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It’s a crazy time in Israel!

Wie geil dürfen israelische Schwule sein? Was sagt der Rabbi zu Homosexualität? Warum ist Mizrahi-Popmusik so populär in der Gayszene von Tel Aviv? Warum ist eine harmlose Tischbombe an einer Party in Israel fehl am Platz?

Sabine Hunziker

Es gibt in Israel dieses Licht, bei dem es eigentlich unmöglich ist, unglücklich zu sein. Wärmend fallen auch im Winter die Strahlen auf die Haut und man kann problemlos im Pullover draussen in einem Café in Tel Aviv sitzen – die Sonnenbrille aufgesetzt. Ideal also, um aus der frostig-kalten Schweiz zu flüchten und hier Silvester und Neujahr zu feiern. Mein Gastgeber ist Daniel, ein schwuler Fotograph aus der Stadt selber, der mit seinem Freund in einer grosszügigen 3 Zimmerwohnung im Altbaustil wohnt. Obwohl er Stunden als Lehrer unterrichtet, ist er froh, für die paar Schekel, die er mit der Zimmeruntervermietung verdienen kann. Quartiere in der Innenstadt sind nach Gewerbe geordnet. Da wo Daniels Wohnung ist, schweben Seifenblasen durch die Luft, Springbälle liegen in Körben und wenn man den bunten Plüschaffen auf den Bauch drückt, machen sie Geräusche. Spielwarenverkäufer rücken ihre Waren zurecht: alles ist grellbunt und macht das Ganze irgendwie surreal. Wer nur Tel Aviv gesehen hat, weiss nichts von Israel. Die Stadt kann per Easy Jet angeflogen werden, wie auch Berlin, Amsterdam oder Barcelona. Und so gehört der Stadtkern auch eher zu den internationalen Kultstädten als zum einzigen Staat der Welt, in dem Juden eine Bevölkerungsmehrheit sind. Zwar wird der Alexanderplatz in Berlin nicht von Militärhelikopter überflogen wie hier, die den Luftraum überwachen und sichern, doch es finden sich genauso wie in Deutschland linke Kooperativkneipen, Polittags an den Wänden oder Gay-Fahnen in einer Selbstverständlichkeit. Doch vielleicht ist dieser erste Einblick falsch: auch wenn hier – vielleicht nicht gerade als Nachbarn – neben ultraorthodoxen Juden auch Lesben wohnen. In diesem Land knallt viel Extremes aufeinander: Bereits wenige Stunden im neuen Jahr 2016 ist ein neues Attentat passiert. Tel Aviv ist also doch nicht Amsterdam – oder doch eher München. Da hatte die Terrormiliz Islamischer Staat vermutlich in der Silvesternacht vor, mit einem Selbstmordattentat einen Anschlag zu verüben. Die Polizei räumte daraufhin Bahnhöfe und gab Warnungen heraus. Wenige Stunden später auf einem anderen Teil der Erdkugel in einer kleinen Bar mitten in Tel Aviv in der Dizengoff-Strasse schiesst ein Mann um sich – leert das Magazin seiner Waffe und lässt zwei Tote und Verletzte zurück. In einer zurückgelassenen Tasche befindet sich der Koran. Noch Tage vorher beschwichtigten mich die Angestellten bei der Touristen-Information von Tel Aviv, israelische Städte wie Jerusalem seien so sicher wie Paris. Ich habe sie vergessen zu fragen welches Paris sie meinten – Paris-Bataclan? Jedenfalls sind die Strassen in Tel Aviv am Abend danach ausgestorben und es wimmelt von Polizei in Kampfmontur, die Sirenen heulen laut. Im Netz sind stündlich neue News zu diesem Vorfall zu finden. Neu ist diese Gewalt nicht. Sie passiert aber öfters mit Scheren, Messern oder Schraubenziehern. Es werden auch Menschen mit Attentäter verwechselt und von der Polizei mit Kugeln niedergeschossen, der Irrtum wird erst später festgestellt. Auch Stunden später sind die Strassen immer noch leer und Spezialeinheiten suchen nach dem Attentäter. Es ist fast gespenstisch, weil sonst alles belebt ist. Auch hat der Sabbat begonnen, die jüdische Ruhepause. Einsam haben Taxis am Randstreifen parkiert. „Its a crazy time in Israel, sometime more, sometime less“, meint der Fahrer und fährt mich zu einer Gay-Party. Im Industriegebiet stehen grosse Hallen, wo die Besucher erst durch ein Tor mit einem Metall- Detektor ins Haoman 17 gehen müssen, um dann von Sicherheitspersonal gründlich durchsucht zu werden. Es hat erst nicht viele BesucherInnen: Vielleicht wegen dem Attentat? Doch später füllt es sich dann doch. Die Menschen lassen sich nicht abhalten, den berühmten israelischen Performer zu sehen, der auftritt. Im Hintergrund läuft ein Film mit einem Mann, der feminin seine Hüfte bewegt, bekleidet mit einem Bauchtanzkleid. Das ist hier so eine Art Sexy-Archetyp. Mir fällt auf, dass hier die schwulen Männer- 97% der Gäste – sehr liebevoll miteinander umgehen, sich schüchtern küssen und Händchen halten – den Grund für diese Zurückhaltung werde ich später erfahren. Es sind sog. schwule Jungfrauen. Lange nach Mitternacht kommt dann die Performance mit Uriel Yekutiel. Der Star des Abends ist im MTV zu sehen, in Clubs in Europa bis Südamerika, in Sitcoms oder auf Youtube für Arisa. Markenzeichen sind Oberlippenbart, der neuste Schrei der Damenmode und synchronisierte Lippenbewegungen zu Mizrahi-Popmusik. Uriel begann seine Karriere auch mit Online-Werbeclips für Gay-Oriental-Partys des Arisa Partylabels – seine Performance hatte Erfolg. Der Star selber nennt sich nicht Drag- Queen, obwohl er wie eine aussieht, sondern Entertainer. Ihm ist es wichtig auch vom Mainstream gehört zu werden, bei denen seine lustig- gepfefferten Youtube-Filmen oder Auftritten ankommen. Als geschminkter orthodoxer Rabbi liegt Uriel Yekutiel zum Beispiel erst am strammen Waschbrett und später in den Armen eines muskulösen Mannes, seine Finger spielen neckisch mit dessen Haarlocke.

Wie geil dürfen israelische Schwule sein? Nicht umsonst sagen israelische ReiseführerInnen, dass Tel Aviv eine Stadt für „to play“ ist und Jersualem eine Stadt „to pray“. Aber auch Tel Aviv, eine mehr als 411`800 Einwohner zählende Grossstadt, die eigentlich eine Gay-City ist, gilt nicht überall als schwulen- und lesbenfreundlich. Zwar erklärte die israelische Regierung 1988 Homosexualität für straffrei. Der Norden von Tel Aviv, wo reichere Leute wohnen ist gut für Schwule, der Süden aber nicht, meint Daniel. Auf der Strasse vor seinem Wohnblock mitten in Tel Aviv, findet man politische Sprays und Kleber an den Wänden. Es gibt hier Bars, die bezüglich Sexualität, Identität und Lebensfreude fast aufgeschlossener sind als in der Schweiz. Im ärmeren Süden der Stadt sind die „Aussenseiter“, erzählt Daniel, „Aussenseiter“ wie AusländerInnen oder andere und die bekämpfen einander in ihrer Perspektivenlosigkeit. Zudem gibt es hier weniger Polizeikontrollen. Die Wahrscheinlichkeit von Übergriffen ist da. Er selber würde sich nicht in diese Stadtteile wagen. Wo „Händchenhalten“ in Daniels Quartier möglich ist, wird das hier undenkbar. Tel Aviv ist ein Zentrum, um das Schwulsein auszuleben, Leute kommen vom ganzen Land hierher. Im Sommer gibt es Gay-Paraden. Es gibt zwar auch Schwulencommunitys in Haifa und Jerusalem, doch nicht so grosse. Was sagt der Rabbi zum Schwulsein? Er rät, lebe das Schwulsein auszuleben – aber nur im Geheimen. Jeder Schwule sollte auch eine Familie haben. So gehen einige israelische Schwule an Gay-Parties und haben zuhause Frau und Familie, die von nichts wissen. Unter den Besuchern sind auch viele sogenannte Jungfrauen – schwule Männer, die aber keinen eigentlichen Sex haben. Kurz nach dem Höhepunkt der Party explodieren unerwartet Tischbomben, die tausend farbige Papierschnipsel in der Gegend verteilen. Was in Europa durchaus ein gelungener Abschluss einer Darbietung sein kann, ist hier irgendwie fehl am Platz. Ich denke sofort an eine Bombe irgendeines Terroristen und pisse mir fast in die Hose – der Knall schiesst durch Mark und Knochen. Die Gay- Szene ist ein beliebtes Ziel für Übergriffe… Später geht es mit dem Taxi nach Hause, den Attentäter von der Dizengoffstrasse ist noch immer nicht gefasst.

Obwohl Schwulsein hier möglich ist, spielt Daniel mit dem Gedanken, wegzugehen. Er und sein Partner sind nur wenig in der Gay-Community verankert. Sie haben wenige homosexuelle Freunde und sind mehr mit Heteros befreundet. An Gay-Partys gehen sie auch selten – auch weil die Eintritte eher teuer sind. Politisch gewinnen die Nationalisten an Kraft. Das heisst zum Beispiel, ultraorthodoxe Juden fordern Geschlechtertrennung im öffentlichen Leben. Bereits deshalb geschaffen wurden in der israelischen Armee getrennte Einheiten. Die Forderungen gehen natürlich weiter, wie dass Frauen im Bus in anderen Abteilen sitzen sollen als Männern oder nur auf den Nebenstrassenzu gehen haben, um die Männer nicht in Versuchung zu führen. Plakate, auf denen Frauen Werbung für Seife, Handtaschen oder Zeitschriften machen, werden immer wieder heruntergerissen. Was halten orthodoxe „Gottesfürchtige“ von Lesben und Schwulen? Gleichgeschlechtlichen Sex verbietet die Tora.
2005 griff ein orthodoxer Jude Teilnehmer der Gay-Parade mit einem Messer an. Zehn Jahre später werden 6 Menschen verletzt. 30 rechtsgerichteten Aktivisten demonstrierten in der Nähe gegen die Parade. Daniel hat zwar nicht die Schnauze voll von Tel Aviv, doch stellt er sich etwas anderes vor für die nächsten Jahre. Er hat wie einige andere in Tel Aviv zwei Pässe und so das Ticket für einen Neuanfang irgendwo in den USA.

Sabine Hunziker wurde 1980 in Bern geboren. Sie studierte Soziologie an der Universität Freiburg (Schweiz) sowie Erziehungswissenschaft an der Universität Bern. Sie arbeitet als Autorin und freie Journalistin und schreibt an mehreren Textprojekten. Am 15. Februar 2016 erscheint ihr Romandebut «Flieger stören Langschläfer».

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