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Thync or die! Lucy in the Sky or Digital High?

Schnee, weich und wolkig. Ich reibe meine Arme auf den Kristallen, lasse Engelsflügel sprießen, bis sich die Kälte durch meine Haut bohrt, Sonne in meine Poren scheint und eine weiße Hand mich wegzieht in einen Wagen, einen roten Opel B-Kadett, auf den Rücksitz, auf dem ich hypnotisiert von den Scheinwerfern zurückgebeamt werde zum Geländer, zu ihm, der mir eine Kirsche auf die Zunge legt, eine Cocktailkirsche, Gin Tonic in den Mund träufelt, bis sich das Metallgeländer in zwei phosphoreszierende Gewehre verwandelt.

Bang! Das war Yellow Sunshine, vielleicht auch der Tigerkopf!

2016. Mondphasen-Jesus-Christ-Stellaris-Zeit. Ein kalifornisches Start-up verspricht uns die futuristische Variante der California-Dreaming-Bewusstseinserweiterung: Thync! Ein magisches Dreieck aus Silicon Valley, dessen Name an Think, Synergy, Link und nicht zu vergessen Corporation Inc. erinnert. Allein das Branding lässt uns Bewohner des Good Old Europe zusammenzucken: Will da jemand unserem Leib, unserer Seele zu dicht auf die Pelle rücken oder womöglich unserer Freiheit den Garaus machen?

Um den technophoben Europäern einen möglichst großen Marktanteil abzuluchsen, setzen die Kalifornier auf die Pleasure-Karte und zücken den Order and Law-Trumpf. Das sogenannte Wearable, tragbare Technologie, wird an der Schläfe angebracht und soll durch Stromstöße Reizungen erzeugen, die unser Bewusstsein positiv beeinflussen. Seit Langem behandelt die Schulmedizin Depressionen mit Tiefenhirnstimulation und implantierten Elektroden. Es ist die organisch-biologistische Therapiealternative zu Psychopharmaka, die Shutter Island und Lobotomie längst hinter sich gelassen hat. Neu ist die Heimversion, die Tragbarkeit und Alltagstauglichkeit garantiert.

Der Modus „focussed“ soll für höhere Konzentration sorgen, „calm“ für wohlige Entspannung. Das klingt zunächst nach einer Mischung aus Koks und Valium, entspringt jedoch ganz und gar nicht einem hedonistischen Hirn, das Hippie 3.0 aus der Taufe heben möchte. Thync ist vielmehr die konsequente Fortsetzung der gnadenlosen Körpervermessung mit dem Ziel der totalen Funktionsfähigkeit in einer Gesellschaft, die Outlaws und Aus-dem-Ruder-Laufen als persönliches Versagen und Attacke gegen unser Perfektion anstrebenden Gesellschaftssystem wertet. Wen das Thync-Triangulum an Borgs, an die kybernetisch aufgewerteten Bioorganismen aus Star Trek gemahnt, wird mit einem mitleidig-höhnischen Lächeln bedacht. Kritik wird als Psychose, als Wahnvorstellung abgetan: Oh, my Gosh! Die kalifornische Mutterdrohne besitzt das kollektive Bewusstsein und schickt ihre Arbeitsdrohnen hinaus zum Jagen und Sammeln. Als Dank lockt das ewige Leben (ein Teil von dir lebt weiter im Hive-Bewusstsein! Du bist unsterblich! I give a shit on hundreds of virgins!). Sei so frei und gönn dir deine Optimierung! Es ist doch ohnehin nur die Hypervernetzung, die Assimilation, die du tagtäglich in deinen Social Media-Accounts betreibst!

Positiv ins Feld geführt werden könnte natürlich, dass Thync von Stanford-MIT-Eliten permanent weiterentwickelt wird (Bah! Ouai!). Okay, got it! Von der Hand zu weisen lässt sich jedoch nicht, dass Thync eine technische Variante unserer Psychopharmaka ist. Das ist ein provokatives Statement, lässt sich jedoch stützen durch die Tatsache, dass Elondril, Xanax & Co. immer mehr zur Bewältigung des Alltags verordnet werden und Psychosen und Neurosen eine Begriffserweiterung erfahren haben, die entweder auf die erhöhte Zahl an Therapeuten oder eine nahezu grenzenlose Ausdehnung der psychischen Störungen zurückzuführen ist. In Frankreich ist es nahezu unmöglich, einen Concours für die Elite-Unis ohne Uppers und Downers zu bestehen. Thync mausert sich vielleicht zur Meth-Alternative für gestresste Hausfrauen und Mütter, weiht das kolumbianische Kartell dem Untergang…

Eines ist es sicherlich jedoch nicht: Ein digital High! High-Sein, Fliegen, Abdriften ist das Gegenteil von körperlich-geistiger Optimierung! Es erweitert unseren Horizont, kickt uns in eine Welt, die uns „better worlds“ erahnen lässt, an Utopien glauben lässt! Verändern müssen wir unser Leben schon selbst! Dem System einen Kick in the Ass zu verpassen ist unser höchstpersönliches Vergnügen, unsere verdammte Pflicht oder auch nicht!

Im Visier der Californaliens stehen natürlich auch Frauen. Durch Elektrostimulierung soll die weibliche Libido endlich einmal auf ein vernünftiges Maß adjustiert werden. Denn selbstverständlich gehen die Forscher davon aus, dass weibliche Unlust ein Massenphänomen ist (O.k., no personal information, hier jetzt aber doch: Freu mich auf einen Quickie um 12.30 Uhr! Fuck you!) und auskuriert werden muss. Mit Thync werden wir endlich von diesem lästigen prämenstruellen Syndrom befreit und unsere unerträgliche Geilheit während des Eisprungs wird auf ein männerverträgliches Maß heruntergeschraubt. As you like!

Ich, yours truly, heule jedoch lieber den Mond an und vögle moonstruck in dunklen Wäldern als focussed und calm mit einem ONS die Deregulierung meiner hochsensiblen Libido zu riskieren!

 

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Autor: Theresa S Grunwald

Ekstatische Verzückung, Devotion, deutsche Romantik – Theresa S. Grunwald, das Pseudonym dient als sprachliche Verhüllung, lebt nicht nur in einer pornographischen, von einem leisen Hauch Katholizismus durchwehten Welt. Der Durchbruch ins Animalische gelingt nicht immer, Hölderlins Liebe greift sie manchmal hart am Schopfe. Masken sind aber durchaus ein probates Hilfsmittel, um extreme Widersprüche, Sex und Liebe ist nur einer davon, in Genuss umzuwandeln.

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