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Niktophobia

In der Nacht kamen jetzt immer die Trommeln. Die Schläge waren laut, unerbittlich, drohten sie zu zerreissen. Die Trommeln erschütterten die Wände bei ihr zuhause, es schien ihr als würden die Bilder an den Wänden vibrieren. Einzig die Dusche verschaffe ihr Erleichterung. Dann, wenn sie sich das Wasser über den Schädel prasseln liess. Doch letztlich konnte sie nicht die ganze Zeit unter der Dusche verbringen.

Mit Musik hatte sie es schon versucht. Es half sogar ein bisschen, aber dann schlugen die Trommeln, jeden Song, egal wie laut sie ihn spielte, nieder. Sie starrte auf das Telefon auf dem Sideboard und fragte sich, ob es läutete. Es irritierte sie immer, wenn sie ihr Festnetz abnahm und sie nur das Freizeichen hörte.

«Bist du wieder zu hause geblieben?», hörte sie Richi fragen. Obwohl die Trommeln ihren Freund fast übertönten, spürte sie den Vorwurf. «Sara, bist du da?»

«Ja», flüsterte sie: «Ich bin da».

Richi passte nicht wirklich zu ihr. In den letzten drei Jahren war sie nicht müde geworden, ihn milde als «Versicherungshengst» auszulachen. Sie hätte zwar zugegeben, dass sie manchmal seinen Stil mit den Anzügen, und die Art, wie er Restaurants aussuchte, ganz cool fand. Gleichzeitig ging für sie die Pizza, die sie sich als Verkäuferin in einem Drittweltladen kombiniert mit einem Sozialprojekt und natürlich auch der Frauenfrage bewusst, leisten konnte voll in Ordnung.

«Was ist denn los, warum kann ich dich nicht sehen?» Manchmal war er entschlossen, durch seinen Job brach machmal eine herrische Art durch, die er aber sofort ablegte, wenn sie sie widersprach. Am Ende glaubte sie es inzwischen: Gegensätze zogen sich halt doch an. Und als Paar waren sie gerade so widersprüchlich, dass es die Sache interessant machte, aber keine unversöhnlichen Fronten entstanden. Aber gerade jetzt, während der Trommelwirbel weiter anschwoll, konnte sie rein gar nichts mit der Fragerei anfangen.

«Ich bin krank. Ich kann nicht.»

«Es macht mir doch nichts aus, dass du krank bist. Das ist kein Problem. Und ich bin gut versichert, wie du ja weißt.»

Da war sich Sara sicher, dass er gut versichert war. Der Scherz, so klein er auch war, brachte sie in Versuchung. «Es geht nicht, ich bin, ich …»

«Du musst zum Arzt, ich kann dich bringen, wir müssen doch dieser Sache auf den Grund gehen. Nur so kommen wir weiter, du kannst dich doch nicht zwei Wochen verstecken.»

Sie starrte auf ihr I-Phone. Ihre Schwester. Ihre Schwester versuchte erneut, sie zu erreichen. Wahrscheinlich war sie mit der Arbeit fertig und wollte fragen, ob alles in Ordnung sei. Die Sonne sank und die Trommeln wurden lauter. Bald würden die Wände vibrieren. Es würde schwierig sein, klarzusehen.

«Du musst doch verstehen, dass ich mir Sorgen machte.» Sie verstand. Er machte sich Sorgen. Sie sagte: «Ich verstehe. Du machst dir Sorgen.»

«Es ist schön, wenn du das verstehst, aber ich möchte wissen, was mit dir los ist, so etwas habe ich noch nie erlebt.»

Sie konnte jetzt schlecht sagen, sie hatte das auch noch nie erlebt und – wirklich – sie hätte auch gerne gewusst, was los war. Sie nahm den Hörer mit ins Bad, liess etwas Wasser laufen, so würde sie ihn länger hören können. Die Versuchung war beinahe unwiderstehlich, ihm zu sagen, er solle kommen. Er solle einfach zu ihr kommen, und vielleicht würde er sie vor den Trommeln beschützen können.

«Du könntest versuchen, mir mehr zu sagen, mir erklären, was ich falsch gemacht habe…» Richi klang jetzt gleichzeitig weinerlich und wütend. Er war eigentlich nicht nachtragend. Aber sie verstand, er hatte ihre Ausreden satt. «Es ist wegen der Trommeln», sagte sie.

«Wegen was?»

«Wegen der Trommeln», wiederholte Sara. Es war nicht wegen der Trommeln. Vielleicht war es auch wegen der Trommeln. Aber nur ein bisschen. Sie hatte vor einer Woche dem psychologischen Notdienst angerufen. Wegen der Trommeln. Da war ihr klargeworden, es war nicht wegen der Trommeln. Die liessen sie nicht schlafen. Waren eine Folter, als sei das ganze Jahr Fasnacht. Ein nie endender Marsch. Als sei ein Krieg ausgebrochen, der nicht aufhörte. Aber ihr war klar geworden, Krieg war wie Armut oder eine Seuche, es ging vorbei. Irgendwie. Wenn du überlebst, dann war es gut. Wenn nicht, kannst du es nicht ändern.

«Du trommelst und kannst mich deswegen nicht sehen? Du hast dir Trommeln gekauft, die du mehr liebst als mich, oder was?»

«Nein, nein, ich höre immer Trommeln, so bald es dunkel wird und ich kann nicht schlafen.. ich kann nie schlafen, weil es so laut ist. Ich drehe fast durch.»

Sara wusste, eigentlich hätte sie durchdrehen müssen. Jeder drehte durch, wenn er gefoltert wurde, wenn er nicht schlief, jeder drehte durch, wenn Dinge geschahen, die er nicht wollte.

Bei Sara war es anders. Da waren Zweifel. Sie hasste die Trommeln. Sie hasste die Dunkelheit, sie hatte die Dunkelheit immer gehasst. Und nun. Nun war sie die Dunkelheit. Aber das konnte sie ihm nicht sagen.

Das Klingeln an der Tür vermochte sie jetzt nicht mehr zu hören. Die Wände in ihrem Bad schienen etwas näher zu kommen. Ganz dem brachialen Rhythmus untergeordnet, blähten sie sich, so unwahrscheinlich es war, ihr entgegen, die Wände vibrierten auf sie zu. Im Schloss ihrer Wohnungstür drehte der Schlüssel. Sie konnte nicht hören, wie ihre Mutter «Sara, Sara! Bist du da?» rief.

«Du weißt, ich liebe sicher nicht irgendwelchen Trommeln mehr als dich…», flüsterte sie, weil es um sie herum so laut geworden war.

«Du musst lauter sprechen, ich kann dich nicht mehr richtig hören.»

Unterdessen hatte ihre Mutter die Handtasche auf das Sideboard in der Küche gestellt, wie sie es immer tat. Wahrscheinlich sah sie sich jetzt nach Pflanzen um, die nicht da waren, die ihre Mutter, weil sie eben ihre Mutter war, wässern wollte. Oder zumindest hätte sie kontrollieren wollen, ob die Pflanzen über die optimale Feuchtigkeit verfügten.

Unterdessen würde sie den Kopf geschüttelt haben, darüber dass einige Tassen in der Spüle standen. Noch immer würde sie «Sara, Sara» rufen und beunruhigt anfangen, sie zu suchen.

Das telefonieren schien keinen Sinn mehr zu machen. Obwohl, sie hörte ihn eigentlich gar nicht schlecht. «Sag’ doch was, ich mache mir Sorgen.» Aber sie konnte nicht mehr. Das Rauschen und das Trommeln gingen ihr auf die Nerven. Sie musste aus dem Bad raus. Sie war früh aufgestanden. Hatte den psychiatrischen Notdienst angerufen. Alles, alles, hätte sie gegeben, damit die Trommelei aufhörte.

«Abnormes Phänomen», hatte der Mann am anderen Ende der Leitung gesagt. «Entspannung» und es gebe Medikamente. Das «Abnorme» hatte es schliesslich ausgelöst. In dieser Nacht hatte sie gewartet. Sie hatte gewartet, bis die Trommeln am lautesten waren. Dann hatte sie sich angezogen und war losgezogen. Nach drei, vier Tagen wusste sie, sie war an einer Grenze angelangt. Sie ertrug es schlicht nicht mehr. Es fiel ihr sehr schwer zu beantworten, was in diesen Nächten geschah. Aber wahrscheinlich konnte niemand, der gefoltert wurde, beschreiben, was geschah, wenn der Körper alle Chemie ausschüttete, die er hatte und nichts half.

In der ersten Nacht hatte sie getrunken. Sie hatte getrunken und sich geprügelt. Das war nicht schlecht gewesen. Sie hatte getrunken, sich geprügelt. Sie hatte geblutet. Aber sie war ruhig geworden. In der zweiten Nacht hatte sie etwas Ecstasy besorgt. Dann war sie mit irgendeinem Arschloch mitgegangen. Sie war mitgegangen und sie hatte geblutet. Die Erinnerung war ihr zu wider gewesen. Aber es war eine notwendige Erinnerung. Auch wenn sie nicht begründen konnte warum.

In der dritten Nacht war sie zu Hause geblieben. Sie musste sich an ihren Wänden festhalten, um durch den Gang zu kommen. Sie spürte jetzt, dass jemand in der Wohnung war, aber es dauerte einen Moment, bis sie wusste, es war entweder ihre Mutter oder ihre Schwester. Kein guter Moment, sie sah jetzt fast gar nichts mehr, und was sie sah, schwankte oder erschien verschwommen. Irgendwo musste ihre Mutter sein. Es war unerträglich. Aber je unerträglicher es werden würde, umso besser würde es dann draussen sein. In der Nacht.

«Was hast du? Was ist los mit dir?» Sara hatte keine Ahnung, wie sie aussah. Aber es konnte nicht so toll sein. Das Gesicht ihrer Mutter war entsetzt.

Erinnerungen, zwingende Erinnerungen. Die Mutter versuchte, geschäftig zu wirken, sich zu entschliessen. Sie lag keuchend auf den Knien, sie kam nicht hoch. Das Blut, die widerlichen Dinge, die sie getan hatte. «Wir sind nicht im Krieg, es geht schon, lass mich allein», stöhnte sie. Ihre Mutter sah sie entsetzt an.

Draussen waren Trommeln gewesen. Sie war noch klein gewesen. Sie wohnten in einem Häuschen in der Altstadt. Ihre Mutter mochte die Fasnacht nicht. Die Maskierten. Den Lärm. Ihre Mutter hatte nicht gemocht, dass ihr Vater soff. All die Dinge, die sie dem Notdienst nicht sagen konnte. Die Wände, ihre Mutter hatte sich an die Wände gestützt. Die Maskierten waren wieder weg gewesen.

In Panik suchte die ältere Frau das Telefon. Sie hatte fast keine Luft mehr, Sara kam einfach nicht hoch und ihr Körper bereitete ihr höllische Schmerzen. Sie wünschte sich, sie hätte ohnmächtig werden können. Ein ewiger Marsch, ein Marsch, der nie aufhörte, genauso, wie der Schmerz. Ihre Mutter verschwand in der Dusche, einen Augenblick lang glaubte sie, sie könne sich zusammenreissen.

«Wissen Sie, wissen Sie, ich glaube, eine Glocke hat die Zeit geschlagen, damals es war morgen. Die Kotze meiner Mutter lag noch immer auf dem Teppich.» Sie erinnerte sich noch daran, dass die Sanitäter extrem langsam und freundlich auf sie zugekommen waren. An die Spritze erinnerte sie sich nicht mehr.

Sie blickte in den Garten. «Meine Mutter wollte nicht darüber reden.» Sara wollte auch nicht darüber reden. Aber sie wollte auch nicht, dass die Trommeln zurückkamen. Es gab nur so viel Schmerz, den man ertragen konnte, nur so viel Schmerz, den man mit neuem Schmerz zudecken konnte.

«Lassen sie sich Zeit. Sie sprechen von Masken, wie sahen die Masken aus?»

«Die sehen alle gleich aus, die sehen heute noch so aus.» Das war ungerecht, sie erinnerte sich genau, wie stolz ihr Vater auf die seine gewesen war. Er meinte, die Larven sahen anders aus.

«Larve, Larve», wiederholte ihr Psychologe aus Deutschland. Eigentlich hatte sie sich eine Psychologin gewünscht, aber er war ganz in Ordnung. Ob sie wisse, was Larve bedeutete.

«Wie lange bin ich jetzt schon hier», fragte sie und sah erneut auf den extrem geordneten Garten. Saubere Beete, das hätte ihrer Mutter gefallen.

«Eine Larve verwandelt sich, sie ist ein Urzustand …»

«Das ist doch nur ein Wort, Mann!», regte sie sich über die Haarspalterei auf.

«Ja, schon», stimmte er ihr sanft und bedeutungsvoll zu: «Aber da versteckt sich vielleicht etwas dahinter, was ihr Verhalten erklären konnte.»

Maskierte Männer, mehrere maskierte Männer damals in ihrem Häuschen in der Innenstadt. Und sie war sich sicher, ihr Vater war einer davon. Plötzlich waren sie dagewesen. Und sie hatten nicht aufgehört. Bis ihre Mutter … Bis …

Sie flüsterte es nochmals, als würde es helfen: «Es ist doch nur ein Wort, Mann.»

Es war fast nicht möglich, doch er sagte, sagte noch sanfter, noch bedeutungsvoller: «Nur, weil sie glauben, die Trommeln und ihre Wut, nur weil sie glauben, ihr Schmerz sei vergeblich gewesen, weil er ihrer Mutter den Schmerz nicht nehmen kann, nur darum dürfen sie nicht glauben, dass sie nicht …»

Alles ordentlich gepflanzt, die Terrasse in beruhigenden Farben. Die Stimmen meist gedämpft. Es hatte viele Blumen, aber hier flog nichts mehr. Nichts entpuppte sich mehr. Aber sie hatte keine Lust mehr, das laut zu sagen.

(Bild: Drums in the Night von Bertolt Brecht: courtesy of UCLA)

 

 

 

 

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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