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Kindheitserinnerung

von Andy Strässle

Der Polizist sieht mich an, als sei ich nicht ganz dicht. «Da ist eine Bombe drin?» Die Katze der Nachbarn von unten ist auch wieder da und streicht um meine Beine. Obwohl Terroristen eine Bombe in meiner Wohnung installiert haben, schicken die doch tatsächlich nur einen einzigen Polizisten. Und noch einen jungen dazu.
«Kommen die anderen noch?»
Sein Blick verfinstert sich. Er versucht, entschlossen zu wirken.
«Hören Sie, hören Sie, ich kann verstehen, dass Sie Angst haben. Was ist Ihnen aufgefallen, Frau Frei? Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass jemand in Ihrer Wohnung war?»
Er murmelt etwas von Einbrüchen in der Gegend, wird aber abgelenkt von einem Knacken aus seinem Funkgerät. Er drückt einen Knopf an seiner Schulter und redet davon, dass er die Lage im Griff habe.
Ich versuche die Katze zu beruhigen, streiche über das hellbraun gescheckte Fell auf ihrem Rücken. Wie kann er das im Griff haben, der ist doch viel zu jung um eine Bombe zu entschärfen?
«Hören Sie, da ist eine Bombe drin, die können Sie nicht alleine entschärfen. So lange sind Sie noch gar nicht von der Polizeischule weg.»
Er ist noch so jung, so unschuldig. Das hat ihn nun ein bisschen getroffen. Er schüttelt den Kopf.
«Geben Sie mir den Schlüssel.»
«Da ist eine Bombe drin, wenn Sie den Schlüssel drehen…»
«Woher wollen Sie das wissen? Waren Sie schon drin?» Gute Frage.
«Wenn ich schon drin gewesen wäre – bumm!» Keine schlechte Antwort.
Ich lasse das Fell der Katze los und fange an zu weinen. Plötzlich denke ich an bessere Zeiten. Plötzlich denke ich daran, dass früher nach der Schule meine Mutter und meine Schwester auf mich gewartet haben. Ich denke daran, dass es dann oftmals Früchtetee und etwas Gebäck gegeben hatte. Es war nicht immer so gewesen. Nicht so wie jetzt. Der Uniformierte versucht immer noch Geduld zu zeigen, aber es fällt ihm schwerer jetzt.
«Kann schon sein, dass das mit der Polizeischule noch nicht so lange her ist. Aber ich kann ihnen sagen, dass wir es doch sehr selten mit Bomben zu tun bekommen.» Er zögert, zieht seine Augenbrauen zusammen: «Eigentlich nie.»
«Das ist es doch, was die Terroristen wollen. Sie schlagen ganz plötzlich zu!»
«Aber was wollen die Terroristen ausgerechnet von Ihnen, Frau Frei? Sie arbeiten doch auf dem Büro, wie Sie vorhin sagten. Sind Sie irgendwie bedroht worden?»
Ich schäme mich dafür, dass ich geweint habe. Aus der Handtasche hole ich ein Taschentuch hervor und putze mir die Nase.
«Man muss doch kein Genie sein, um zu wissen …» Jetzt schaut er mich so ungeduldig an, dass ich mich zu nächst gar nicht getraue weiterzusprechen.
«Terroristen sind überall, das weiss doch jeder!»
«Brauchen Sie Hilfe, Frau Frei, soll ich jemanden rufen?» Er hat die Hand schon am Funkgerät. Selbst die Katze hat die Seite gewechselt und streicht um seine Beine. Er schaut auf meine Türe, schaut auf mich. Ich denke nur an früher: An meine Mutter. Meine Schwester. Er streckt die Hand aus: «Der Schlüssel, geben Sie mir den Schlüssel. Ich gehe nachsehen. Lassen Sie uns sichergehen, dass drinnen alles in Ordnung ist.»
Ich gebe auf, lasse den Schlüsselbund in seine geöffnete Hand fallen. Er verschwindet in meiner Wohnung. Lisa Frei steht auf dem Schild neben der Türglocke.
Als er gegangen ist, höre ich das Brummen des Kühlschranks aus der Küche. Am Fernseher blinkt ein kleines grünes Licht. In meiner Wohnung ist nicht einmal eine Bombe.

Kult Gastautor Andy Strässle umarmt Bäume, mag Guy Morin und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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Kult.ch lädt in regelmässigen Abständen Gastautoren ein, ihre Geschichten zu teilen. Weil sie spannend sind; weil sie zum Nachdenken anregen; weil es eine Schande wäre, sie nicht lesen zu dürfen; weil sie Lücken füllen; weil sie unseren Alltag bereichern; weil sie unerhört sind; weil sie nicht ins Schema passen...

weil sie kult sind.

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