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Schwanzvergleich

Kult hat sich mit dem renommierten Sexualforscher Prof. Dr. Ulrich Clement und der renommierten ZEIT ONLINE Autorin Wenk Usmann zum Schwanzvergleich getroffen – respektive zum Thema «Wie wichtig ist die Penisgrösse für die Frau?». 

ZEITmagazin Online: Woran denkt eine Frau während ihres Orgasmus?

Kult: Entschuldigen Sie bitte, sind wir nicht zusammengekommen, um über Schwänze und Schwanzlängen, pardon: Penisse und Penislängen zu reden? Was soll jetzt diese Frage zum weiblichen Orgasmus?

Ulrich Clement: (Ignoriert Kult) Es gibt nichts, woran sie nicht denken könnte – von „das wundervollste Erlebnis meines Lebens“ bis hin zu „hoffentlich ist es bald vorbei“.

Kult: Ach, das ist jetzt verblüffend. Es gibt Menschen, die während dem Orgasmus mehr als „Ah! Oh! Oh Gott, ja, ja!“ denken können? Und weshalb sollte man währenddessen hoffen, dass es bald vorbei sein möge, just in dem Moment, in dem es bald vorbei sein wird? Aber können wir jetzt bitte über Schwänze, pardon: Penisse sprechen?

ZEITmagazin Online: Das kann sie tatsächlich auch bei ihrem eigenen Höhepunkt denken?

Kult: Frau Husmann, Sie sind doch, mit Verlaub, eine Frau. Das sollten Sie doch nun am besten wissen, nicht wahr, Herr Clement?

Clement: Oh ja. Ein Orgasmus ist nicht immer die grandiose Ganzkörpervibration. Es gibt auch den mickrigen Orgasmus, der zwar physiologisch und rein funktionell stattfindet, aber nur ein banales Gefühl hinterlässt. Der Orgasmus bleibt dabei gewissermaßen an der genitalen Peripherie. Es fehlt das Ergriffensein. Wobei dies das Erleben und nicht das Denken betrifft. Denken kann die Frau dabei an alles. Sogar an die Einkaufsliste.

Kult: Hä!? Würde ich, rein hypothetisch gesehen, während dem Abspritzen an eine Einkaufsliste denken, wäre diese nicht sehr lang. „Eier!“ vielleicht. Oder „Sahnespritzbeutel!“ Aber ganz bestimmt nicht zusätzlich auch noch „Klopapier, Waschmittel, Vollkornteigwaren, Oliven, die fleischigen, entsteinten und nicht die künstlich gefärbten aus der EU, WC Ente und Kehrrichtsäcke nicht vergessen!“. Aber ich bin ja auch ein Mann. Kein Wunder sind Frauen viel besser organisiert als Männer, wenn sie noch nicht mal während einem Orgasmus mit dem Denken aufhören.

ZEITmagazin Online: Denken und weiblicher Orgasmus sind also nicht getrennt?

Kult: Genau diese Frage habe ich mir gerade eben auch gestellt. Sind sie nicht?

Clement: Auch wenn das Gerücht umgeht, dass man beim Orgasmus an gar nichts mehr denkt, sondern nur noch fühlt, ist dem nicht so. Die Gedanken treten höchstens für die wenigen Sekunden des Höhepunkts hinter das körperliche Erleben zurück. Es ist allerdings auch ein schöner Moment, wenn das reine Körpergefühl in den Vordergrund rückt.

ZEITmagazin Online: Das ist schon auch bei Frauen so?

Kult: Frau Husmann, hatten Sie schon einmal einen Orgasmus? „Wenn das reine Körpergefühl in den Vordergrund rückt“: Abschalten? Einmal abschalten?

Clement: Ja. Aber man muss dazu sagen, dass im Vergleich zu Frauen Männer sich in ihrem Orgasmusmuster untereinander stärker ähneln. Die meisten haben während des Verkehrs einen Orgasmus, die wenigsten haben einen multiplen Orgasmus, der ist äußerst selten bei Männern. Unter Frauen gibt es beide Extreme und zwar durchaus häufig. Viele Frauen haben während des Verkehrs keinen Orgasmus, nicht wenige können mehrfache haben. Deshalb ist es schwieriger als bei Männern, Aussagen zu treffen, die auf alle Frauen zuträfen.

Kult: Ach, nee! Ja, mal so, mal so, was? Respektive anders rum, wenn wir von Frauen sprechen.

ZEITmagazin Online: Nun, immerhin sagten 94 Prozent in einer Umfrage unter 1.000 Frauen zwischen 18 und 85 zum Thema weiblicher Orgasmus, dass es ihnen nicht auf die Größe des Penis ankommt.

Kult: Endlich! Let se Schwanzdiskussion begin! Wobei ich jetzt die Kategorie Ü80 als etwas schwierig betrachte. Unsere Grossmütter hatten wohl ganz andere Probleme, als sich über Schwanzlängen Gedanken zu machen. Und überhaupt: „Eine Umfrage unter 1.000 Frauen“ – ist das repräsentativ? Hat man da wirklich nur Frauen befragt, die Schwänze mögen? Und keine Asexuellen? Keine, die einfach mal temporär keinen Bock auf Böcke haben? Keine Migränepatientinnen? Keine frisch Entbundene?

Clement: Das bedeutet aber auch, dass für immerhin sechs Prozent die Größe wichtig ist.

Kult:Immerhin 6%!“ So feiern sich die Jusos nach verlorenen Abstimmungen zu ihren Volksinitiativen jeweils auch.

ZEITmagazin Online: Dabei wollte ich mit dem Zitieren der Umfrage gerade den Druck rausnehmen – Männer, macht euch nicht verrückt, darauf kommt es nicht an.

Kult: Kommt es bei sechs von hundert Frauen sehr wohl, sagt diese Umfrage! Da kann man ja als Mann nur hoffen, nicht auf ein gieriges, nimmersattes, weibliches Sexmonster zu stossen, das nur und ausschliesslich Spass am Koitus empfindet, wenn man einen mächtigen Schwengel mit zur Party bringt – ausser man hat einen. Wobei: Wie lang ist eigentlich lang? Ist Schwanzlänge nicht ein ziemlich dehnbarer Begriff?

Clement: Es galt lange das Gerücht, die Penisgröße sei unwichtig. Das ist in dieser Absolutheit aber ebenso falsch, wie wenn man sagte, sie sei total wichtig. Es gibt Frauen, für die ist die Größe relevant, und das sind offenbar sechs Prozent. Diese Frauen haben genauso recht wie die 94 Prozent, für die das keine so große Rolle spielt. Die Relevanz von Größen entspringt übrigens nicht nur westlichem Leistungsdenken. Im Kamasutra wird sowohl zwischen unterschiedlichen Penisgrößen – Hase, Stier, Hengst – unterschieden als auch nach Vaginalgrößen – Elefantenkuh, Stute, Gazelle. Und für jede anatomische Kombination gibt es bestimmte Passungen.

Kult: Äh… Alle haben folglich recht. Die einen einfach etwas rechter. Wobei: 6% wäre ja schon eine ziemlich vernachlässigbare Zahl – WENN sie denn tatsächlich stimmen würde. Ich vermute mal, dass die Dunkelziffer ziemlich viel höher ist – und es Maja ihrem Bruno einfach anstandshalber und rücksichtsvoll nicht unter die Nase bindet, dass sein Johannes durchaus etwas voluminöser sein dürfte. Und weil sich eine solche Äusserung auch kaum positiv auf seine Libido auswirken würde. So nimmt man halt, was man kriegt.

ZEITmagazin Online: Im Gegensatz dazu scheinen sich bei uns vor allem Männer mit Fragen nach Größe, Umfang und Beschaffenheit ihres Genitals zu beschäftigen.

Kult: Ja! Schwanzvergleich, Schwanzvergleich, Schwanzvergleich! Aber mal Hand in den Schoss, Frau Ulmann: Sind Sie da wirklich ehrlich mit sich selber?

Clement: In der Tat hat die eigene genitale Anatomie für Frauen lange nicht die überdimensionierte Bedeutung, die sie für Männer hat. Wobei unter jüngeren Frauen das Aussehen etwa der Schamlippen inzwischen eine gewisse Rolle spielt.

Kult: Das ist ja wohl bloss wegen der Instagram-Zensur so.

ZEITmagazin Online: Der Berufsverband der deutschen Frauenärzte sieht bei vielen Frauen zumindest Bedenken, was das Aussehen oder die Größe ihrer Vagina angeht.

Clement: Das ist aber neu und ich halte es nach wie vor für eine Modeerscheinung, getriggert durch die größere Sichtbarkeit aufgrund von Intimrasur. Angst vor einer zu großen Vagina haben vor allem Männer, das ist bekannt als Lost-Penis-Syndrom.

Kult: Sprechen Sie damit das „Cervelat-in-die-Turnhalle-werfen-Syndrom“ an?

ZEITmagazin Online: Mich hatte dennoch die geringe Zahl von sechs Prozent der Frauen, die Größe für relevant halten, überrascht, gerade weil das Thema in der männlichen Wahrnehmung so präsent scheint.

Kult: Oder gerade deshalb, weil Sie zu besagten 6% gehören? Oder weil Sie angeben, zu den 94% zu gehören, aber sich insgeheim eben doch einen Pinocchio wünschen? Nun reden wir doch nicht länger um den heissen Brei rum!

Clement: Nun, so überraschend ist es eigentlich nicht, dass für die meisten Frauen der Mann, der am Penis dranhängt, wichtiger ist, als der Penis, der am Mann dranhängt.

Kult: Haha, Herr Clement! Schön getextet, Herr Clement! Ist der von Ihnen?

ZEITmagazin Online: Womit wir bei den 94 Prozent sind … Offensichtlich kommt es auf dem Weg zum weiblichen Orgasmus Frauen auf ganz viel anderes an. Fangen wir etwa mit dem Geruch an. Der ist laut einer Studie der Berliner Charité für die meisten Frauen das Wichtigste.

Clement: Geruch ist zunächst etwas Physiologisches, spielt aber auch eine große metaphorische Rolle. Wie gut kann ich den Partner riechen? Wie sehr geht er auf mich ein? Das eigentlich Entscheidende ist die Interaktion. Man kann deshalb mit Sicherheit sagen: Wenn einer Frau der Geruch des Mannes nicht passt, kann er alles andere vergessen. Allerdings gilt ebenso: Wenn der Geruch passt, ist noch lange nicht alles gewonnen.

Kult: Okay, verstanden. Sie würden also damit sagen, dass Duschen zu geilem Sex führen KANN, aber nicht führen MUSS? Können wir das für unsere Leser auf diese einfache Gleichung herunterbrechen? Wenn wir schon beim Thema sind: Wie riecht eigentlich der Coca Cola Mann, draussen vor dem Fenster auf dem Baugerüst, gerade eben mit einer Kiste Colaflaschen auf der Schulter lockerlässig zum 15. Stockwerk hochgeklettert?

ZEITmagazin Online: Kurz vor Jahresende ging die amerikanische Website OMGyes online – das steht für „Oh my god, yes!“, und das Team aus Wissenschaftlern, Designern, Erziehern hat sich zum Ziel gesetzt, ein für alle Mal Männern und auch Frauen zu erklären, wie der weibliche Orgasmus funktioniert – inklusive Übungen per App. Besteht dafür heute noch Bedarf? Mangelt es tatsächlich an technischem Wissen?

Kult: Ja, Technik! Endlich wird das WWW, das Wunderwesen Weib entschlüsselt. Formel, bitte!

Clement: Man kann das als Mangel auffassen. Dabei geht man davon aus, dass ein Bedarf besteht, weil die Leute etwas nicht gut können und jetzt dank dieser Seite aufgeklärt werden. Das ist eine alte sexualpädagogische, mangelorientierte Lesart. Ich würde es anders verstehen, als Spiel. Sex ist ein Optionenfeld, auf dem man Verschiedenes ausprobieren kann – auch Dinge, auf die man nicht immer gleich von selbst kommt. Als Mann muss ich mich sowieso von einer rein mechanischen Herangehensweise lösen und schauen, ob das, was ich tue, in dem Moment für die Partnerin passt. Es gibt nicht den ultimativen Streichelwinkel, der immer stimmt. Er hängt von der Frau und von der Situation ab. Das ist auch gut so, denn sonst wäre ja nichts Individuelles mehr im Spiel, man könnte nichts mehr erkunden und herausfinden.

Kult: Ach, keine Formel? Naja, Frau ist halt doch nicht gleich Frau, wie Mann gleich Mann ist, was? Aber jetzt mal Tacheles geredet: Ich komme mir hier ein wenig vor wie in einer Kinderaufklärungsstunde – bloss mit Fremdwörtern, damit Kinder nichts verstehen. Verschiedenes ausprobieren? Wirklich? Und schauen, ob es gefällt? Echt?

ZEITmagazin Online: Gleichzeitig spiegelt so eine Website wider, was Sie vorhin schon angesprochen haben: Dass es unter Frauen beim Erleben eines Orgasmus eine größere Diversität gibt und dass der Vorgang ziemlich komplex und in seiner Bandbreite weiter ist als unter Männern.

Clement: Der weibliche Orgasmus ist weniger vorhersagbar und funktioniert weniger linear als der männliche, gewissermaßen schrittweise: Man geht gemeinsam einen Schritt auf ihn zu und dann geht es entweder weiter oder auch nicht. Die Frau prüft sozusagen immer, ob sie Ja sagt, oder an einem bestimmten Punkt Nein – und dann vielleicht doch weiter macht. Das kann Männer verrückt oder sogar aggressiv machen. Wenn die nämlich A sagen, denken sie dann auch B und danach C. Aber das Besondere an der weiblichen Erotik ist gerade dieses genaue Hinschauen beziehungsweise Hinfühlen. Bei Frauen kommt es immer darauf an. Nach A kommt vielleicht B, vielleicht aber auch nicht, sondern X.

Kult: Na gut, im Westen nix neues. Wir wissen ja längst, dass bei einer Frau Links durchaus auch Rechts bedeuten kann. Mich macht das ja längst nicht mehr verrückt. Höchstens aggressiv.

ZEITmagazin Online: Wenn der Weg zum weiblichen Orgasmus so knifflig ist, dann bitte ich Sie als Sexualtherapeuten jetzt einfach mal um Rat für Ihre Geschlechtsgenossen.

Kult: Für mich nicht, danke. Ich fahre weiterhin auf Sichtweite, halte Bremsbereitschaft, gebe Zwischengas, blinke vor dem Abbiegen, frage bei Bedarf nach dem richtigen Weg und freue mich, wenn ich mich auf der Zielgeraden befinde.

Clement: Ganz schön schwierig, in der Tat. Nehmen wir zum Beispiel die Klitoris: Einfühlsames Berühren kann grundsätzlich zum Orgasmus führen, hingegen kann falsches Berühren, oder das richtige Berühren zum falschen Zeitpunkt, jede Erregung zum sofortigen Erliegen bringen. Männer können jetzt die Augen verdrehen und denken: Das schaffe ich nie! Oder aber sie begreifen es als interessante Erkundungstour, bei der sie ihre Partnerin kennenlernen, entdecken können und feststellen, dass sie nicht immer so ist, wie sie ist. Heute möglicherweise anders als gestern und anders als morgen. Eigentlich ist das eine schöne Perspektive, wenn man nicht immer weiß, wie sie funktioniert und wie sie auch die restlichen Monate oder Jahre, die ich mit ihr zusammen sein werde, funktionieren wird.

Kult: (verdreht die Augen) Das schaffe ich nie! Kleiner Scherz. Ich bin ja so der Abenteurer, der gerne Feuchtgebiete erkundet. Danke, Frauen, dass wir Männer nicht wissen, wie ihr wirklich funktioniert, und dass ihr jeden Tag neue Überraschungen für uns bereithaltet! Manchmal wünsche ich mir, dass ihr nun endlich die Weltherrschaft übernehmt, der Alltag wäre weit weniger grau.

ZEITmagazin Online: Was raten Sie denn Männern, die zu Ihnen kommen und sagen: Ich krieg das einfach nicht hin.

Clement: Ein großes Männerproblem entsteht, wenn ein Mann von seiner Partnerin signalisiert bekommt, dass er es nicht gut macht und sie unbefriedigt ist. Dann fragen viele: Ja, wie hättest du es denn gerne, was soll ich tun? Die Antwort aber wird lauten: Genau diese Gebrauchsanweisung möchte ich dir nicht geben, denn Sex nach Gebrauchsanweisung will ich nicht. Die Frau fühlt sich nicht wahrgenommen, sondern so, als verrichte ihr Partner schlicht einen Job. Ich sage diesen Männern also: Finde selbst heraus, was sie möchte, und versuche, diesen Prozess des Herausfindens als erotisch zu begreifen.

Kult: Watch and learn. Da machen Sie es sich aber ein kleines Bisschen einfach, Herr Paartherapeut und Sexualforscher, finden Sie nicht? So einen kleinen Geheimtipp hätte ich mir jetzt schon erwünscht.

ZEITmagazin Online: Und um es noch komplizierter zu machen, gibt es neben dem weiblichen Intimbereich noch ein halbes Dutzend anderer erogener Zonen, die stimulierbar sind …

Clement: …und auch erogene Bewegungen. Für manche Frauen ist beispielsweise ein ruppiges Genommenwerden hoch attraktiv, für andere hingegen völlig inakzeptabel.

Kult: Echt? Wirklich wahr?

ZEITmagazin Online: Und für all das gilt immer: „Heute so und morgen so.“

Kult: Echt? Wirklich wahr?

Clement: Alles läuft darauf hinaus, dass die weibliche Sexualität so kontext- und situationsabhängig ist, dass der Mann sich die Sache jedes Mal neu anschauen muss. Deshalb sind es die Frauen und nicht die Männer, die guten Sex garantieren.

ZEITmagazin Online: Wie bitte?

Kult: Wie bitte?

Clement: Sie lassen sich mit mittelmäßigem Sex weniger leicht abfinden als Männer. Die kanadische Sexualforscherin Peggy Kleinplatz hat das mal im Zusammenhang mit dem Thema weibliche sexuelle Lustlosigkeit als Perspektive wunderbar formuliert: Es gehe um „sex worth wanting“, also um Sex, der es wert ist, gewollt zu werden. Möglicherweise mangelt es den Frauen gar nicht an Lust, sondern sie finden schlicht, dass sich der Sex, den sie haben können, nicht lohnt. Ihre Unlust zeugt demnach von Qualitätsbewusstsein. In der heterosexuellen Geschlechterinteraktion bietet sich der Mann an und die Frau prüft, macht er es stimmig, sodass es passt. Es gibt einen hübschen Cartoon, der das mit boshaftem Witz auf den Punkt bringt: Da liegen zwei – offenbar nach dem Sex – nackt im Bett und er sagt: „War’s gut?“, woraufhin sie antwortet: „Deiner Frage entnehme ich, dass das eben Sex war.“

ZEITmagazin Online: Aber der Orgasmus ist Frauen schon auch wichtig?

Kult: Aber Männer haben Sie im Rahmen Ihrer Sexualforschung schon auch untersucht?

Clement: Dazu gibt eine grundlegende Studie des Kinsey Institute aus den neunziger Jahren. Die Forscher haben eine repräsentative Stichprobe von Frauen befragt, wie wichtig der Orgasmus für ihre sexuelle Befriedigung ist. Ungefähr ein Drittel hat angegeben: Ganz wichtig. Die restlichen zwei Drittel: Darauf kommt es nicht primär an. Der Orgasmus ist demnach wichtig, aber überbewertet. Nach der Masters-und-Johnson-Ära der sechziger Jahre, in der man den Orgasmus der Frau gewissermaßen entdeckt hat, ist die Bedeutung des Orgasmus wieder zurückgetreten in die Gesamtveranstaltung Sex. Der Orgasmus wird nun eher als Option, als Möglichkeit und nette Zugabe gesehen, aber nicht unbedingt als etwas, das erfolgreichen Sex definiert.

Kult: STICHprobe. DAS finde ich in diesem Zusammenhang lustig! Aber halten wir fest: 94% der Frauen ist die Schwanzlänge egal, 66% interessiert es nicht, ob sie zum Höhepunkt kommen – ein Grossteil von Frauen wollen also einfach ein bisschen schöne Zeit verbringen, right?

ZEITmagazin Online: Und das gilt nach wie vor? Es gibt keine neue Fixierung auf den weiblichen Orgasmus?

Kult: Eine. Neue. Fixierung. Leute, entspannt euch mal etwas! Das hilft bestimmt. Bei allem. Immer. Und überall.

Clement: Der eben beschriebene Trend hat noch immer Gültigkeit. Aber es gibt Subtrends, zum Beispiel alles, was im Zusammenhang mit weiblicher Ejakulation und G-Punkt diskutiert wird. Für manche Frauen spielen diese Dinge durchaus eine große Rolle, aber die meisten kennen es nicht. Es ist eine Minderheit, die es erlebt oder zumindest einmal erleben möchte.

Kult: Subtrends. Lassen Sie uns dazu eine separate Diskussion führen.

ZEITmagazin Online: Also suchen doch einige nach einem anderen, womöglich besseren Höhepunkt-Erlebnis?

Kult: Echt? Wirklich wahr?

Clement: Natürlich, wobei Frauen, die orgasmusfixierter sind, tendenziell die sexuell unzufriedeneren sind. Diejenigen, die den Orgasmus als Möglichkeit, aber nicht als Verpflichtung betrachten, sind glücklicher. Es ist wie im sonstigen Leben auch: In dem Moment, da ich mit mehreren Alternativen zufrieden sein kann, bin ich definitionsgemäß eher glücklich.

Kult: Echt? Wirklich wahr?

ZEITmagazin Online: Männer können ja durchaus pubertär um das Thema Selbstbefriedigung herumalbern. Frauen tun das kaum. Also fragen wir an dieser Stelle für aller Ohren: Wie halten es Frauen damit?

Kult: Jajaja! Eigenbau, flinke Pelle, abmelken, Flötensolo, wienern, Anakonda würgen, Schwert schleifen, Arbeitslosen die Hand schütteln, einäugigem Milchmann die Hand schütteln, Fleischpeitsche polieren, Laub vom Baum schütteln, Struppi melken, Samenbank Flavour, schleudern, das Übel an der Wurzel packen, die Ladung löschen, den Schimmel schütteln, Old Schüttelhand, Häuptling Schnelle Vorhaut, schubbern, die Hand ins Feuer legen, den Trumpf in die Hand nehmen, aus dem Handgelenk schütteln, das Grundwasser anzapfen, krumme Finger machen, Vorhaut-Aerobic, sich abzapfen, sich Luft machen, schrubben, den Lötkolben aufheizen, Faustrecht, das Steuer in die Hand nehmen, Palme schütteln, in guten Händen sein, von der Hand in den Mund leben, Wurst pellen…

Clement: Nun ist es ja kein Geheimnis oder Tabu mehr, dass es angenehm ist, an sich herumzufummeln. In diesem Punkt herrscht inzwischen Gleichberechtigung, auch wenn Männer nicht nur mehr herumalbern, sondern auch viel mehr Worte für das Masturbieren haben. Aber ein intergeschlechtlicher Vergleich über die vergangenen Jahrzehnte lohnt sich dennoch. Denn während die heutige junge Frau sich meist erst selbst befriedigt und dann Verkehr mit einem Mann hat, war das vor 40 Jahren umgekehrt. Und in der Generation davor wurde sie gar erst durch den Partner in die Sexualität eingeführt. Männer hingegen haben schon immer masturbiert und sie haben es schon immer oft getan. Heute masturbieren auch die meisten Frauen, aber es sind dennoch weniger als der Anteil der Männer und sie tun es auch nicht so häufig wie die Männer. Beim Solosex besteht, betrachtet man Metaanalysen zu Geschlechterdifferenzen, noch immer der größte Unterschied zwischen Männern und Frauen.

Kult: Wichsen ist kein Tabu mehr? Dann finde ich das nicht mehr geil. Da werde ich wohl zu einem Subtrend übergehen. Und „Metaanalysen zu Geschlechterdifferenzen“? Echt? Und ich soll da wirklich noch einen hochkriegen?

ZEITmagazin Online: Und ich dachte immer, der fundamentale Unterschied zwischen Frauen und Männern läge darin, dass Frauen sich erst entspannen wollen, bevor sie schönen Sex haben können, während Männer erst Sex haben wollen, bevor sie sich schön entspannen können.

Kult: Ach, Frau Husmann. Sie sind wohl ganz ausserordentlich romantisch drauf. Diese Gleichung haben Sie nun aber schön hingekriegt. Beinahe so wie vorhin Herr Clement mit Männern, die an ihren Schwänzen hängen.

Clement: Das ist in der Tat so.

Kult: Danke, Herr Clement.

ZEITmagazin online: Wie kommt das?

Kult: Wie jetzt? Was jetzt?

Clement: Weil Frauen so kontextabhängig sind. Sie prüfen zunächst, ob alles für sie passt. Erst danach können sie in den Flow geraten und es kann losgehen. Der beobachtete Unterschied spiegelt sich auch beim Thema Einschlafen wider. Die meisten Männer schlafen nach dem Sex ein, haben aber das Gefühl, sie dürften das eigentlich nicht, sondern müssten sich irgendwie wachhalten. Das Bedürfnis, genau jetzt weitermachen zu wollen, haben Frauen häufiger.

Kult: Schlechtes Gewissen? Nicht bei mir. Rein, raus, Augen zu, weg. Wenn wir Männer jetzt noch fürs Einschlafen ein schlechtes Gewissen haben sollten…

ZEITmagazin Online: Moment! Wenn Frauen ein großartiges Nachspiel wünschen, ist dass nicht ein Indiz dafür, dass der Orgasmus ausgeblieben ist und sie womöglich noch irgendwo auf der Plateauphase festhängen?

Kult: Frau Husmann… Es scheint mir, Sie hängen noch irgendwo zwischen zwei Höhepunkten fest: Dem einen vor drei Jahren und dem nächsten in… hoffen wir bald.

Clement: Das kann sein. Das Nachspiel spiegelt aber auch ein weibliches Bedürfnis nach Nähe und nach dem Beweis, dass es eben nicht nur um den männlichen Orgasmus ging, sondern auch um sie als wertgeschätzte Partnerin.

Kult: Ach, wir zwei alten Frauenversteher…

ZEITmagazin Online: Das klingt eher nach Kuscheln als nach einem erotischem Nachspiel.

Kult: Jahaa! Es KANN nicht immer multipler Orgasmus sein.

Clement: Der Orgasmus hat im Satzaufbau des Geschlechtsverkehrs auch eine grammatikalische Funktion. Nach erregen, spielen, verkehren markiert der Orgasmus einen Punkt. Danach ist erst mal gut. Es folgen ermatten und einschlafen, bevor man morgen gemeinsam weiter im Leben macht. Beim Sex stellt sich ja auch die Frage, wann kann man aufhören? Diese Logik erklärt übrigens auch den vorgetäuschten Orgasmus. Wenn die Frau das Gefühl hat, dass es ihr jetzt langsam reicht, kann sie einen Orgasmus vortäuschen, damit der Mann ebenfalls spüren kann, jetzt ist mal gut.

Kult: Punkt. Noch Fragen? Nein? Gut. Es heisst ja auch Punkt und nicht Fragezeichen.

ZEITmagazin Online: Dann kann der vorgetäuschte Orgasmus im Sinne von „Danke, Schatz, ich bin schon glücklich“ also auch freundschaftlich gemeint sein?

Kult: Ja, jaa, jaaaa! Gute Nacht.

Clement: Nun ja. Eine Studie hat die Bedeutung des weiblichen Orgasmus für die Frau und für den Mann verglichen – mit dem Ergebnis, dass er den Männern wichtiger ist als den Frauen, weil Männer ihn für ihr männliches Ego tendenziell dringlicher brauchen als Frauen für ihr weibliches. Wenn Männer also das Gefühl haben, sie haben es nicht gut gemacht, sind sie dabei tendenziell weniger in Sorge um das Wohlbefinden ihrer Partnerin als um ihr eigenes, sie denken dann: „Ich hab’s nicht gebracht. Ich bin nicht männlich.“ Das kann dazu führen, dass sie noch ewig weitermachen, damit sie endlich kommt – was eine sehr unangenehme Situation werden kann.

ZEITmagazin Online: Das klingt, als hätte der Mann seinen Orgasmus zu diesem Zeitpunkt immer schon gehabt.

Clement: Ja, ladies first, lautet das Gebot. Männern ist es quasi verboten, zu schnell und vor der Frau zu kommen. Deswegen ist der frühzeitige Samenerguss so beschämend für sie.

Kult: Ach, was. Einmal ist keinmal.

ZEITmagazin Online: Vorher ist aber doch nicht per se schlimm, solange er sich danach nicht einfach wegwälzt?

Kult: Das hängt ja dann mal nicht bloss von uns ab, was?

Clement: Für die Männer, die darunter leiden, ist er sogar sehr schlimm. Wenn sie erst mal in ihr Schamgefühl stürzen, drehen sie sich weg und dann nützt es auch nichts, dass die Partnerin sagt, es sei ihr nicht so wichtig. Sie glauben ihr nicht.

ZEITmagazin Online: Kann das Vortäuschen heftiger Gefühle nicht auch hilfreich sein? Beispielsweise um ihm zu signalisieren: Hey, du bist durchaus auf dem richtigen Weg.

Kult: Na klar: Vortäuschen falscher Gefühle hat schon immer geholfen, in jeder Lebenslage. Selbst vor dem Traualtar ist ein gequältes „Jahaa…“ immer noch besser als wegzurennen.

Clement: Das kann in der Tat klug sein. Durch ihr wiederholtes Ja ermuntert sie ihn nicht nur, sondern sie steuert ihn und kann irgendwann schließlich das bekommen, was sie möchte.

Kult: Ja, jaa, jaaa… Sag ich ja!

ZEITmagazin Online: Die beiden Sexualforscher Debby Herbenick und J. Dennis Fortenberry von der Indiana Universität in Indianapolis wollen herausgefunden haben, dass 51 Prozent der Frauen bei Bauchübungen schon einen Orgasmus erlebt haben, 25 Prozent beim Gewichtheben und 20 Prozent beim Yoga. Wie das?

Clement: Solche Studien belegen meiner Einschätzung nach eher die Frage: Was es nicht alles gibt?

Kult: Nun bin ich für einmal mit Ihnen einig, Frau Husmann. Wurde ja auch langsam Zeit. Ich habe ja eine Studie gelesen, die besagt, dass 75% aller Frauen und 95% aller Männer beim Yoga schon mindestens einmal gefurzt haben. Und dass es 98% aller Yogasportler vorziehen, vor der Lektion keinen naturtrüben Apfelsaft zu trinken.

ZEITmagazin Online: Aber 51 Prozent! Ich wollte schon mit Bauchtraining anfangen.

Kult: Mache ich schon, ist mir aber noch nie einer abgegangen dabei. Ein Orgasmus, meine ich. Aber da ticken wir Männer halt scheinbar etwas anders als ihr Frauen.

Clement: Die Zahl hat mich auch gewundert, als ich die Studie las. Es soll an den rhythmischen Kontraktionen liegen. Ich bezweifle nicht, dass es das nicht gibt, aber ich bezweifle die Zahl und vermute, dass sie durch die Art der Befragung zustande kam. In ihrem Buch The Science of Orgasm haben Barry Komisaruk und andere Autoren aufgeschrieben, wo und wodurch Frauen schon alles einen Orgasmus erlebt haben. Danach weiß man: Es gibt alles, die Erregung am Ohr, am Zeh, am Po, am Bauchnabel. Ich zucke da etwas mit den Achseln und denke: Wenn eine Frau keine Tendenz hat, kann ich lange ihr Knie stimulieren, es wird nichts passieren. Und bei Frauen ist eben die Klitoris das Relevante.

Kult: Ja, wirklich! Die Zahl! Warum 51% und nicht 52?

ZEITmagazin Online: Ist die wenigstens gründlich erforscht?

Kult: Wenn ja: Wie gründlich? Empirisch?

Clement: Eine berechtigte Frage, denn die anatomischen Analysen dazu sind noch gar nicht so alt. Erst 1998 hat die australische Ärztin Helen O’Connell das Organ korrekt dargestellt, nachdem sie es aus Leichen herauspräpariert hatte. Bis dahin galt das sogenannte Erbsenmodell, nach dem man lediglich betrachtet hat, was herausguckt. Doch die Klitoris hat in der Tiefe des Körpers sechs bis neun Zentimeter lange Schwellkörper, die parallel zu den großen Schamlippen und bis zum Beginn der Oberschenkel verlaufen. Die Klitoris ist kein kleines Organ. Das sollte jeder Mann wissen, bevor er sich nur dem sichtbaren Zipfelchen widmet.

Kult: Okay, danke für diese wertvollte Information. Aber wie ist das nun mit der Schwanzlänge? Hallo? Herr Clement? Frau Husmann? Mist, die Verbindung wurde unterbrochen. Wir spielen jetzt erstmal ein Lied und versuchen, diese technische Störung in der Zwischenzeit zu beheben. Wir entschuldigen uns.

James Brown: Get up, get on up, get up, get on up, stay on the scene, get on up, like a sex machine, get on up, get up, get on up, get up, get on up, stay on the scene, get on up, like a sex machine, get on up, get up, get on up, get up, get on up, stay on the scene, get on up, like a sex machine. Wait a minute.

Referenz: ZEIT ONLINE «Wir müssen reden – Wie wichtig ist die Penisgrösse für die Frau?»

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Pete Stiefel

Autor: Pete Stiefel

Pete konnte pfeifen, bevor er der gesprochenen Sprache mächtig war – und an seinem ersten Schultag bereits schreiben. Trotzdem ist er da noch einige Jahre hingegangen. Danach schrieb und fotografierte er fürs Forecast Magazin, für Zürichs erstes Partyfoto-Portal stiefel.li, fürs 20 Minuten, MUSIQ, Q-Times, Party News, WORD Magazine, war Chefredaktor vom Heftli, lancierte das Usgang.ch Onlinemagazin – und er textete für Kilchspergers und von Rohrs Late Night Show Black’N’Blond und Giaccobo/Müller. Er trägt (vermutlich) keine Schuld daran, dass es die meisten dieser Formate mittlerweile nicht mehr gibt.

Irgendwann dazwischen gründete er in einer freien Minute seine eigene Kommunikationsagentur reihe13, die seit nunmehr 13 Jahren besteht. Er ist mittlerweile in seiner zweiten Lebenshälfte, Mitinhaber vom Interior Design Laden Harrison Spirit, schreibt für seinen Blog Living Room Hero und Pointen für Giacobbo / Müller und jetzt auf dem Planeten Kult gelandet. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für Pete.

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