen zu ihm und sagten ihm „Schau mal, es gibt dich als Comic, du bist ein Star!“, aber er sagte nur immer „neineinnein, das bin nicht ich.“

Diego Baches, der das alles gezeichnet hatte, musste ja dann aufhören, weil er einen Job beim Schweizerischen Geheimdienst antrat und dort solche Nebenjobs nicht mehr machen durfte. 

Echt?

Ja, echt. Aber einer meiner Lieblingsgeschichten war die Spendenaktion für Godi Müller. Godi Müller wurde in den 80er Jahren ja stinkreich mit seiner Stützli-Sex-Idee, hat dann aber seine ganze Kohle versoffen und verfickt und landete am Schluss todkrank in einer von Pfarrer Siebers Einrichtungen. Ich hatte das irgendwo gelesen, es gab da ein Interview mit ihm, wo er sagte, das einzige, was er bereue wäre, dass er nie mit seinem Sohn in die Ferien gefahren ist und dass er das heute leider nicht mehr könne. Das tat mir leid und ich dachte, lass uns Geld sammeln für Godi, damit er mit seinem Sohn wegfahren kann, dann bin ich in den nächsten Strip-Laden gegangen, hab eines der Mädchen gebucht, sie musste mit mir rauskommen und dort auf der Strasse jedem ihre Titten zeigen, der einen Franken zahlte. Stützli-Sex halt. Gleichzeitig riefen wir im Heft zum Spenden auf und haben auch noch was reingelegt. Am Schluss ging ich dann mit rund 3’000 Franken zu Godi, den ich ja nicht kannte, legte ihm das Geld auf den Tisch und sagte: „So, und jetzt fahr mit deinem Sohn in die Ferien“. Der wusste ja nicht, wie im geschah und war total gerührt. Er ist dann mit dem Sohn für zwei Wochen nach Italien gefahren. Einen Monat später war er tot.

Stimmt, das war ein richtig schöner Job. Ich fand diese Zeitangaben über jedem Artikel noch funny. Jeder Artikel hatte eine Zeitangabe, wie lange das Lesen des Artikels etwa dauern würde …

… was natürlich nie gestimmt hatte …

… was??

Ich hab am Schluss beim Blattmachen dann einfach ein paar Zahlen hingeschrieben.

Echt? Ich dachte immer, das wäre die effektive Lesedauer.

Hast du wirklich das Gefühl, ich sei dann mit der Stoppuhr jeden Artikel nochmals durchgegangen?

Ja.

Nein.

Urs Kind war ja auch noch.

Fuck, ja. Urs Kind. Der hat uns ja so gehasst. Und ich weiss nicht einmal warum. Vielleicht, weil wir geschrieben haben, dass er eine Koks-Nase sei, keine Ahnung.

Er rief mich ja mal morgens um halb sieben an und deckte mich mit Drohungen ein. Ich hab dir noch gesagt, komm pass auch, der kennt Leute, die sind nicht so nett, die würden dann mal vorbeikommen und so. Und du meintest nur: Jänu, dann verhauen sie mich halt. Das hatte mich noch ziemlich beeindruckt, ich weiss noch, ich dachte, fuck, der hat ja gar keine Angst.

Ich hatte das auch nicht so gespührt. Ich weiss nur noch, ich war grad in Miami, da kam ein Anruf von seinem Anwalt, der ein Treffen verlangte. Ich so: Ok, treffen wir mal seinen Anwalt. Ich bin dann mit meinem Anwalt dort hin, das war ein Restaurant auf der anderen Seite des Zoo-Clubs, ich hatte alle Artikel dabei, die irgendwie mit dem Kind und dem Zoo zu tun hatten und zeigte sie dem anderen Anwalt. Und der fing an zu lesen und kicherte bei jedem Artikel. Das war natürlich eine lustige Szene. Für uns jedenfalls. Kind fand es weniger witzig. Seis drum. Damals wollten uns immer wieder irgendwelche Leute verklagen. Die Universität Zürich wollte uns sogar verbieten lassen. Irgendwie haben sies dann aber einfach nicht geschafft.

Wir baden uns jetzt hier in Nostalgie, aber es war schon eine funny Zeit. Ich hatte ja noch andere Sachen gemacht, war mit dem Trio Eden viel auf der Bühne, aber das beim Kult war eine andere Disziplin. Niemand wusste, was wir gerade vorhatten.

Ja. Niemand. Nicht mal wir. Einmal haben wir die Daniela Kleisner bei Patty Bosers Swiss-Date aif Tele24 eingeschleust. Die hat die ganze Sendung durchgestanden und dann am Schluss in die Kamera gesagt, dass sie ja nur hier sei, damit sie eine Geschichte fürs Kult darüber schreiben kann. Später kamen eine Menge andere Leute dazu: Jack Stoiker war ja eine Entdeckung von Beat Schlatter und Jürg Zentner. Später dann Sibylle Berg, Frank Bodin, Oliver Scotoni, Nadja Schildknecht, Emel, Dodo, Noldi Meyer … Flavia Schlittler hatte eine Kochkolumne, wo sie Rezepte aus Büchsenfutter präsentierte, Helmi Sigg’s Filmreviews, Luca Papinis „Schwulenecke“, Joachim Bodmer … Dazu haben haben die besten Agenturen Werbung für uns gemacht. Weber, Hodel, Schmid und Euro/RSCG holten beide ADC-Auszeichnungen damit. Legendär waren auch die „Liebesbriefe“, Leserbriefe, welche wir gut und gerne kommentierten… 

Ein weiteres Highlight war für mich der Relaunch im Razzia, als Du kult.ch lanciert hattest. Meyer, Flach, Hugentobler, Du, ich. Henrik war glaub noch nicht dabei. Zentner auch nicht. Aber an dieser Party kamen wieder alle, die damals in der Szene eine Rolle spielten.

Nein, Zentner wollte nicht. Ich hab dann den Hugentobler aufgestellt.

Hugentobler als Zentner-Ersatz. Das wird der Hugi jetzt sicher gerne lesen.

Ich hätte natürlich den Zentner gerne dabei gehabt, dann wärs zu 100% die alte Truppe gewesen. 

Ok, aber es war auch so gut. Ich mein, auch wenn alle wieder dabei gewesen wären, wäre es nicht mehr dasselbe gewesen. Zeiten ändern sich und Leute auch. Die alten Sachen hatten eine eigene Qualität, etwas, was es vorher so noch gar nicht gab.

Schon. Aber unter uns gesagt: Wenn ich heute diese alten Sachen wieder lese find ich einige schon nicht mehr so lustig, wie ich sie damals gefunden hatte. Heute denke ich, man hätte hier und dort noch ein bisschen mehr rausholen können. Aber ich glaube auch, darum gings ja auch gar nicht. Wir haben einfach das gemacht und gebracht, was wir selber lustig fanden. Ob die Leser das auch so sahen, war uns eigentlich ziemlich egal.

Es ist ja auch irgendwie ein Zeitdokument. Es kamen die Leute vor, die damals da waren, Geschichten, die damals grad passierten, das ganze muss man heute in diesem Kontext sehen.

Wir haben auch schamlos protegiert. Klar gesagt, welche unsere Freunde sind und welche nicht.

Das hast Du dann angefangen, als Du selber Promi wurdest.

Nein, das haben wir schon in St. Gallen so gemacht. Diese unverholene Subjektivität, an der es nichts zu rütteln gab. In Zürich gabs dann ja schnell ein mal diese zwei Lager, in unserem Lager war das Kult, das Kaufleuten, Blushin’ Pink und die Ex-Missen, im anderen das Forecast, der Zoo-Club, das Q und so. Wir waren die Guten. Ich glaube, es haben uns alle gehasst. Ich dachte zwar immer, die fänden uns noch gut, aber im Grunde genommen haben sie uns gehasst.

Eher gefürchtet. Aber lassen wir das, wir können das gar nicht mehr so genau analysieren, wir haben doch einfach gemacht.

Und Du warst immer dabei. Auch als dann die Phase mit den Schriftstellern und Fotografen kam hattest Du deine Kolumne. Und als wir die Ausgaben mit den Interviews machten hat Du halt Interviews gemacht. Aber was ich noch sagen wollte: Mich hats irgendwann genervt, dass wir immer nur auf das Partygedödel reduziert worden sind. Jede Ausgabe hatte 36 Seiten, 6 davon waren diese „Short-Cuts“ aus der Partyszene, ca. 12 Seiten waren Werbung, die restlichen 18 Seiten gings um andere Sachen. Die „Seite für Sie“ und die „Seite für ihn“, zum Beispiel. Der Zentner ist da jedes Mal zur Hochform aufgelaufen. Oder als man uns immer Frauenfeindlichkeit vorgeworfen hatte und wir dem entgegenwirken wollten und die Rubrik „Superfutz des Monats“ ins Leben riefen. Mit einem richtigen Pokal und so, die erste, der wir diesen Pokal übergeben wollten, war dann die Stephanie von Monaco, die war da gerade mit dem Franco Knie zusammen und hauste in seinem Wohnwagen in Rapperswil, aber sie wollte den Preis nicht entgegen nehmen. Sie fand das primitiv. Dann war da noch diese wunderschön illustrierte Doppelseite „Geräuschlos furzen“, aber davon redete kaum jemand, dabei fand ich diese Geschichten eigentlich immer viel geiler als wieder über den Yves Spink was machen, wie er mit einer Matratze auf dem Rücken durchs Kaufleuten marschierte und schrie „Wer will ficken?“.

Der mit dem „Geräuschlos furzen“ war ja auch hohe Kunst. Saubere Illustration wie aus dem Lehrbuch, extrem gepflegtes Deutsch …

… wer hatte eigentlich die Illu gemacht?

Wie hiess sie nochmals? Anke oder Tina oder so… das war doch damals dem Zentner seine Freundin …

… gut, Sandro, Nappo und ich waren damals zu St. Galler Zeiten so froh, kam der Zentner endlich von seiner Tiziana los. Da haben wir alles akzeptiert, was danach kam, es konnte ja nicht schlimmer werden. Da kam der Nappo mit seiner Lebensweisheit „Im Leben eines jeden Mannes gibt es eine Tiziana.“ Damit meinte er, dass jeder irgenwann mal eine Freundin hat, wo er untendurch muss, weil sie andere Vorstellungen von seiner Zukunft hat als er selber. 

Jedenfalls … „Geräuschlos furzen“ … das war outstanding. Besser gings nicht. Und als wir kult.ch gestartet haben, hatten wir einen ähnlichen Groove. Einfach online. Da waren wir gut beieinander. Aber wir hatten auch rausgefunden, dass wir viel mehr schreiben mussten, nicht mehr nur einmal pro Monat, sondern täglich.

Meyer ging dann irgenwann los wie ein Zäpfchen, hat bis zu sechs Geschichten am Tag rausgehauen, eine deftiger als die andere, dann hatte er diese Hitler-Phase, er sagte immer, er dürfe das, er sei Jude, und dann machte es von einem Tag auf den anderen „Buff“, und weg war er. Zuviel Zeit fürs Kult verwendet, da blieb nichts mehr übrig für seine Agentur. Und da niemand wirklich vom Kult leben konnte, musste er seine Prioritäten etwas anders setzen. 

Man konnte zusehen, wie es die Leute irgendwann halt verblasen hat. Die Kadenz war extrem hoch, das ging an die Substanz. Und dann hast du ja „Blog-to-Print“ gemacht. Das hat bis heute niemand sonst gemacht. Die Zeitung. Und die Boxen. Da haben wir wieder richtig stattgefunden. Und auch ein neues Publikum gefunden. Meine Mutter ging jeden Monat am Schaffhauserplatz zur Box runter und hat sich eine Zeitung geholt.

Das ist etwas, worauf ich mich jetzt am meisten freue, nicht mehr in dieser täglichen Kadenz gefangen zu sein. Irgendwann wird’s mechanisch. Aber es war halt einfach doch immer meistens gutes Zeugs, dass wir gemacht haben, die Leute haben es immer gerne gelesen. Drum hab ichs ja auch bis jetzt gemacht.

18 Jahre ist ja auch eine lange Zeit. Da kannst Du auch mit einem guten Gewissen aufhören. Musst ja nichts mehr beweisen. Zeig mir einen, der das so lange durchgezogen hat. Die meisten, die das versuchten, gingen ja nach nur ein paar Ausgaben pleite. Umso cooler, nach 18 Jahren aufzuhören, weil man nicht mehr will, und nicht, weil man nicht mehr kann.

Ich wollte ja auch kult.ch zumachen. Aber dann die anderen Autoren so: „Spinnst Du? Nur weil Du keine Lust mehr hast, müssen wir ja nicht aufhören.“ Die wollten umsverecken weitermachen. Ich find das noch eine geile Situation. Zuzuschauen, was jetzt damit passiert, wenn wir nicht mehr dabei sind. Klar ist es heute nicht mehr wie früher. Aber wer ist das schon. 

Eben. Drum lassen wir jetzt mal die Jungen machen … hats eigentlich noch Vodka?

Ja.

Gut. Dann lass uns das hier jetzt beenden.

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Rainer Kuhn

Autor: Rainer Kuhn

Rainer Kuhn (*1961) hat das ganze Ding hier gegründet, aufgepäppelt, fünf Mal neu erfunden, vorher Werber, noch vorher Betriebsökonomie studiert, noch vorher Tennislehrer gewesen. Dazwischen immer mal wieder ein Kind gemacht. Wollte eigentlich mal Pferdekutscher im Fex-Tal werden, später dann Pfarrer. Im Herzen ein Landbub, im Kopf dauernd unterwegs. Schreibt drum. Hat ein paar Gitarren und ein paar Amps in der Garage stehen. Macht Musik, wenn er Zeit hat. Hat er aber selten. Blues und Folk wärs. Steht nicht gern früh auf. Füllt trotzdem die Kult-Verteilboxen jeden Monat mehrmals eigenhändig auf. Fährt Harley im Sommer. Leider mit Helm. Mag Mainstream-Medien nicht. Mangels Alternativen halt Pirat geworden. Aber das ist manchmal auch streng.

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