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Die Nachtschwester

Die Schwärze war plötzlich gekommen. Im Blumenladen. Die Verkäuferin hatte, sie band hinten im Laden gerade das Bouquet zusammen, nur einen Spruch machen wollen. Ein harmloser Spass einer jungen Damen. Mich traf es wie eine Faust: Eine Welle aus Wut, Ohnmacht und diese Schwärze, die mich fast von den Füssen haute. Ich klammerte mich an den Tresen. Versuchte mich mit dem Spruch abzulenken, den sie vorher dahinten gemacht hatte. «Es ist immer das Gleiche, entweder kaufen ’was, weil sie’s verbockt haben, oder weil sie zur Sache kommen. Sonst pflücken sie für dich nicht einmal eine einzige Blume, nicht eine einzige…» Die Kollegin hatte gegrinst, ich vermochte, gefangen in einer dunklen Wolke, nicht zu sagen, ob sie die Meinung meiner Verkäuferin teilte.

Der letzte Anfall war lange her. Früher als wir noch den alten Chef gehabt, hatten, da war manchmal diese Schwärze gekommen. Diese Explosion, die mein Dasein auf einen einzigen schwarzen Fleck reduzierte und es mir einen Augenblick nicht gelang, meinen Körper zu spüren. Mit dem Chef verschwand die Schwärze, die Sitzungen waren leichter geworden, der Firma ging es weder besser noch schlechter und auch meine Karriere war immer noch da, wo sie damals gewesen war.

Draussen vor dem Laden hielt ich diese Blumen in den Händen, überlegte, ob ich sie gleich hier wegwerfen sollte. Aber ich freute mich auf den Abend. Es mochte, die Freude des Verirrten vor dem Eingang zu einem Labyrinth, aber ich freute mich. Ich hatte noch etwas Zeit. Zeit, ein Bier zu trinken und mich etwas zu beruhigen. Für eine Absage wäre es wohl sowieso zu spät. Wahrscheinlich warst du schon auf dem Weg, oder mindestens bereit, um loszugehen. Da ich dich nicht oder fast nicht kannte, hätte sich mein schlechtes Gewissen in Grenzen gehalten, falls ich dich sitzgenlassen hätte.

Eigentlich kannte ich dich schon lange. Du gingst im gleichen Supermarkt einkaufen, warst oft auf der Bahnhofspassarelle anzutreffen, die unser Stadtquartier mit der eigentlichen Stadt verband. Bestenfalls flüchtige Begegnungen. Und sicher waren da schönere Frauen. Und, wenn nicht schönere, dann solche, die vielleicht etwas offener waren. Spielte alles keine Rolle. Aus der Projektabteilung war ich es gewohnt Projekte zu haben. Projekte, aus denen vielmals nichts wurde. Wenn ich an dich dachte, so dachte ich an dich als «das Projekt». Auch wenn ich gleichzeitig gerne deinen Namen gewusst hätte, gerne gewusst hätte, warum deine Gesichtszüge so beherrscht, die Körpersprache so verhalten war. Selbst mitten in der Nacht, am dunklen Fenster in meiner Wohnung, selbst dann, wenn selbst die Katzen im Hinterhof, ob der Vergeblichkeit und der Einsamkeit nur noch schreien, auch dann noch dachte ich an dich mit jener Resignation, die ich meinem Job entgegenbrachte: Kaum war ein Projekt fertig, so kam das nächste. Es hörte nie auf. Du dagegen hattest nie begonnen, also würdest du auch nie aufhören.

Auf jener Bahnhofüberführung hatte ich dich an einem Sonntagnachmittag einmal gefragt, ob du Lust auf einen Kaffee hättest. Ja, fandest du mit klarem Blick, ein Kaffee wäre nicht schlecht. Erst einen Augenblick später erkannte ich, dass du wortwörtlich einen Kaffee wolltest und den gleich an einem Stand holen gingst. Du brachtest das Getränk nicht in Verbindung mit mir und liessest mich verwundert einfach an dem Stand stehen. Meine Freunde verstanden meine Sehnsucht nicht. Die weissen Haare. Die kleinen Brüste. Die Kleidung, die nicht gerade hip war. Wandte ich ein, weisse Haare habe ich selbst nicht wenige und die Kleidung sei mir egal, so hoben sie die Schultern und sprachen weiter über Fussball.

Die Schwärze war nicht das Einzige. Da waren die Träume. Unbeschreibliche Träume. Ich war nie eine gewalttätige Person gewesen. Eine Pausenplatzschlägerei, in vielen Jahren Fussball vielleicht drei oder vier grenzwertige Fouls, die zum Glück glimpflich ausgingen. Es viel mir leicht, mich auf dieser Ebene zu beherrschen. Und nun waren diese Träume. Mein Leben hatte sich nicht verändert. Ich managte Projekte. Ich kümmerte mich um die Dinge, um die man sich kümmern musste. Zwar war ich nun schon einige Jahre geschieden. Aber, abgesehen davon, dass es zu nächst schwerfiel, die Niederlage einzugestehen, so waren es keine schlechten Jahre gewesen.

Es blieb mir knapp Zeit für Glas. Sorgfältig legte ich die Blumen neben mich auf den Marmortresen. Die Schwärze hatte mich geschockt. In der Bar in der Innenstadt kannten sie mich, aber sie waren trotzdem nicht besonders freundlich. Ich hatte es eilig und winkte deswegen die Bedienung heran. Ich zitterte noch ein bisschen, aber ich würde ruhiger werden.

Da waren Bilder. Bilder, die unmöglich aus meinem Innern stammen konnten. Ich war gerade bereit, noch ein Bier zu bestellen. Es blieben mir noch wenige Minuten. Da kamst Du hinein. Du wirktest entspannt, ich sah dich das erste Mal lachen. «Hey, da ist nicht schlecht, ich wollte auch noch schnell etwas trinken, bevor wir uns im Aqua sehen», sagtest du und setztest dich neben mich. Die Leute gingen ins Kino und wir konnten uns an einen Tisch setzen. Plötzlich war alles leichter, als ich es mir vorgestellt hatte. Nach der Schwärze, den zitternden Händen und der Erinnerung an die schrecklichen Träume konnte mir nichts passieren. Auch du schienst seltsam unbeschwert, dein sonst sehr ruhiges Gesicht schien immer in Bewegung und du bekamst kleine Fältchen um die Augen, wenn du dich amüsiertest.

In den kommenden Tagen hatte sie leider Nachtdienst gehabt. Mein Projekt war Krankenschwester. Was erklärte, dass sie manchmal die Welt nur sehr eingeengt wahrnahm. Du hattest in der Rio-Bar erklärt: «Der Rhythmus kommt ganz durcheinander, manchmal weiss man nicht mehr so genau, wo man ist, es ist schwierig zu erklären. Aber da sind Notfälle, es ist hektisch und plötzlich steht man irgendwo am Bahnhof und merkt, dass es vorbei ist. Für ein paar Stunden wenigstens, oder ein paar Tage.»

Bei mir dagegen war es eher das Gegenteil von deiner Hektik: Keines meiner Projekte bewegte sich auch nur einen Millimeter. Kurz, sie bewegten sich gar nicht und meine Bosse finanzierten zwar das Ganze, hatten aber nicht den leisesten Hauch von Interesse, für was sie da eventuell Geld ausgaben. Je ruhiger meine Tage, umso schlimmer meine Nächte. Eigentlich war ich glücklich. Das Treffen mit dir hatte Farbe in mein Leben gebracht und ich hätte glücklich sein sollen. Aber jede Nacht wurde es immer dunkler, immer später und die Bilder meinen Träumen immer schrecklicher.

«Das war kein so guter Tag, heute», sagtest du. Es war dir egal, dass du über die Nacht redetest. Dein Gesicht war ziemlich weiss, du schienst angestrengt, selbst der weisse Schimmer in deinem schwarzen Haar schien irgendwie bleicher, weisser. Ich fragte dich, ob du müde seist, aber du fragtest nur zurück, ob ich zu geizig sei, das Abendessen zu bezahlen. Es sollte ein toller Abend werden. Auch im Bett verstanden wir uns auf diese verlorene, aber verständnisvollere Weise etwas älterer Menschen sehr gut. Während du noch schliefst schlich ich mich in mein überhaupt nicht auf mich wartendes Büro.

Erst jetzt fiel mir auf, wie du gesagt hattest: «Das Blut war gar nicht so schlimm, die gebrochenen Knochen auch nicht. Schlimm war, dass ein Körper so eine Form haben kann, dass er so pervers enstellt werden kann. So, dass er gar kein Mensch mehr ist». Fast hätte ich gefragt: «Ja, wie denn?», aber rechtzeitig hielt dich die Worte zurück. Gleichzeitig verspürte ich auf das Steak vor mir keine rechte Lust mehr. Offenbar hatte in der Nacht eine Frau operiert werden müssen, die extrem verprügelt worden war. Mindestens sei soviel klar gewesen: Ob sonst noch etwas Schlimmes geschehen sei, hätten nicht einmal die Ärzte sagen können.

«Zwischen den Beinen, da war nur ein klaffendes Loch. Es war nicht das einzige. Es war schrecklich», sagtest du und erklärtest, eigentlich müsstest du es gewohnt sein. Wie meine Projektmanagement-Kollegen um mich herum starrte ich auf den Bildschirm. Eigentlich umfing mich deine Wärme, war ich umgeben vom Glanz der Erinnerung daran, was wir zusammen geschaffen hatten, auch wenn es flüchtig, fast schon verflogen war.

-Blütenstaub in einer Kniekehle, hattest du gesagt, die sei noch unversehrt gewesen. «Unversehrt», die Worte, die brauchtest.

Da waren einige Mails, die ich beantwortete. Ein paar Gespräche bei der Kaffeemaschine. Ich war ziemlich unbeschwert. In diesem Augenblick mochte ich Sex, ich mochte dich, mochte sein, es hatte einige beunruhigende Momente gegeben in letzter Zeit, aber damit wollte ich mich jetzt wirklich nicht beschäftigen. Gegen Abend musste ich noch an eine Sitzung, was meine Laune kurz dämpfe, es aber nicht vermochte, mich davon abzuhalten, mir vorzustellen, wie meine Hand langsam über deine Nippel strich oder wie meine Finger deine Rückenwirbel ertasteten. Wie es die Ausdrucksstärke deines Gesichts erahnen liess, schienst du nackter, schutzloser als andere Frauen zu sein, so bald du deine Kleider ausgezogen hattest. Dünn sahst du aus, die Schatten unter deinen Augen schimmerten blau und dein Blick schien auf einen weit entfernten Horizont gerichtet. Es war aufregend gewesen, unwiderstehlich. Ausserordentlich.

«Da waren Splitter vom Baseballschläger gewesen.» Sie hatte eine kleine Kartoffel auf der Gabel.

«Der Arzt musste sie rausholen. Die Rippen waren so angeknackst, dass sie unter dem geringsten Druck nochmals brachen, als der Arzt es versuchte. Das Geräusch war nur leise.» Die Kartoffel war verschwunden. Das Stück Blaubarsch aus irgendeiner Ökozucht war als nächstes dran. «Es konnte nicht sein, aber wir zuckten zusammen, weil wir glaubten, sie habe sich gerührt, habe etwas gespürt, ich wäre fast zurückgesprungen.» Der Blaubarsch war weg.

Ich sprang von dem verdammten Sitzungstisch auf. Die Mitarbeitenden waren entsetzt, soviel Action an einem Wochentag. Meine Entschuldigung war höchstens halbarschig, wahrscheinlich erst noch zu spät. Ich war schon im Gang. Das Versäumnis war schrecklich, mir wurde leicht schwarz vor Augen, aber ich durfte nicht aufgeben. Ich stützte mich an der Wand. Schliesslich hatte ich mich im Griff und erreichte mein Büro. Hektisch suchte ich nach meinem I-Phone in meiner Jacke. Die Verbindung kam überraschend schnell zu stande. Die Dinge, die wir übersehen, die die wir vergessen. «Wir haben die Blumen in der Bar vergessen, damals, weißt du das?» sagtest du. «Aber das war nett mit den Blumen.»

«Ja, das haben wir wohl.»

«Du klingst nicht so gut, was ist los? Ich muss mich beeilen, aber zwei Minuten habe ich noch.»

Ich konnte es dir nicht erklären und hatte zuerst nicht richtig mitbekommen, dass die junge Frau noch in der Nacht an ihren Verletzungen gestorben war. Auch die tröstenden Worte, Sätze, wie, es geschehe immer wieder, dass Patienten verstarben, versanken in einer Art von schwarzem Strudel. Aber etwas später, keuchend zwischen Ekel und Verlangen, murmelte ich in die tote Leitung: «Immerhin, nicht vergessen, immerhin, haben wir sie nicht ganz vergessen.»

Zwei Stunden später holte sie mich ab. Die Welt um mich herum war klarer. Stabiler. Die Schwärze war weg. Ich würde ihr nie sagen können, was ich getan hatte. Niemals.

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Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

Muss man haben: einen SUD (Sport Utility Donnerbalken)

Das Oberteil zuerst? Oder das Höschen?